Ich hatte mal einen Vertrag bei einer Versicherung die "Verein" im Namen trägt ("Münchener Verein"). Irgendwann kapierte ich, dass ich tatsächlich bei einem "Verein" versichert war, und zwar bei einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Und was ist das nun?
Der VVaG ist im Reigen der großen und reichen Versicherungskonzerne etwas ganz Unerwartetes. Der VVaG ist eine alte, fast anachronistische Unternehmensform, (laut Wikipedia die "Urform") die tatsächlich dem Vereinsrecht zuzuordnen ist und der ganz im Gegensatz zu den Aktiengesellschaften weder in erster Linie gewinnorientiert ist, noch von Außenstehenden (wie Aktionären) bestimmt wird. Oberstes Gremium ist zumindest bei den großen VVaG die Mitgliederversammlung. Die Unternehmensform ist zwar wenig flexibel und so gesehen ziemlich "altmodisch", ermöglicht dafür aber eine langfristige und gemeinschaftsorientierte Geschäftsausrichtung. Und sie bietet Schutz davor, mal eben von interntionalen Konzernen geschluckt werden.
Auch der VVaG erwirtschaftet Gewinne, die aber nicht nach außen abfließen, zum Beispiel in Form von Dividenden (und auch nicht in Form von exorbitanten Vorstandsbezügen), sondern sie gelangen wieder an die Versicherten zurück, teils in direkter Zahlung über Beitragsrückerstattungen zum Beispiel oder in Form der Eigenkapitalerhöhung. Eindeutiger Zweck der Vereinigung "VVaG" ist eben der unmittelbare Versicherungsschutz der Mitglieder, zu möglichst günstigen Beiträgen. Bei der Gelegenheit: die Gleichbehandlung der Mitglieder (und Versicherten) ist oberstes Gebot. Noch ein Wort zum Eigenkapital: die VVaG halten in der Regel höhere Reserven vor als AGs, da diese schneller am Kapitalmarkt Geld aufnehmen können, wenn sie Schankungen ausgleichen müssen (was aber natürlich entsprechend kostet). In heutigen Zeiten ist der höhere Kapitalstock der VVaG ein interessanter Aspekt!
Jenseits dieser organisatorischen Besonderheiten, die man in Zeiten der Globalisierung der Unternehmen und vor allem der Finanzströme in erster Linie als Hindernisse klassifizieren würde, zeigt sich dennoch, dass sich die VVaG wacker halten im umkämpften Konkurrenzgeschäft mit den großen Konzernen. Und (jetzt kommt das beste!) sie halten überraschend große Marktanteile. In der Sparte Krankenversicherung über 50 %, in den anderen etwa die Größenordnung von 25 %. Rund 30 % des gesamten Beitragsvolumens der Versicherungen in Deutschland fällt auf VVaG. (Ungefähr 60 % auf AGs, 10 % auf öffentliche-rechtliche Versicherer).
"Die Marktbedeutung der VVaG äußert sich auch in ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Wirtschaftlicher Erfolg lässt sich in Kennzahlen messen. VVaG haben im Vergleich zu Aktiengesellschaften höhere Zuwachsraten bei den Versicherungsverträgen, sind in Sparten mit niedrigerem Risiko tätig, weisen geringere Kostensätze aus und erwirtschaften mehr Gewinn. Die Bilanzen der VVaG, gemessen an der Bilanzsumme, haben höhere Zuwachsraten, weisen nach einer Studie aus dem Jahr 1997 (Farny, Köln) im Fall von Schaden- und Unfallversicherern mehr sichtbares Eigenkapital aus, beinhalten mehr stille Reserven und bedecken im Übrigen mehr Solvabilität. VVaG verwenden ihren Bruttoüberschuss vor Steuern durchschnittlich mit 28 % für das Eigenkapital, während Aktiengesellschaften hierfür nur 10 % verwenden." (
Wikipedia)
Es geht also auch ohne kapitalgebende (und nehmende) Aktionäre, Fusionierungen, Internationalisierung und Gigantismus. Mitten in Deutschland. Wer hätte das gedacht.
Manche "Vereine" haben einzelne Sparten in AGs umgewandelt, das gibt es auch. Komplette "
Demutualisierungen", das heißt Umwandlungen in Aktiengesellschaften fanden in größerem Umfang in Großbritannien statt, zum Glück nicht bei uns in Deutschland. Oft wird damit eine Fusionierung mit anderen AGs bezweckt, bzw. die Eingliederung in Holdings. Immer noch liegt die Zahl der registrierten VVaG bei insgesamt ca. 300, wovon etwa 80 "große" Vereine sind. Neben dem "Münchener Verein" kennt man einige der großen, wie den Volkswohlbund, die Continentale, die Hallesche, die Signal, die Barmenia, und einige mehr. Viele davon sind in der Arbeitsgemeinschaft VVaG e.V. (
ARGE-VVAG) organisiert. Wer Lust hat, sich ein wenig näher auf das Thema einzulassen, kann hier ansetzen.
Ich finde, diese Unternehmen sollten sich und ihre Vorteile viel deutlicher herausstellen. Immerhin haben sie sich in Zeiten der Finanzkrise als überraschend robust gezeigt und durch ihre langfristigere Unternehmenspolitik und ihren höheren Eigenkapitalstock schon viel früher in die richtige Richtung gezeigt. Die Eigenkapitalerhöhung gehört heute zu den wenigen Sicherheitsvorkehrungen, die man privaten Banken verordnet. Auf "eigenes" Geld paßt man übrigens ein wenig besser auf, als auf umherschwirrendes, das man sich mal kurzfristig ausleiht. Und das kurzfristige Starren auf schnelle Gewinne mancher Beteiligter hat sich als ebenso fatal erwiesen. Keine "Nachhaltigkeit" in Sicht! Die "Behäbigkeit" der VVaG, die lange als Hemmschuh galt, könnte sich noch als ganz großer Vorteil erweisen.
