< SCHWINDEL - BUCKETSHOP - FINANZMARKT-KAPITALISMUS | Große Weihnachtsgeschenke für die Versicherungsmafia >
WINTERLESE
"I don't care what they say about me as long as they spell my name right."
(Phineas T. Barnum)
Man(n) muß kein Rezensent sein, um neu erschienene Bücher nach verschiedenen Merkmalen zu sortieren: lang, breit, hoch, schmal, geschwätzig bemüht oder flüssig erzählt, wichtig, richtig, gut riechend, neu, alt, antiquarisch, unaufgeschnitten, benützt mit Gebrauchsspuren, mit Einband oder ohne, Klein- oder Großdruck, gebunden, geheftet, geklebt, Erstauflage, Neuauflage, Reprint, Nachdruck, Raubdruck, hardcover, Taschenbuch, Sonderausgabe, geklaut oder gekauft mit oder ohne Rabatt, bei ALDI, am Kaufhausgrabbel- oder am Anarchobüchertisch, fleckig, mit Eselsohren, mit Anstreichungen, mit Seitenausrissen, mit Fehldrucken, mit Druckfehlern, mit´m €-Schein zwischen den Seiten, nach Preis, Gewicht, Sujet, Geruch, Wetter, Re(li)gion, Tageszeit, Gusto, Schnauze, Stimmung, Laune, BAK-Gehalt, Tagesform oder undsoweiter. Das Gewichtsmerkmal ist freilich nur ein höchstindirektes Textlängenmaß.
Das Hauptkriterium des weiland preußisch-vormärzlichen Zensors war/en die in Bogen ausgedrückte Textlänge selbst (ein Bogen ergab ausgedruckt sechzehn Buchseiten). Und je weniger Druckbögen, desto strenger die Vorzensur. Et vice versa: dem Vorzensor war´s ab einer bestimmen Druckbogenanzahl tendenziell wurschd, was herinnen stand ... Herr Menzel wußte ja: so lange Textriemen lesen eh nur´n paar Eierköppe und wenn dies ´ soll´n sie´s doch …
Ein großflächig-opulenter Bild-Text-Band über Wittenberge im Wandel: Ergebnis eines mit öffentlichen Mitteln geförderten langjährigen Forschungsprojekts des Hamburger Reemtsma-Instituts und von der Anlage (freilich nicht in der [zu] schönen Darstellung) her doppelt anregend: es wird, auch unter Einvernahme von entwicklungsbezogenem „Möglichkeitssinn“ (Robert Musil), etwas Drittes oder Tertium zwischen realsozialistisch-aktiver Mittelstadt bis Mitte der 1980er Jahre und realkapitalisch niedergegangener Schrumpfstadt in den folgenden zwanzig Jahren angesprochen in Form alltagsbezogen-sozialwissenschaftlicher (Foto-)Reportagen „einer fragmentierten Gesellschaft“ am Beispiel Wittenberge (weiland DDR). Das kommt meinem Verständnis von reflexiver empirischer Kultur- und Sozialforschung nahe[1]. Insofern könnte auch wissenschaftlich-genaue Lektüre lohnen.
