99 % Schuldner, 1 % Gläubiger. Diese Kategorien sind es, die unser aller Leben maßgebend bestimmen. Staaten, Geschichte, Kultur, Demokratie, Souveränitäten, Bürgerrechte und weitere Feinheiten sind nur noch von untergeordneter Bedeutung.
Auf dem langwierigen und kleinteiligen Weg, eine europäische Identität zu entwickeln, Frieden zu bewahren, Freundschaft mit den Nachbarn zu pflegen und möglichst fairen Handel zu treiben und diese Verhältnisse zu kultivieren, findet jetzt der entscheidende Schritt statt. Die Mühen von gestern sind obsolet geworden. Wir haben jetzt unser Bindeglied gefunden: es sind die gemeinsamen Schulden. Auch wenn wir an den alten Themen weiterbasteln wollen, die gemeinsamen Schulden und ihre Konsequenzen werden alles in den Schatten stellen.
Die 1 % Gläubiger haben uns das beschert. Sie haben ihre Methoden im Laufe der Zeit "verfeinert". Mußten früher noch Material- (und Menschen)schlachten gewonnen werden, so macht man heute "Geschäfte" mit Finanzprodukten. Maschmeyer war da mit seinen Drückerkolonnen noch Holzkategorie. Immerhin mußte er noch massenweise Leute dazu bringen, ihren Verwandten und Freunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Für diese unschöne Tätigkeit ließ sich der "Finanzoptimierer" dann stattliche Provisionen bezahlen. Mindestens das Vierfache von dem, was ein normaler Versicherungsvertreter bekommt. Schönes Geld zwar, aber doch recht aufwendig verdient.
Das geht inzwischen eleganter. Die 1 % machen das jetzt auf der staatlichen Ebene. Da agieren ihre großen Organisationen, die Banken, die Börsen und die Ratingagenturen. Und ihre Verhandlungspartner sind unsere Regierungen. Das worüber sie verhandeln ist die Bereitschaft von uns 99 % Geld rausrücken, das sich in "Schulden" verwandelt hat. Die 1 % Gläubiger wollen sicheren Zugriff haben. Und das lassen sie sich von den Regierungen organisieren. Wir merken uns: wir haben kein Geld mehr, wir haben nur noch Schulden.
Und wir? Einige von uns 99 % kapieren das noch nicht ganz. Teils deswegen, weil sie sie selber Vermögen haben. Noch. Manchmal selbst Verdientes, meist aber ist es Ererbtes. Vielleicht investieren sie es in sichere Anlagen wie Gold, Sachwerte und Aktien von Zukunftsbranchen und vergessen dabei, dass man ihnen ihr schönes Geld jederzeit abknöpfen kann. Die Maschmeyers sterben nämlich niemals aus. (Und ebenso wenig die Leute, die ihnen glauben). Schuldner sind sie jedenfalls genauso wie die Habenichtse. Schuldner sind alle Staatsbürger durch ihre Rechte und Pflichten. Nur die 1 % stehen darüber.
Solange diese nicht unerhebliche Anzahl von Leuten noch denkt, sie gehören dazu (zu den 1 %) werden sie die Füße stillhalten. Das ist der alte Trick. Er funktioniert bis das Investment in den Wald wieder "verflüssigt" werden soll und sich herausstellt, ob ihnen jemand den Baum abkauft und für welchen Preis. Aber egal, bis dahin vergeht ja noch Zeit. Einstweilen lädt der Croupier am Roulette-Tisch weiterhin ein zum "Faites vos jeux".
Und ich hatte ernsthaft gedacht, Europa sei eine Region der schönen Landschaften, der höchsten Kulturleistungen, der mühevollst und leidenschaftlich erstrittenen politischen Grundsätze, inklusive bitterer und ganz schlimmer Fehler und ihrer Korrekturen. Ich dachte, was zählt sind über Jahrhunderte und Generationen erschaffenen Werte. Und nun? Scheiß auf die alten Griechen, das römische Weltreich, hau weg Michelangelo und da Vinci, und ebenso Luther, Münzer und Bach? Und Shakespeare? Nichts zählt mehr, auch nicht die Abrechnung mit autoritären Erziehungsstilen im Zuge der 68er-Rebellion? Oder die Emanzipation der Frau? Das Anprangern von Rassismus, das Einüben von Toleranz? Der Schutz der natürlichen Umwelt?
Europa sollte sich neu definieren. Die 99 % sollten es tun. Die 99 % sind mehr als eine Vereinigung von Schuldnern.
PS: Die großen europäischen Entdecker und Erfinder wollte ich doch noch erwähnt haben. Und explizit die Protagonisten der industriellen Revolution mitsamt der Arbeiterbewegung und Karl Marx natürlich. Der Vergleich mit diesen offenbart die Impotenz derer die heute das Sagen haben. Impotente Nichtsnutze sind das nämlich, die nur ihre Skrupellosigkeit auszeichnet, anderen ihr Geld wegzunehmen.
Im Gegenzug könnten aber schon 10% oder weniger mit etwas Mut, Herz, Verstand und entschiedenen Handlungen all das erreichen, was die restlichen 89% auf ewig verschlafen werden. Die große Masse ist trügerisch und wo sie mehr oder weniger nichts tut, ausser zu schlafen, für die Dynamik der Veränderung auch unwichtig - eben Mitläufer im Guten wie im Schlechten. Diese Dynamik entsteht dabei nicht durch die virtuelle Idee einer virtuell möglichen Gemeinschaft, das ist alles nur konstruierter Gedankenquark. In einer Zeit des Zusammenbruchs werden tatsächliche Veränderungen wieder durch Blut, Schweiß und Tränen tatsächlicher Menschen erbracht werden müssen, welche zueinander leibhaftige Beziehungen unterhalten. Dies sind dabei oft nur sehr sehr wenige und keiner von denen wird dann die Notwendigkeit fühlen auf irgendwelche 99% zu warten. Da wird einfach mit den Menschen interagiert, die einem über den Weg laufen. Der Rest kann ja vielleicht am Fernseher zuschauen, wenn er vom Hunger denn nicht aus der Wohnung getrieben wird.