Hoff / Rieger - Kunst, die nicht nur bildet
45. Bis zum nächsten Mal
Alles endet! Nur „Wann?“ ist die Frage.
Unbekannt
28. April 2006 Hamburg 8 Uhr 10
Helga wurde wach, weil viele kleine Hämmer auf ihren Kopf einschlugen. Erst brauchte sie eine Weile, um sich zu orientieren. Sie lag nackt auf ihrem Bett ausgebreitet und Tatijana saß auf ihrem und tippte in ihr Notebook.
Helga wollte etwas sagen, aber außer einem Krächzen kam nicht viel. Die Russin reichte ihr ein Glas kalten Wodkas: „Runter damit. Hilft am schnellsten.“
Helga hatte den Befehl wortwörtlich befolgt und war nun nahe daran zu ersticken oder sonst wie zu sterben. Aber Tatijana sprang auf, huschte ins Bad und brachte einen Krug kaltes Wasser und ein Glas, in dem sich bereits zwei Aspirin mit irgendwelchen Vitaminen auflösten und zwei weitere bereitlagen: „Hier trinken und dann gleich nochmal zwei.“
Helga schluckte, allmählich löste sich die Verklebung ihrer Speiseröhre und des Mundes. Sie trank auch die zweite Ladung. „Wieso hämmerst du eigentlich vor Tau und Tag auf diesem Scheißcomputer im Schlafzimmer rum? Bist du irre? Wozu haben wir eine Suite?“ Nach dem Ausbruch legte Helga sich wieder lang. Dieser Ermittlerwahnsinn war derzeit zu viel für sie. Oder war es der Wodka, den Tati selbst anscheinend wie Wasser vertrug.
„Nein. Bin ich nicht, aber Russisch-orthodox. Das ist noch viel schlimmer“, scherzte die Russin, „aber im Wohnzimmer nächtigen unsere Gäste. Die habe ich heute Nacht nicht mehr über den Flur gerollt gekriegt. Irgendwie warst du auch keine große Hilfe dabei. Du hast nur geschnarcht.“
Helga deckte sich zu. „Haben die mich etwa so nackt gesehen?“
„Ich weiß nicht, was die noch gesehen haben, aber nackt warst du auch schon früher und Hubsi war eh nicht ansprechbar auf Frauen, den hatte der Abend viel zu sehr mitgenommen. Die Störchin hat bestimmt einen Spiegel, weiß also wie Frauen aussehen.“
Helga entspannte sich wieder, schoss aber nach: „Trotzdem musst du nicht wie eine Irre tippen. Das kannst du doch später machen.“
„Wenn du kein Geld brauchst, sicher." Sie reichte Helga einen Stapel Papier: „Lesen und jeweils unten, wo dein Name gedruckt steht, unterschreiben.“
Helga wollte nicht lesen, aber sie unterschrieb. Tatijana kontrollierte die Unterschriften und scannte den Kram gleich wieder ein. Dann gab sie einen Satz Originale an Helga weiter und einen Scheck mit einer Kopie dieses Schecks, den Helga auch brav als erhalten quittierte. Sie krächzte: „Bist du irre? Soviel Geld verdiene ich in Jahren nicht.“
„Nö, waren ja auch nur ein paar Wochen. Du kriegst den gleichen Satz wie wir auch. Dazu noch eine Hinhalteprämie für deinen Hintern. Der Scheck kommt aber direkt von der Versicherung.“
„Johann bringt dich um“, meinte Helga und betrachtete wehmütig ihre Freundin.
Tatijana lachte nur. „Johann würde es genauso machen, es ist in Wirklichkeit sogar abgesprochen, auch wenn er die Details nicht kennt. Vielleicht musst du die nächsten zwanzig Fälle für Kleingeld lösen. Dann brauchst du jede Reserve. Also vergiss es.“
„Danke“, hauchte Helga geschwächt, aber auf dem Weg ins Leben zurück.
„Nun geh duschen. Du müffelst. Ich mach den sonstigen Kram hier fertig. Mein Morgenurin sagte mir nämlich, dass mein Reichsgraf unsere Zelte hier zügigst abrechen wird. Der will nach Hause. Ist immer so am Ende eines Falles. Dann ist er ungenießbar.“
Während Helga duschte und Tatijana ihre Büroarbeit machte, wachte die Störchin auf. Wie ihr Vater schon immer gesagt hatte, war ihr Kopf viel zu weit von ihren Füßen entfernt, um Kopfschmerzen zu haben. Sie war voll da. Allerdings wusste sie nicht mehr, das Tatijana ihr gestern noch zwei Tabletten Aspirin auf der Bettkante verabreicht hatte.
Sie ging ins Bad. Grinste Helga an und verschwand wieder. Dann besuchte sie Tatijana im Schlafzimmer, die sie zu sich winkte: „Hier ist kaltes Wasser und Aspirin mit C, zweimal zwei und du bist wieder im Rennen, reicht auch noch für Hubsi und dann geht duschen. Wir müssen noch Protokolle untermalen.“
Die Störchin betrachte mit stillem Vergnügen die arbeitende Tatijana und gehorchte. Das wäre auch jemand für eine Schwitzhütte, dachte sie bei sich. Sie versorgte Hubsi und anschließend wechselten sie in ihre eigene Suite.
Als Helga handtuchumwickelt wieder ins Zimmer kam, war Tatijana fertig. Geduscht hatte sie schon früher, aber sie tobte noch einmal kurz durchs Bad und zog sich dann an. Sie nahm den Rechner sogar mit zum Frühstück und hatte ihre Arbeit gerade beendet, als Huber und die Störchin kamen.
„Wenn ihr wie die Russen sauft, müsst ihr auch wie die Russen frühstücken.“ Tatijana orderte Brot, Butter und Filetsteaks, dazu Orangensaft, Milch und natürlich den unumgänglichen Kaviar. Und es half gegen Katersymptome.
Um elf Uhr trudelten Huber, die Störchin, Helga und Tatijana in der zuständigen Polizeidirektion ein und in weniger als drei Stunden hatten sie tatsächlich ihre bürgerlichen Pflichten erledigt und ihre Aussagen zu Protokoll gegeben. Das lag nicht so sehr an den Schreibkünsten der Mitarbeiter, als viel mehr an der vorsintflutlichen Technik.
Tatijana kochte vor Zorn. Sie hatte ihre Aussage schon fertig geschrieben mitgebracht, aber es gab keine Möglichkeit, diese zu übernehmen. Das Verbrechen war vielleicht global, die Polizei noch auf Steinzeitniveau.
Johann und Mücke hatten den Vormittag über hinter verspiegelten Wänden gestanden und die Vernehmungen beobachtet. Es gab kaum etwas Erwähnenswertes. Erstaunlich war nur, dass Benno von der Lohe so freudig auspackte. Er schien es sogar zu genießen. Nach dem Mittagessen sollte es um seine Motive gehen. Benno lächelte die Polizisten an und leckte über seine Zähne.
Er wusste, er hatte verloren, aber nicht wie diese Versicherungsheinis das gedreht hatten. Am Ergebnis war jedoch nicht zu rütteln. Die Bullen hatten ihn gründlich durchsucht. Seine Zähne nicht. Er fuhr wieder mit der Zunge längs seine letzte Rückversicherung. Er würde noch ein Weilchen mit ihnen spielen und dann abtreten.
Johann schüttelte während des Mittagessens in der Kantine immer wieder den Kopf. Das lag nicht am Essen, das er mehr oder weniger so teilnahmslos zu sich nahm wie es gewürz- und geschmacklos war. Mücke hatte den halben Salzstreuer über seinem Teller ausgeleert, was ihn aber auch nicht viel glücklicher machten: „Johann, was schüttelst du dein reichsgräfliches Haupt? Lass mich an deinen Gedanken teilhaben. Haben wir irgendwas übersehen?“
„Nein, aber etwas stört mich am Verhalten von Benno von der Lohe. Ich weiß nur nicht was.“
„Vielleicht, dass er ein gewissenloses, kriminelles Arschloch ist?“
„Das auch, aber das ist das Volk, das wir jagen, doch immer. Nein. Der ist mir einfach zu selbstsicher, als ob er noch einen großen Trumpf in der Hinterhand hat. Ich habe nur keine Idee, was das sein könnte.“
„Dem würde selbst ein Diplomatenpass nicht mehr helfen. Da gibt es nichts, was ihn noch retten könnte. Johann, du machst dich unnötig verrückt. Im Grunde ist der Fall durch. Wir können morgen beruhigt abreisen und unsere Arbeit in Berlin machen.“
„Aber trotzdem, ich weiß nicht, was mich da stört. Na, schauen wir mal. Den Nachtisch werde ich begnadigen.“
Als die beiden die Treppe von der Kantine nach oben stiegen, lag auf dem zweiten Absatz ein kleiner, sehr gebrauchter Holzkeil, der sicherlich irgendwo für eine Tür gedacht war. Johann hob ihn auf und steckte ihn ein.
MM grinste. „Wenn du so knapp mit Holz bist, könnten wir die Bäume rund um mein Haus absägen. Das reicht dann bei dir bestimmt für zwei Winter. Oder wir könnten Holz im Grunewald klauen.“
Johann schüttelte den Kopf. „Ich hasse Unordnung!“
Bevor das Verhör mit Benno wieder aufgenommen wurde, ließ Johann im Büroraum nebenan das Videoband im Schnelldurchlauf laufen. Grinsen, über die Zähne lecken. Einfach nur so grinsen. Da war nichts.
Das Verhör begann wieder. Benno lief zur Höchstform auf. Er berichtete von der begnadeten Lehrerin, die dem KZ entronnen war, nur, um ihn zur Kunst zu führen. Warum leckte der dauernd über seine Zähne. Hatte er Zahnschmerzen? Nein!
Johann fiel es wie Schuppen von den Augen, er stürmte in den Verhörraum und zwängte Benno den Keil zwischen die Backenzähne. „Giftzahn!“, brüllte er, „Wenn er drauf beisst, ist er tot. Wir brauchen einen Zahnarzt!“
Als Bennos Anwalt eingreifen wollte, brach Mücke ihm versehentlich den Arm. Dann half er Johann, Benno zu bändigen.
Mittlerweile hatten auch die anderen realisiert, worum es ging. Die Blamage, dass sich einer mit einem Giftzahn aus seiner Vernehmung und Verurteilung schleichen wollte, konnten sie nicht zulassen.
Schnell kam ein Polizeiarzt, der zunächst einmal Johanns Beißsperre durch ein dafür gedachtes Gerät ersetzte und dann zusammen mit Johann am Video feststellte, welchen Zahn Benno immerzu beleckt hatte.
Den Zahn vorsichtig rauszuschrauben und zu röntgen war kein Problem mehr. Es war ein Giftzahn. Zur Sicherheit wurden alle Zähne von Benno geröntgt. An weitere Vernehmungen war nicht mehr zu denken. Benno von der Lohe hatte völlig seine Fassung verloren. Er bekam Beruhigungsmittel und wurde in eine kameraüberwachte Zelle für Suizidgefährdete verlegt. Sein Anwalt verzichtete auf Vorwürfe gegen Johann und Mücke und ließ sich lieber den glatten Bruch schienen.
Als Johann und Mücke das Gebäude verließen, wussten sie, dass ihre Mission hier beendet war. Johann hatte den Keil mitgenommen. Das war etwas für jene Kiste, in der er die abenteuerlichsten Trophäen sammelte.
MM sagte: „Weil du Unordnung hasst.“ Er lachte.
Am Abend gab es zum letzten Mal ein großes Essen in Johanns Suite. Die Ermittler hatten allen Grund, stolz auf sich zu sein. Aber keiner war so richtig in der Stimmung, ein großes Fest daraus zu machen. Die Sache war erledigt und sie waren alle müde.
Am nächsten Morgen bekam Johann einen Anruf von Herrn Marks, der bei der Versicherung Johanns Spesen und Honorarabrechnungen abzeichnen musste und bei jedem Euro förmlich in Tränen ausbrach. „Sind Sie jetzt völlig wahnsinnig geworden?“, schrie er los, „Wissen Sie, wieviel Geld Sie nun schon wieder von uns haben wollen und dann die Spesen! Das geht doch nicht.“ Während des Lamentos hatte Johann Tatijanas Abrechnung durchgesehen und grinste fröhlich. Er mochte solche Zahlen am frühen Morgen.
„Hmm. Das scheint doch sogar recht gut gegangen zu sein, oder konnten Sie die Rechnung nicht ausdrucken? Dann wird ihnen meine Mitarbeiterin sofort ...“
„Ich habe sie ausgedruckt. Ich will sie nur nicht glauben. Soviel Geld für ein wenig Herumgereise und Spesenmacherei. Das kann nicht Ihr Ernst sein!“
„Marks, Sie sind ein undankbarer Knopf. Schicken Sie mir die Rechnung zurück. Ich kläre das mit Präsident Horzinger. Sie sind für uns erledigt. Ich bin mal gespannt, wie Sie ihrem Präsidenten erklären wollen, dass soviel Publicity weltweit für Sie bedeutungslos ist. Wieviel Medienerwähnungen hatten Sie doch gleich?“
„Sechsundsiebzigtausend. Aber ...“
„Meine Quellen sagen, ungefähr das Doppelte. Aber egal. Präsident Horzinger wird sich von seiner Public Relationabteilung vorrechnen lassen können, was das wert ist. Rechnen wir noch dazu, was der Wert der Bilder ist, dann ist mein Honorar lächerlich. Klar, Herr Murks?“
„Marks, Reichsgraf, Marks.“
„Ich habe einen vollständigen Titel, Murks.“
„Entschuldigung, Herr Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf. Ich fertige die Anweisung gerade aus. Müsste in ein paar Sekunden auf Ihrem Konto sein.“ Sein Zähneknirschen war nicht zu überhören.
„Sehen Sie, Marks, warum nicht gleich so. Ersparen Sie sich den Ärger einfach. Sie haben doch noch nie gewonnen und so viel Spaß macht verlieren doch auch nicht.“
Johann legte auf und ging zu den anderen frühstücken.
Homer und Cecil hatten Ultraschallbilder von dem Baby geschickt. Huber und Mücke erkannten sofort, dass es ein Jungen war und zeigten, wo sie das edle Teil vermuteten.
Johann spielte den anderen die Posse mit Marks von der Versicherung vor und es herrschte heute morgen eine ausgelassene Stimmung. Nachdem die Teller leer gegessen waren, wandte Johann sich an Tatijana: „Hast du schon gepackt? Wir wollen sehen, dass wir mit dem Intercity gegen Eins loskommen.“
„Selbstverständlich habe ich gepackt, Euer Gräflichkeit. Aber ich reise noch nicht ganz aus Hamburg ab. Ich habe noch eine nette Einladung von zwei großen schwarzen Jungs und ihren Frauen in einem Blumenladen. Ich mache Urlaub. Da wird Berlin wohl noch ein Weilchen warten müssen.“
Damit warf sie allen eine Kusshand zu, winkte einem Pagen und verschwand aus dem Hotel.
„Aber die sind doch viel zu groß für sie“, murmelte Johann grübelnd.
Helga legte ihm die Hand auf den Arm: „Vielleicht spielt sie gerne mit großen Jungs.“
Nun brach auch die Wiener Ermittlergruppe auf.
Unter Mückes Gelächter ging Johann nachdenklich seine Koffer holen.
FINE
Worum es geht
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44. Jetzt aber!
Eine Gemeinschaft ist wie ein Schiff:
Jeder sollte bereit sein, das Ruder zu übernehmen.
Henrik Ibsen
Kaum hatte Helga den Notruf an die Polizei wegen versuchter Vergewaltigung getätigt, stürmten die Pinkerton Leute zusammen mit Huber, Homer und Cecil Whiteness das Gebäude. Gleichzeitig rollten von allen Seiten Polizeifahrzeuge ohne Einsatzsignal heran und sperrten das Grundstück der Neidmühle wie auch die Zufahrtsstraßen weiträumig ab.
Dann begann für die Polizei das große Warten. Erst mussten sie ein Fahrzeug der Polizeiführung mit zwei Fremden durchlassen. Dann zwei LKWs der amerikanischen Armee. Dann wieder warten.
An einigen Punkten der Abriegelung trafen die Polizisten auf dunkelgekleidete, sehr schweigsame Leute, die nur dafür sorgten, dass niemand vorrückte. Einige der Beamten verdienten normalerweise etwas nebenbei damit, dass sie der Presse ein paar Tipps über Einsätze gaben. Aber was hätten sie hier schon sagen können?
In der Neidmühle war Benno an einen Stuhl gefesselt worden. Beide Hände befanden sich in Spurensicherungstüten und es wurde peinlichst darauf geachtet, dass er sie nicht abstreifte. Zu allem Übel hatte er auch noch eine schwarze Maske auf dem Kopf. Er tobte innerlich. Damit würden die Schweine nie durchkommen. Seine Anwälte würden diese Klage wegen Vergewaltigung in der Luft zerreißen.
Fragen nach seinem Anwalt wurden abgewiesen. Kein Bedarf. Noch sind Sie nicht festgenommen, war die anonyme Antwort.
Während Benno in einem Raum verwahrt wurde, begannen Fachleute des amerikanischen Militärs damit, alle Böden und Wände des Hauses zu untersuchen. Dabei wurden sie von den Radaraufnahmen der Luftüberwachung und den Ergebnissen, die die städtischen Bediensteten, ohne es zu wissen, erzielt hatten, unterstützt.
Die gleiche Technik der Amerikaner war auch schon in Afghanistan und dem Irak zum Aufspüren unterirdischer Anlagen und deren Sicherungen benutzt worden. Bennos kleine Geheimnisse waren dieser Technik nicht gewachsen.
Nachdem die Techniker einfach den Strom für das ganze Haus komplett abgeschaltet hatten, war das Notstromaggregat schnell entdeckt und die radarschluckenden Schichten in den Wänden wirkten ohne Strom eher wie Markierungen.
Bennos System verfügte über eine der dümmsten Sicherheitseinrichtungen, die man sich vorstellen konnte. Um nicht in seinem Verließ eingeschlossen zu werden, öffneten sich bei totalem Stromausfall alle Türen, weil ihre elektromagnetische Schließung nicht mehr funktionierte. Trotzdem dauerte es über zwei Stunden, bis die Militärs sicher waren, dass nichts mehr passieren konnte und den Strom wieder einschalteten.