„Wittenberge steht exemplarisch für einen strukturellen Wandel schrumpfender Städte und gesellschaftlicher Umbrüche; ein Wandel, der weit reichende Konsequenzen hat und deren Folgen nicht abzusehen sind.“ (Klappentext)
Heinz Bude; Thomas Medicus; Andreas Willisch (Hg.), ÜberLeben im Umbruch. Am Beispiel Wittenberge: Ansichten einer fragmentierten Gesellschaft. Hamburg: Hamburger Edition, 2011, 360 p., 115 Abbildungen, geb., € 39,00, ISBN 978-3-86854-233-2
Ganzdeutsche Ganzdickbücher wiegen heute, zu Beginn des zweiten Jahrhundertjahrzehnts, fast schon ein Kilo. So auch die zeitgenössische deutsch-englische Dokumentensammlung ausländischer Diplomaten zum „Dritten Reich“ 1933-1945. Es wiegt 938 Gramm. Und würde, als schlichte Büchersendung eingetütet, 140 € Bundespostporto kosten. Das Buch ist gewiß zeitgeschichtlich nicht unwichtig und auch lesbar, wenngleich nicht der „Königsweg“ zeitgeschichtlicher Anschaulichkeit. Die diplomatischen „fremden, distanzierten Blicke von außen“ wurden als zeitgenössische politische Hinweis schon seit Jahrzehnten von Exilforschern, die diesen Namen verdienen[2], ebenso bedacht wie zeitgenössische Reportagen z.B. aus den politischen Krisen- und Entscheidungsjahren 1930/32.[3]
„In der Zusammenschau dieser »fremden Blicke« entsteht ein Gesamtpanorama von Herrschaft und Gesellschaft im »Dritten Reich«, das sich von den regimeinternen Lageberichten oft signifikant unterscheidet. Die Beiträge dieses Bandes werten diese bisher ungenutzten Quellen zum ersten Mal systematisch aus. Zudem werden die Berichte von zehn unterschiedlichen Ländern auszugsweise in einem ausführlichen Quellenteil dokumentiert: spätere Kriegsgegner des »Dritten Reiches« wie die USA, Großbritannien, Frankreich und Polen, neutrale Staaten wie die Schweiz und Dänemark, Verbündete des NS-Regimes wie Italien und Japan sowie süd- und mittelamerikanische Staaten wie Argentinien und Costa Rica.“ (Klappentext)
Frank Bajohr; Christoph Strupp (Hg.), Fremde Blicke auf das "Dritte Reich". Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933-1945. Göttingen: Wallstein, 2011, 600 p. geb., 42 €, 978-3-8353-0870-1
Das zweite Dickbuch ist eine Wolfgang-Langhoff-Künsterbiographie: diese enttäuscht mich besonders im Kapitel zum „Zirkus Konzentrazani“, weil nach dem Autistenmuster gestrickt: erfindst halt die biographistische Welt neu, was schert´s, was im letzten Jahrhundert relevant geforscht wurde.[4] Wohl interessieren mich sowohl Porträt als kleine und auch als Biographien als große Form/en und Versuche, darzustellen, wie Andere mit ihren Zeitproblemen klarzukommen versuchten. Diese „große Biographie über eine Theater-Ikone“ freilich nicht.
„In ihrer brilliant erzählten Biographie zeichnet Esther Slevogt das bewegende Porträt eines zwischen Kunst und Politik zerrissenen Theaterstars.“ (Klappentext)
Esther Slevogt, Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011, 496 p., geb., 26.99 €, ISBN 978-3-462-04079-1
Das dritte Dickbuch mit der schon titelig erkennbaren Bourdieuanleihe ist noch enttäuschender im Doppelsinn. „Erotisches Kapital“ und „Sexkapital“ als „erotic capital“. Die Mrs. Hakim als „Soziologin“ beschäftigende „London School of Economics“ propagiert als wissenschaftliche Erkenntnis ihre Losung: “Your erotic power can be just as useful as your qualifications”[5] Was Englisch doppelbödig „Honey Money“ heißt und im Untertitel „The Power of Erotic Capital“ wird Deutsch ratgeberpublizistisch zum „Geheimnis erfolgreicher Menschen“. Das wirkt als sozialwissenschaftlicher Ansatz nicht nur doppelt dürftig: vermodet und banalisiert zugleich; sondern ist auch als weitere Entgesellschaftlichung von Gesellschaft und Grundmuster von Negativselektion problematisierbar: Erotisch-sexuelles „Kapital“ von Frauen und ihr praktischer Einsatz bei Männern ist historisch so alt wie die lysistratische Verweigerungsstrategie. Hier freilich geht´s ums strategische Karriereentré nebst Option zum weiblichen „sich-hoch-Schlafen“ bis/um die Dreißig. Da bleibt dann auch jeder kultursoziologische Rückgriff auf die vor hundert Jahren angesprochenen Genzen ´weiblicher Solidarität´[6] draußen vor zugunsten ideologischer Zurichtung fraulich angewandten „Erotikkapitals“ auf den nach wie vor realexistierenden kapitalistischen Erwerbsarbeitsmarkt als dschungelgesetzlichen Handlungsrahmen und Zusammenhang von „room at the top“[7] und „sunny side“ of life. Wie auch immer: sex sells. Und auch das Krotten-Wir wird vernutzt:
