< Demografie- Lügen mit der Statistik und kein Ende | Altersarmut für Selbstständige und Freiberufler >
BERLINER SOLDATESKAMORDE 1919
Die Berliner Soldateskamorde 1919.
Zur politikhistorischen Erinnerungskultur in Ganzdeutschland.
Zugleich linksintellektuelle Kritik rechtssozialdemokratischer Hausgeschichtsschreibung[0]
Richard Albrecht
I.
Das vor gut fünfunddreißig Jahren[1] kritisierte "Haupt der Bielefelder Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ (Eric J. Hobsbawm), Herr Professor Wehler, polemisierte 2009 im Interview bei Deutschlandradio Kultur gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht anläßlich des 90. Jahrestag von deren Ermordung am 15. Januar 1919. Wehler unterstrich seine auch als allgemeine politische Apologie verstehbare, den politischen Mord als solchen und den bald folgenden am Rosa-Luxemburg-Freund und KPD-Funktionär Leo Jogiches rechtfertigenden Staatsmord so - ich zitiere (wie üblich genau und mit Quelle/Fundstelle):
„Wer den Bürgerkrieg entfesselt, lebt immer im Angesicht des Todes"[2]

II
Die erste deutsche bürgerliche "Weimarer" Republik beruhte politisch auf dem Doppelmord des 15. Januar 1919 an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der am 13. Januar 1919 festgenommene, geflüchtete und dann illegale KPD-Funktionär Leo Jogiches (Jan Tyszka) versuchte, den Landwehrkanalmord vom 15. Januar 1919 aufzuklären und die Behauptungen, Rosa Luxemburg wäre "von der Volksmenge umgebracht" ebenso als Propagandalüge zu entlarven wie die Behauptung, Karl Liebnecht wäre gleichentags "auf der Flucht erschossen" worden. In seinem Aufklärungsbericht, erschienen in der Berliner Ausgabe des KPD-Zentralorgans "Rote Fahne" am 12. Februar 1919, nannte Leo Jogiches auch Namen der Mörder[3]. (Später nannte Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) seinen Mördermajor Waldemar Pabst einen "bewährten Offizier".)
Leo Jogiches wurde am 9. März 1919 festgenommen und am nächsten Tag, dem 10. März 1919, im Untersuchungsgefängnis Moabit von der Noske-Pabst-Soldateska ermordet. Auch er war als kommunistischer Revolutionär ein "Toter auf Urlaub" (Eugen Leviné).
III.
Wolf(gang) Abendroth schrieb zur politischen Verantwortlichkeit damaliger SPD-Spitzenfunktionäre in der „Deutschen Volkszeitung“ 1979:
„Am 13. Januar 1919 hat - nie darf es vergessen werden - Artur Zickler im „Vorwärts“, damals der wichtigsten Tageszeitung jener Mehrheitssozialdemokraten, die sich ihrer während des Krieges mit Hilfe der kaiserlichen Regierung und ihrer Behörden bemächtigt hatten, geschrieben:
„Vielhundert Tote in einer Reih - Proletarier! Karl, Rosa, Radek und Kumpanei - es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! Proletarier!“
Die Freikorps, von einem „Rat der Volksbeauftragten“ und ihrem militärischen Verantwortlichen Gustav Noske herbeigerufen, um die Berliner Arbeiter „zur Ordnung“ zu bringen, haben diesen Wink in der Weise verstanden, wie es zu erwarten war. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet […]
Darf die deutsche und die internationale Arbeiterklasse, darf irgend einer, der für den Sozialismus oder - ohne auch die volle innere Verbindung zwischen sozialistischen Umgestaltung und diesen Zielen selbst zu erkennen und anzuerkennen – für Demokratie und Humanität eintritt, diesen Tag jemals aus dem Gedächtnis verlieren?“[4]
IV.