Die Neidmühle verfügte im wesentlichen über zwei, in Teilbereichen sogar über drei Kellergeschosse. Es gab insgesamt drei Zugänge, wobei das Büro von Benno wohl der Hauptzugang gewesen war. Über eine Treppe ging es auf einen schmalen Gang, an dessen einen Ende ein Museum nun in hellem Glanz erstrahlte.
Das andere Ende des Ganges führte über eine weitere Treppe direkt ins Elend. Dort fanden sich fünf junge Frauen in verschiedenen Stufen der Verelendung. Sie konnten es nicht fassen, dass ihre Qual zu Ende sein sollte. Huber war der richtige Tröster.
Also rückten zuerst die Militärs ab. Dann kam die Hamburger Kripo, während Homer und Cecil verschwanden. Nachdem die Hamburger Kollegen eingeweiht waren, verschwanden auch Mücke und Johann mit den meisten der Pinkertons und endlich durfte die Polizei nachrücken.
Helga und Tatijana übergaben den nun wieder Maskenlosen Benno von der Lohe. Tom und Dick von Pinkerton erklärten, dass sie den Auftrag gehabt hatten, Benno zu überwachen und auf Tatijanas Geschrei zur Hilfe geeilt wären und den Angreifer überwältigt hatten.
Während Benno eine kostenlose Maniküre seiner Fingernägel durch die Spurensicherung bekam und Tatijana eine DNA-Probe abgab, begann Helga mit den Erklärungen. „Wir hatten den Auftrag schon fast abgeschlossen. Es sah lange Zeit nicht so aus, als ob er uns auf dem Leim gehen würde.“
„Kann es sein, dass er über ihre Motivation im Unklaren war, Frau Brenner?“, wollte eine strenge, junge Beamtin wissen.
„Nein“, antwortete Helga, „er wusste, dass wir hinter ihm her waren und keine Beweise hatten. Wir haben den Verdacht, dass er sehr genau über unseren aktuellen Ermittlungsstand informiert war. Sie sollten vielleicht mal seine Mails untersuchen.“
„Ich weiß, dass Sie in Österreich mal Kollegin waren. Aber wir können hier ganz gut unsere Ermittlungen selbst leiten“, knurrte die Strenge.
„Nun gut. Es kam zu einem Stromausfall, weil irgendjemand die Außenbeleuchtung anschalten wollte. In dem Wirrwarr sprangen einige Türen auf.“
„Wieso wollten Sie ...“
„Wir wollten Licht, um eventuell weitere Angreifer oder Flüchtende sehen zu können. Ich war nämlich nicht nur mal Polizistin, sondern ich hänge auch an meinem Arsch. Deshalb sehe ich gerne, was los ist. Stattdessen wurde es dunkel. Dann flackerte eine Notbeleuchtung auf und erlosch auch gleich wieder. Ich schätze, das Notstromaggregat war kaputt. Entschuldigen Sie, wenn ich damit Ihren Ermittlungen vorgreife.“
„Schon gut“, sagte die Polizistin. „Wir stehen ja auf der gleichen Seite, aber das ist alles irgendwie mysteriös.“ Sie war verwirrt.
„Na, dann kommen Sie mal mit. Wo bleiben eigentlich die Rettungswagen?“, sagte Helga.
„Sind angefordert. Aber wir haben doch noch gar keine Verletzten gesehen.“
„Sie nicht, aber wir. Der Mann bei den gefolterten Frauen ist Kommissar Franz Huber aus Wien. Er versteht zumindest ein wenig von ihrer Sprache.“ Helga marschierte energisch vor der Beamtin in den Keller. Was sie dort sah, ließ sie die Hände vor das Gesicht schlagen: „Oh Gott, welches Schwein war das?“
„Benno von der Lohe. Aber auf die Sache mit der Peitsche ist er erst sein ein paar Wochen gekommen. Vorher hat er sie nur komisch angezogen und dann vergewaltigt. Sagen die Mädchen zumindest“, antwortete ein sehr bleicher Franz Huber, der mit etwas Wasser und einem sauberen Taschentuch die schlimmsten Stellen zu reinigen versuchte.
Die Rettungskräfte trafen ein. Das Bild, das sich ihnen bot, nahm sie sichtlich auch mit. Auf jeden Fall brauchten sie erst einmal Zeit, um ihre Patientinnen überhaupt transportbereit zu machen.
Helga führte die junge Beamtin inzwischen in Bennos Museum. Dort trafen sie auf Tatijana und einen leitenden Beamten.
„Hier hängen ungefähr vier Milliarden Euro an echter Kunst. Überall auf der Welt zusammen gestohlen. Das dürfte die teuerste Sammlung der Welt sein.“ Tatijana war sichtlich beeindruckt, „Aber auch er ist damit nicht durchgekommen. Werden wir hier noch gebraucht? Ich nehme an, mein Chef wird die entsprechenden Verfügungen zu den Bildern bereits haben.“
„Sie müssten nur noch das Protokoll ...“
„Kein Problem, aber erst morgen früh. Jetzt brauchen wir erst mal einen Schnaps.“
Tatijana und Helga hatten ausführlich geduscht, der Zimmerservice hatte Wodka, Gläser und Eis gebracht. Helga cremte Tatijanas geschundenes Hinterteil: „Sieht schon ganz schön bunt aus. Ist allerdings genau wie mein Hinterndurchschuss nichts für eine Verdienstmedaille.“
„Ich brauche keine Verdienstmedaille. Wir haben die wichtigsten Arschlöcher gekriegt. Das reicht. Mich wurmen nur die, die wir nicht kriegen werden.“
„Naja, für die letzte Aktion gibt es auch keinen Fairnesspokal. Dazu haben wir den lieben Benno doch zu arg geleimt.“
„Wenn es nicht immer darum ginge, solch einem Mistkerl bis in das kleinste I-Tüpfelchen absolut Recht angedeihen zu lassen, dann wären wir gar nicht in der Situation. Wir hatten genug, um ihn über die Klinge springen zu lassen. Wenigstens da bin ich mir mit meinem Grafen einig. Im Zweifelsfall wie auf Saipan durch andere erledigen lassen. Soll sich der Dreck doch gegenseitig auslöschen.“
„Da bist du richtig rachsüchtig, Tati.“
„Ja. bin ich. Die Arschlöcher, die mein Kind und meinen Mann umgebracht haben, hat die Polizei ja auch nie gekriegt, weil sie ja nur höflich anfragten, ob der Herr Verbrecher denn eventuell bereit und so nett wäre, mal eben ein Geständnis abzulegen. Ich wäre bei diesem Benno mit ner Pumpgun reinmaschiert und hätte ihn mal in den Lauf schauen lassen. Dann wären die Mädchen schon ne Woche frei.“
„Ja. Aber es gibt auch Unschuldige. Um die geht es doch. Die Gauner profitieren halt nur davon.“
„Helgalein. Die Polizei tritt mit einem müden Lächeln um fünf Uhr morgens bei irgendeinem Habenichts die Tür ein und entschuldigt sich nicht einmal, wenn sie sich in der Nummer geirrt hat. Die gleiche Polizei leckt an Benno von der Lohes Hintern und lässt Leute wie Oreste Crispi fröhlich mit Menschen und was weiß ich noch handeln.“
„Ja, wenn du es so siehst“, sagte Helga.
„Man kann es nur so sehen. Recht sollte die Schwachen stützen und nicht die Starken unangreifbar machen. Wenn ich nur an die Abschiebungen in Berlin denke, wird mir ganz anders. Das ist nicht mein Recht. Aber diesmal haben wir wenigstens großflächig aufräumen können. Oreste Crispi kriegen wir auch irgendwann noch. Ich kenne meinen Reichsgrafen. Da ist der wie ein Terrier. Der lässt nie los. Und ich auch nicht. Gibst du mir noch einen Schnaps?“
Als Helga ihr das volle Glas reichte, klopfte es an Tür. Es war Homer mit Cecil. Händchenhaltend mit Wodka und Eis. Nur gut, dass Homer so tief schwarz war. Das heißt, eigentlich war er eher grau.
„Kommt ruhig rein“, brüllte Tatijana, während Helga schnell in einem Bademantel sprang. Sie blieb ruhig und nackt auf ihrem Bett sitzen.
Cecil zerrte ihren Homer in den Raum, platzierte ihn auf Tatijanas Bett und schenkte Wodka aus. Homer versuchte sich in Position zu setzten, um eine Rede zu schwingen, aber die Russin winkte ab: „Cecil, erzähl, bei Männern dauert das Jahre.“
Cecil nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas: „Ich bin schwanger, von diesem schwarzen Jungen da.“ Dann kippte sie erschrocken den Rest ihres Glases hinterher. Tatijana sprang auf und knuddelte sie: „Hab ich es doch geahnt. Mensch, ist das schön. Homer, du darfst ruhig lächeln.“
„Ich hab Cecil erzählt, dass wir ...“
„Ja, Homer, ist mir klar. Aber ich wünsche euch wirklich Glück. Ich hatte gerne meinen Spaß mit dir, aber ein Baby konnte und wollte ich dir nicht bieten. Versaut es nur nicht. Ihr habt jetzt die besten Karten, um in euren Vereinen den großen Sprung nach oben zu machen.“
„Na, eigentlich haben doch Johann und in Wirklichkeit du ...“
„Paperlapapp, Homer. Wir sammeln keine Pokale und Medaillen. Wir sammeln Geld. Die Ehre kann uns mal. Die Versicherung kriegt ein wenig Ehre, Hubsi und die Störchin bekommen den Wiener Anteil an Ehre und der Rest bleibt dem FBI in Form von Homer Milhouse Nixon und seiner netten Geliebten vom CIA. So wird der Bericht aussehen, den ich morgen oder übermorgen rausgebe. Was in unserer Rechnung stehen wird, sage ich dir allerdings nicht.“
Homer wollte noch irgendwelchen Dank loswerden, aber Helga nötigte ihm neuen Wodka auf.
Als jedoch Cecil ein weiteres Glas für sich eingießen wollte, nahm Tatijana es aus ihrer Hand. „Damit ist jetzt Schluss, liebe Mami.“
Cecil nahm es hin. Sie beschäftigte etwas anderes: „Was sollen wir uns nicht versauen, Tatijana?“
„Versucht nicht, die normale amerikanische weiße Vorortfamilie aus Suburbia zu spielen. Das klappt nicht. Du bist nämlich nicht nur verrückt nach deinem Homer, sondern auch auf deinen Job. Und wenn Homer jeden Abend nach Hause kommen soll, um sich anzuhören, was der oder die Kleine gerade gemacht und dass die Nachbarin einen neuen Dildo hat, dann seit ihr in zwei Jahren am Ende. Macht normal in euerem Beruf weiter, versucht nur ein wenig mehr Schreibtisch in USA zu kriegen“, sagte Tatijana schwungvoll.
„Ich wollte eigentlich meinen ...“
„Dachte ich mir. Ist aber Quatsch. Nimm dir ein Jahr und dann ein Kindermädchen oder den Hort beim CIA in Langley, der soll richtig gut sein. Aber gib dich nicht auf. Homer hat sich keine Hausangestellte ausgesucht.“
„Na, ob er sich überhaupt was ausgesucht hat?“ Helga kicherte.
„Du darfst Männern da nicht allzuviel Spielraum lassen“, fiel Tatijana wieder ein: „Die wissen nicht was, gut für sie ist. Da müssen wir Frauen schon entscheiden. Das geht schneller und ist auch besser.“
„Ja, dann.“ Homer zuckte hilflos mit den Achseln, was allgemeines Gelächter hervorrief. Er schüttelte den Kopf über die Frauen, sagte: „Wir wollten uns auch gleichzeitig verabschieden, wir verschwinden morgen vor dem Frühstück. Wäre schön, wenn du uns die Berichte und den Rest noch zukommen lässt, aber wir wollen natürlich keine Presse.“
„Schon klar. Ich informiere den Reichsgrafen. Die Berichte kriegt ihr und wir sehen uns bestimmt demnächst mal wieder. Ich komme sogar zu Hochzeiten, fange aber keine Sträuße.“
Die beiden verabschiedeten sich, ließen den Wodka aber da. Kaum hatte Helga noch einmal ausgeschenkt, klopfte es schon wieder. Diesmal waren es Huber und die Störchin.
Die beiden waren schon im Zimmer, aber Huber wollte gleich wieder abdrehen, als er die nackte Tatijana auf dem Bett sitzen sah.
Die Störchin hielt seinen Arm fest und dirigierte ihn sanft auf die Frauen zu: „Keine Sorge, sie beißt dich nicht und will auch nicht mit dir spielen. Mensch, Leute ihr habt ja sogar kalten Schnaps.“ Sie wedelte mit ihrer halbvollen, aber sichtbar warmen Flasche, bis Helga sie ihr aus der Hand nahm.
„Die armen Mädeln, die armen Mädeln“, sagte Huber immer wieder. „Passt auf, dafür kriegt er wegen gefährlicher Körperverletzung bestensfalls fünf Jahre und die Opfer leiden ihr ganzes Leben. Ich könnte speiben.“
„Aber nicht auf mein Bett, Hubsi.“ Tatijana zauste ihm durchs Haar. „Das wagt kein Gericht. Du kannst ganz sicher sein, dass Johann, mein reichlicher Graf die Tatortfotos an die Presse durchsickern lässt. Die werden sie bringen, um ihre Auflagen zu stärken, aber danach müssen sie auch lebenslänglich fordern. Das wird er auch kriegen. Weg für immer.“
„Glaubst du? Von der Lohe hat doch Beziehungen. Kenn ich doch von uns“, antwortete Huber.
„Er hatte Beziehungen, diese Freunde sind jetzt schon alle auf dem Rückzug. Morgen Mittag hat ihn schon keiner mehr gekannt. Das Pack hat doch noch nicht einmal Gaunerehre. Das sind keine Schränker, das sind Politbetrüger. Die Beziehungen waren tot, als wir im Haus waren. Ich hab jetzt nur keine Lust, durch die Sender zu schalten, sonst könnte ich es dir zeigen“, sagte Tatijana mit einem siegessicheren Lachen.
„Wenn du es sagst. Lasst uns einen trinken.“ Die Störchin füllte die Gläser, „Übrigens, Tschikowski ist voll geständig. Aber die Staatsanwaltschaft glaubt ihm seine Dusseligkeit nicht. Er kriegt mindestens zehn Jahre wegen Beihilfe zum Mord an der Lamm und fünf Jahre extra für seinen Verrat im Amt. Wahrscheinlich werden sie ihn dann nach drei Jahren rauslassen, wegen besonders guter Führung. auf jeden Fall hat der hat ausgesorgt.“
„Wenigstens ist die Sache gut erledigt, Ich konnte ihn nie leiden, aber zurück zur Polizei geh ich trotzdem nicht mehr.“ Helga prostete den anderen zu, „Und jetzt freu ich mich schon wieder auf ein paar ruhige Wochen mit Drago in Wien.“
Mücke und Johann hatten noch ein wenig der Vernehmung des Benno von der Lohe zugesehen, aber seit dessen Anwalt anwesend war, hatte sich ein Geständnis vorerst erledigt. Es machte keinen Sinn sich, die Nacht um die Ohren zu schlagen. Deshalb gingen sie mit den Hamburger Kollegen und Frau Weißbach einen trinken.
Ab morgen würden sie Benno und Hank permanent verhören, wobei Hank im Prinzip schon alles zugegeben hatte, nur nicht, wer sein Auftraggeber war. Das würde vielleicht für immer sein Geheimnis bleiben und dazu führen, dass er nur mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen verlegt werden würde.
Alle waren sich einig, dass der Fall bis auf Kleinigkeiten gelöst sei. Der Rest würde das übliche Geschacher zwischen Staatsanwaltschaft und Anwälten sein und auf Urteile hinauslaufen, die wohl keinen richtig befriedigen würden. Aber daran konnten sie kaum etwas ändern.
Johann persönlich glaubte, dass sowohl Hank als auch Benno den Hamburger Knast nicht lange überleben würden. Immerhin hatten sie einen Justizangestellten getötet, seine Familie entführt und vergewaltigt. Das Gefängnispersonal würden Mittel und Wege finden, die anderen Häftlinge wissen zu lassen, auf wen sie wütend waren. Eine solche Entwicklung war Johann recht. Nach einer Verurteilung. Im Grunde genommen glaubte er immer noch an den erzieherischen Wert von Urteilen. Nicht für den Täter, sondern als Abschreckung für andere. Genauso sah er einen Mord im Knast eher als Abschreckung, nicht wie eine Todesstrafe, die viel zu weit weg vom tatsächlichen Leben war.
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43. Benno von der Lohe oder der Zofentrick
Das Böse hat den Vorteil, das es auf den ersten
Blick aufregender erscheint als das Gute.
Ernst Ferstl
27. April 2006 Anderten 11 Uhr 10
Der Schiffer und seine Frau machten normalerweise die Arbeit, während Hank sich mit seinen Spielzeugen beschäftigte oder in den Tag hinein träumte. Da mehr als drei Mann Besatzung aufgefallen wäre, wurden alle harten Arbeiten von Leuten im Osten während längerer Liegezeiten gemacht.
Dem Schiffer war alles recht, denn eigentlich wäre keine Versicherung mehr bereit, ihn zu versichern, weil er betrunken in Holland einen Brückenpfeiler gerammt hatte. So war die Versicherung zwar so windig wie das ganze Schiff. Aber das störte niemanden wirklich.
Es störte auch nicht die Piloten der Bundeswehr, die mit Infrarotkameras tief in das Schiff hineinsahen. Sie zählten drei Leute und mindestens einen versteckten Hohlraum, in dem die Luft wärmer war als im sonstigen Schiff.
Zum letzten Mal überprüften sie die Position der Besatzungsmitglieder nach dem Einlaufen in die Schleuse. Hank hatte sich nicht aus seiner Kammer im Bug bewegt. Als der Kapitän die Leinen festgemacht hatte, sah er einen Haufen getarnter Gestalten, die sein Schiff enterten. Einer zeigt ihm, ein anderer seiner Frau die Mündung einer Waffe und legte die Finger auf die Lippen. Beide schwiegen wie erstarrt.
