Oh nein, Franz Josef Degenhardt ist nicht tot, er ist lediglich gestorben. Man ist nur tot wenn man vergessen ist, aber Väterchen Franz ist alles andere als vergessen, er ist aktueller denn je. Seine politischen Lieder und Texte sind treffend wie eh und je und es wird mit jedem Tag wichtiger sich mit ihm zu beschäftigen und von ihm zu lernen.
Ihn und mich trennen 25 Jahre und verbinden trotzdem sehr viele gemeinsame oder doch zumindest ähnliche Erfahrungen und Erkenntnisse. Ich empfand ihn immer als guten Lehrer. Er trampelte keine Denkpfade breit auf denen man dann bequem folgen konnte, sondern legte Spuren, wie bei einer Schnitzeljagd. Man musste mitempfinden um ihm folgen zu können. Fühlen und denken in Übereinstimmung bringen. Zumindest sich selbst gegenüber ehrlich sein. Degenhardt war niemals leichte Kost, auch wenn man seinen Melodien und Texten oberflächlich betrachtet leicht folgen konnte. Unter der Oberfläche verbarg sich immer der Haken, der meist mit den Wurm der Selbstüberheblichkeit beködert war und zack, ehe man sich versah, hatte man einmal zu oft genickt und sich am Haken verfangen.
Degenhardt woilte nie, dass man sich mit seinen Liedern über die anderen erhebt. Wenn man wie bei dem Lied eines alten Sozialdemokraten gerade kräftig mit der Sozialdemokratie aufräumen wollte, musste man doch feststellen, wie viel von einem selbst in diesem Sozialdemokraten war. Der Haken saß. Noch schlimmer traf es mich bei seinem Lied "Am Spion", bei dem es darum geht, wie man sich gegenüber an Aids erkrankten Freunden verhält, wie tief man aus Angst in der eigenen Feigheit versinkt und sich niemals vergeben kann.
Er hielt mir den Spiegel vor und ich denke und weiß, das anderen ebenso ging. Natürlich war er ein Revolutionär, aber einer der von den Revolutionären verlangte mit der Revolution bei sich selbst anzufangen. Degenhardt lehrt mich Demut. Ähnliches empfand ich nur, als ich Heinrich Heine las und verstand. Obwohl Rosa Luxemburg in ihren Briefen oft ähnliche Saiten bei mir zum klingen brachte. Nein, das wird kein Nachruf auf Franz Josef Degenhardt. Dafür bin ich auch nicht sonderlich geeignet, ich bin persönlich berührt.
Oh nein, nicht der Tod ist das Problem. Der steht uns allen bevor und wie Joanne K. Rowling Prof. Dumbedore in Harry Potter und der Stein der Weisen feststellen lässt, ist der Tod für den gut vorbereiteten Geist, ja nur das nächste große Abenteuer. Nein, nicht die Hoffnung auf irgendeinen Gott oder gar ein ewiges Leben, einfach nur das, was niemals stirbt. Die Neugierde.
Im übrigen hat Väterchen Franz in seiner fröhlichen Art sich selbst den besten Nachruf geschrieben:
„Die Vergangenheit ist niemals tot.