Aus aktuellem Anlaß folgt hier als Denkanregung ein Hinweis zum meines Erachtens politikhistorisch vernachlässigten Spitzelwesen im bürgerlichen Deutschland und seiner realkarrieristischen Wirksamkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts:
Der letzte reichsdeutsche Kanzler (und zugleich der erste mit „Migrationshintergrund“) begann seine politische Karriere um die Zeit der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches 1919 als Reichswehrspitzel in München unter Major Mayr. Hitler hatte seitdem eine Vorliebe für das, was auch heute noch ´verdeckte´ Operation genannt wird[5]. Das wurde besonders deutlich in Inhalt und Form der konspirativen Planung (der ursprüngliche Termin war 26. August 1939) und Durchführung des militärischen Angriffs auf Polen (am 1. September 1939[6]).
[0] Richard Albrecht, DIE WAHRHEITSLÜGE oder ganzdeutsche Talmihistoriker; in: ders. (Hg.), FLASCHEN POST. Beiträge zur reflexivhistorischen Sozialforschung. Bad Münstereifel: VerKaaT, 2011: 26-24 -> http://gegen-den-strom.org - kostenfreie Netzversionen http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Die_WahrheitsLuege.pdf; erweiterte Fassungen http://www.duckhome.de/tb/archives/8826-DIE-WAHRHEITSLUEGE.html; http://www.saarbreaker.com/2011/02/die-wahrheitslge/
[1] Richard Albrecht, Anmerkungen zur Konzeption der ´modernen deutschen Sozialgeschichte´; in: Marxistische Blätter, 1/1975: 62-67
[2] http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/904356/ „Hans-Ulrich Wehler zum Mord an Luxemburg und Liebknecht“
[3] Der Mord an Liebknecht und Luxemburg. Die Tat und die Täter; Die Rote Fahne, Nr. 28, Mittwoch 12. Februar 1919: 1; wichtige weiterführende Literatur: Sebastian Haffner, Der Verrat [1968], Berlin: Verlag 1900, 1994², 208 p.; Klaus Gietinger, Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L., Berlin: Verlag 1900, 1995, 190 p., hier besonders 164-187: Sieben Gründe, Rosa Luxemburg zu ermorden; ders., Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Hamburg: Nautilus, 2008, 190 p.; ders., Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg: Nautilus, 2009, 539 p.; dazu auch meine ausführliche Buchbesprechung: Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG), 10 (2009) 1: 180-184
[4] Wiederveröffentlicht im Anhang von Richard Albrecht, „...denkt immer an den ´mittleren Funktionär´“... Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985); Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (iwk), 4/2004, 465-487 [erweiterte kostenfreie Netzversion http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/109653.html]
[5] Marlis Steinert, Hitler. Paris: Fayard, 1991, 710 p., hier 103-113; Manfred Koch-Hillebrecht, Hitler. Ein Sohn des Krieges. Fronterlebnis und Weltbild. München: Herbig, 2003, 368 p., hier 205
[6] Richard Albrecht, Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Aachen: Shaker [= Allgemeine Rechtswissenschaft], drei Bände; hier Band 3: Hitlergeheimrede, 2007, 104 p. -> http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=160809 © Autor (2012)
[Ein technischer Hinweis: Wenn Sie mittels Ihres Browser diesen Text als pdf herunterladen, soll(t)en alle Links funktionieren.]
Richard Albrecht ist unabhängiger Sozialforscher & freier Autor in Bad Münstereifel und veröffentlicht seit Oktober 2010 regelmäßig unregelmäßig in diesem Blog -> duckhome-Beiträge -> JustizKritik -> "Feminismus" -> Grundkurs Soziologie -> flaschenpost. - Der Autor publizierte in den letzten Jahren vor allem in wissenschaftlichen Zeitschriften wie soziologie heute (sh), Zeitschrift für Politik (ZfP) und Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG). - Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE (2008, wiss.); HELDENTOD (2011, lit.); FLASCHEN POST (Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors -> eingreifendes-denken; Kontakt zum Autor -> eingreifendes.denken@gmx.net (c) Richard Albrecht (2012)
Tags für diesen Artikel: ""auf der flucht erschossen", hitler, karl liebknecht, kpd, landwehrkanal, leo jogiches, noske, pabst, rosa luxemburg, verdeckte operation, wehlers mordapologie, ²ra
Artikel mit ähnlichen Themen:
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks


