“Hakim zeigt einen überraschenden Weg an die Spitze der Gesellschaft und bricht dabei so manches Tabu: Nicht nur Intelligenz bringt uns weiter – wir müssen neu lernen, Sex-Appeal und Schönheit für uns zu nutzen.“ (Klappentext)
Catherine Hakim, Erotisches Kapital. Das Geheimnis erfolgreicher Menschen. Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg. Frankfurt/Main: Campus, 2011, 376 p., geb., 19,99 €, ISBN 978-3-593-39468-8
Harald Welzer ist inzwischen einer der medienbekanntesten ganzdeutschen Sozialpsychologen und als Sozialwissenschaftler so nachhaltiger wie erfolgreicher Minimalist. Dem vielpublizierenden Hobbyhistoriker wurde vor Jahren nachgewiesen, daß er nicht bis drei zählen kann[8]. Seit 2007 wirkt Welzer als Vorstandsmitglied des Kulturwissenschaftlichen Instituts im größten deutschen Bindestrichland NRW.[9] Insofern assoziiere ich und mit Sinnverschiebung auf Tiefstand der „Sonne der Wissenschaft“ das dem Wiener Satiriker Karl Kraus zugeschriebene Dictum: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten“. Welzer ist auch trendy: er veröffentlichte als Mitverfasser kürzlich das hier nicht vorzustellende Dickbuch „Soldaten“[10] mit geheimen Abhörprotokollen aus britischen Gefangenenlagern während des Zweiten Weltkriegs. Welzers zuerst 2003 veröffentlichte Erinnerungstheorie paßte in ein Normalbuch:
„Wie bildet sich eigentlich unser Gedächtnis? Wie arbeitet es, und was genau verarbeitet es? In diesem überaus anregenden Buch werden die neuesten Ergebnisse der Neurowissenschaften mit denen entsprechender Untersuchungen aus der Psychologie und den Kulturwissenschaften zusammengeführt. Eine faszinierende Synthese, die überraschende Einsichten in Form und Inhalte des Sich-Erinnerns bietet.“ (Klappentext: Netzversion)
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München: Beck, 3. Auflage 2011, 259 p., kart., 14.95 €, 978-3-406-57341-5
Ein Musterbeispiel für „parasitäre Publizistik“ ist das als Leo-Kofler-Lesebuch deklarierte PapyRossa-Normalbuch – das bisher erste in diesem Linksverlag überhaupt erschienene Koflerbuch. Und das hat der selbständig denkende und produktiv arbeitende historisch-materialistische Subjektwissenschaftler Leo Kofler (1907-1995) weißmarx nicht verdient. Kaum etwas Wesentliches von, dafür umso mehr Unwesentliches über Kofler einschließlich diverser Spaziergangsphotos von vor etwa vierzig Jahren aus der Kölner Innenstadt. Deshalb wiederhole ich den in anderem Zusammenhang hier und andernorts gegebenen Hinweis auf wichtige wissenschaftliche Texte Leo Koflers zum Zusammenhang von Geschichte und Gesellschaftswissenschaften[11]: Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriß einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie (1944; ²1971); Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (1948; ²1966); Die Gesellschaftsauffassung des Historischen Materialismus; Handbuch der Soziologie 1956: 512-529; Geschichte und Dialektik (1955, ³1973; Neuausgabe 2002); Marxistische Staatstheorie (1970).
„Jede Geschichte der deutschen Linken und ihrer Theoriedebatten bleibt unvollständig, wenn sie nicht auch auf Koflers Arbeiten und seine oft eher verborgenen Einflüsse eingeht.“ (Klappentext)
Uwe Jakomeit; Christoph Jünke; Andreas Zolper (Hg.), Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch. Köln: PapyRossa, 2011, 209 p., kart., 14,90 €, ISBN 978-3-89438-474-6
Am anregendsten für mich die zwischen Broschürendeckel gepreßten (und nur 88 Gramm wiegenden und damit für 0.85 € Bundespostporto versendtbaren) eingedeutschten Thesen der „erschütterten“ französischen Autorengruppe „économistes atterrés“[12] als „empörte Ökonomen“. Das ist im Vergleich etwa mit Gysis hilfloser Finanzmarkt-„Putsch“-These und (leider auch) der Oktobererklärung der „Akademie Solidarische Ökonomie“[13] intellektuell engagiert wie frisches Schwarzbrot mit Griebenschmalz. Umso ärgerlicher das mehr als zwanzig Druckseiten umfassende kropfige Vorwort mit Zweite-Hand-Daten und sekundärem Falschzitat Franklin D. Roosevelts (richtig steht´s hier[14]). Das Vorwort vereindringlicht auch: nicht jeder, der im heutigen Ganzdeutschland ´ne (Fachhochschul-) Professur ergattern konnte, muß „seine“ Variante des links-akademischen Gebrabbls gedruckt sehn.