Hank hatte keine Chance. Die Kopfhörer im Ohr hätten auch die Laute übertönt, die normale Schritte erzeugt hätten; das Sondereinsatzkommando kam auf Socken und völlig lautlos. Er schaffte zwar den Griff in Richtung des Funkauslösers noch, aber die Einsatzkräfte waren wegen des Sprengstoffs gewarnt.
Es war ausgerechnet der Sprengstoffhund, der den Beamten die geheime Kabine zeigte, weil diese mit Sprengmitteln versehen war, um schnell vernichtet werden zu können. Die Einrichtung entsprach genau der Beschreibung, die die Frau des Justizangestellten und ihre Kinder der französischen Küstenwache gegeben hatte. Selbst die Stelle, an der sie versucht hatten, sich durch die Wand zu kratzen, war zu sehen.
Das reichte, um alle zu verhaften und nach Hamburg zu bringen. Damit nicht wieder ein Überfall auf einen Gefangenentransport versucht werden konnte, wurden die Gefangenen mit dem Hubschrauber der Bundespolizei geflogen.
27.04.2006 Hamburg 11 Uhr 20
Benno von der Lohe lächelte. „Kommen Sie doch ruhig herein. Selbstverständlich können Sie die Gasleitungen im Keller kontrollieren. Allerdings müssten die seit Jahren ohne Druck sein. Damals wurde der Anschluss an der Straße abgeklemmt.“ Er ließ den Mann mit seinem Messgerät alleine durch den Keller wandern. Da könnte er messen, solange er wollte. Er würde keinen Hohlraum finden. Schon gar nicht in der Art, in der der suchte. Das war schon der dritte öffentliche Bedienstete, der ihn heute langweilte. Seine Gegner waren Tölpel.
Der Mann von den Gaswerken war verärgert. Er verstand nicht, weshalb er in einem Haus ohne Gasanschluss nach Gas suchen sollte. Mürrisch und gelangweilt ging er alle Räume ab und war froh, als er das Haus wieder verlassen konnte. Niemand interessierte sich für sein Ergebnis. Nur das neue Messgerät musste er abgeben. Natürlich konnte er nicht wissen, dass er nur ein Ablenkungsmanöver war. Das Messgerät war eine Kamera, die die Räume aufnahm und elektrische Felder maß. So entstand über den Schornsteinfeger, den Mann von den Wasserwerken, einen Elektriker und zwei Funkmesswagen der Post ein sehr genaues Bild von dem Haus und seiner Elektronik.
Helga und Tatijana warteten darauf, dass Benno seinen Bau verließ. Aber er tat ihnen den Gefallen lange nicht. Er sagte sogar Termine ab. Schien dann aber umzuschalten und machte neue mit viel Öffentlichkeit.
Nach wenigen Minuten wussten sie auch, warum. Das Geistprogramm hatte die letzten Mails und sonstige Änderungen aus Bennos Computer übertragen.
Darin fand sich auch eine, in der er von einem leitenden Oberstaatsanwalt aufgefordert wurde, sich mutig zu zeigen. Es seien ja schließlich nur ein paar Privatermittler, die versuchten an seinem guten Ruf zu sägen. Ohne etwas in den Händen zu haben.
Zwar war der Staatsanwalt nicht in die Ermittlungen involviert, aber Frau Weißbach machte sich fleißig Notizen. Das würde wohl sehr bald das Ende einer Karriere sein.
Benno hatte für den Nachmittag den Besuch einer Vernissage zugesagt. Tatijana wollte vor seinem Eintreffen schon dort sein, aber Helga bremste: „Er soll doch wissen, dass wir die Köder sind, also folgen wir ihm deutlich. Sonst müsste er sich doch fragen, woher wir seine Plänen kennen.“
Da Helga recht hatte, fügte sich Tatijana.
Diesmal fand die Jahrestagung der Blues Brothers in Hamburg statt. Vier schwarze Fahrzeuge, mit jeweils vier schwarzgekleideten Herren, die mit Knopf im Ohr und Sonnenbrille sogar die Aufmerksamkeit eines Betrunkenen erregten, der vor dem Ausstellungsgebäude unbedingt wissen wollte, ob da ein Film gedreht würde.
Benno verstand zwar die Idee hinter dem Auftrieb, sah es aber als Verzweifelungstat. Im Haus hatten sie nichts gefunden, jetzt wollten sie ihn aus der Reserve locken. Er würde ihnen etwas husten.
Als die beiden Frauen hinter ihm auftauchten, war die Sache klar für ihn. Er hatte Bilder des gesamten Ermittlerteams von seinem Staatsanwalt bekommen. Mein Gott, waren die dämlich. Typisch für Versicherungen, sich solche Schwachköpfe andrehen zu lassen.
Tatijana mimte die naive Blondine und Helga die abgeklärte Grande Dame. Dabei amüsierten die beiden sich wirklich königlich, zumal die Ausstellung sich im wesentlichen mit dem besten Stück des Mannes beschäftigte, das die Künstlerin aus unterschiedlichen Materialen in unterschiedlichen Darstellungsformen zum Mittelpunkt ihrer Ausstellung und wohl auch ihres Lebens gemacht hatte.
Tatijana hatte ihre Freude an einem grellbunten Exponat, das eher in die siebziger Jahre gepasst hätte und sich durch ein zusätzliches Bällchen auszeichnete, ansonsten, abgesehen von der Größe, der Natur sehr entsprach.
Helga hatte auch eine Erklärung für das dritte Bällchen: „Das braucht er, damit er nicht umfällt, wenn du ihn auf den Stuhl stellst.“ Daraufhin brachen beide in Gelächter aus.
Beim nächsten Exponat bemängelte Helga, dass das dargestellte Pferd eben kein Springpferd sein könne, weil der fünfte Fuß jedes Hindernis erledigen würde. So alberten sie sich durch die Ausstellung und hatten damit das Interesse einiger Herren und vor allem Bennos erweckt. Er hatte seinen Spaß an dieser recht freien Form der Kunstbegutachtung und Kunstkritik, wollte aber nicht auf den erstbesten Haken beißen, sondern das Spiel ein Weilchen laufen lassen. Der Gegner sollte ja nicht misstrauisch werden. Nach der Vernissage ging es in ein Restaurant, von da in eine Bar.
Helga und Tatijana tauchten überall da auf, wo Benno war. Ebenso die Blues Brothers in Black. Die Situation bekam kafkaeske Züge und machte allen Beteiligten sichtlichen Spaß.
Irgendwann war es dann soweit. Tatijana pirschte sich an Benno von der Lohe heran, der an der Theke stand und auf seinen Daiquiri wartet. Sie schlenderte mit einem dieser ekelig süßen Cocktails in Pink an ihm vorüber, stolperte und übergoss seinen blütenweißen Anzug damit.
„Oh mein Gott, das ist ja grässlich! So eine Schweinerei. Sie sehen mich zutiefst bestürzt“, rief sie verzweifelt und fiel auf die Knie, rieb mit einem Taschentuch an den rosa Flecken herum, rang dazwischen die Hände.
Benno ärgerte sich insgeheim über diese Tussi von Detektivin oder was sie war, aber er sagte: „Ich bitte Sie, so schlimm ist das auch nicht. Obwohl die Farbe Ihres Getränkes tatsächlich schauerlich ist. Schmeckt das denn?“ Er bot ihr seine Hände, aber Tatijana blieb auf den Knien und schüttelte den Kopf. „Ich bin ja so dumm“, sagte sie mit ihrem schönsten Augenaufschlag und beugte den Oberkörper in seine Richtung, damit er in ihr Dekollete glotzen könne.
Helga fand, es wäre an der Zeit einzuschreiten und startete los. Schon von Ferne rief sie durch den Raum: „Tati, wie kannst du nur! Der arme Mann! Das geht doch nie wieder aus dem Anzug raus!“ Dann war sie schon neben ihr und riss Tatijana an ihrem Zopf. „Schäm dich“, schimpfte sie, „dafür gibt es eine Strafe!“
Benno von Lohe staunte nicht schlecht, als Helga der kleinen Blonden eine knallte.
„Vergib, Herrin“, flüsterte Tatijana.
Also spielten die zwei Weiber Zofinnenspiele, dachte Benno. Ob das die anderen Ermittler wussten?
Herrin und Dienerin, das konnte er sich nicht entgehen lassen. „Halb so schlimm, meine Dame“, sprach er Helga an, die immer noch außer sich war. Wieder streckte er die Hand aus, um Tatijana hoch zu helfen, und diesmal nahm sie an. Mit gesenktem Kopf stand sie neben Helga, die sich überschwänglich bei Benno entschuldigte.
Er winkte ab: „Es ist ohne Bedeutung. Ich würde mich allerdings gern umziehen fahren. Wollen Sie mich nicht begleiten?“
Die Aussicht, die zwei Agentinnen in seine Höhle zu locken, ließ seine Augen fiebrig glänzen. Er musste nur darauf achten, dass Zeugen sie das Haus auch wieder verlassen sahen.
Er hatte da ein paar nette Drogen, die die Sache spaßig machen würden. Während Tatijana die Pose der Zofe beibehielt, antwortete Helga: „Aber sehr gern! Wir fühlen uns geehrt.“
Die Bluesbrothers folgten diskret und die anderen Ermittler hatten sich längst um die Neidmühle postiert, um der Dinge zu harren, die da folgen sollten. Erleichtert konstatierte das Team, dass die Mädels es geschafft hatten, als sie mit Benno das Gebäude betraten.
27. April 2006 Hamburg 21 Uhr 30
Mittlerweile liefen die ersten Verhöre der Besatzung des Binnenschiffes. Natürlich hatte niemand irgendetwas gewusst. Der geheime Raum war genauso unbekannt wie die beiden abwerfbaren Schmuggelbehälter am Schiffsboden, und niemand wusste etwas über Sprengstoff.
Es würde noch dauern, bis die DNA-Spuren aus dem Raum ausgewertet waren, aber Hank war von den Zeugen im Beisein eines deutschen Konsularbeamten nach einem Foto erkannt und eindeutig identifiziert worden. Eine Gegenüberstellung würde erst in einigen Wochen erfolgen können, um wenigsten etwas Genesungszeit für die Opfer zu bekommen.
Noch waren sich Staatsanwaltschaft und Ermittler nicht einig, ob diese Vorwürfe schon jetzt in die Verhöre einfließen sollten, oder erst nach einer Gegenüberstellung. Vorläufig reichten der Sprengstoff und die Schmuggelvorrichtung als Haftgrund aus.
Johann und Mücke drängten darauf, einen Gang hochzuschalten, aber hier hatten sie nur beratende Funktion. Dann schlug plötzlich die Stimmung um. Die Gutachten der französischen Militärärzte waren endlich übersetzt worden. Gerade Hanks Vorgehen, bei dem die Ware nicht allzu sehr zu beschädigt wurde, kam ihnen sofort bekannt vor.
Sie hatten einige Berichte gefunden, in denen ein ähnlich grausames Vorgehen beschrieben worden war und sie hatten auch einen Namen. Hank war Gustav oder Gustavo ten Djeipen. Südafrikaner, Bure, gesucht in halb Afrika. Sprengstoff- und Vernehmungsexperte.
Cecil Whiteness rief ungefähr zur gleichen Zeit an: „Homer und ich haben gerade das System weitergefüttert. Hanks Handy und das von Benno von der Lohe haben sich am Abend des Brandes und zur Zeit der Explosion im Brandhaus oder zumindest doch in der Nähe befunden. Es sieht aus, als ob Hank Benno von einem Parkplatz abgeholt hat und auch wieder dort abgesetzte.“
„Stammt das aus verwertbaren Ergebnissen oder ist das geheim?“, fragte Johann, „Ich brauche etwas, um hier Druck zu machen.“
„Leider nicht, Johann, CIA Quelle. Aber wenn du bei einem Richter die Abfrage der Mobilfunknetze beantragst, wirst du das Ergebnis auch gerichtsfest bekommen. Kann dauern.“
Johann wandte sich an den Staatsanwalt und teilte ihm die Erkenntnisse mit.
„So schön solche Quellen sind. Aber erzählen Sie mir mal, wie beantrage ich etwas, von dem ich nicht wissen darf, das es passiert ist, ja, wo ich das nicht einmal vermuten kann?“
„Nichts einfacher als das“, antwortete Mücke, „Die Bilder bei Schillke sind nachträglich aufgehängt worden. Der Besitzer muss sie Hank übergeben haben. Hank kann überprüft werden, weil ein Teil des Sprengstoffes der gleiche war, wie auf dem Schiff. Bei mir in Berlin fressen die Richter diese Kette immer. Allerdings sage ich ihnen auch, wenn ich schon vorher Bescheid weiß. Es macht keinen Sinn, sie zu belügen.“
Der Staatsanwalt antwortete: „Ich werde auch nicht lügen, aber doch wohl lieber auslassen. Wie kommt so ein armer kleiner Staatsanwalt an CIA-Erkenntnisse, der Richter wird jedes Mal argwöhnisch sein, wenn ich in Zukunft einen Antrag stelle. Gut, wenn ich weg bin, können Sie ja eine Weile die Vernehmung fortsetzen. Sofern die Hamburger Kollegen nichts dagegen haben. Steter Tropfen höhlt den Stein.“
Da Hank immer noch nicht nach einem Anwalt gefragt hatte, überließen sie Mücke und Johann das Feld. Mücke griff sich eine typische Verhörmappe, die nur dazu diente, den Verdächtigen unruhig zu machen. Während der überlegt, was um Himmels willen alles in der Mappe über ihn stehen mag, passt er an anderen Punkten meist nicht auf. Natürlich sortierte Johann auch ein paar aktuelle Bilder und Schriftstücke ein.
MM stellte sich vor: „Mein Name ist Michael Mücke, ich bin von der Kripo. Das ist Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf. Er interessiert sich für die psychologische Komponente Ihres Falles.“
Johann zog eine runde Drahtbrille mit purem Fensterglas aus dem Jackett und setzte sie auf: „Wollen Sie nicht lieber zuerst Ihren Anwalt verständigen? Das macht einiges einfacher, wir können Ihnen auch einen besorgen.“
Hank grinste in sich hinein, also hatten sie schon einen Gehirnklempner geholt. Alles lief nach Plan. Der Sprengstoff würde kaum ins Gewicht fallen und die Geheimkammer war eben schon immer da gewesen. „Ich habe nichts getan, ich brauche keinen Anwalt. Fragen Sie nur, was immer sie wissen wollen. Ich helfe Ihnen gerne“, gab Hank zur Antwort.
„Gestatten Sie, dass ich auf meinem eigenen Gerät einen Mitschnitt unserer Unterhaltung fertige, falls das für eine spätere Begutachtung gebraucht wird?“, fragte Johann und stellte sein Handy auf den Tisch. In dem großen Display lief ein buntes Lichtsignal nach zufälligen Regeln.
„Selbstverständlich!“, antwortete Hank, der sich ein leises Grinsen nicht verkneifen konnte.
MM legte ihm die Fotos der drei Vergewaltigungsopfer vor, die sie von den französischen Kollegen hatten. Es waren zwei Serien von Nacktaufnahmen in der Totalen mit Vor- und Rückansicht.
„Hank, was empfinden Sie, wenn sie diese Bilder sehen?“ Johann sah ihn interessiert an.
Hank wusste nicht, wie sie an die Bilder gekommen waren, aber die Leute lebten und würden aussagen. In dem Punkt war er im Arsch. Er verfluchte sich selbst. Warum hatte er die nur nicht alle gemacht. Nun musste er umdenken. Zum Glück hatte er den Psychoonkel. Dem würde er schon das Blaue vom Himmel herunterlügen. Deswegen sagte er: „Ich ... ich empfinde Abscheu. Ich mag so etwas eigentlich nicht. Aber sie haben mich immer wieder gereizt. Vor allem die Tochter. die konnte gar nicht mehr aufhören.“
„Also war das nur am Anfang eine Vergewaltigung und am Ende einvernehmlich? Wissen Sie, wie oft Sie es mit jedem getan haben?“
Der Psychodoktor war echt doof.
„Eigentlich wollten sie es von Anfang an. Sie konnten es nur nicht so richtig zugeben, weil sie doch alle in dem einem Raum bleiben mussten. Sie wissen doch, wie sich das dann entwickelt. Sie senden dauernd Signale aus und ich bin schwach geworden.“
„Gut, lassen wir das.“ MM legte das Tatortfoto von dem getöteten Justizbeamten vor Hank auf den Tisch. „Was können Sie uns dazu sagen?“
„Das ist der Mann von denen. Ich wusste gar nicht, dass er tot ist. Dem sollte ich mit meiner Stimme Angst einjagen, damit er meinem Auftraggeber etwas verrät über Gefangenentransporte. Ich weiß aber nicht, worum es dabei genau ging.“
„Wer war Ihr Auftraggeber?“
Hank triumphierte innerlich. Mensch, was waren die naiv! „Ach, so ein polnischer Söldner, den habe ich mal in Serbien kennen gelernt. Der hatte den Job für mich. Ich weiß aber nur, dass er Sammy heißt. Er rief mich an, am Display wurde keine Nummer angezeigt.“
MM machte in seiner dicken Akte einen imaginären Haken: „Schön, vielleicht kommen wir ja da mit unseren polnischen Kollegen weiter. Kennen Sie diese Person?“ Er zeigte Hank ein großes Foto von Benno von der Lohe.
Hank erschrak, zum Glück war Benno vermummt gewesen. Niemand konnte sie zusammen erkannt haben. Ob es doch eine Kamera irgendwo gegeben hatte? Er zögerte: „Nein... nein, ich glaube nicht, dass ich den schon mal gesehen habe. Zumindest nicht bewusst.“
Das Aufzeichnungsgerät von dem Idiotendoktor gab immer wildere Lichtimpulse von sich. Sah fast aus wie ein Ufo.
