Vor einigen Wochen schilderte ich in dieser
Kolumne meine Eindrücke aus einem Vorposten der Gentrifizierung in Berlin-Moabit. Die Rede ist von der alten Arminius-Markthalle, die vor einigen Monaten von der Zunft AG mit dem Ziel übernommen worden ist, „dass sich das Bürgertum die Halle und letztendlich den Kiez zurückerobert“, wie mir ein Mitarbeiter erläuterte. Warum man deswegen als interessierter Betrachter des Weinangebots in der Halle wie ein potenzieller Ladendieb behandelt wird, mochte mir seinerzeit nicht so recht einleuchten.
Ein bisschen Entwarnung kann gegeben werden, wenigstens in dieser Hinsicht. Mein Rundgang durch das immer noch überdurchschnittlich gute, wenn auch mittlerweile drastisch verkleinerte Weinangebot verlief ohne Belästigung. Mein Hinweis, dass ich mich in Ruhe umgucken wolle, wurde diesmal akzeptiert, und ich erstand auch eine interessante Flasche, einen St.Laurent vom Weingut Spiess.
Ein kurze Körperdrehung um 180 Grad weckte jedoch erneut Zweifel am Konzept der „neuen Bürgerlichkeit“. Denn dort residiert eine auf edel getrimmte Boulettenbraterei namens „burgerlich“, natürlich mit allen szenetypischen Insignien: Bio-Brötchen für die Hamburger, Neuland-Fleisch für den Bratklops, Öko-Brause und diverse „Veggie-Burger“ im Angebot. Wer's mag - warum nicht.
Eklig wird es allerdings, wenn derartige Botschafter des von den Betreibern angestrebten „Wertewandels in der Zunfthalle“ ein „Burger-Wettessen“ veranstalten. Konkret sah das so aus: Etliche Hallenbesucher verschiedenen Alters, nicht wenige von ihnen deutlich übergewichtig, warteten auf einer Bank auf die Gelegenheit, sich binnen 15 Minuten so viele Burger wie möglich reinstopfen zu dürfen, dem „Sieger“ winkte ein Pokal und ein Gutschein. Für Kinder betrug das Startgeld für diese Völlerei nur 3 Euro. Günstig, günstig, denn drei schaffe fast jeder, erläuterte mit ein Mitarbeiter. Bei fünf trenne sich dann die Spreu vom Weizen. Gewonnen hat den Völlerei-Contest laut facebook eine „Babette“ aus Moabit, zu den Teilnehmern gehörte auch der örtliche CDU-Kandidat für das Abgeordnetenhaus. So werden Fehlernährung und Adipositas zum politisch-kulturellen Event.
Wie heißt es so schön in der Selbstdarstellung der Zunft AG? „Es werden Plätze benötigt, an denen eine direkte Kommunikation zum Wertewandel stattfinden kann“. Die kreativen Köpfe in der Markthalle werden da bestimmt noch viele Ideen entwickeln. Wie wär's mit einem Wettsaufen in der halleneigenen Hausbrauerei. Oder ein Wettrauchen am Kiosk? Der neue Fischladen könnte mit einer lustigen Innereien-Schlacht die Herzen der Hallenbewohner erobern. Die „neue Bürgerlichkeit“ hat schließlich viele Gesichter.
Nicht verschwiegen werden soll, dass der von mir in der Halle erstandene Saint Laurent C Linie trocken 2009 vom Bechtheimer
Weingut Spiess gut ist. Nicht einmal die Begleitumstände seines Einkaufs konnten den positiven Eindruck trüben, den dieser fruchtig-samtige Gaumenschmeichler bei mir hinterließ.
Der Autor Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als Politikredakteur und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (
Mondo Verlag Heidelberg) 14,95 Euro
Das Weinangebot im Manufakturenkaufhaus der Zunft[werk] GmbH ist aktuell größer, als jemals zuvor > Es kamen Weingüter dazu und die Zahl der Weine hat sich signifikant erhöht.
Aber möglicherweise hat der erfolgte Umbau der Weinregale den Blick getrübt.
Und es sei dem Autor auch ins Posesiealbum geschrieben, dass Aktionen der einzelnen Händler/Standbetreiber nichts mit der Zunft AG als Initiator der Halle oder der Zunft[orte] AG als Vermieter zu tun haben.
Ohne jedes Zutun entscheiden die Handler/Standbetreiber in der Halle völlig unabhängig, was sie an Aktionen im Rahmen der Legalität organisieren.
Aber das passt sicher nicht in den hübschen Blogbeitrag und zerstört die Intentionen dahinter ...
Übrigens - die Weine von Spiess sind durchgängig sehr gut. Und die Kunden der Weinabteilung begrüßen sehr nachdrücklich die excellent gute + ehrliche Beratung. Wer das nicht möchte, sagt das einfach und gut isses. Falls man nicht gerade notorischer Nörgler ist.
Aber nun zum wesentlichen Punkt. Finden Sie es nicht etwas schwächlich, sich als Betreiber der Halle, der noch dazu eine bestimmte Kommunikations- und Konsumphilosophie verbreitet, dahinter zu verstecken, dass die einzelnen Händler alles tun dürfen, was sie möchten, solange es nur "legal" ist. Natürlich ist ein Burger-Wettessen "legal". Damen-Schlammcatchen und Zwergenwerfen sind auch "legal", Verpanschen von Wein übrigens auch. Ich bleibe dabei: In einer Gesellschaft, in der Fehlernährung zu den wichtigsten Ursachen von Volkskranheiten wie Diabetes und vorzeitigem Gelenkverschleiß zählt, sollte in einem Ort vermeintlich gehobener Konsum- und Genusskultur kein Platz für ziemlich eklige Völlerei-Events sein. Und erzählen Sie mir bitte nicht, dass es nicht möglich wäre, derartige Absonderlichkeiten vertraglich auszuschließen.
Rainer Balcerowiak
Ihr Text stellt das Phänomen der Markthalle sehr einseitig dar.
Den neuen Burgerstand "burgerlich" und seinen Betreiber finde ich einfach nur *super*. Er passt bei Veranstaltungen seine Öffnungszeiten an, er versorgt uns mit leckeren Bio-Burgern und Bio-Pommes und hatte auch gestern beim Kirchstraßenfest einen prima Stand.
Und er verbreitet die Idee von Bio-Essen in Kreisen, die sonst damit vielleicht weniger in Berührung kommen, da ist das "Burger-Wettessen" für mich nur eine lustige PR-Aktion bei der sich die Teilnehmer wohl kaum Adipositas holen. Zur Veränderung von Ernährungsgewohnheiten helfen natürlich auch keine Bio-Burger und Bionade. Da muss man ganz woanders ansetzen.