Außerdem folgte man lange dem Credo, dass man stetig größer werden müsse, so dass sich sogar gesunde kleinere Unternehmen unterordneten, aus Angst wegen Kleinheit keine Chance mehr auf dem Markt zu haben. Und auch das stimmte nicht. Im Gegenteil. Die Größe der Konzerne, ihr ständiger Umbau, die Vorgaben von anonymen Chefetagen, weit weg angesiedelt in den globalen Geschäftswelten, kann sich allein mit Blick auf die Belegschaft verheerend auswirken, die sich in großen, "schlanken" und angeblich stets effektizienten Strukturen verlieren. Aber geschwächte Mitarber_innen sind mehr als ein Kollateralschaden. Vielleicht merken das die hoch bezahlten Herren ja doch noch.
Ich habe meine Versicherungen alle umgestellt auf Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Ich mag diese sonderbaren Vereinigungen. Auch wenn man ihnen ihre Andersartigkeit von außen nicht anmerkt. Aber einen Unterschied macht es trotzdem. Und das mitten im Kapitalismus. Mir gefällt das!
Aber ich bin ja auch bei der Volksbank. Und dann gibt es da noch dieses Wohnungssyndikat - auch interessant ...
In meinen Augen ein anderes Beispiel, das in diese Richtung geht sind Wohnungsgenossenschaften. Dort ist Stabilität und Nachhaltigkeit ebenfalls sehr wichtig.
#2 akoll: ja, die Debeka ist eine der "ganz großen".
Freut mich, dass das Thema hier auf Interesse stößt. Bleibe da gerne mit dran!
Bin gespannt auf Ihren Beitrag zu Wohnungsgenossenschaften.
Freundliche Grüße Linzer
Ich arbeite (wieder) für einen "kleinen" VVaG. Ich habe auch schon für einen "großen" Konzern (AG) gearbeitet. Der Unterschied ist frappierend ! Ich bin - auch aus ethischer Sicht - ein absoluter Fan von VVaGs, weil sie den Grundgedanken der Assekuranz verkörpern und die Thematik nicht verwässern (Schuster bleib bei Deinen Leisten). Meine Empfehlung geht klar dahin.
Beste Grüße
G. KUON
Hier nur ein aktueller Querverweis, der mit "Genossenschaften" zu tun hat:
In der (nicht eben als Linksinfo zu wertenden) dt.spr. Wikipedia steht zur jungen Welt im Abschnitt „Besitzverhältnisse“:
„Seit 1995 befindet sich die junge Welt im Besitz der von ihren Lesern getragenen Linke Presse Verlags- Förderungs- und Beteiligungsgenossenschaft junge Welt e. G. (Vorbild war das Genossenschaftsmodell der taz) und kann so auf größere Einnahmen durch Anzeigen und auf finanzielle Unterstützung durch Parteien verzichten, was sie gegenüber anderen Zeitungen unabhängiger macht. Sie erscheint im Verlag 8. Mai, der ebenfalls von Akteuren der Tageszeitung gegründet wurde. Seit dem Frühjahr 1998 ist die Beteiligungsgenossenschaft Mehrheitseignerin am Verlag 8. Mai GmbH. Am 7. Juli 2011 gehörten der LPG junge Welt eG 1120 Genossen an …“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Welt)
Angenommen und unterstellt, das wär erstens richtig ich hätt´s zweitens nicht falsch verstanden, dann handelt es sich bei der junge Welt um eine genossenschaftliche Eigentumsvariante auch als Alternative zum realexistierenden Medienkapitalismus.
Erweist sich in der Praxis die behauptete/beanspruchte Alternative real nicht als solche, sondern als "alter Kack im neuen Frack", dann trifft das zu, was schon Ferdinand Lassalle in der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung als einen sozialpsychologisch wirksamen Effekt erkannte und so beschrieb:
"... Viel strafbarer noch als mein Gegner ist der eigene Vertreter meiner Rechte, wenn er meine Rechte verrät ..."
(Ferdinand Lassalle, "Was nun?" Zweiter Vortrag über Verfassungsfragen: November 1862 -> http://www.duckhome.de/tb/archives/9254-ENTTAEUSCHUNG.html)
Ich denk´ schon, verstanden zu haben, was die jW-Genossenschaftsdimension auch mit Blick auf die allgegenwärtige TINA = there is no alternative (derzufolge´s KEINE ALTERNATIVE zum Realkapitalismus geben soll/darf) gesellschaftspolitisch bedeutet – auch wenn ich dazu jetzt und hier nichts sage.
Freundliche Grüße
Richard Albrecht, 040212
http://de.wikipedia.org/wiki/WWK_Versicherungsgruppe
Im Laufe mehrerer Umgründungen und Umfirmierungen blieb der Name erhalten. Die Buchstaben WWK stehen heute für Werte, Wachstum und Kompetenz. Naja ...
weil ich GENOSSENSCHAFTEN im Sinne gegenseitiger Hilfs(verein)e für wichtig halte, möchte ich mit dem akademischen Dreck à la Professor A. in der Zeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik" 4/2012 als "Genossenschaft und gutes Leben. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts" nichts am Hut haben. Was meinen Sie?