Die christlichen Kirchen zeichnen für einige der monströsesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verantwortlich. Aber auch für bahnbrechende Beiträge zur kulturellen Entwicklung. So wäre der Fortschritt des Weinbaus ohne die zahlreichen Klostergüter in Europa sicherlich anders verlaufen. Zwar hatte Wein in den christlichen Gemeinschaften in erster Linie rituelle Bedeutung, doch viele Mönche entwickelten durchaus den Wunsch, was Anständiges zu trinken.
Klosterweingüter verfügen, sofern sie noch eigenständig wirtschaften, oft über alte Anlagen, die manchmal gar mit
wurzelechten Reben und sehr oft mit
autochthonen Sorten bestockt sind. „Biologisch“ wurde dort schon angebaut, als dieses Label noch nicht zum modischen Kampfbegriff mutiert war. Defizite gab es dagegen oft bei der Weinbereitung. Doch längst hat die Weinwirtschaft diese Kleinode für sich entdeckt.
So ist es einer Kellerei auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki einige Kilometer südlich von Thessaloniki gelungen, einen Deal mit den orthodoxen Mönchen vom Heiligen Berg Athos abzuschließen. Die leben in einem recht skurrilen selbstverwalteten Gemeinwesen, das insgesamt 20 Klöster umfasst. Die Einreisebestimmungen für die Mönchsrepublik sind äußerst streng. Frauen ist der Zugang generell verwehrt, was selbst weibliche Tiere betrifft. Die einzigen offiziell zugelassenen weiblichen Wesen auf dem Heiligen Berg sind Hühner, weil einige Mönche frisches Eigelb für die Ikonenmalerei benötigen. Wie die Geschlechtertrennung bei Insekten und Wildtieren durchgesetzt wird, war leider nicht in Erfahrung zu bringen.
Doch wer mit derlei archaisch-reaktionären Bräuchen nichts am Hut hat, aber gerne interessante bis unverwechselbare Weine trinkt, sollte den heiligen Berg auf seinem baccantischen Globus markieren. Denn mit der roten Sorte
Limnio, die bereits 700 v. Chr. erwähnt wurde, pflegen die Mönche einen waren Schatz, der in dem für griechische Verhältnisse recht kühlen Klima von Athos beste Bedingungen findet. Zwar gilt diese Sorte allgemein als arg rustikal und ist mit manchmal schriller Säure und kaum zu bändigenden Gewürznoten ausgestattet, aber als Cuvéepartner sind derartige Bauerntölpel – ordnungsgemäße Behandlung vorausgesetzt - bestens geeignet.
Das demonstriert eindrucksvoll der Agathon 2007. Die Nase überrumpelt der Biowein zunächst mit einer heftigen Salbai-Attacke, die der dezenten Cassisnote des Cuvéepartners Cabernet Sauvignon zunächst kaum Platz lässt. Der erste Schluck kurz nach dem Öffnen beschert dem Trinkenden zudem einen kräftigen Gerbstoffschock. Der Wein braucht offenbar eine große Prise Luft und 18 Grad Celsius sollte er auch haben. Wenn er das alles bekommen hat, kann es losgehen. Zu Salbei und Lorbeer gesellen sich zunächst reife Kirschen, allerlei dunkle Früchte und ein wenig grüner Pfeffer. So langsam kommt dann auch das Holz, schließlich wurden dem Wein acht Monate in französischen Barriques gegönnt.
Wer aufgrund leidvoller Erfahrungen mit griechischen Holzmonstern eigentlich einen Bogen um Weine aus diesem Land machen wollte, sollte sich diesen Tropfen nicht entgehen lassen, denn in diesem Keller ist ein Könner am Werk. Auch deswegen verwöhnt einen der Agathon noch mit einem langen, sahnigen Finale, mit praller Frucht, prächtigem Süße-Säurespiel und ohne nervig-dominante Röstnoten.
Natürlich kann man dazu auch was essen, auch wegen der heftigen 14,8 Prozent Alkohol. Doch nichts spricht dafür, diesen schönen Tropfen mit den schrecklichen, öltriefenden Standardprodukten der griechischen Küche zu entehren. So richtig heimisch fühlt sich der Wein allerdings mit einem unspektakulären Schafsfeta und Kalamata-Oliven
Den Agathon VdPays Mount Athos 2007 gibt es für 9,25 Euro bei
ProBiowein.
Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als Politikredakteur und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (
Mondo Verlag Heidelberg) 14,95 Euro.
Ferner schreibt er regelmäßig Beiträge bei
Captain Cork.
14,8 Prozent Alkohol im "schönen Tropfen" Weines wie Agathon VdPays Mount Athos 2007 kann ich durchaus vertragen - mir aber 9,25 € pro Flasche nicht leisten.
Bespreche ansonsten ja oft Weine, die um die 5 Euro kosten.