ARBEITSWERT
Die Arbeitswertlehre
von Karl Marx (1818-1883)
Die klassische Arbeitswerttheorie, wonach ein Produkt aufgrund der in ihm vergegenständlichten Arbeit "einen Wert hat", war zu Marx' Lebzeiten die herrschende Auffassung der politischen Ökonomie. Marx kritisiert an dieser Arbeitswertlehre, dass die schlichte Bestimmung eines Produktenwerts durch Arbeit letztlich oberflächlich bleibe:
„Die politische Ökonomie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen, Wert und Wertgröße analysiert und den in diesen Formen versteckten Inhalt entdeckt. Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt?“[1]
Für Marx ist es keineswegs selbstverständlich, dass sich die Arbeit im Wert einer Ware darstellt. Vielmehr kritisiert er die bürgerlichen Ökonomen, weil Formeln wie "Arbeitswert" "ihrem bürgerlichen Bewußtsein für selbstverständliche Naturnotwendigkeit" gelten [Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 95].
Marx ging es nicht darum, die klassische Arbeitswerttheorie zu verbessern, um den Arbeitswert zu "beweisen" - ein wissenschaftlicher Beweis der Arbeitswerttheorie ist ihm zufolge nicht möglich:
„Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständiger Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft.“[2]
Stattdessen ging es Marx um die Fragen, warum überhaupt die ökonomische Kategorie "Wert" existiert, wie sich dieser Wert konstituiert, und warum bei kapitalistischer Produktionsweise "Arbeit" wertbildend ist. In seinen ökonomischen Schriften "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie", "Zur Kritik der politischen Ökonomie" und "Das Kapital" zeigt Marx auf, wie in dialektischer Weise einerseits diese Fragen nicht beantwortet werden können, ohne das Wesen des Werts zu klären, während andererseits das Wesen des Werts sich erst aus den Antworten auf die gestellten Fragen ergibt.
Marx' Antworten stehen teilweise in direktem Widerspruch zur klassischen Arbeitswertlehre, so dass seine Arbeitswertlehre eine eigenständige Theorie darstellt:
1. Der Wert der Produkte wird nicht durch die wirklich für sie aufgewandte Arbeit bestimmt, sondern durch das Maß "abstrakter Arbeit", als deren Vergegenständlichung sie gelten. Abstrakte Arbeit kann gedanklich als Teil der gesellschaftlich erforderlichen Gesamtarbeit aller Individuen betrachtet werden.
2. Da "abstrakte Arbeit" nur eine theoretische Kategorie ist, aber kein Produzent tatsächlich abstrakte Arbeit leistet, ist der darauf gegründete (Arbeits-)Wert auch selbst ein bloßes Gedankending. Im Gegensatz zu den Vertretern der klassischen Arbeitswertlehre ist der Wert nach Marx deshalb keine den Produkten tatsächlich zukommende Eigenschaft, sondern lediglich der Ausdruck eines Verhältnisses:
„Ein Arbeitsprodukt, für sich isoliert betrachtet, ist also nicht Werth, so wenig wie es Waare ist. Es wird nur Werth, in seiner Einheit mit andrem Arbeitsprodukt, oder in dem Verhältniß, worin die verschiedenen Arbeitsprodukte, als Krystalle derselben Einheit, der menschlichen Arbeit, einander gleichgesetzt sind.“[3]
Im "Kapital" vergleicht Marx den Wert mit dem Wechselkurs: ebensowenig, wie z.B. eine Euro-Münze die Eigenschaft hat, einen Wechselkurs zu "haben", sondern dieser nur ein Tauschverhältnis zwischen mehreren Währungen ausdrückt, hat ein Produkt an sich keinen "Wert", egal wieviel Arbeit darauf verwandt wurde.
Demgemäß beschreibt Marx die Wertgegenständlichkeit der Waren als "phantasmagorische Form" (Das Kapital, MEW 23,86) oder bloß "gespenstige Gegenständlichkeit" (a.a.O. S. 52). Das erwähnte Verhältnis ist das Verhältnis einer Ware zu einer anderen Ware, mit der sie ausgetauscht wird, bzw. allgemein gesprochen das Verhälnis einer Ware zu einer bestimmten Menge Geld, gegen das sie getauscht wird. Der Wert wird erst im Austausch der Waren konstituiert.
3. Daraus folgt, dass die ökonomische Kategorie "Wert" nur in einer Gesellschaftsform Geltung hat, in welcher Waren zwischen den isolierten Produzenten ausgetauscht werden - im Gegensatz zu einer von vornherein unmittelbar gemeinschaftlichen Produktion und Verteilung der Güter. Dieser so ermittelte Wert hat deshalb nach Marx keine überhistorische Geltung für alle Gesellschaftsepochen, sondern lediglich für warenproduzierende und warentauschende Gesellschaften. Da vollständiger Warentausch nur dort stattfindet, wo auch die Arbeitskraft selber zur Ware geworden ist, letzteres aber gerade das Wesensmerkmal des Kapitalismus ist, hat die Wertberechnung nur für kapitalistische Gesellschaften allgemeine Geltung.
„Diese Wertberechnung selbst hat also zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der gesellschaftlichen Produktionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also historisches verhältnis“.[4]
4. Die ökonomische Kategorie "Wert" löst in einer kapitalistischen Ökonomie das Zentrale Allokationsproblem, also das Problem, wie die gesellschaftlich vorhandene Gesamtarbeit auf die verschiedenen Produktionssphären verteilt wird.
„Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte gelend macht, ist eben der Tauschwert der Produkte.“[5]
5. Wesentlicher Bestandteil der Marx'schen Wertlehre ist seine Analyse der Wertform. Da der Wert durch den Tausch von Waren konstituiert wird, erscheint er zwangsläufig als Tauschwert. Als solcher kann er aber nicht an dem einzelnen Produkt selber erscheinen. Seine einfachste Form nimmt der Tauschwert in einer Gleichung wie z.B. "1 Rock = 20 Ellen Leinwand" an. Marx kristiert, dass diese Gleichung von seinen Vorgängern ausschließlich quantitativ betrachtet wurde, nämlich als Aussage " ein Rock ist genau so viel wert wie 20 Ellen Leinwand", was nichts anderes besagt als dass beide Warenmengen als Verausgabung der gleichen Menge abstrakter Arbeit gelten. Demgegenüber habe die genannte Gleichung auch eine qualitative Aussage, indem sie etwas über den Wert des Rocks aussage: "1 Rock ist 20 Ellen Leinwand wert". "Leinwand" wird dadurch zur Existenzform des im Rock enthaltenen Tauschwerts, der sich dadurch als etwas Selbständiges, außerhalb des Rockes Stehendes darstellt. Die Besonderheit liegt darin, dass sich der abstrakte Tauschwert des Rocks im konkreten Gebrauchswertb der Leinwand ausdrückt. Dies bedeutet aber auch, dass sich die im Rock enthaltene abstrakte Arbeit als konkrete Arbeit "Leinweberei" darstellt. Die Gleichung lautet nun: Im Rockwert enthaltene abstrakte Arbeit = Leinweberarbeit. Wenn sich Leinwand nicht nur gegen Rock, sondern auch gegen alle anderen Produkte eintauscht, kann man umgekehrt bei jedem Produkt fragen: "Wie viel Leinwand ist dieses Produkt wert?" Eine Ware, die sich wie im Beispiel die Leinwand gegen alle anderen Produkte austauschen lässt, ist allgemeines Aquivalent. Leinweberarbeit wird zur allgemein gültigen Erscheinungsform abstrakter Arbeit.
„Anders sobald die Leinwand allgemeines Aequivalent wird. Dieser Gebrauchswert in seiner besondren Bestimmtheit, wodurch er Leinwand im Unterschied zu allen anderen Warenarten, Kaffee, Eisen usw., wird jetzt die allgemeine Werthform aller anderen Waren und das allgemeines Aequivalent. Die in ihm dargestellte besondre nützliche Arbeitsart gilt daher jetzt als allgemeine Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit, als allgemeine Arbeit.“[6]
Abstrakte Arbeit ist somit einerseits die Grundlage der Wertgegenständlichkeit, andererseits lässt sie sich erst vollständig aus der Wertform herleiten. Historisch war es nicht Leinwand, sondern Gold, das diese Funktion übernahm. An den allgemeinen Bestimmungen ändert sich dadurch nichts. Das allgemeine Äquivalent ist gleichbedeutend mit "Geld". Geld ist also logisch auf den Tauschwert zurück zu führen:
„Der von den Waren selbst losgelöste und selbst als eine Ware neben ihnen existierende Tauschwert ist - Geld.“[7]
Marx' Arbeitswertlehre ist daher wesentlich eine Analyse des Geldes. Dieses ist nicht nur, wie die klassische Ökonomie meint, ein "pfiffig ausgedachtes" Mittel, um den Warenaustausch zu vereinfachen, sondern selbständige Existenzform des Wertes und Grundlage aller abstrakten Arbeit.
„Das Produkt wird zur Ware; die Ware wird zum Tauschwert; der Tauschwert der Ware ist ihre immanente Geldeigenschaft; diese ihre Geldeigenschaft löst sich von ihr als Geld los, gewinnt eine allgemeine, von allen besondren Waren und ihrer natürlichen Existenzweise gesonderte soziale Existenz; das Verhältnis des Produkts zu sich als Tauschwert wird sein Verhältnis zu einem neben ihm existierenden Gelde oder aller Produkte zu dem außer ihnen allen existierenden Geld. Wie der wirkliche Austausch der Produkte ihren Tauschwert erzeugt, so erzeugt ihr Tauschwert das Geld.“[8]
6. Aus dem so verstanden "Wert" leiten sich die weiteren Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise ab: Mehrwert, Kapital, Profit, Klassen. Diese Kategorien sind logisch zwingende Folgen der Wert-Rechnung, die nicht aufgehoben werden können, ohne die Wertrechnung selber aufzuheben:
„Es ist ein ebenso frommer wie dummer Wunsch, daß der Tauschwert sich nicht zum Kapital entwickle oder die den Tauschwert produzierende Arbeit zur Lohnarbeit.“[9]
Marx' Arbeitswertlehre ist damit eine grundsätzliche Kritik an einer Gesellschaft, die einer über den "Wert" vermittelten Gesellschaftlichkeit bedarf.
[1] Karl Marx: "Das Kapital", MEW Bd. 23, S. 94
[2] Karl Marx: Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868, MEW 32,552
[3] Karl Marx: MEGA II/6, 31
[4] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42,177
[5] Karl Marx: Brief an Kugelmann v. 11. Juli 1868, MEW 32,552
[6] Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, Erstauflage 1867
[7] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42,80
[8] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42,81
[9] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42,174
Materialgrundlage dieses Beitrags -> http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitswerttheorie.
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