Sie ist nicht mal vergangen.“
(William Faulkner 1951)[1]
(1) Jetzt, nachdem FJD 79jährig starb, wurde er das „singende, scharfzüngige Megafon der ‘68er-Bewegung“ (der westen) genannt. Ich erinnere noch - Sommer 1966 - als der Korntrinker schon sein Kleinkunstpublikum hatte, immer noch in der SPD (zeitweilig SPD-Stadtrat) war und Uniassistent für Europarecht (Dr.jur. 1966). Später, 1981, FJD wohnte damals in Quickborn, gabs mal im Hamburger Univiertel eine öffentliche Diskussion mit Werner Mittenzwei, der sich in der damaligen DDR dafür engagierte, daß dort die drei Peter-Weiss-Bände DIE ÄSTHETIK DES WIDERSTANDS ungekürzt erschienen (was auch geschah). Auch FJD fragte öffentlich und später in der Kneipe beharrlich nach…
(2) Aber nicht deshalb diese Erinnerung. Sondern: es gibt, FJDs „Vatis Argumente“ betreffend, eine Rezeptionsgeschichte, genauer: ein Rezeptions“mißverständnis“. Als das 68er-Lied zuerst im WDR lief und so endete
„lieber Rudi Dutschke
würde vati sagen
ich mach ihnen einen vorschlag
sie kommen zu mir
in meinen betrieb
personalabteilung
und in einem jahr
in einem jahr
sind sie mein assistent meine rechte hand
und dann
steht ihnen alles offen
na
bin mal gespannt
was er dann sagen wird
euer Rudi Dutschke
meint vati
aber das andere ist ja bequemer
alles kaputtschlagen
würde vati sagen
bloß nicht
ÄRMEL AUFKREMPELN ZUPACKEN AUFBAU'N“ -
sollen im WDR zustimmende Telefonanrufe mit dem Tenor „endlich hat´s mal jemand den Radikalinskis gegeben“ eingegangen sein. So daß sich FJD entschloß, der Schallplattenversion diesen Nachsatz beizufügen, um jeder rechten Zustimmung vorzubeugen:
„also wenn vati loslegt
dann fragt man sich immer
was ist der bloß immer so wütend
hat er gemerkt
daß ihn keiner mehr
ernst nimmt“[2]
(3) Und ich erinnere auch, daß zur ideologischen „Begründung“ eines realvollzogenen Berufsverbots im damals SPD-alleinregierten Nordrhein-Westfalen 1977 ein sich kritisch auf FJD´s Roman „Zündschnüre“ beziehender Zeitungsleserbrief der aus dem öffentlichen Dienst entfernten Studienrätin z.A. vorgehalten wurde …
„Die Vergangenheit ist niemals tot.
Sie ist nicht mal vergangen.“
(William Faulkner 1951)[1]
(1) Jetzt, nachdem FJD 79jährig starb, wurde er das „singende, scharfzüngige Megafon der ‘68er-Bewegung“ (der westen) genannt. Ich erinnere noch - Sommer 1966 - als der Korntrinker schon sein Kleinkunstpublikum hatte, immer noch in der SPD (zeitweilig SPD-Stadtrat) war und Uniassistent für Europarecht (Dr.jur. 1966). Später, 1981, FJD wohnte damals in Quickborn, gabs mal im Hamburger Univiertel eine öffentliche Diskussion mit Werner Mittenzwei, der sich in der damaligen DDR dafür engagierte, daß dort die drei Peter-Weiss-Bände DIE ÄSTHETIK DES WIDERSTANDS ungekürzt erschienen (was auch geschah). Auch FJD fragte öffentlich und später in der Kneipe beharrlich nach…
(2) Aber nicht deshalb diese Erinnerung. Sondern: es gibt, FJDs „Vatis Argumente“ betreffend, eine Rezeptionsgeschichte, genauer: ein Rezeptions“mißverständnis“. Als das 68er-Lied zuerst im WDR lief und so endete
„lieber Rudi Dutschke
würde vati sagen
ich mach ihnen einen vorschlag
sie kommen zu mir
in meinen betrieb
personalabteilung
und in einem jahr
in einem jahr
sind sie mein assistent meine rechte hand
und dann
steht ihnen alles offen
na
bin mal gespannt
was er dann sagen wird
euer Rudi Dutschke
meint vati
aber das andere ist ja bequemer
alles kaputtschlagen
würde vati sagen
bloß nicht
ÄRMEL AUFKREMPELN ZUPACKEN AUFBAU'N“ -
sollen im WDR zustimmende Telefonanrufe mit dem Tenor „endlich hat´s mal jemand den Radikalinskis gegeben“ eingegangen sein. So daß sich FJD entschloß, der Schallplattenversion diesen Nachsatz beizufügen, um jeder rechten Zustimmung vorzubeugen:
„also wenn vati loslegt
dann fragt man sich immer
was ist der bloß immer so wütend
hat er gemerkt
daß ihn keiner mehr
ernst nimmt“[2]
(3) Und ich erinnere auch, daß zur ideologischen „Begründung“ eines realvollzogenen Berufsverbots im damals SPD-alleinregierten Nordrhein-Westfalen 1977 ein sich kritisch auf FJD´s Roman „Zündschnüre“ beziehender Zeitungsleserbrief der aus dem öffentlichen Dienst entfernten Studienrätin z.A. vorgehalten wurde …
[1] http://www.duckhome.de/tb/archives/8829-DIE-VERGANGENHEIT-IST-NIEMALS-TOT.html
[2] http://www.youtube.com/watch?v=JfmJZ76kRwc
http://www.youtube.com/watch?v=O6C2t6GtNDI
Dr. Richard Albrecht
15. 11. 2011
http://KulturBruch.net
Freundlich,
Trevor