„Seltsam, seltsam.“ Mücke blätterte in der Akte, „Sie kennen den Mann nicht, haben ihn, vier Bilder aus seinem Auto und sein Telefon aber am Parkplatz an der Schröderstifterstraße aufgenommen und sind mit ihm zum Nicolaifleet gefahren. Kennen Sie diesen Mann denn wenigstens? Er war in dem Haus, das Sie in die Luft gejagt haben, inklusive ein paar Jungen.“ Er blätterte Hank weitere Fotos vor. „Ach ja und nachdem Sie die Sprengung ausgelöst haben, sind Sie gemeinsam mit von der Lohe zum Parkplatz zurückgefahren. Dort haben Sie sich voneinander getrennt.“
Hank griff sich an Kopf, als würde ihm nun eine vage Erinnerung anfliegen, dann sagte er: „Ach, den meinen Sie! Ja. Stimmt. Ich hab ihn gefahren. Ich konnte ihn wirklich nicht aufhalten. Er war bewaffnet. Eigentlich sollte ich ihm nur helfen, da rein zu kommen. Dann hat er die Knaben und den Mann erschossen. Ich musste die Bilder aufhängen und andere mitnehmen. Ich konnte doch nicht wissen ...“
„Nein, natürlich konnten Sie nicht wissen. Aber können Sie bestätigen, dass es dieser Mann war?“ Johann spielte die Stimme Bennos von seinem Handy ab.
„Ja, ja, das war der Irre, ich erkenne ihn genau. Der hat auch das Haus gesprengt. Seien Sie nur vorsichtig.“ Hank rieb sich die Augen. „Herr Doktor, ich fühle mich so müde, könnten Sie mir etwas verschreiben?“
„Wir werden jetzt noch einiges überprüfen müssen, aber wenn Sie uns die Wahrheit gesagt haben und jetzt Ihre Aussagen noch einmal präzise bei den Kollegen hier machen, dann werden wir sehen, was wir für Sie tun können.“
Sie verließen den Raum und Mücke meinte grinsend: „Lebenslänglich und anschließende Sicherungsverwahrung dürfte das Mindeste sein. Mit etwas Glück traut der keinem Seelenklempner mehr und versucht gar nicht, auf unzurechnungsfähig rauszukommen.“
27. April 2006 23 Uhr 50
Benno hatte schon während der ganzen Fahrt eine seltsame Erregung in sich gespürt. Wie die Herrin ihrer Zofe eine geknallt hatte. Das mit anzusehen war ja fast noch schöner als selbst mit der Peitsche zuzuschlagen. Natürlich wollten die in erster Linie seine Höhle überprüfen, aber vielleicht konnte ja trotzdem noch reichlich Spaß für ihn dabei rausschauen.
Im Eingang schaltete er vorsichtshalber die Kameraüberwachung für das gesamte Gebäude ab. Er wollte sich ja nicht selbst dabei filmen, wie er dieses blonde Miststück nahm. Auf dem Weg an der Zofe vorbei presste er die Hand auf ihren Hintern und quetschte richtig zu.
„Ohh“, stöhnte Tatijana und streckte ihre Brüste raus. Der Schmerz war ihr egal. Er sollte sie ruhig ein wenig kratzen.
Helga lachte glockenhell und sagte: „Wollen Sie sie wirklich schon hier bestrafen? Ziehen Sie sich doch erst einmal den Anzug aus.“
Bennos Erregung stieg. Die wollte sogar, dass er die kleine Nutte bestrafte. Das hatte er ja noch nie erlebt. Schade, dass sie für die Versicherung arbeiteten. Davon hätte mancher Mann träumen können, dachte er und antwortete: „Ich hab es nicht eilig. Aber ich mag es, wenn die Regeln immer wieder mal wiederholt werden. Schmerz ist ein Instrument, das auch zur Übung dauernd gespielt werden muss.“ Diesmal griff er unter Tatijanas Kleid und krallte sich in ihrer Pobacke fest.
Die Russin war sich nicht sicher, ob er wirklich ihre DNA unter seinen Fingernägeln hatte. Lieber noch etwas abwarten. Er wollte seine Marken an ihr setzen. Das war klar. Also noch ein wenig Schmerz, und die Sache war sicher. Sie stöhnte ihre Qual heraus und presste sich gleichzeitig an Benno.
Er bugsierte die beiden in sein Schlafzimmer. Dort schob er einen Hocker in die Mitte des Raumes und befahl Tatijana, sich auf den Hocker zu knien. Dann riss er ihr die Brüste aus dem Kleid, drückte ihren Leib nach vorne und legte ihren Hintern frei. Den Slip fetzte er einfach aus dem Weg.
Die ‚Herrin’ Helga tat so, als ob sie die Sache nichts anging und lächelte Benno aufmunternd an. Er war inzwischen aus dem pinkgefleckten Anzug gestiegen und hatte sich einen Bademantel gegriffen.
Er wusste, dass er ihr nicht ernsthaft weh tun durfte, aber er würde sein Zeichen setzen, sozusagen seine Markierung, bevor er den Damen im Wohnzimmer Champagner anböte. Vielleicht der blonden Zofe auch seinen eigenen.
Benno griff noch einmal voll in Tatijanas Pobacke, krallte seine Nägel tief in ihr Fleisch und drehte dabei die Hand. Nun brauchte sie keinen Schmerz zu spielen, sie jaulte auf, fuhr herum und schlug Benno sehr schnell und sehr systematisch zusammen. Dann grinste sie Helga an. „Herrin, Sie können jetzt telefonieren. Herr von der Lohe ist angerichtet.“
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42. Schiff Ahoi
Für jedes Schwein kommt sein Schlachttag.
Aus Spanien
27. April 2006 Hamburg 8 Uhr 20
Pünktlich zum Frühstück lagen die vorläufigen Berichte der Brandermittler vor. Um sie zu erläutern und für Rückfragen, war extra ein Beamter erschienen, der sich nun das Frühstück schmecken ließ und dabei vortrug: „Brandursache ist die Sprengung eines Rapsöltanks. Allerdings wurde der Tank mit zwei völlig unterschiedlichen Sprengsystemen bestückt, von denen nur die Funkvariante ausgelöst wurde. Sie zündete alle vier Sprengsätze, während die Handyvariante nur zwei gezündet hätte. Wir gehen deshalb davon aus, dass jemand zwei Ladungen zusätzlich angebracht hat und diese mit den vorhandenen verbunden hat.“
„Wie können Sie sicher sein, dass nur der Funkzünder benutzt wurde?“, wollte Homer wissen.
„Der Handyzünder wurde praktisch weggesprengt, also muss die Zündung an einer anderen Stelle in diesem Sprengpaket erfolgt sein. Es waren übrigens auch unterschiedliche Sprengstoffe. Die zweite und wie wir meinen, spätere Ladung war eindeutig militärisch. NVA oder auch französische Marine.“
„Warum ist eigentlich nicht das ganze Haus abgebrannt?“, war Homers nächste Frage.
„Weil der Tank auseinander geblasen und das Rapsöl zunächst im Inneren verdichtet wurde und dann schlagartig nach unten entweichen konnte. Es gab nur wenig Verteilung von dem Öl und noch dazu ist es kein Brandbeschleuniger.“
Johann sah ihn fragend an: „Ich hab schon ganze Rapsfelder brennen sehen, weil nur ein Häcksler ein wenig heiß gelaufen ist. Da hätte doch brennen müssen wie die Hölle?“
„Das hat der Besitzer auch gehofft. Aber sie kennen doch Schmiede, die glühendes Eisen in Dieselöl abkühlen. Öl ist schwer entflammbar. Auf dem Acker führte die Sonneneinstrahlung bei wenig Wind zu einem Öl-Luftgemisch das leicht entzündlich ist. Aber dazu war es im Haus zu kalt.“
„Wie meinen Sie? Der Besitzer hat den Tank nur für eine Sprengung einbauen lassen. Um warm abzubrechen?“, fragte Mücke, „Ist dass nicht ein bisschen viel Aufwand, um Spuren zu verwischen?“
„Die Heizung, für die der Tank angeblich gedacht war, wurde nie gebaut, bestellt oder auch nur angefragt. Der Besitzer wollte den Tank wahrscheinlich wirklich nur, um das Gebäude im Notfall schnell abfackeln zu können. Wir haben sechs Zellen gefunden, die Gefangenen wären alle mit verbrannt, hätte es sich um Benzin gehandelt anstatt um Öl.“
Der Kollege von der Mordkommission fuhr fort: „Die Zellen waren leer, aber wir haben drei tote Jungen gefunden. Sie müssen vor ihm gekniet haben, bevor er sie in den Kopf schoss. Zwei müssen noch gelebt haben, die haben jeweils einen weiteren Einschuss. Die Fingerabdrücke Schillkes sind auf der Waffe, Schmauchspuren an seiner rechten Hand. Kein direktes Anzeichen für Fremdverschulden.“
„Moment mal.“ Mücke war plötzlich hellwach: „Kein direktes Anzeichen für Fremdverschulden, heißt doch, dass ihr einen ganzen Arsch voll indirekter Anzeichen habt oder einfach das meiste nicht zusammenreimen könnt. Die Sprache kenne ich von meinen Leuten in Berlin. Was also ist los?“
Der Brandermittler grinste. „Wir sagen Fremdverschulden. Es gab nichts, was die Zündung hätte auslösen können in der Wohnung. Die Fenster waren geschlossen, also kann er auch nichts rausgeworfen haben. Wie bitte schön, hat er dann die Ladung gezündet und sich erschossen? Außerdem sind Bilder umgehängt worden. Das sieht man an den Spuren an der Wand. Das muss kurzfristig passiert sein.“
Irgendetwas daran störte Tatijana. Sie stand auf und ging im Raum umher.
Der Kripomann redete weiter: „Wir haben den Obduktionsbericht noch nicht, aber da wird klar Selbstmord rauskommen. Vielleicht hat ein anderer die Sprengladung gezündet oder irgendeine Automatik, die wir nicht erkannt haben. Vielleicht musste man alle sechs Stunden anrufen, damit es nicht bumms macht.“
Tatijana wanderte immer noch auf und ab, was Johann ein Stirnrunzeln entlockte, aber der Brandermittler ließ sich so leicht nicht irritieren: „Es war ein reiner Funkzünder, ohne jede weitere Elektronik und ohne jeden Krimskrams. Reichweite vielleicht zwei Kilometer, digital im militärischen Frequenzbereich. Wir haben bei der Marine angefragt, aber noch keine Antwort. Die müssten das Signal archiviert haben.“
Cecil beobachtete Tatijana, sah aber jetzt ihre Chance den Dingen eine Wendung zu geben: „Können Sie mir die Frequenz nennen? Vielleicht kann ich helfen.“ Sie notierte die Angabe und griff zum Handy.
Plötzlich brüllte die Russin: „Der Arsch war Linkshänder, der trug die Uhr rechts und bei der Aufnahme mit dem Tontaubenschießen schoss er auch links. Wieso sollte der sich in die rechte Schläfe schießen?“
Der Mann von der Mordkommission rief sofort die Kollegen an, die sich im Haus des Toten befanden. Die Ehefrau bestätigte, dass ihr Mann Linkshänder gewesen sei. Dass er auch sonst alles falsch gemacht habe, gab der Mann nicht weiter. Die Liebe und Wärme, die hier herrschte, hatte er bei sich zu Hause noch nicht einmal in der Tiefkühltruhe. Frau, Tochter und Sohn berührte der Tod des Ehemannes und Vaters überhaupt nicht. Hier gab es Motive für mehrere Morde, aber er würde das lediglich in seinen Bericht schreiben. Häuser an der Elbchausee gehörten normalerweise nicht zu seinem Tätigkeitsbereich.
Fast gleichzeitig mit diesen Meldungen gingen auch die Berichte aus der Gerichtsmedizin ein. Der Einschusswinkel stimmte nicht für einen selbst durchgeführten Schuss. Die Haltung wäre viel zu verdreht gewesen. Die Schmauchspuren an der rechten Hand hatten zudem fehlende Bereiche, wie sie entstehen, wenn eine Hand von einer anderen umfasst wird. Außerdem hatte der Tote seit längerer Zeit nicht mehr gebadet und dadurch Entzündungen an diversen kritischen Stellen zwischen den Beinen und unter den Armen, die nicht versorgt worden waren. Es handelte sich um Mord. Wahrscheinlich Mord an einem schlecht gehaltenen Gefangenen.
Johann übernahm jetzt wieder die Führung: „Wir können davon ausgehen, dass Schillke von demjenigen erledigt wurde, in dessen Auftrag er arbeitete, oder vielmehr, ein Killer ist gebucht worden. Bisher haben wir da nur einen möglichen Namen. Benno von der Lohe. Wie gestern schon abgesprochen, werden sich Tatijana und Helga heute an alle die Orte begeben, an denen er auch auftaucht. Ich habe dafür bereits einen Wagen organisiert. Übertreibt es nicht, aber wir müssen an den Kameraden ran.“
Tatijana verabschiedete sich mit einer militärischen Ehrenbezeugung und einem tiefen Diener vor der Versammlung, während Helga nur einen Knicks machte.
Johann lächelte gequält: „Frau Weißbach, wenn die Hamburger Behörden einverstanden sind, würde ich Herrn Nixon bitten, die Bilder in die USA in das Laboratorium bringen zu lassen, das wir schon einmal eingesetzt haben, um festzustellen, ob es die Originale sind oder auch nur Kopien. Das sollten wir mit allen Bildern aus der Wohnung machen, die in Frage kommen.“
Frau Weißbach nickte: „Wir haben dafür keine Laborkompetenz, das Angebot nehmen wir gerne an, Sie müssten allerdings für den Transport und die Versicherung sorgen, da wir auch dafür keine Mittel haben.“
„Wenn die Bilder nicht zu groß sind, könnten die Piloten die mich gebracht haben, sie mit der Super Hornet rüberfliegen“, bot Cecil an.
Johann überlegte kurz: „Nein, die passen da schon rein, wenn nicht das neue Radar eingebaut wurde. Aber die Maschinen damit sind ja noch nicht in Europa. Der Versicherungsschutz ist auch gegeben. Also weg mit den Dingern. Frau Weißbach, ich wäre dafür, das wir der Presse sagen, Schillke wurde ermordet und wir haben bereits einen Täter im Visier.“
„Ich werde den Namen von der Lohe nicht nennen, ohne klare Beweise zu haben.“
„Sie sollen den Namen gar nicht erwähnen. Es reicht, wenn von der Lohe weiß, dass wir hinter ihm her sind. Ich will ihm ein Spielchen anbieten und hoffe, dass er arrogant genug ist, darauf einzugehen.“
Was Frau Weißbach nicht wissen konnte, war, dass MM bereits über ein E-Mail-Konto, das ins Nichts führte, Kopien des Vernehmungsprotokolls von Olav Geiger an die Presse geschickt hatte.
Dummerweise wollte Frau Weißbach allein die Lorbeeren ernten und führte die Pressekonferenz selber. Als sie den Mord bekanntgab und davon sprach, es gäbe bereits einen Tatverdächtigen, prasselte der Name Benno von der Lohe von allen Seiten auf sie ein. Sie versuchte, einen eleganten Eiertanz hinzulegen, scheiterte aber komplett. Selbst dem Dümmsten war nun klar, dass Benno verdächtigt wurde, es aber anscheinend nicht für einen Haftbefehl oder ähnliches reichte.
27. April 2006 Hamburg 10 Uhr 30
Benno hatte aus seinen Pressekontakten schon früh von der Berliner Vernehmung gehört. Da er nun wirklich keinen Olav Geiger kannte oder jemals getroffen hatte, ließ ihn dessen Aussage kalt. Er war sich sicher, das war ein Schuss ins Blaue, um der Polizei die Möglichkeit zu Ermittlungen zu geben. Aber es wurde Zeit, eine weitere Versicherung abzuschließen.
Er fuhr zu einem Zahnarzt, der eigentlich nur ein Problem hatte, das darin bestand, dass er viel Geld für Koks brauchte und er eigentlich keinen Doktortitel hatte und auch sein Name nicht stimmte. Aber er tauschte kommentarlos einen von Bennos Stiftzähnen gegen einen anderen aus. Das machte er sehr vorsichtig. Ein toter Benno von der Lohe auf seinem Zahnarztstuhl hätte ihn endgültig erledigt.
Benno prüfte den neuen Zahn im Spiegel. Da war kein Unterschied zu erkennen. Aber das Gefühl im Mund und im Kopf war ungewohnt. Immer wieder prüfte er mit der Zunge seine letzte Versicherung.
Er dachte auch kurz darüber nach, die Zigeunerinnen zu entsorgen. Aber er entschied sich dagegen. Die Neidmühle war seine Burg. Die würden sie so schnell nicht stürmen können. Wahrscheinlich würden sie versuchen, mit einem Trick hereinzukommen. Darauf war er gut vorbereitet.
Selbst jemand, der wusste, wonach er suchte, würde kaum etwas finden können. Dazu waren seine Vorkehrungen zu gut und zu sicher. Es würde ein nettes Spiel werden. Hoffentlich gab sich die Gegenseite Mühe, obwohl er als Sieger schon jetzt feststand.
27 April 2006 Hamburg 10 Uhr 45
Die 'Anna Maria Kornmann' war ein älterer und für die heutigen Zeiten viel zu kleiner Containerfrachter. So war sie in der Schiffshierarchie immer weiter nach unten gerutscht und lief nun mit zwei anderen Schiffen für eine kleine Reederei, die mehr tot als lebendig war.
Nur die deutsche Flagge hatte sie immer beibehalten, weil das in vielen Häfen weniger Kontrollen bedeutete, da die Deutschen selber für ihre Kontrollwut bekannt waren.
Mit den guten Geschäften waren auch die guten Manieren und die Moral verloren gegangen. Es gab keine Fracht mehr, die sie nicht genommen hätte und keinen Hafen, den sie nicht anlief. Aber selbst der Waffen- und Menschenhandel brachte nicht genug, um das Schiff in Ordnung halten zu können, vielleicht wollte das auch niemand mehr. Vielleicht wartete man nur noch auf die richtige Fracht, um als Versicherungsschaden zu den Fischen gehen zu können. Die Mannschaft war auf alles gefasst.