„Politik im Interesse der Banken und des Finanzkapitals gefährden die Zukunft des europäischen Projekts […] Das ´Manifest empörter Ökonomen´ prangert zehn Fehlbehauptungen der aktuellen Debatte an und unterbreitet 22 Vorschläge für eine alternative Strategie.“ (Klappentext)
Philippe Askenazy et.al., Empörte Ökonomen. Deutsche Übersetzung Gerhard Rinnberger. Einleitung Heinz-J. Bontrup, Bergkamen: pad, 2001, 61 p., geh., 5 €, ISBN 3-88515-237-1
[1] Richard Albrecht, The Utopian Paradigm, in: Communications, 16 (1991) 3: 283-318; gekürzt im Netz udT: Tertium: Ernst Bloch's foundation of the 'UTOPIAN PARADIGM' as a key concept within cultural and social sciences research work” (2005, 19 p. http://www.grin.com/en/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept)
[2] Richard Albrecht, Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933, Frankfurt/Main: Peter Lang, 1988, etwa 117 ff. [Exil-Broschüren 1933/35]; 165 ff. [Deutschlandberichte im „Manchester Guardian“]; 243 ff. [Verfolgung Frank Arnaus]; 265 ff. [Carl Zuckmayer im Exil]; 317 ff. [Wissenschaftler im Exil]; 339 [S.S. Čachotins langandauerndes Exil]
[3] Pierre Viénot, Ungewisses Deutschland. Zur Krise seiner bürgerlichen Kultur. Frankfurt/Main: Societäts-Verlag, 1931, 136 p.; Hubert R. Knickebocker, Deutschland – so oder so? Berlin: Ernst Rowohlt, 1932, 232 p.
[4] Richard Albrecht, Zirkus Konzentrazani – eine Modellanalyse; in: Diskussion Deutsch, 10 (1984) 80: 668-677; auch in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 9 (1984) 1/2: 183-190; online http://www.grin.com/de/e-book/34907/zirkus-konzentrazani-eine-modellanalyse [kostenpflichtig]
[5] http://www2.lse.ac.uk/newsAndMedia/news/archives/2010/03/erotic.aspx
[6] Georg Simmel, Weibliche Kultur [1911]: http://ricalb.files.wordpress.com/2011/07/weibliche-kultur.pdf
[7] John Braine, Room at the Top [1957]. Harmondsworth: Penguin 1961, 235 p.
[8] http://ricalb.files.wordpress.com/2009/10/verwaltungsmassenmord1.pdf
[9] http://www.kwi-nrw.de/home/profil-hwelzer.html
[10] Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt/Main: S. Fischer, 528 p.
[11] http://duckhome.de/tb/archives/8972-ZWISCHENWELTEN-UND-UEBERGANGSZEITEN.html
[12] Philippe Askenazy et.al., Manifeste d'économistes attérés (2010)
http://www.assoeconomiepolitique.org/?article140&lang=fr
[13] clara. Hg. Linksfraktion im Deutschen Bundestag, 22/2011: 11; letzterschienener Rundbrief der AG SPAK 2011
[14] http://duckhome.de/tb/archives/9712-GELD-MOB.html
[Technischer Hinweis: Wenn Sie mittels Ihres Browser diesen Text als pdf herunterladen, soll(t)en alle Links funktionieren.]
(In einer weiteren Folge soll es bewußt um "alte" Bücher gehen, genauer: um zwischen 1951 und 1985 in Buchform veröffentlichte "philosophische" Texte von Nicolai Hartmann, Ernst Bloch, Klaus Heinrich und Georg Lukács. [ra])
Richard Albrecht ist unabhängiger Sozialforscher & freier Autor in Bad Münstereifel und veröffentlicht seit Oktober 2010 regelmäßig unregelmäßig in diesem Blog -> duckhome-Beiträge -> JustizKritik -> "Feminismus" -> Grundkurs Soziologie -> flaschenpost. - Der Autor publizierte in den letzten Jahren vor allem in wissenschaftlichen Zeitschriften wie soziologie heute (sh), Zeitschrift für Politik (ZfP) und Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG). - Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE (2008, wiss.); HELDENTOD (2011, lit.); FLASCHEN POST (Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors -> eingreifendes-denken; Kontakt zum Autor -> eingreifendes.denken@gmx.net (c) Richard Albrecht (2011)
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