Die Mission als Botschafter des guten (Wein)Geschmacks ist ein harter und steiniger Weg. Natürlich spürt man eine gewisse Befriedigung, wenn es z.B. gelingt, einige anscheinend vollkommen beratungsresistente Ossis irgendwann dann doch noch aus der Geschmackshölle der Rotkäppchen-Kellerei in das Paradies deutscher Winzersekte geführt zu haben.
Aber manchmal gibt es eben auch herbe Rückschläge, wie aktuell bei meinem Kollegen K. Der konnte in monatelanger geduldiger Überzeugungsarbeit u.a. dazu gebracht werden, Soßen nicht mehr aus der Tüte zu fabrizieren und größere Fleischstücke zu schmoren, statt sie einfach stundenlang zu zerkochen. Voller Stolz präsentierte er eines Tages sogar selbstgemachte Ziegenkäsepasten, nachdem er sich mindestens 20 Jahre hauptsächlich von Schmelzkäseecken und Scheibletten ernährt hatte.
Auch beim Wein gab es erkennbar Fortschritte. K. war mittlerweile nicht nur in der Lage, den qualitativen Unterschied zwischen einschlägiger Tetrapack-Ware und soliden Qualitätsweinabfüllungen zu erkennen, sondern auch bereit, sein Konsumverhalten entsprechend umzustellen. Stets stand ich ihm auf seinem Weg helfend und beratend zur Seite, vermittelte Grundkenntnisse der Speisenzubereitung, empfahl Weine oder belieferte ihn sogar.
Doch es hat alles nichts genutzt; K. ist und bleibt ein Geschmacksprimat. Neulich erbot er sich für einen kranken Kollegen, der wegen eines Fahrradunfalls einige Wochen zu Hause bleiben muss, ein kleines Leckereien-Paket zu kaufen. Zu dem sollte neben anständigem Käse, gutem Olivenöl und edler Schokolade natürlich auch eine vernünftige Flasche Rotwein gehören. Und da der Einkauf in der Metro stattfinden sollte, sollte es der wirklich hervorragende 2008er Schwarzriesling trocken vom Weingut Graf Neipperg sein, den es dort wochenlang für erstaunliche sechs Euro gab.
Leider war dieser Wein ausverkauft. Und was macht K:? Er läßt sich von einem Verkäufer einen „Trollinger mit Lemberger“ aufschwatzen. Eine Flüssigkeit also, die außerhalb Schwabens definitiv als nicht verkehrsfähig gilt und vor der ich des öfteren eindringlich gewarnt hatte. „Trollinger mit Lemberger“ ist der untaugliche Versuch, eine in der Regel dünne, wässrige und leicht süßliche Rebsorte (Trollinger) mit einer durchaus ernstzunehmenden Varietät etwas aufzuhübschen. Funktioniert aber nicht und ist eigentlich pure Verschwendung von Lemberger. Das wissen natürlich auch die Winzer und benutzen daher in der Regel für die TL-Cuvée den schlechtesten Lemberger, den sie haben.
K. hätte es wissen oder wenigstens ahnen müssen. Nach monatelanger Genussberatung und -schulung ist ein derartiger Lapsus jedenfalls nicht tolerabel und erfordert Sanktionen. K. wird ab sofort von der Belieferung mit gutem Wein ausgeschlossen und erhält auch keinerlei Kochtipps mehr. Er muss zunächst beweisen, dass er es ernst meint mit seinem Weg zum Genießer. Ohnehin hat K. das große Glück gehabt, dass der „beschenkte“ Kollege ebenfalls ein Geschmacksprimat ist und den „Trollinger mit Lemberger“ vermutlich schmerzfrei in sich reingießen wird. Denn ein etwas geschmackssensiblerer Kollege hätte nach einem derartigen „Geschenk“ sofort eine Mobbinganzeige auf den Weg gebracht.
Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als Politikredakteur und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (
Mondo Verlag Heidelberg) 14,95 Euro.
Ferner schreibt er regelmäßig Beiträge bei
Captain Cork.