Nachdem der Hafenlotse in Teufelsbrück vom Elblotsen abgelöst worden war, kam das Schiff am Schulauer Fährhaus vorbei, wo an der Willkomm Höft die Schiffe, die nach Hamburg kommen begrüßt und die ausfahrenden Schiffe auch wieder verabschiedet werden.
Vor der Höft lagen zwei Schnellboote der Bundesmarine und was den Lotsen noch mehr verwunderte war, dass es von der Höft keinen Gruß für die ausfahrende 'Anna Maria Kornmann' gab. Das war in seinen fünfzehn Dienstjahren noch nie vorgekommen. Noch verwirrter war er, als bei Pagensand zwei weitere Schnellboote, die wohl von Glücksstadt gekommen waren und zwei Kutter der Küstenwache, sowie diverse Zollboote den Weg versperrten. Ein Blick auf den Radarschirm zeigte ihm, dass beim Bieshorster Sand die Tür nach hinten von den zwei Schnellbooten dicht gemacht wurde, die sie vorhin noch beim Schulauer Fährhaus gesehen hatten.
Der Kapitän wurde bleich. Die Küstenwache fragte zwar höflich per Funk, ob sie längsseits kommen dürfte. Die Frage war allerdings rhetorisch, da die mit hoher Geschwindigkeit heranbrausenden Schiffe schon längsseits anlegten.
Die vier Zentimeter Schnellfeuerkanonen der Schnellboote waren bemannt und sichtbar auf die 'Anna Maria Kornmann' ausgerichtet. Drei Mannschaftsmitglieder sprangen über Bord und versuchten schwimmend nach Bützfleht zu flüchten.
Sie wurden von Booten des Zolls eingesammelt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Küstenwache und der Zoll nahmen die komplette Mannschaft zunächst einmal fest und brachten sie von Bord.
Dann wurde das Schiff an den Südkai des Hafens Glücksstadt gelegt weil, der Tiefgang durch die geringe Beladung des kleinen Containerschiffes gerade ausreichte. Vor allem aber, weil im dortigen Hafen die kommenden Aktionen kaum Aufsehen erregen dürften.
Schon während der Fahrt nach Glückstadt hatten Mitarbeiter der Küstenwache und des Zolls in mehreren Sprachen auf dem Schiff laut ihre Hilfe angeboten. Aber die Antworten kamen aus Containern, die so leicht nicht zu erreichen waren.
In Glückstadt wurde das komplette Schiff entladen. Insgesamt konnten über dreißig Frauen und sechzehn Kinder befreit werden. In zwei Containern, die angeblich Düngemittel enthielten, befanden sich Maschinen zum Export nach Nordkorea, die dort zum Bau von Raketensteuerungen benutzt werden sollten. In anderen befanden sich Waffen mit dem Ziel Niger. Der Zoll, die Küstenwache und die Polizei würden Monate brauchen, um den Fang auszuwerten. Die Gefangenen wurden in ein Bundeswehrlazarett verlegt.
27. April 2006 Hamburg 10 Uhr 50
Das Programm, das in der Nacht von außen auf Bennos Computern installiert worden war, nur als illegal zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung gewesen. Im Grunde waren es drei Programme.
Zuerst kam ein Trojaner mit der normalen Email. In diesem Fall war es eine Einladung zu einem Empfang nach einem Tennisturnier. Der Absender war bekannt und natürlich wurde die Mail geöffnet. Kein Virenprogramm schlug an, weil die wenigen Virenprogramme, die diesen Trojaner gesehen hatten, ihn auch nicht bemerkt hatten und es deshalb keine Erkennungssoftware dafür gab.
Der Trojaner hatte nur die Aufgabe, einen Geist zu laden. Der kam von irgendeinem Rechner, auf dem eigentlich Fotos gespeichert werden konnten, um sie anderen zu zeigen. Meist waren es Fotos, die man nicht auf dem eigenen Rechner haben wollte. Aber er hatte auch schon von einer normalen Photoseite den Geist geladen.
Der Geist überprüfte sich selbst, fand sich in Ordnung und löschte den Trojaner. Dann begann er im Systembereich des Windows ein paar winzige Änderungen vorzunehmen und parkte sich zum Schluss selbst dort.
Von da aus versandte er in kleinen Portionen den gesamten Inhalt aller Festplatten dieses Rechners und der mit ihm verbundenen Rechner. Das dauert ein Weilchen. Aber der Geist hatte ja Zeit. War erst einmal alles übertragen, beschränkte er sich darauf, nur noch stündlich nachzusehen, was sich verändert hatte und versandte diese Veränderungen.
Selbst wenn ein aufmerksamer Netzwerksadministrator vorhanden gewesen wäre, die Adressen der einzelnen Datenpakete waren unterschiedlich. Es gab nichts Verdächtiges.
Benno von der Lohe hatte seine Systeme von Fachleuten einrichten lassen. Die hatten an die Methoden der Konkurrenz und an die Polizei gedacht. Wie hätten sie einen ernsthaften Hackereinsatz erwarten können? Die Verschlüsselung alleine hätte im Normalfall erst in Jahren geknackt werden können. Als der Supercomputer anlief, brauchte er genau sechzehn Sekunden, um den Code zu finden, der die Verschlüsselung aufbrach. Davon war der größte Teil Ladezeit. Die Daten eines oder mehrerer anderer Rechner zu stehlen, ist die eine Sache, sie auszuwerten, eine völlig andere. Oft benötigen bestimmte Programme bestimmte Hardware oder haben Hardwareschutzeinrichtungen die Raubkopien verhindern sollen. Häufig ist aber der Datenaufbau schon so chaotisch, das es sehr viele Mühe macht, Relevantes zu finden.
Der Terminkalender war schnell lokalisiert, genau wie das versteckte Mailprogramm, das wichtige Korrespondenz, Adressen und Telefonnummern enthielt. Die geheime Buchhaltung und das ebenso geheime Archiv wehrten sich kräftig.
Nun lagen zwar Beweise in Mengen vor, die jederzeit einen Haftbefehl gerechtfertigt hätten. Aber sie konnten nicht benutzt werden, da sie illegal erlangt worden waren. Der Abgleich mit den Daten und Abhörprotokollen der CIA bestätigte die Vermutungen, war aber gesetzlich nicht für den Einsatz vor Gericht tauglich.
Johann und Huber überlegten kurz, ob es nicht sinnvoll sei, den ganzen Kram an die Presse zu lancieren, um dann einfach abzuwarten. Doch dafür war alles zu kompliziert. Ein paar gute Anwälte, ein jahrelanger Prozess und dann ein billiger Vergleich mit ein paar hunderttausend Euro.
Der Plan lautete, dass Helga und Tatijana von Benno in seine Neidmühle gebracht werden mussten. Sie sollten von dort um Hilfe rufen, damit etwas unternommen werden durfte. Dann und nur dann konnten die Computer zu Beweismitteln werden. Die einzige Chance, die versteckten Bilder zu finden.
Franz Huber und Homer Nixon waren für ein ruhiges Vorgehen. Die beiden Köder sollten immer wieder an Benno vorbeizuziehen, bis er anbeiße.
Tatijana wäre am liebsten auf seiner Türschwelle zusammengebrochen oder hätte sich von ihm anfahren lassen. Helga wollte einfach klingeln und Goldminenanteile in Kanada verkaufen. Johann und Mücke waren dafür, Benno in Form einer Treibjagd mit Pinkerton-Leuten zu umstellen und kräftig Lärm zu machen.
Die Störchin schlug einen Kompromiss vor: „Machen wir doch die Treibjagd. Tatijana und Helga lassen wir erst einmal als Angelköder laufen und gleichzeitig sollte Frau Weißbach alles an staatlichen Bediensteten in die Neidmühle jagen, was sie lostreten kann. Brandschutz, Stromableser, Schornsteinfeger, Wasserwerke. Dazu noch eine Kanalüberprüfung mit Kamera.“
„Das kann ich alles auslösen, aber wir haben keine geschulten Leute dafür“, wandte Frau Weißbach ein.
„Nicht nötig“, antwortete die Störchin, „nehmen Sie ruhig die Originalleute. Benno von der Lohe wird uns dann erst recht für völlig bescheuert halten und glauben, dass er durchkommt. Die ganze Treibjagd soll ihm doch nur unsere Hilflosigkeit demonstrieren.“
„Ich komme mir auch so ziemlich hilflos vor“, meinte Homer, „Wir haben keinen einzigen legalen Beweis, obwohl wir genau wissen, was gelaufen ist.“
„Vielleicht doch. Zumindest könnten wir einen solchen Beweis finden.“ Cecil Whiteness sah von ihrem Notebook auf. „Ich habe es gerade als Zusammenfassung an alle geschickt. Die Frau des Justizbeamten hat ausgesagt, dass sie mehrfach mit ihrem Mann telefonieren durfte und er sie angerufen hat. Die Telefonate gingen über Relaisstationen, damit sie nicht verfolgbar sind. Allerdings ist die Technik auch den Geheimdiensten bekannt. Sie funktioniert nämlich nur, wenn ein unhörbares Trägersignal mitgeschliffen wird. Das können wir verfolgen.“
„Du meinst, ihr wisst, wohin der Anruf ging? Die waren doch wahrscheinlich auf einem Schiff oder so. Aber da werden noch ein paar hundert andere Schiffe gewesen sein.“ Mücke war skeptisch.
„Kein Problem, MM. Das Schiff hat sich bewegt. Damit ist es einzeln lokalisierbar geworden. Das Handy ist Prepaid und gestohlen oder angeblich gestohlen. Aber es ist noch eingeschaltet und fährt ganz brav auf einem Binnenschiff. Derzeit ist es gerade auf dem Elbe Seitenkanal kurz vor dem weißen Moor und fährt auf die Abzweigung in den Mittellandkanal bei Edelsbüttel zu.“
Johann fragte: „Irgendwelche Schleusen, an denen wir sie stoppen könnten?“
Cecil Whiteness grinste erfreut. „Ja, Graf. Sülfeld, falls sie nach Osten wollen, aber ich tippe auf westliche Richtung und die Doppelschleuse Anderten, sonst hätten sie besser auf der Elbe bleiben können.“
Da keiner widersprach, griff MM zum Telefon und alarmierte die Bundespolizei und die Polizei von Hannover. Cecil sorgte dafür, dass ihre Leute das Handy im Auge behielten. Anderten bestätigte sich schnell.
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41. Liebessachen und ein Wohltäter
Sie sagte sich: Mit ihm schlafen, ja –
aber nur keine Intimität.
Karl Kraus
25. April 2006 Wien 16 Uhr 10
Helga hatte ihrem Hintern erklärt, dass er zu schweigen habe und war ebenfalls mitgekommen, sehr zum Missfallen Dragos.
Sie lachte höhnisch, als er sie bat, zu bleiben. Zu sehr hatte er sie gekränkt dieser Tage, als sie ihm einen Heiratsantrag gemacht hatte. Mit der fadenscheinigen Ausrede, er müsse erst eine richtige Existenz aufbauen mit seinem geplanten Musiklokal, hatte er glatt nein geantwortet.
Nun sagte sie, während sie den Trolley packte: „Vielleicht finde ich ja da oben einen Kerl, der meinen Heiratsantrag würdigt!“
„Aber Helga! Ich schwöre dir, du bist die Liebe meines Lebens. Und wir machen Hochzeit.“
Helga hörte auf herumzukramen und die Sachen in den Koffer zu schleudern. Sie blickte Drago an. „Wann?“
Er schlug die Augen nieder. „Wenn ich das Lokal zum Laufen gebracht habe.“
Sofort knüllte sie ihre Reizwäsche in den Trolley. „Dann pfeif ich drauf.“
Eine zurückgewiesene Frau ist gefährlich. Aufgeladen trat Helga die Reise nach Hamburg an.
Tatijana hatte die Zimmerreservierungen im Hotel Atlantic gemacht. Selbstverständlich hatte Johann die Atlantic-Suite, sie und Helga waren in der einen Corner-Suite untergebracht, Homer und Mücke hatten jeweils eine Juniorsuite, weil sie nicht mit anderen in einem Zimmer schlafen konnten und Hubsi musste mit der Störchin in der anderen Corner-Suite nächtigen.
Während Huber über solche Dinge gar nicht nachdachte, würde er eben auf der Couch schlafen, grinste die Störchin innerlich. Helga glaubte, dass Tatijana Homer oder Mücke allein haben wollte, um mit ihnen rummachen zu können, wie ihr der Sinn gerade stand. Homer war wirklich froh, seine Ruhe zu haben. Johann und Mücke war das ganze egal, Hauptsache, der Reichsgraf hatte Platz und einen Konferenzraum.
Die Hamburger Innenbehörde stellte ihnen die Kriminalrätin Manuela Weißbach zur Verfügung, die eigentlich für den Informationsfluss zu den Ermittlern sorgen sollte. Aber schon nach wenigen Minuten im Konferenzraum erkannte sie, dass die Angereisten sehr viel mehr an Wissen in ihrem System hatten, als sie selbst.
Zusammen mit Tatijana sorgte sie dafür, dass die relevanten Daten zur Hamburger Polizei flossen und ein Kanal für die Daten aus der Brandermittlung in Richtung Ermittlerteam offen stand.
Im lokalen dritten Fernsehprogramm wurde eine Zusammenfassung über das Leben von Roger Harry Schillke gezeigt. Es gab eine erstaunliche Menge von Originalaufnahmen vor Gerichten und bei Veranstaltungen der Hamburger Gesellschaft. Die Vorwürfe bezüglich des Kunstdiebstahles und der Fälschungen wurden erst am Ende des Beitrags gebracht. Vermutlich war das Material eigentlich für einen Nachruf bereitgestellt worden, um im Falle eines Falles schnell sendebereit zu sein. Der Bruch zwischen dem positiven ersten Teil, in dem Schillke als Familienmensch, Wohltäter und erfolgreicher Anwalt gezeigt wurde und dem zweiten Teil war überdeutlich.
„Leider wird uns in diesem Bericht nicht gesagt, mit wem Schillke zusammengearbeitet hat. Das bringt uns also auch nicht weiter. Was ist mit den Telefondaten?“ Johann ging alles viel zu langsam.
„Seine Kanzlei blockiert uns vollständig“, teilte Frau Weißbach mit, „Es ist nicht abzusehen, ob wir von einem Richter einen Beschluss dazu bekommen. Schließlich war der Mann Rechtsanwalt und seine Mandanten müssen geschützt werden. Ich glaube, das kriegen wir hier, auch bei dieser Beweislage gegen einen Toten nicht durch.“
„Dachte ich mir schon. Das ist die eine Krähe, die der anderen kein Auge aushackt. Das war einer der Gründe, weshalb ich den Polizeidienst quittiert habe. Homer, würdest du bitte deine Lieblingsfreundin anrufen? Wir brauchen ihre Hilfe. Du kannst sie ja nach Hamburg einladen. Die Sache mit dem Trampfrachter bringt mich auf die Idee, doch mal an der Stelle tiefer zu bohren. Frau Weißbach, könnten Sie mal anfangen, in Hamburg nach Menschenhandel zu fahnden. Alles, was sie kriegen können und eventuell mit Schillke oder Benno von der Lohe zu tun hat.“
„Gegen von der Lohe haben wir doch noch nicht einmal einen Anfangsverdacht. Das wird Ärger geben, wenn wir da etwas anfassen“, versuchte sich die Weißbach zu drücken.
„Quatsch! In einer Stunde haben Sie die Aussage, dass von der Lohe mit drinsteckt. Also fangen Sie schon an.“ Michael Mücke griff, noch während er sprach zum Telefon und rief seinen Mitarbeiter Trinkhaus an. „Hör zu, Trinkhaus, im Computer haben wir Fotos von einem Benno von der Lohe. So ein Hamburger Obermufti. Greif dir den Staatsanwalt und dann fahrt ihr nach Moabit. Ich will, dass Olav Geiger den auch als Auftraggeber benennt. Versprich ihm zur Belohnung, dass ihm keiner mehr ins Essen pinkeln wird, oder Sonnenschein im Winter. Ich brauch die beeidigte Aussage auf Video so schnell wie möglich.“
Trinkhaus hatte wortlos aufgelegt. Die Aufgabe war leicht zu lösen. Der Faschoheini hatte die Hosen ja ständig voll.
Zwischendurch hatte auch Homer mit Cecil telefoniert. Die würde sich schnell von einer Boeing F/A-18F „Super Hornet“ von Ramstein aus rüberfliegen lassen. Homer hätten hundert Pferde und ein ganzes Armeechor nicht in solch ein Kampfflugzeug gekriegt. Die Dame benutzte das Ding einfach mal eben als schnelles Taxi zu ihrem Liebhaber. Homer schwante Böses, denn eines war klar: Cecil würde ihn nicht aufgeben.
26 April 2006 Hamburg 8 Uhr 30
Benno von der Lohe hatte seine eigenen Quellen in die Hamburger Staatsanwaltschaft. Seine Seismographen waren in höchster Alarmbereitschaft, sodass bereits die ersten Ermittlungsschritte gegen ihn sofort gemeldet wurden.
Er ließ von seiner Sekretärin die, wie er es nannte, „Schmarotzerpost“ der letzten Wochen hereinbringen. All die Briefe, in denen er und andere Hamburger Honoratioren um Spenden angegangen wurden, weil die öffentliche Hand angeblich kein Geld hatte. Private Bittbriefe landeten schon bei Bennos Sekretärin im Müll.
Schnell wurde er fündig. Der Innensenator wollte Geld für ein Sportprojekt in St. Georg. Als Ausgleich zu den Drogenproblemen, die er und seine Vorgänge gerade in diese Gegend verschoben hatten, weil sich die normalen Bürger dort nicht wehren konnten.
Natürlich blieb er der Kanzlei Schillke treu. Das wurde einfach von ihm und den anderen Klienten erwartet. Zumindest für eine gewisse Schamfrist. Deshalb rief auch ein Anwalt dieser Kanzlei den Pressesprecher des Innensenators an. Die beiden fanden schnell einen Weg, es so kostengünstig wie möglich für Benno und so prestigeträchtig für beide wie möglich zu machen.
