Meine Zählung ergab ca. 5000 Teilnehmerinnen und wenn man dazuzählt, was vorzeitig ging und später dazukam, dann sind insgesamt 6000 Teilnehmer realistisch. Von offizieller Seite wurden 1000 Leute genannt, später 2500, das sind garantiert zu niedrige Zahlen. Aber abgesehen davon - die Stimmung war ausgezeichnet, eine Mischung aus berechtigter Wut, Selbstbewußtsein und Gelassenheit. Irgendwie reif.
Mich hat die "Show" der schwarz vermummten Leute, die vom Dach eines Eckhauses am Hermannplatz dieses riesige Plakat entrollten, ziemlich beeindruckt. "Hohe Mieten sind so gar nicht Punk Rock". Der Effekt, den die Leute erzielten, indem sie von ganz oben winkten, mit irgendwelchen Leuchtkörpern in den Händen, war echt stark. Erinnerte natürlich sehr stark an alte Zeiten, wo Leute Häuser noch besetzten, wo also auch reale Effekte erzielt wurden. Dazu gab es später noch punkige Songs aus Lautsprecherwagen - ich bekam Gänsehaut. Eigentlich bin ich für sowas zu alt, und eigentlich auch zu etabliert...
Ansonsten herrschte gute Stimmung, viele selbstgemachte Schilder und Transparente, gute Fokussierung der Thematik, würde ich sagen. Dazu paßte auch die deutliche Distanzierung von den Parteien. Ich nehme an, dass die 6000 im großen und ganzen die Leute mit ihrem Gefolge sind, die rund um die kleinen Initiativen herum engangiert sind. Mehr haben wir nicht. Und der große Rest der von den Mietsteigerungen Betroffenen läßt sich nicht von der Hollywoodschaukel im Garten herunterlocken, auf der man bei gutem Wetter sitzt und privatisiert. So ist das heutzutage. Von wegen macht kaputt was euch kaputt macht!
Aber das scheint die Aktivisten nicht zu stören.
Noch ein Wort zur Distanz zu den etablierten Parteien. Im Vorfeld wurde stellenweise kritisiert, dass die Mietenstopp-Bewegung nicht deutlicher politische Forderungen artikuliert. Stattdessen wurde betont, dass man sich als außerparlamentarische Bewegung versteht und dass Parteienvertreter auf der Demo ausdrücklich unerwünscht seien.
Ich finde, das kann man machen. Denn was soll man fordern von den Politikern? Was gäbe es zu fordern, was eh nicht jeder wüßte? Und zwar, wie ausgesprochen schädlich die Entwicklung der Wohnungssituation für Berlin insgesamt ist. Wenn Berlin zu einer Stadt wird, wo die Bürger nicht mehr zur Miete wohnen können, wo und in Grenzen auch wie sie wollen, sondern wo ihnen das vom Diktat des Geldes vorgeschrieben wird, dann hört Berlin auf Berlin zu sein. Die bekannten Stadtpolitiker wissen das ganz genau und unternehmen nichts, was in ihrer Macht stünde, um gegenzusteuern.
Vielleicht entwickeln sich da ganz neue Ansätze. Die erkennt man manchmal erst später. Weniger fordern, weniger rebellieren. Es selber in die Hand nehmen, was machen. Vielleicht in ganz kleinen Schritten, die nichts Spektakuläres haben, und die von Parteien und anderen etablierten Organisationen, die manchmal Bürgernähe suchen um sie gefräßig zu vereinnahmen, nicht mehr faßbar sind. Und stattdessen der Politik zu sagen, macht euren freudlosen Scheiß doch weiter. Dagegen kann man übrigens auch nicht mehr anwählen.
Vielleicht finden das viele inzwischen auch einfach entwürdigend, jahrelang zu fordern, und zwar von Rot-Rot (!), ohne jemals was zu erreichen. Dann eben nicht! Ich wünschte mir jedenfalls, dass dahinter eine sich neu entwickelnde politische Haltung sichtbar wird. Eine Haltung selbstbewußter Bürger.
Auf dem Nachhauseweg fuhr ich an der Kampa der "Die PARTEI" vorbei, auf der Adrmiralbrücke lehnte Sonneborn am Geländer - ja, die wähl ich, dachte ich und radelte dahin.
Nachtrag: verglichen mit den Teilnehmerzahlen der Proteste in Israel hätten in Berlin gestern 5 Millionen protestieren müssen. Habe ich gerade in heute (ZDF) gehört. Nur so nebenbei - denke sich dazu bitte jeder was er will.
In den Medien wurde auch nichts berichtet, die sparen so was ja auch gerne aus.
Ich hoffe, es hat dennoch was genützt, das die Parteien es wenigstens eingreifen. Irgendwie fühlt man sich hilflos, ich jedenfalls.
Danke für den tollen Bericht.
Ich habe vor wenigen Wochen eine Single-Wohnung in bester Kreuzberg-Kiezlage bezogen. Als frischer Nachmieter mit gutem Einkommen - man hätte mir das Geld aus der Tasche ziehen können. Stattdessen zahl ich die selbe Warmmiete wie mein Vormieter, der seinen Mietvertrag vor 7 Jahren unterschrieben hat, knapp 330 Euro. Ich seh das Mietenerhöhungsthema daher eher als klassisches linkes Schreckgespenst, welches mit der Realität mal wieder nur wenig bis garnix zu tun hat.
Wärst Du ein Hartz IV Empfänger oder ein kleiner Rentner, hättest Du die Wohnung vielleicht gar nicht bekommen.
Diese idiotischen Einzelfälle haben nichts mit der Situation ansich zu tun. Auch in NRW haben wir die Probleme, nur das man hier eben kein Hauptstadtflair für besser gestellte projezieren will.
Luise hat völlig recht mit Ihrem Posting an Dich.
Vor sich hin murkseln und dann still und heimlich wieder von der Politik okkupiert zu werden ?
Wie so oft ?
Es ist doch klar das sich nichts ändern wird, ohne harten Widerstand, der wird nicht kommen, armes Deutschland. Wir in Niedersachsen sind schon seit über 20 Jahren von allen Politikern verarscht worden. Geht doch mal hin zu euren Linken und der SPD, rebelliert direkt bei ihnen, denn sie folgen nicht eurem Auftrag ! Oder habt ihr sie für diese Politik gewählt ? - wohl eher nicht.
das is ganz schlimmes und, wie luise schon sagt, durchsichtiges geschwätz.
wenn du ein mieter mit "gutem einkommen" bist, was berechtigt dich dann, über dieses thema zu sprechen? oder sind rentner, hartz4 empfänger und menschen die trotz harter arbeit eben kein "gutes einkommen" haben, keine menschen? wenn du sagst, das thema sei ein "klassisches linkes schreckgespenst" und für "menschen nicht von belang", dann muss ich diesen schluß wohl ziehen.
dazu passt dann wohl der spruch "was meinen sie als unbeteiligter zum thema intelligenz?"
Ich finde es wichtig und richtig das du da warst, wäre gerne an eurer Seite gewesen.
Hier in der Provinz ist game over
Mein Kumpel leistet Widerstand in Mehrum ( 5000 Einwohner max.) z. Zt.
Gegen Hühnermastanlagen und Naturzerstörung, rate mal wieviel Parteien er bei der Kommunalwahl wählen kann ? Eine einzige ! Die SPD ! Wie geil !
Alles liebe für euch !
Liebe Grüße
Immer weiter machen, wie wir hier :-)