Wohin Deutschland gekommen ist zeigt ein Beitrag auf shz.de. Dort wird darüber berichtet, wie ein Sozialhilfeempfänger aus Kappeln in einer Filiale des Lebensmitteldiscounters Lidl mit einem Gutschein vom Jobcenter bezahlen wollte. Nun kann man über die Thematik dieser Lebensmittelgutscheine im Allgemeinen ja reichlich diskutieren.
Es ist sicherlich nicht sehr angenehm, wenn man mit so einem Schreiben an einer Kasse bezahlen muss. Verständlich ist da auch eine gewisse Scham des Betroffenen. Aus diesem nachvollziehbaren Grund hatte sich der gute Mann denn auch von Kappeln nach Süderbrarup begeben. Er wollte in der dortigen Lidl-Filiale, die sich schon alleine aus dem Umstand seiner “Zahlweise” ergebende Demütigung, durch etwas Anonymität mildern.
Was er nicht ahnte war, dass sie dort aber eher noch gesteigert wurde. Denn das Personal dort ließ ihm eine Behandlung angedeihen, die nicht nur rechtswidrig sondern auch äußerst respektlos war. Auf seine Anfrage ob er mit dem Schreiben des Jobcenters aus Kappeln auch bei Lidl in Süderbrarup bezahlen könne wurde ihm laut shz.de das Folgende mitgeteilt.
… dass er mit seinem Gutschein zwar einkaufen könne - allerdings keine Markenprodukte. Der Hinweis der Kassiererin war eindeutig: Erlaubt seien ihm nur Lidl-eigene Artikel. [Quelle : shz.de]
Wer nun meint, das hinge mit den Vorgaben des Jobcenters oder aber aber der Geschäftpolitik von Lidl zusammen, der irrt. Nein, die waren es diesmal nicht. Aber gerade das hat mich auch so erschüttert. Nicht das mich all die Frechheiten, Rechtsbrüche und sonstigen Schweinereien der Jobcenter nicht interesseiern. Aber hier ist es etwas Anderes.
Es ist dieses Erkennen wie sehr das menschenverachtende, neoliberale Gedankengut bereits alle Schichten der deutschen Gesellschaft erfasst hat. Wie es zu einer totalen Endsolidarisierung geführt hat. Denn genau das macht dieser Vorfall deutlich. Der verantwortliche Mitarbeiter in dieser Lidl-Filiale hat nicht etwa versucht einem Menschen, dem es offensichtlich schlechter geht als ihm, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, behilflich zu sein. Nein, er hat nicht einmal einfach nur Dienst nach Vorschrift gemacht. Er hat sogar gegen die Vorschriften seines Arbeitgebers verstoßen um sich, über einen anderen Menschen zu erheben.
Wer derzeit in Deutschland im Einzelhandel arbeitet gehört meist nicht mehr zu den Gewinnern dieser Gesellschaft. Die Arbeitszeiten, der Druck zu mehr Umsatz und die meist schlechte Bezahlung. Dazu kommt oft auch noch, dass viele sogenannte Kunden mit der die-müssen-ja-Einstellung die Mitarbeiter des Einzelhandels als eine Art Fußabtreter betrachten. Bei all dem sollte man doch etwas Nachsicht und Solidarität mit Schwächeren erwarten.
Doch wie hier gesehen ist das weit gefehlt. Denn offensichtlich reicht es selbst wenn man eigentlich zu den Verlierern im Rennen um das goldene Kalb gehört, sich dem der noch hinter einem ist gegenüber, wie einer der Gewinner zu verhalten. Ich weiß nicht was die Ursachen dafür sind. Reichen wirklich Überheblichkeit Neid und Missgunst? Oder sind da auch Angst und mangelndes Selbstwertgefühl mit im bösen Spiel? Wie es auch sei. Auf jeden Fall ist da eine Saat aufgegangen, deren Triebe noch sehr viel giftiger werden können.
[ … ]
Dieser Beitrag erscheint sowohl in meinem
Weblog als auch, nach langer Zeit mal wieder bei Entenhaus.
Ich habe etwas ähnliches in einer südbayerischen Kleinstadt bei einem (anderen) Discounter erlebt. Zwei gepflegte Damen mittleren Alters haben eingekauft und standen an der Kasse. Die Kassierin rief ihre Chefin, die dann per Handy wohl ihren Vorgesetzten angerufen hatte. Beide kannten sich offensichtlich mit Gutscheinen von der Agentur (dass es darum ging, hörte man mit beim Telefongespräch) nicht aus. Dann hat die Chefin der Kassiererin die Erlaubnis gegeben, und entfernte sich noch immer telefonierend. Die Schlange wuchs natürlich. Aus einer Entfernung von ein Paar Metern rief dann die Chefin über alle Köpfe hinweg der Kassiererin noch zu, dass sie kontrollieren solle, ob die denn Alkohol gekauft hätten, weil das dürfen sie nicht. (Hatten sie nicht.)
Es war damals wohl nicht böse gemeint, aber diese völlige Empathielosigkeit entsetzt mich bis heute.
Erst die Diffamierung, dann die Entmenschlichung, und schließlich die Vernichtung.