Nach einem frühen Abendessen im Fischereihafenrestaurant wurde die sorgfältige präparierte Presse, die rein zufällig dort in Hundertschaften angerückt war, vom ebenso zufällig anwesenden Pressesprecher des Senators über das Programm 'Zehn mal eine Million' aufgeklärt, nachdem Benno von der Lohe sich verpflichtete, in den Hamburger Jugendsport zur Verbrechensprävention für die Dauer von zehn Jahren jedes Jahr eine Million zu spenden. Dies sollte als Signal auch für andere Honoratioren verstanden werden. Das Geld würde nur für zusätzliche Aufgaben eingesetzt werden und in einem Fond landen, der auch Kapital bilden sollte.
Den Journalisten war klar, dass dies nichts anderes bedeutete, als dass Benno von der Lohe für zehn Jahre das Geld, mit dem er eigentlich seine Steuern hätte bezahlen müssen, nun in diesen Fond steckte und dafür noch belobigt werden wollte. Sie wussten auch, der Fond würde das Kapital behalten und bestenfalls flossen die Zinsen in den Zweck.
Mit dem Kapital ließ sich ja locker Sicherheit für neue Kredite darstellen. Aber was nützte es. Niemand, der als Journalist an seinem Job hing, hätte es gewagt, die Dinge kritisch zu hinterfragen oder gar kritisch zu berichten. Sie sahen sich selbst und waren wohl auch Meinungsmacher im Sinne von Public Relations. Egal, wie mies der Zweck auch immer sein mochte.
20. April 2006 Hamburg 20 Uhr 10
Die Ermittler aßen im Konferenzraum von Johann zu Abend, als die Nachricht von der großzügigen Spende durchkam. Breit grinsend fragte Mücke: „Ob da wohl jemandem der Arsch brennt?“
„Wenn sie freigiebig werden, ist das das Zeichen, dass wir sie haben. Erlebe ich bei mir in Wien dauernd. Passt auf, Morgen küsst er Babys. Hat Trinkhaus eigentlich die Aussage dieses braunen Trottels schon geschickt?“ Huber sah fragend in die Runde.
„Hubsi. Das war vorhin. Was da so aufgeregt gepiepst hat, als du versuchtest, dich mit der Krawatte zu erwürgen, war dein Handy mit der Nachricht“, sagte die Störchin und lächelte ihn liebevoll an.
„Ich kann abends keine Krawatten binden, das mach ich morgens und da geht es“, maulte Huber.
„Kenne ich von meinem Vater. Wenn der anfängt über das Binden von Krawatten nachzudenken, macht der sich nen Knoten in den Arm“, krähte Tatijana albern. Sie war ein wenig verunsichert über Cecil Whiteness, die nicht nur aufgetreten war, als ob ihr Homer gehören würde, sondern auch so, als ob sie ihn sicher habe.
Tatijana wusste, dass dieses Mäuschen sich nicht grundlos so gebärdete. Egal, wie erfolgreich sie auch immer Job sein mochte, ihr Privatleben ging aus der Art, wie sie sich kleidete und agierte, hervor. Was also hatte sich geändert?
Sie hätte beinahe laut losgelacht, als sie es begriff. Nun war Tatijana klar, welchen Trumpf die gute Cecil im wahrsten Sinne des Wortes in sich hatte. Ob Homer es wohl auch schon wusste? Eher nicht, der sah ziemlich hilflos und gleichzeitig gebauchpinselt aus. Nachdem ihre Neugierde befriedigt war, wünschte sie den beiden innerlich Glück und vor allem viel Spaß. Sie hatte nie einen Anteilschein an Homer oder anderen gewollt. Selbst den, den sie wollte, wollte sie nur haben, aber nicht besitzen. Sie grinste über so viel innere Philosophie.
Helga hatte Tatijanas Mienenspiel und Blicke verfolgt. Sie konnte sich ungefähr vorstellen, worüber sie nachdachte. Die graue Maus vom Hotelfahrstuhl in St. Petersburg hatte sich zwar noch nicht zu einem Schwan entwickelt, aber sie war auf dem Wege dorthin. War Tati eifersüchtig? Nein, entschied Helga. Sie wollte mit allen nur ihren Spaß und selbst bei dem einen war sich Helga nicht sicher, ob sie dort wirklich mehr wollte. Was brachte Tati jetzt nur zum Grinsen? Helga würde ihre Neugierde noch ein Weilchen bezähmen müssen.
Johann hob die Tafel auf. „Leute, es ist Zeit, schlafen zu gehen. Wir sehen uns, falls nicht irgendwas passiert, um acht Uhr wieder hier zum Frühstück. Das ist sinnvoller als im Frühstücksraum. Hier sind wir ungestörter. Ich hab noch eine Frage, Tatijana, hast du ein Zimmer für Cecil Whiteness organisiert oder muss ich das noch erledigen?“
„Nicht nötig“, flötete Cecil, „es war kein Zimmer mehr frei, da hab ich mein Gepäck in deine Suite bringen lassen, Homer. Wir arbeiten ja schließlich für die gleiche Regierung, da dürfte das kein Problem sein.“
Während Homer resignierend mit den Achseln zuckte, grinste Cecil die Russin kampflüstern an, die aber nur breit zurückgrinste. „Fein, dann ist das ja auch geklärt, aber bitte singt nicht alle Stunde die Nationalhymne ab. Das ist in Deutschland nachts nicht so üblich und könnte für Irritationen sorgen.“
Johann wollte zwar erst fragen, worum es eigentlich hing, schüttelte dann aber nur den Kopf. Er würde diese Weiber nie verstehen und wenn er jetzt fragte, würde er nur blöd dastehen und Tatijana ihn mit wissendem Blick wie ein kleines Kind behandeln. Dann lieber dumm sterben.
Er griff zum Telefon und bat die letzten Gäste des Abends nach oben. „Tatijana, Helga, ich habe die Leute von Pinkerton auf Benno von der Lohe angesetzt, mal eben hören, was die haben.“ Es klopfte an der Tür und zwei hünenhafte Schwarze betraten den Raum.
Tatijana sprang von ihrem Stuhl auf und lief den beiden entgegen: „Tom, Dick, ihr seid bei Pinkerton! Mensch, ich freue mich dämlich. Das ist aber ein Zufall. Ich hatte mir die Adresse von Saras und Gretchens Blumenladen schon zurechtgelegt, aber bisher noch keine Zeit, mich zu melden. Es war übrigens eine wunderbare Nacht im Suspekt.“ Beide erhielten einen dicken Kuss, dann huschte Tatijana wieder an ihren Platz.
„Ja, da fahren wir gerne immer wieder hin, ins Suspekt“, antwortete Tom. „Unsere Frauen auch. Es ist ungezwungener als Hamburg und wir mögen Wien. Ich war ja mal eine Zeitlang an unserer Botschaft dort. Aber jetzt zur Sache.“
Johann überlegte, was die beiden Riesen und ihre Frauen mit Tatijana wohl im Suspekt angestellt haben konnten. Wenn das, was sich in ihren Hosen abzeichnete war, für was er es hielt und kein Ofenrohr, dann konnte die kleine Russin das unmöglich unterbringen. Er hüstelte und zwang sich dazu, auf den Bericht zu achten, den Dick ablieferte. „In der kriminellen Szene gilt Schillke als Handlanger von Benno von der Lohe. Es scheint, dass er ziemlich mies behandelt wurde und sich immer dadurch revanchierte, seinen Boss zu bescheißen. Ein paar Ältere sagen, dass ihn Benno deshalb so kurz gehalten hat, damit er betrügt und er ihn immer in der Hand hat.“
„Welche Älteren?“, wollte Johann wissen.
„Nutten, die heute nur noch als Toilettenfrauen arbeiten, alte Einbrecher auf Rente, alte Zuhälter, die jetzt Zeitungen austragen. Die bekommen alles mit und gelten immer noch als vertrauenswürdig. Ein paar haben schon für Bennos Vater gearbeitet. Die haben zwar nicht alle einen Kalender im Kopf, aber was in welcher Reihenfolge passiert ist und wer wann die Macht hatte, wissen die genau.“
„Akzeptiert“, sagte Johann, froh über die klare Ansage. „Solche Informationen dürfen ruhig ein paar Spesengelder kosten.“
„Die meisten von denen sind froh, wenn ihnen jemand zuhört und einen Kaffee ausgibt. Es ist nicht schön, in dem Gewerbe alt zu werden.“ Tom schauderte sichtlich bei dem Gedanken, als alter Mann so leben zu müssen.
„Stimmt, können wir aber nicht ändern. Fest steht, dass der Tod Schillkes in der Unterwelt keine Wellen schlägt. Selbst sein Nachfolger scheint wohl schon festzustehen. Ein junger Anwalt aus der gleichen Kanzlei, dessen Großvater und Vater mal kriminelle Größen im Ruhrgebiet waren. Die Botschaft lautet Business wie üblich. Selbst die Geschäfte mit den Mädchen gehen weiter. Morgen Abend soll da ein neuer Transport nach Südamerika abfahren. Den Schiffsnamen bekommen wir noch rein.“
„In Ordnung. Haben wir sonst alle Daten in unserem System?“
„Ja, Herr Graf, wir setzen ja seit sieben Jahren auch Ihr System ein. Auch die Pläne von der Neidmühle sind da, die aber ziemlich unsicher scheinen. Wir wollen versuchen, einen Mitarbeiter der Bauaufsicht da rein zu bringen, aber das wird schwierig. Alles weitere morgen.“
„Das Schiff mit den Mädchen verlässt die Elbe nicht. Benno von der Lohe kriegen wir auch, ohne dass die dafür bluten müssen. Nett wäre nur, wenn Sie das mit dem Zoll und der Küstenwache direkt regeln könnten. Die sollen auch die Lorbeeren bekommen, aber die Nachricht so lange wie irgend möglich zurückhalten.“
„Machen wir, Herr Graf, also bis morgen. Dann haben wir auch den Terminplan von Benno. Sein Rechner ist zwar offen wie ein Scheunentor, aber leider sind die Daten verschlüsselt. Das dauert ein wenig.“
Nachdem die beiden gegangen waren, wandte sich Johann an Tatijana und Helga: „Wir müssen unter allen Umständen mit irgendeinem Vorwand in die Neidmühle. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der alte Biber seine Schätze alle in diesem Bau hat. Wir kriegen allerdings so schnell keinen Durchsuchungsbefehl. Die Belastung durch die Aussage von Olav Geiger nützt nur bedingt etwas, weil sie Staub aufwirbelt und meinen eigentlichen Plan vielleicht verdeckt.“
„Du willst also, dass wir beide dem guten Benno um den Bart gehen, uns in seine Höhle schleppen lassen, dann laut um Hilfe schreien und hoffen, dass du schnell genug mit der Kavallerie da bist, um unsere Unschuld zu retten?“, kombinierte Tatijana. Ihr Grinsen war provokant.
„Na, wenn ich mir die beiden Schränke ansehe und mir vorstelle, was du mit denen im Suspekt getrieben hast, dürfte das mit der Unschuld nicht mehr so weit her sein.“
„Mein liebster gräflicher Johann, was glaubst du denn, was die Jungs mit ihren großen Dingern mit mir gemacht haben?“, biss sie mit blitzenden Augen zurück.
„Wahrscheinlich Kampftrinken oder Murmelspielen. Mir ist wichtiger, dass ihr irgendwie an den Benno herankommt.“
Sie zog eine Schnute, aber Helga sagte: „Machen wir doch mit links. Mal sehen, wen von uns er haben will.“
Die beiden Frauen zogen grinsend ab.
„Was er sich wohl schon denken mag?“ Helga kicherte auf dem Flur, „Der hat sich dich bildlich zwischen den beiden vorgestellt. Fast klang da sowas wie Eifersucht raus.“
„Ach, Helgalieb. Wenn es doch nur so wäre. Aber der ereifert sich nur, wenn ein Mandant unsere Rechnungen nicht sofort bezahlt und wonach der süchtig ist, konnte ich bisher noch nicht herausfinden.“
Mittlerweile waren sie in ihrer Suite angekommen. Helga platzte bald vor Neugierde: „Was ist denn eigentlich mit Cecil und Homer? Das Mäuschen hat ja ganz schön Fahrt aufgenommen und spielt jetzt mit deinem Spielzeug.“
„Homer ist ein nettes Spielzeug. Aber ich fürchte, nicht mehr meins. Die gute Cecil hat ihn oder wird ihn zumindest haben, wenn sie die Wahrheit rauslässt.“
„Welche Wahrheit, Tati?“
„Was macht uns Frauen so sicher, einen Kerl erst einmal fest an der Leine zu haben?“
Helga machte große Augen. „Du meinst, sie ist schwanger? Oh Gott. Was werden ihre Eltern und ihre Gemeinde sagen. Ein schwarzes Baby in ihrem weißen Bauch. Das ist da doch ein echtes Sakrileg.“
„Ja. Aber ich glaube, sie hat sich davon freigeschwommen. Jahrzehntelang hat sie ihre Lust immer nur geträumt und sich bestenfalls mit ein paar Milchbubis eingelassen. Gegenüber diesen Erfahrungen war jede Stuhlkante erotischer. Nun hat sie einen Kerl gefunden, der ihr Spaß macht und dem das, was ihr Spaß macht, wohl auch Spaß macht. Das lässt die nicht wieder los. Um keinen Preis der Welt.“
„Weiß Homer schon Bescheid?“
„Nein. Sie hat Angst, er könnte nein sagen. Aber wenn sie es nicht versauen will, muss sie es schnell tun. Wenn er es selber herausfindet, ist er enttäuscht und fühlt sich hintergangen. Dann ist sie ihn los. Vielleicht kann ich ihr das die Tage irgendwie klarmachen. Du könntest dann mal Homer ablenken.“
Huber hatte tatsächlich vorgehabt, auf der Couch zu schlafen, sich dann aber doch überreden lassen, ins Bett zu kommen. Unter der Decke zog er seine Shorts aus, weil er immer nackt schlief. Erst hatte er sich nur schlafend gestellt, um jeder Peinlichkeit zu entgehen, dann war er einfach eingeschlafen.
Die Störchin dachte lächelnd über ihn nach, als er sich im Schlaf plötzlich herumwälzte und sich in Löffelstellung an ihren Rücken drückte.
Oha, dachte seine Bettgefährtin, aber Huber schlief wirklich. Seine Hand ruhte nun auf ihrem Bauch knapp über der Scham, der warme Atem strich über ihren Nacken. Das war eine süße Folter. Sie drängte sich noch näher an ihn.
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40. Verwesung greift um sich
Der Zynismus ist eine Grobform der Ironie.
Doch immerhin lebt jede Ironie von der Distanz
und geht nicht gänzlich im Geschehen auf.
Die pure Gewissenlosigkeit kennt keine Ironie.
Ulrich Erckenbrecht
23. April 2006 Ferch 11 Uhr 15
Die beiden Autobahnpolizisten hatten tagelang den Transporter auf dem Parkplatz bei Ferch stehen sehen. Dem Nummernschild nach war er nicht geklaut, was auch stimmte, da es sich um eine Doublette handelte. Dasselbe Fahrzeug mit derselben Nummer war in Düsseldorf im Einsatz. Der hier in Ferch stammte aus Leipzig und sein Originalnummernschild war längst irgendwo im Schrott.
Das Wetter war schön; seit zwei Tagen schien es so etwas wie Frühling oder Sommer zu geben.
Die Beamten stiegen aus und gingen um das Fahrzeug herum. Der Gestank, der ihnen entgegen wehte, war grauenhaft. Die durch das Rütteln an den Fahrzeugtüren aufgescheuchten Schmeißfliegen brummten wie ein Düsenjäger beim Start.
Die Beamten sahen sich resigniert an. Sie konnten jetzt nicht einfach so tun, als ob sie nichts bemerkt hätten, vielleicht hatte sie ja jemand gesehen. Der Feierabend war auf jeden Fall erledigt. Sie verständigten die Kripo und die Pathologie.
Knapp eine Stunde später war klar, dass es sich bei den Toten um die gesuchten Hells Angels handelte und dass sie seit ihrer Befreiung tot waren. Als die Information Michael Mücke erreichte, war Johann im Anflug auf Wien.
Mittlerweile hatte die französische Küstenwache herausbekommen, worum es bei der Szene im Kanal überhaupt gegangen war. Menschenhandel ist zwar in den internationalen Medien nur selten ein Thema mit Vorrang, aber durchaus ein übliches Geschäft. Dabei werden Frauen und junge Mädchen nicht nur aus dem östlichen Europa nach Mitteleuropa zur Prostitution verkauft, sondern auch Afrikanerinnen und Asiatinnen nach Europa. Neben dem europäischen Markt gibt es einen beachtlich großen in den USA und Kanada, aber auch die islamischen Staaten sind immer noch Großabnehmer. Südamerika will blonde Frauen, andere Gegenden bevorzugen kleine Jungs.
Es war also für die Küstenwache nicht die Tatsache des Menschenhandels oder der Vergewaltigung an sich, die den Ablauf der Dinge beschleunigte, sondern der Umstand, dass es sich um die Frau eines deutschen Justizbeamten handelte, die entführt worden war, um die Transportrouten von Gefangenentransportern zu erpressen.
Die Küstenwache wusste über die Gefangenenbefreiung aus Deutschland Bescheid und hatte die Bilder der gesuchten Rocker. Jetzt wurde auf schnellstem Wege die deutsche Botschaft in Paris und Europol informiert.
Es war ein Zufall, dass dort ein Mitarbeiter diese Information zur Weitergabe nach Deutschland behandelte, dem die Angelegenheit mit dem Gefangenentransporter vertraut war. Er machte sich die Mühe, nicht einfach Post weiterzuleiten, sondern direkt den Wiener Kommissar anzurufen.
Franz Huber erkannte sofort die Brisanz und sicherte die Weiterleitung an Mücke zu. Als er jedoch bat, auch Hamburg direkt zu informieren, winkte der Mitarbeiter von Europol ab. Er konnte sich noch gut an einen Fall erinnern, wo er sich direkt und ohne Aufforderung an die Hamburger Polizei gewandt hatte und als Reaktion mit viel Häme auf seine eigentliche Aufgabe hingewiesen wurde.
