In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, bekannt als Reichspogromnacht, fingen in Deutschland die Barbaren (die Nazis) an, jüdische Einrichtungen, Wohnungen, Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Ebenso kam es zu massiven Übergriffen auf Menschen. Gewalttaten, Ermordung und Verschleppung wurden von nun an alltäglich. Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ging in ein weiteres Stadium über. Kurze Zeit später würde man anfangen, die totale Vernichtung in die Tat umzusetzen. (Schon hier fängt man an um Worte zu ringen ...)
Uns wurde bewußt, daß unserer Sprache die Worte fehlen, um diese Beleidigung, diese Zerstörung des Menschen zu beschreiben.
Dies ist ein bekanntes Zitat von Primo Levi (1919-1987), ein jüdisch-italienischer Chemiker und Schriftsteller, der Auschwitz überlebt hat. Ebenso bekannt sind seine folgenden Worte:
Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.
Geschichtsschreibung, Gesetze, Mahnmale, Gedenktage – alles wichtig. Aber noch wichtiger ist es, die Erinnerung wach zu halten. Überhaupt wach zu bleiben. Die Barbarei kann überall da ihren Anfang nehmen, wo das Leben nicht geliebt, sondern verachtet wird. Sie kann überall und jederzeit ihren Anfang nehmen.
Erinnerung kann sehr gut in ritualisierter Form stattfinden, und ebenso in spontaner und individueller Weise. Die Form des Erinnerns kann man nicht vorschreiben. Aber man kann Gelegenheiten schaffen. Und diese Aufgabe sollte in Deutschland selbstverständlich sein. Wer, wenn nicht wir?
„Wann, wenn nicht jetzt?“ heißt der Titel des 1982 erschienen einzigen Romans von Primo Levi. Sein bekanntestes Werk heißt: „Ist das ein Mensch?“ aus dem Jahr 1947, wo er seine Erfahrungen in Auschwitz mitteilt und dabei die gezielte Entmenschlichung der Opfer thematisiert.
In meiner Gegend sind mehrere Stolpersteine verlegt. „
Stolpersteine“ sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, mit der Intention, an die Opfer der NS-Zeit zu erinnern, „indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt.“ Namen, Geburtsdaten und weitere Angaben sind eingraviert, zum Beispiel Orts- und Zeitangaben. Orte der Verschleppung und Zeitpunkte der Ermordung. Die Namen von Menschen, - manchmal mehrere, Ehepaare, Geschwister, Eltern und Kinder -, die man damals „abholte“. Menschen, die man ins Konzentrationslager brachte. Menschen, die dort verhungerten, an Krankheiten oder Mißhandlung starben, oder die man ermordete. Zum Beispiel in Gaskammern.
An diese verschwundenen Menschen, - Nachbarn, die damals in unseren Häusern wohnten, vielleicht im Nachbarhaus, oder vielleicht in unserer Wohnung, erinnern uns diese glänzenden Erinnerungssteine, die zwischen den anderen Pflastersteinen eingefügt sind. Für mich eine sehr berührende und gleichzeitig alltägliche Form des Erinnerns. Und der Mahnung. - Vergessen wir nie: Es kann wieder geschehen!