Syrah und Cabernet Sauvignon von der Mosel, dafür Riesling aus Südschweden. Dies ist eines der möglichen Zukunftsszenarien, mit denen sich Klimaforscher und Önologen derzeit beschäftigen. Denn der Klimawandel hat erhebliche Folgen für den Weinanbau, die sich in den kommenden Jahrzehnten dramatisch verstärken werden.
Bereits jetzt ist erkennbar, dass sich die Anbauzone verschieben wird. Auf der nördlichen Halbkugel liegt sie derzeit zwischen dem 30. und 50. und auf der südlichen zwischen dem 30. und 40. Breitengrad. Vor allem wird es aber eine regelrechte Wanderungsbewegung der in den einzelnen Weinbaugebieten derzeit bevorzugten, regional klimaangepassten Sorten geben.
Wein ist in Bezug auf das Makro- und Mikroklima eine recht anspruchsvolle Kulturpflanze, mit zudem je nach Varietät sehr unterschiedlichen Anforderungen. Diese werden unter anderem durch den von
Pierre Huglin entwickelten bioklimatischen Wärmeindex definiert, bei dem die Temperatursumme über der Temperaturschwelle von 10 °C für die Zeit von April bis September berechnet wird.
Jede Rebsorte benötigt demnach eine bestimmte Wärmesumme, um auf Dauer in einem Gebiet mit Erfolg kultiviert werden zu können. So braucht beispielsweise ein Müller-Thurgau nur 1500 Huglin, verträgt aber auch kaum mehr als 1600 – und ist damit für die wärmeren deutschen Anbaugebiete schon jetzt nicht mehr geeignet. Dagegen wäre der Erfolg versprechende Anbau der französischen Sorte Cabernet Sauvignon vor einigen Jahrzehnten in Deutschland nirgendwo möglich gewesen, denn sie benötigt mindestens 1900 Huglin. Doch mittlerweile wird dieser Wert besonders in Teilen Badens regelmäßig übertroffen.
Die mittlere Wärmesumme liegt 2010 um 1,5 °C höher als 1950. Dies hat Im Weinbau eine deutliche Beschleunigung der Rebentwicklung zur Folge. Für den Winzer heißt das in besonders heißen Jahren: Erntet er entsprechend früher, sind die Trauben zwar „reif“, haben aber weder das entsprechenden Aromenspektrum, noch ein stabiles Säuregerüst entwickelt. Lässt er die Trauben bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hängen, kann der Wein dagegen ein enormes Alkoholpotenzial aufweisen, was der geschmacklichen Vorstellung gerade für filigrane, trockene Weißweine nicht entspricht.
Doch nicht nur die durchschnittliche Erwärmung, sondern auch die Zunahme von Extremwetterlagen macht dem Weinbau zu schaffen. So ist die durchschnittliche Zahl der so genannten Tropentage mit Höchsttemperaturen von über 30 Grad in den vergangenen zehn Jahren in den deutschen Weinbaugebieten im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren um über 50 Prozent gestiegen.
Diese Häufung kann nicht nur den Wachstumsverlauf der Rebe beeinträchtigen, sondern führt auch zu direkten Schäden auf Blättern und Beeren. Die Gefahr ist besonders groß, wenn eine extreme Hitzeperiode sehr rasch auf eine kühle Phase folgt, was in den vergangenen Jahren des Öfteren der Fall war. Weitere gehäuft auftretende Extremwetterereignisse sind längere Trockenperioden und Starkniederschläge, welche immer öfter auch in Form von Hagel auftreten. Letzteres gefährdet in betroffenen Lagen nicht nur den aktuellen Anbaujahrgang bis hin zum Totalausfall, sondern kann auch einen unumkehrbaren Prozess der Bodenerosion einleiten.
Natürlich haben viele deutsche Winzer bereits auf die Entwicklung reagiert. Besonders in südexponierten Steillagen wird bei Riesling zunehmend auf dichte Laubdächer zum Schutz der Trauben statt auf Entblätterung gesetzt. Artenreiche und wasserspeichernde Vegetation zwischen den Rebzeilen kann zu einer besseren Regulierung des Wasserhaushalts führen, und mittlerweile werden auch vermehrt Anlagen zur Tröpfchenbewässerung installiert. Doch auf Dauer wird dies angesichts des fortschreitenden Klimawandels nicht ausreichen. Längst werden Neuanpflanzungen in flacheren und sonnenstundenärmeren Lagen vorgenommen, während die Toplagen mit Rotweinsorten bestockt werden, die auch 2000 oder mehr Huglin vertragen und besser mit Trockenstress umgehen können.
Und vielleicht ist ja der Riesling, den wir in ein paar Jahrzehnten aus Gotland oder Jütland importieren werden, gar nicht so schlecht.
Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als Politikredakteur und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (
Mondo Verlag Heidelberg) 14,95 Euro.
Ferner schreibt er regelmäßig Beiträge bei
Captain Cork.
Die Sonntagsonne scheint auch in der NordEifel und nächst soll´s wieder über Null auf Nettograde gehen … da geh ich heut mal übers Luther zugeschriebene und vom Alten Zuck, dem Rheinhessen, im Fröhlichen Weinberg wiederaufgenommene Motto „Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang / Der bleibt ein Narr sein Leben lang“ hinaus nordwärts und variiere in Neuübersetzung einen Trinkspruch;-) des schwedischen Hofsängers Carl Michael Bellman (1740-1795):
UND AM WEIN WIRD NICHT GESPART
JEDER STIRBT AUF SEINE ART …