Nachdem aber Huber und Mücke auf unterschiedlichen Kontaktebenen Hamburg informiert hatten, kam eine direkte Verbindung zur französischen Küstenwache zustande.
24. April 2006 York 2 Uhr 25
Im alten Land bogen mehrere Polizeiwagen mitten in der Nacht und ohne Einsatzsignal in das Gebiet um das Wohnhaus ein. Da keinerlei Lebenszeichen ausgemacht wurden, ein Durchsuchungsbefehl zugesagt war, brach man die Tür auf und stürmte. Der Geruch aus dem Keller verriet den Beamten genug. Hier gab es kein Leben mehr.
Noch im Morgengrauen versuchte der, von mehreren Zeitungen hochgescheuchte Innensenator festzustellen, warum so lange nach dem Überfall auf den Gefangenentransporter sich niemand um den verschwundenen Mitarbeiter gekümmert hatte.
Leute von der Innenrevision erklärten lakonisch, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sei, man aber davon ausgegangen war, der Beamte hätte sich mit seiner Familie ins Ausland abgesetzt. Ein Durchsuchungsbefehl sei in Vorbereitung gewesen.
Der Innensenator versuchte sich mit laufenden Ermittlungen herauszureden und der Treuepflicht gegenüber Landesbediensteten, viel fehlte nicht und er hätte auch noch über den Zusammenhang mit den Sonnenflecken referiert. Er konnte nur hoffen, dass die Medien im Laufe des Tages neue, aufregendere Themen fanden und die Presse am nächsten Tag nicht mit ihm aufmachte.
24. April 2006 Hamburg 10 Uhr 30
Bernd Liedke verfolgte die Nachrichtenlage genauso wie Benno von der Lohe. Beide kamen zu dem gleichen Schluss. Es war an der Zeit, sich endgültig von Roger Harry Schillke zu trennen.
Hank, der die geheime Wohnung von Schillke und die drei darin verborgenen Knaben bereits seit einiger Zeit versorgte, hatte nicht nur die Sprengladungen an dem Rapsöltank entdeckt. Genau wie er Frauen und Angst riechen konnte, war er auch in der Lage Sprengstoff zu wittern. Er begriff das System sofort und die Tatsache, dass selbst Hank den Jungen nichts Schrecklicheres mehr antun konnte oder wollte, sprach für sich. Schillkes Plan der verbrannten Erde schien gut zu sein. Hank würde zur Sicherheit noch mit etwas mehr Sprengstoff nachhelfen.
Die Sache wurde verkompliziert, weil Benno von der Lohe seinem langjährigen Mitarbeiter persönlich einige Worte zum Abschied sagen wollte. Wahrscheinlich hatte er einmal zu oft den Paten gesehen. Berndt Liedtke hasste Sentimentalitäten und glaubte auch nicht, dass zum Tode Geweihte unbedingt noch etwas lernen müssen.
Roger Harry Schillke war sehr erfreut, als ihm mitgeteilt wurde, dass er auf ein Schiff gebracht werden und zunächst ein paar Wochen bei Oreste Crispi in Kairo verbringen sollte, bevor sich die Lage endgültig geklärt hätte.
Von da aus wollte er sich dann persönlich um seine Verteidigung und die ungerechtfertigen Vorwürfe kümmern. Er bedauerte, dass er erst auf dem Schiff neue Kleidung bekommen könnte. Mittlerweile roch er doch schon ziemlich stark. Es war nur gut, das ihm selbst nicht bewusst war, wie stark er roch.
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde vom Binnenschiff eine mannsgroße Holzkiste auf einen Transporter verladen. Das Schiff verließ danach sofort seinen Liegeplatz und machte sich auf eine lange Reise über Rhein und Donau bis zum schwarzen Meer.
Die Kiste wurde in die geheime Wohnung von Schillke in dem alten Speicherhaus am Nikolaifleet gebracht. Dann holte Hank mit dem Transporter Benno von der Lohe mit einem Paket, in dem vier Originale aus seiner Sammlung steckten, von einem Parkplatz ab und brachte ihn auch zu dem Haus.
Ein in die Stirn gezogener Hut, ein weiter Mantel und ein Schal reichten, um ihn für den Fahrstuhl ausreichend zu maskieren, falls dieser kameraüberwacht sein sollte. Allerdings hatte Schillke komplett auf Kameraüberwachung verzichtet, weil die ja auch Auskunft darüber geben würde, wann er im Gebäude gewesen war.
Selbst in der Wohnung behielt Benno die Maskerade bei, um möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Man wusste nie, was die heute aus dem DNA-Kram alles machen konnten.
Die Originale, von denen sich Benno nur schweren Herzens und unter den Schreien der Zigeunerinnen getrennt hatte, fanden relativ würdige Plätze an den Wänden von Schillkes Behausung. Wahrscheinlich war das unnötig, da alles verbrennen würde, aber Benno hatte schon viel von Brandermittlern gehört und in amerikanischen Krimis fanden die gern mal einen Glassplitter und rekonstruierten daraus eine Ampulle mit einem Spezialmedikament, das direkt zum Täter führte. Benno ging lieber auf Nummer sicher.
Roger Harry Schillke wurde aus seiner Kiste ausgepackt und von Hank mit einer Schusswaffe auf einen Stuhl gezwungen. Dann wandte sich Benno an ihn: „Roger, ach, Roger Harry Schillke, warum hast du mich verraten?“
„Benno, ich habe dich niemals verraten. Ich habe alles getan, was du gesagt hast.“
„Nein. Dir reichte nicht, was ich dir gab, du wolltest selbst ein großes Stück vom Kuchen. Anstatt zu delegieren, hast du dich selbst eingebracht. Hier ein Geschäft mit den Bildern, da eines und hier ein weiteres.“
„Aber, Benno! Benno, bitte, das war doch ungefährlich. Es gibt nur tote Zeugen gegen mich. Ich komme da problemlos wieder raus.“
„Vielleicht schaffst du das wirklich. Aber dein kleines Folterparadies hier musst du aufgeben und die Jungen auch.“
Schillke stand die Angst in die Augen geschrieben: „Klar, Benno, kein Problem. Ich habe vorgesorgt. Hier ist ein Tank mit Rapsöl, da sind Sprengladungen dran. Ich kann die von überall mit meinem Handy zünden. Ich muss nur Heiner Raps anrufen. Die Knaben können wir einfach erschießen, die verbrennen mit.“
„Gut, Roger, vielleicht sollte ich es nochmals mit dir probieren. Hank, hol die Jungs.“
In weniger als zwei Minuten hatte Hank die Buben dazu gebracht, im Halbkreis vor Schillke zu knien. Er nahm wieder hinter dem Stuhl Aufstellung und schoss den Lustknaben über Rogers Schulter hinweg jeweils eine Kugel in den Kopf. Die Waffe war durch den Schalldämpfer kaum zu hören.
Schillke hatte zwar gezuckt, als die Schüsse fielen, wandte sich dann aber an Benno: „Siehst du, das Problem ist schon gelöst.“
Im gleichen Moment hielt ihm Hank die Waffe schräg von unten an das rechte Schläfenbein und drückte ab.
Grinsend sagte er: „Und das zweite Problem ebenfalls.“ Obwohl er Handschuhe getragen hatte, wischte er die Waffe ab, drückte sie in die Hand des toten Schillke und feuerte zwei weitere Schüsse in die toten Jungen.
Hank und Benno verließen den alten Speicher, bestiegen ihren Wagen und als sie um die nächste Ecke bogen, zündete Hank den Sprengstoff per Funk. Die Druckwelle der vier Ladungen schüttelte sie noch ein wenig, aber dann waren sie auch schon im Gewirr der Straßen verschwunden.
Sie trennten sich auf dem Parkplatz und Benno besuchte einen bekannten Club in der Nähe. Hank fuhr den Transporter zu einem anderen Parkplatz, bestieg sein Motorrad und folgte dem Binnenschiff. Irgendwo auf dem Balkan würde er ein Mädchen für die Kammer fangen und sich mit ihr amüsieren, bis es neue Aufgaben gab oder sie kaputt war.
Bernd Liedtke beobachtete die Explosion mit einem Fernglas von einem weit entfernten Aussichtspunkt. Als die Flammen aus dem Dach schlugen, gab er die Beobachtung auf und fuhr mit dem Auto in die hessische Kleinstadt, in der er offiziell einen Sicherheitsdienst betrieb.
Seinen Chef Oreste Crispi würde er von unterwegs aus einer Telefonzelle kontaktieren. Es gab zwar keinen Grund zur Vorsicht, aber genauso wenig einen zur Fahrlässigkeit.
Was weder Roger Harry Schillke, noch Hank und Bernd gewusst hatten war, dass die Idee mit dem Rapsöltank nur auf den ersten Blick aussah wie die Version mit einem Benzinbefüllten Tank.
Die Explosion zerriss ihn wohl in viele kleine Stücke und Teile des Rapsöls ergossen sich brennend auf das Dach. Es bildete sich aber nicht das erwartete Gas-Luftgemisch, das aus dem ganzen Gebäude eine lodernde Fackel gemacht hätte. Im Gegenteil, das Rapsöl wirkte auf einige Brandnester aus der Explosion eher wie ein Löschmittel.
Der schlimmste Seiteneffekt bestand jedoch darin, dass aus dem zerstörten Tank das Rapsöl wie aus einem ausgeschütteten Eimer der Schwerkraft folgte und sich durch das Treppenhaus auf die Straße und ins Nicolaifleet ergoss.
Das, was dann wirklich und recht widerwillig brannte, war ein kleiner unbedeutender Teil. Die anrückende Feuerwehr hatte genügend Zeit, alles vorzubreiten und im Fleet auch mehr als genug Wasser, um ein paar dieser Gebäude löschen zu können.
Schon nach zwei Stunden war der Einsatz beendet und die Löschtrupps konnten bis auf eine Feuerwache und die Leute von der Ölbekämpfung abgezogen werden. Damit wurde auch der bereits lange informierten Hamburger Mordkommission der Weg zum Tatort mit den vier Leichen freigegeben.
Trotzdem dauerte es noch bis zum Nachmittag des nächsten Tages, bis zumindest die Leiche des angekokelten Mannes identifiziert war. Es war Roger Harry Schillke. Es wurde festgestellt, dass ihm das Gebäude über eine Scheinfirma gehörte. Nachdem dieser Zusammenhang hergestellt werden konnte, wurde der Tatort komplett gesperrt, um Fachleute von den Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt herbeizuzitieren.
Es wurden nicht nur technische Experten zu Rate gezogen, es erging auch ein offizielles Hilfeersuchen an Mücke in Berlin, sowie an Huber und den Reichsgrafen in Wien. Daraufhin flogen sie alle nach Hamburg. Für die Störchin war das der erste Auslandseinsatz als Polizistin und sie war ein wenig gespannt auf die Stadt an der Elbe.
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39. Alles Roger?
Von allen Mordtaten sind nur diejenigen
aufgekommen, von denen man etwas weiß.
Georg Christoph Lichtenberg
Als das brandenburgische Innenministerium endlich die Ringfahndung auslöste, zeigte sich, dass militärische Erfahrung nichts bei Polizeieinsätzen bringt. Gefahndet wurde nach den längst toten Motorradrockern, der mickrige Rechtsanwalt gar nicht erwähnt.
Mücke erfuhr erst am nächsten Morgen, als er in die U-Haft in Moabit kam, dass ihm ein Verdächtiger abhanden gekommen war. Da half jetzt auch kein Toben mehr. Er informierte Johann und fuhr sofort in die Mordkommission, in der er telefonisch schon seine Leute heiß gemacht hatte.
Johann informierte die anderen Ermittler. Huber fragte wütend, wie doof man denn sein könne, sich einen ganzen Bus Gefangener klauen zu lassen. Als ihn Johann an die Dimensionen des Luchs und seine Besonderheiten erinnerte, wurde er ruhiger.
In Wien waren alle der Meinung, dass Schillke der Grund für das Desaster sein könnte, oder dass er per Zufall entkommen sei, weil irgendein anderer Gefangener hingerichtet werden sollte. Unter den Toten war jedoch keiner, der auch nur ein halbes Jahr Knast für eine Prügelei wert gewesen wäre.
Laut der Akten hatten die beiden abgängigen Hells Angels schon ein paar Jahre wegen Mordes gesessen, kein Hahn krähte nach ihnen.
Aber warum, zum Teufel, wollte jemand Schillke befreien? Das machte doch nur Sinn, wenn er etwas auszusagen hätte, es also einen Hintermann gäbe. Wenn dieser den Anwalt nicht mit den anderen hatte umlegen lassen, war er vielleicht entkommen. Diese Fragen zuckten den Ermittlern in Wien durch den Kopf.
MM war in Berlin zu den gleichen Schlüssen gekommen und hatte Schillke nicht nur bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben, sondern auch die Kollegen in Brandenburg eindringlich in direkten Telefonaten angesprochen und sogar eine Fernsehfahndung durchgesetzt.
19. April 2006 Wien 8 Uhr 17
Homer hatte Johann Cecil Whiteness Vorschlag unterbreitet, sich die Dinge in Saipan anzusehen. Sie hatte ihr Angebot noch dahingehend erweitert, sie mit einer amerikanischen Militärmaschine mitzunehmen. Da alles im Moment stagnierte, nahmen sie an.
In Schwechat stiegen sie in einen der modernisierten C-5M Galaxie von Lockheed, der innen aber nicht leer, sondern mit zwei Wohnkabinen ausgerüstet war, wie sie ursprünglich für den Rücktransport der amerikanischen Astronauten der Apollo-Missionen gedacht waren, nun aber seit langem für hohe Regierungsbeamte und den CIA genutzt wurden. Im Prinzip waren das komplette kleine Häuser innerhalb des Flugzeugs. Mit allem gewünschten Komfort.
Während Johann sein Appartement für sich alleine hatte, war Homer zu Gast bei Cecil. Die Maschine würde nirgendwo unterwegs zwischenlanden, sondern in der Luft betankt werden. Johann nahm sich sein Notebook und ein paar Bücher vor und beschloss, viel zu schlafen.
Homer hätte nichts gegen Schlaf gehabt, aber das Fliegen hatte auf Cecil die Wirkung eines Aphrodisiakums. Die Badewanne im fliegenden Appartement brachte sie auf zusätzliche feuchte Ideen, denen Homer zwar nicht abgeneigt gegenüber stand, aber er fürchtete, dass diese Frau mehr wollte, als er derzeit zu geben bereit war. Zunächst aber genoss er ihre Leidenschaft und sie die seine.
Vermutlich hatte die Landung auf Saipan Homers Leben gerettet. Er war nicht angenehm ermattet, sondern schlichtweg ausgepumpt. Cecil sah aus wie der lebende Frühling und aus ihrer gewohnt strengen Frisur hatte sich sogar eine Strähne gelockert und erlaubte sich ein freches Spiel mit dem Wind.
Johann bot Homer den Arm an: „Na, mein Alter. Stille Wasser, die sind tief nicht wahr. Du solltest Austern essen und Kaviar. Obst und Eier und viele Steaks. Du bist eben nicht mehr der Jüngste. Du musst auf dich achten, wenn du im Spiel bleiben willst.“
Homer grinste gequält. „Im Spiel bleiben. Ich werde gespielt. Ich werde sogar gut gespielt. Aber es ist anstrengend.“
Cecil bekam davon nichts mit. Sie war glücklich und fast befriedigt. Aber nun war sie im Dienst. Sie nahm Haltung an, wie das von einem Marine zu erwarten ist. Die von Cecil vorgesehenen Truppen meldeten Einsatzbereitschaft, die Maschine aus Kolumbien war in der Luft. Die Seals hatten das Schiff fest im Blick. Nun galt es zu warten.
Nach der Landung stürmten die Kolumbianer aus dem Flugzeug und verteilten sich auf mehrere Leihwagen, die von der Schiffsbesatzung angemietet wurde und gut mit Waffen ausgerüstet waren. Schon fuhr eine kleine, schlagkräftige Armee über die Insel. Aber noch immer gab es keinen Grund, Pablo Murillo zu verhaften.
Die Kolonne der Kolumbianer fuhr direkt auf das Anwesen von Won Hae-Kyung zu.
Diesmal öffneten die Wachen das Tor des Anwesens nicht, sondern zwei Leute, die aus dem Nichts auftauchten, hoben Granatwerfer und schossen den gesamten Eingangsbereich weg.
Es gab ein kurzes Feuergefecht und sie konnten sehen, wie Won Hae-Kyung und drei seiner Leute in die Autos der Kolumbianer gezerrt wurden. Aber die Kolonne fuhr nicht zurück zum Schiff, sondern weiter in Richtung Banzai-Cliff. Jener Stelle, an der neben dem Suicid-Cliff die meisten Selbstmorde japanischer Familien stattgefunden hatten, als die Amerikaner Saipan im zweiten Weltkrieg eroberten.
Johann ahnte, was kommen würde. Er und wusste, es gab keine Chance, einzuschreiten. Den vier Gefangenen wurden jeweils zwei Handgranaten umgehängt, die Sicherungstifte gezogen und nach kurzem Warten wurden sie über das Cliff gestoßen. Die Banzai-Rufe und das Gelächter der Kolumbianer gingen in den Explosionen der Handgranaten unter.
Sofort befahl Cecil den Zugriff. Gegen eine Armeeeinheit hatten die Kolumbianer keine Chance. Binnen Sekunden waren sie überwältigt und gefesselt, nur zwei zogen ihre Waffen durch und starben.
Der Polizei von Saipan wurden die Bilder von der Ermordung der vier Gefangenen gezeigt und der Gouverneur war froh, die Kolumbianer an das Militär und die amerikanische Gerichtsbarkeit übergeben zu können. Bevor er und seine Leute in ein Flugzeug verladen wurden, erklärte Johann dem kleinen Pablito, wie er zum Narren gehalten worden war. Es war ein Vergnügen, den Prozess des Begreifens bei ihm mit anzusehen und die zornigen Schreie seiner Leute zu hören, die ihn und seine Dummheit verfluchten.
Ein Video von dieser Szene ohne Johann und die Amerikaner bekam Hernandes in Argentinien, der für seine Verbreitung sorgte. Das Ansehen der Kolumbianer war mehr als angekratzt und die Strukturen wurden von den Mitgliedern des Kartells hinterfragt, was einen neuen Kampf untereinander auslöste.
