Ein wunderschöner Herbsttag in Berlin, so dass man schon mit good vibrations am Alex ankommt, wo sich um 13 Uhr die occupy-Bewegung trifft. Und dann ist man gespannt, wen man da antrifft. Man weiß es ja nicht genau, wer da zusammenkommt. Wer ist occupy?
Das ist schon mal was ganz Neues. Wenn man bisher in Berlin auf eine Demo ging, wußte man immer ziemlich genau, wen man da begegnen würde: Altbekannten, die immer auf eine Demo gehen, oder einschlägig Organisierten, die auch immer auf eine Demo gehen. Dazu kommen noch die in Sachen Mieten Engangierten, die dann auf die Mieterdemo gehen, oder die Antiatom-Engagierten, die eben auf die Antiatomdemo gehen. Was sonst. Aber diesmal?
Ich traf heute von allem etwas. Junge Neu-Demonstrierer sozusagen, solche, die sich zur occupy-Bewegung zählen. Aber auch die vom alten Personal. Und da fangen dann schon die Schwierigkeiten an: wer darf eigentlich aufrufen und mitgehen? Mit oder ohne Wimpel, Fahnen und Plakate? Aufrufen ja, aber Flagge zeigen nein ... naja, ich weiß nicht.
Die occupy-wall-street-Bewegung ist nach Europa herübergeschwappt und ich denke, sie wird sich hier modifizieren. Am liebsten wäre es mir, wenn sich die verschiedenen Strömungen, die sich gegen die Folgen der Krise stemmen, vernetzen würden. In Frieden und ohne sich zu dominieren. Ob das funktionieren kann? Wenn ich mir die politischen Organisationen in Berlin so ansehe: Platzhirsch bleibt Platzhirsch! Aber occupy mag keine Hirsche. Ich würge meine Zweifel ab und mobilisiere meinen Optimismus...
Konsens ist wohl, dass wir es mit einer Krise des Kapitalismus zu tun haben. Einer systemischen Krise. Und wer wünscht sich schon, dass der Kapitalismus wieder für eine Weile wie geschmiert funktioniert - die Superreichen, Banker und ihre "geschmierten" Politiker vielleicht. Die 99 Prozent wünschen sich was anderes. Mehr Demokratie und Transparenz. Mehr Gerechtigkeit. Mehr Rücksicht auf die natürliche Umwelt. Bedingungen, die ein gutes Leben für alle ermöglichen. Ein Leben in sozialer Sicherheit.
Es müßte möglich sein, die vielen unterschiedlichen Menschen und Gruppen, die sich über den Raubtierkapitalismus empören und sich gegen seine Folgen, mitsamt seinen Krisen wehren, zu vernetzen. Das ist unsere Aufgabe. Springen wir über unsere Schatten!