23. April 2006 9 Uhr 00
Roger Harry Schillke war es nach seiner Befreiung nicht gut gegangenergangen. Aus dem Gepäckabteil des Wohnmobils war er in einen schalldichten Raum auf einem Binnenschiff verbracht worden. Er bekam zu essen und zu trinken, wenn auch beides von geringer Menge und minderer Qualität war.
Außenkontakt wurde ihm verweigert. Seine einzige Anweisung lautete, die Füße still zu halten, bis sich die Suche nach ihm im Sande verlaufen hatte. Was spielten da ein oder zwei Wochen für eine Rolle. Es werde doch schließlich für ihn gesorgt.
Im Ärmelkanal hielt sich ein angetrunkener Steuermann eines Trampfrachters nicht an die ihm zugewiesene Route. Die Lotsen an der Raderüberwachung, die täglich mehr als fünfhundert Schiffe abwickeln mussten, fackelten nicht lange. Schon zu oft hatten sie Katastrophen auf dieser Strecke erlebt.
Diesmal war es die französische Küstenwache, die den Frachter enterte, während ein britisches Boot die Sicherung übernahm. Die Mitglieder der Küstenwache fanden einen vollständig betrunkenen Kapitän, der sich mit einem kleinen Jungen in seiner Kajüte vergnügte, der Steuermann lallte nur noch und die restliche Besatzung trieb eine nackte, schreiende Frau vor sich her, während ein anderer auf einem jungen Mädchen lag, das mehr tot als lebendig war. Die Küstenwache beschlagnahmte das Schiff und nahm alle Besatzungsmitglieder fest.
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38. Nun wird es wirklich eng
Selbst das große Naturgesetz, dem alle
unterliegen, ist nicht so hart und grausam,
wie es Menschen zuweilen werden.
Wilhelm Vogel
7. April 2006 Hamburg 21 Uhr 00
Bernd Liedtke hatte gerade mit seinem Chef telefoniert. Von Oreste Crispi hatte er den Befehl bekommen, Benno von der Lohe beizustehen. Allerdings war damals nicht davon die Rede gewesen, jemanden zu erledigen, den die Bullen bereits am Wickel hatten. Aber Oreste war selten so eindeutig gewesen: „Erledige die Sache. Bisher hat dieser Schillke immer den Hauptanteil der Schmutzarbeit für den guten Benno gemacht. Wenn wir den ausschalten, können wir einen unserer Leute einschleusen und auf Dauer den Laden übernehmen. Du musst wie ein Manager denken, der spätere weiße Ritter sorgt erst einmal dafür, dass die feindliche Übernahme überhaupt anfängt. War das nicht sogar von deinem Clausewitz?“
Bernd Liedtke war zwar Militär, aber nicht theoretisch, sondern nur sehr praktisch. Deshalb antworte er mit einem ausweichenden: „Kann sein. Aber das wird Geld kosten. Ich muss auf die Schnelle Leute anheuern und vielleicht danach in Afrika parken.“
„Mich interessieren nur die Ergebnisse“, war Crispis Antwort.
Bernd Liedtke, Fremdenlegionär und Söldner, brauchte nicht lange zu telefonieren, um eine schlagkräftige Truppe zusammenzuholen. Von der dänischen Grenze kamen die Waffen und die Munition, aus Brüssel die Kommunikationstechnik mit dem Störsender und aus Prag der Sprengstoff.
Die richtige Stelle kannte er schon von vielen Fahrten auf der Autobahn zwischen Berlin und Hamburg oder Rostock. Er schickte ein paar Leute vor, sich darum zu kümmern, dass ihm zum richtigen Zeitpunkt alles Benötigte an Maschinen, Absperrungen und vor allem LKWs zur Verfügung stand. Nun fehlte nur noch der Zeitpunkt.
9. April 2006 Hamburg 16 Uhr 10
Roger Harry Schillke saß das erste Mal wirklich in der Klemme. Sein Anwalt, ein Kollege aus seiner Kanzlei, vermutete, dass der Berliner Bulle etwas Persönliches gegen ihn haben musste und fragte ihm ein Loch in den Bauch. Aber bis auf die Tatsache, dass vor Jahren ein paar Zeugen in Berlin umgelegt werden mussten, um einen wichtigen Mandanten frei zu bekommen, gab es da nichts.
Er zermarterte sich das Hirn. Ob der Bulle vielleicht was mit seiner Frau hatte und die ihn damit zur Scheidung zwingen wollte? Er würde Berlin über sich ergehen lassen müssen. Schließlich hatten die keine wirklichen Beweise. Zumindest hoffte er das.
Auf jeden Fall wusste er jetzt, wie sich seine vielen Mandanten im Knast gefühlt haben mussten. Hilflos. Beim Hofgang war er dem Gespött seiner Mithäftlinge ausgesetzt. Seine Zelle teilte er mit einem Primitivling, der sich den ganzen Tag selbst befriedigte oder stundenlang, ohne zu ziehen, glücklich auf dem Klo saß.
Allerdings würde er nicht zu fett werden, da ihm der Kerl immer das Essen wegnahm. Er war heilfroh, dass es wenigstens keinen Annäherungsversuch seitens dieses Wesens gab.
10. April 2006 Wien 3 Uhr 05
Knapp nach drei Uhr morgens erreichte Johann der Anruf aus Buenos Aires. Nicht die beste Zeit für ihn. Er brummte ins Telefon.
Sein Freund Hernandes tönte ausgeschlafen: „Johann, mein gräflichster Graf, ich habe dir gerade einen Autopsiebericht geschickt. Wir haben in Los Glaciares am Fuß des Uppsala-Gletschers eine Leiche gefunden.“
„Schön, dann war Ötzi also auch in Argentinien.“
„Johann, du Spinner, keinen alten, sondern einen frischen, einen, der mit dir zu tun hat.“
„Gut, beerdige ihn und schick mir die Rechnung.“
„Was ist mit dir? Wie spät ist es da drüben? – Achje, halb vier, ich hab die fünf Stunden wieder vergessen.“
„Was willst du eigentlich?“, ächzte Johann.
„Ich möchte dir mitteilen, dass Baron Ferdinand von Schulenburg-Schwarzenstein tot ist. Das ist der, dessen Schwester und Geliebten die Kolumbianer um Pablo Murillo als lebende Fackeln durch den Ort gejagt haben. Zur Strafe, weil er ihm falsche Bilder verkauft hatte.“
„Und wer hat ihn wie umgebracht? Im Gletscher eingefroren?“
„Nein. Der hat sich selbst umgebracht. Selbstmord aus Angst vor dem Tod durch Folter. Verständlich, wenn der Tod Pablo Murillo heißt. Er hatte die Berichte über seinen Geliebten und seine Schwester in den Zeitungen gelesen. Dann hat er ein komplettes schriftliches Geständnis abgelegt, mit allen Namen und Orten und sich erschossen. Dummerweise konnte er das auch nicht richtig. Er hat mindestens noch einen Tag überlebt.“
„Hernandes, deshalb rufst du mich nicht mitten in der Nacht an. Was willst du?“
„Ich mag es nicht, wenn diese Koksgangster Leute in meinem Land zu Fackeln machen, vor allem nicht, wenn sie unschuldig sind. Den Baron hätten sie meinetwegen haben können, aber nicht die beiden anderen. Überleg doch mal, ob dir nicht was einfällt.“
Es herrschten ein paar Minuten Schweigen.
Johann stand nun auf, ging ins Bad und spritzte kaltes Wasser ins Gesicht, dann antwortete er: „Wie gut kannst du es mit euren Printmedien und welche Presseagentur ist bei euch wichtig?“
„Mapuexpress und Reuters, wieso? Ich kann mit denen sowohl hier als auch in Kolumbien sehr gut.“
„Dann verbreite doch mal folgende Geschichte: ‚Auf Saipan sitzt der Koreaner Won Hae-Kyung und lacht über den dummen Kolumbianer Pablo Murillo, der vielleicht ein Drogenkartell führen kann, aber so doof ist, ihm Fälschungen für sechsundvierzig Millionen Euro abzukaufen. Anstatt sich an die wirklich Verantwortlichen zu wenden, habe er nur Frauen und kleine schwule Jungs gequält. Zu mehr reicht es eben bei den Kolumbianern nicht.' Wenn das in den Zeitungen steht, dürfte der kleine Pablito explodieren und nach Rache schreien.“
„Ja und dann?“
„Hernandes, denk einfach mit. Er wird wie ein angestochener Stier losrasen, um Won zu erledigen. Schickt er nur seine Leute, lassen die sich auf Saipan schnell wegfangen. Kommt er selber, darf er Won haben. Danach kriegen die Amerikaner und ihre Drogenagency ihn. Ist das zu elegant für dich?“
„Du siehst mich auf Knien, großer Graf. Kann ich die Daten sofort haben? Das Ding lasse ich heute Nacht noch los.“
„Wenn du nicht dauernd mit mir telefonieren würdest, hättest du sie schon, aber ich tippe so schlecht mit dem Hörer am Ohr. – Okay, ist raus und viel Spaß damit, ich werde mal lieber die amerikanischen Brüder informieren.“
Als Homers Telefon klingelte, grunzte er nur erschöpft. Es klingelte weiter. Dann reichte es Tatijana. Sie biss ihm in den Bauch. Sofort war er wach und griff zum Hörer.
Sie fühlte sich animiert, das Gespräch ein wenig zu stören und fuhr mit ihrer Zunge über seinen Bauch, bis sich da etwas regte.
Homer versuchte gleichzeitig zugleich vernünftig mit Johann zu telefonieren. „Nein, Johann, ich höre dir zu, ich bin nicht am Bbumsen. Ja, das ist eine geile Idee. Ich telefoniere sofort.“
Die Russin hatte das mit der geilen Idee anders verstanden und ihr Kopf bewegte sich auf und ab. Homer sprach mit seinem Vorgesetzten und mit der Dame vom CIA, die durchaus eigene Interessen an dem Agenten hatte und nicht begeistert war, als er ihr sagte, dass er wegen der privaten Dinge später anrufen würde. Als er auflegte, war er am Ende seiner Beherrschung, aber am Anfang eines netten Erwachens.
10. April 2004 Jork 3 Uhr 40
Es war zwanzig vor vier, als vier maskierte Leute auf das Grundstück im alten Land eindrangen. Der Hund schlug nur einmal an, dann war es totenstill. Es dauerte weniger als 30 dreißig Sekunden, um das Schloss zu öffnen. Die Männer huschten nach oben. Zwei in die beiden Kinderzimmer und die beiden anderen zu den Eltern.
Einer schlug der Dreizehnjährige mit voller Wucht ins Gesicht. Sie schrie wie die Hölle, wodurch und alle anderen erwaren wachten. Das Ehepaar wurde mit Lederfesseln gefesselt, die Kinder ins Elternschlafzimmer geschleift.
Der Vater versuchte den Tapferen zu geben: „Hey, was soll das, lasst sofort meine Familie zufrieden. Ich bin Justizbeamter.“
Bernd Liedke kannte Hank nun schon seit Jahren und auch dessen Stimme. Wer irgendwann mal einen absoluten Psychopathen vertonen wollte, lag mit Hank richtig. Das bei primitivem Wortschatz sogar in vier Sprachen.<- das ist z.B. eine der Stellen, die der verleger moniert.
Hank flüsterte breit und gemein: „Chef, lass ihn mich gleich umbringen, der spielt sowieso nicht mit, und dann kann seine Familie sein Blut trinken. Bitte Chef. Lass mich doch.“
Mit diesen Worten zog er die Tochter auf seinen Schoß.
Der Vater war nun in heller Panik: „Was auch immer ihr wollt, wir haben nicht viel Geld, aber ihr könnt alles haben, auch das Auto.“
Hank antwortete ihm: „Justizbeamter, wir nehmen uns alles, was wir wollen.“
Bernd Liedke schritt nun lieber ein. Bei Hank wusste man nie, was passieren würde. Er fragte: „Was hast du uns sonst noch zu bieten?“
„Ich mache doch nur ...“ Er stockte und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: „Ihr wollt die Transportdaten.“
Der Mann bebte wie Espenlaub, während Liedke nickte.
„Richtig. Wir wollen alles, was in der nächsten Zeit aus Santa Fu rausgeht oder reinkommt. Jeden Namen, jeden Transport, jede Route. Wir überprüfen sie alle und du wirst nicht wissen, welche uns interessiert. Deine Frau und die Kinder nehmen wir mit. Wenn sie leben sollen, liegt es nur an dir. Mein Mitarbeiter hat recht. Notfalls fahren wir einfach hinter dem Bus hinterher.“
„Aber wie soll ich das denn machen, da gehen und kommen jeden Tag bis zu hundert, manchmal sogar mehr und es sind zwölf bis achtzehn Busse mit ebenso vielen Routen.“
„Du informierst die Gefängnisse doch auch per Internet und Fax. Hier hast du eine Email-Adresse, schick einfach immer eine Kopie als Weiterleitung dort hin und lösch es aus dem Ausgang. Wenn du erwischt wirst, bezahlt es deine Familie.“
Genauso lautlos wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Selbst den toten Hund nahmen sie mit. und natürlich die Frau und die Kinder.
Am nächsten Morgen klebte Hank an dem Justizangestellten. Aber der fuhr ordentlich, vielleicht ein wenig aufgeregt, zum Dienst. Kaum war er eingetroffen, trudelten die ersten Mails ein.
Die Familie des Justizbeamten befand sich in einer schalldichten Kabine auf einem Binnenschiff, unterhalb der Wasserlinie. Das Schiff fuhr von Hamburg nach Berlin. Die Ladung war Kies, als Fracht nutzlos, als Tarnung aber hilfreichsehr gut.
Schon am Abend des ersten Tages waren die Routenpläne alle klar. Drei Busse waren grob kontrolliert worden. Es gab keine Auffälligkeiten. In der Nacht durfte der Justizbeamte mit seiner Frau telefonieren. Der Anruf wurde unterwegs zweimal umgeleitet.
10. April 2006 Cali 23 Uhr 50
In Kolumbien brannte die Luft. Pablo Murillo tobte wie ein Wahnsinniger und ließ sich nicht beruhigen. Seine Leute versprachen ihm, das Schwein umzubringen, aber das reichte ihm nicht. Er wollte diesen Won persönlich töten. Aber wie sollte man den von Saipan nach Kolumbien schaffen? Das schien aussichtslos.
Also charterten die Kolumbianer ein Schiff, das mit höchster Geschwindigkeit und vielen Waffen und Leuten an Bord von den Philippinen nach Saipan aufbrach. Nach etwa zehn Tagen wollte Pablo mit weiteren Leuten in einem Charterflugzeug folgen.
Cecil Whiteness informierte Homer telefonisch: „Es ist alles zum Zuschlagen bereit. Willst du mit Johann dabei sein? Ich könnte dann auch nach Saipan kommen und wir hätten wieder einmal ein paar Nächte für uns. Der Zugriff soll gleich nach der Landung des Flugzeugs erfolgen.“
„Womit willst du denn die Verhaftung begründen, liebe Cecil? Ein paar Kolumbianer machen auf Saipan Urlaub.“
„Aber es sind Drogenhändler. In den USA ist dieser Pablo Murillo zur Fahndung ausgeschrieben. Dann die Waffen auf dem Schiff. Terrorismus. Das ist doch einfach.“
„Wer glaubt schon an einen kolumbianischen Drogenhändler als Terroristen. Die würden uns noch Entwicklungshilfe anbieten, damit sie ihren Umsatz an Drogen erhöhen könnten. Nein. Cecil, so geht das nicht. Ich weiß, ihr geht meist nicht mit euren Ergebnissen vor Gericht, aber ich muss das immer. Wir haben auf dem Territorium der nördlichen Marianen nicht die USA, sondern nur etwas Assoziiertes. Damit brauchen wir dort einen Mord, einen möglichst grausamen Mord, damit die den Täter nicht selber aburteilen und verwahren wollen.“
„Du willst diesen Won Dingsbums wirklich über die Klinge springen lassen?“
„Natürlich, Cecil, das würdest du doch mit Bin Laden auch machen und glaub mir, der Herr Won ist eindeutig schuldiger.“
„Gut, lieber Homer, wenn du meinst. Treffen wir uns nun in Saipan oder lieber irgendwo in Europa?“
„Cecil, am liebsten sofort, aber ich bin nicht Herr meines Timings. Ich vertrete hier bei dem Reichsgrafen nur die Interessen der USA und versuche unsere Aktiva, wie deinen Oreste Crispi, aus dem Gewusel rauszuhalten. Stell dir vor, der würde das gleiche, was er mit Won macht, jetzt mit dem machen. Da muss ich am Ball bleiben.“
12. April 2006 Hamburg 23 Uhr
Der Gefangenentransport würde am 15. April stattfinden. Das war absolut sicher. Demnach wurde der Justizbeamte nicht mehr benötigt. Man ließ seine Frau bei ihm anrufen, dass er sich krank melden sollte und nach Hause fahren sollte.
Vorstand und Kollegen nahmen ihm sofort ab, dass er eine Grippe mit Fieber hatte. „Er sah die letzten Tage ja schon elend aus“, sagten sie.
Als er heimkam, erwartete ihn Hank auf der Kellertreppe, die von der Garage zur Wohnung führte. Hank hatte keine Zeit für ein Spiel, denn das Binnenschiff war bereits wieder auf dem Rückweg nach Hamburg. Rasch erschoss er den Justizbeamten, überprüfte seinen Tod und verließ das Haus, um zum Schiff zu kommen.
Zwischen Neuruppin-Süd und Kremmen sind es auf der Autobahn genau zweiundzwanzig Kilometer, die durch das Luch, ein Moor und Sumpfgebiet führen. Zwischen Fehrbellin Hakenberg und Luhme fand am 18. Juni 1675 die Schlacht bei Fehrbellin statt, in der die Schweden rund 4.000 Mann an die brandenburgischen Kanonen und den Sumpf verloren.
Eine Stunde, bevor der Gefangentransporter die Stelle passieren sollte, fuhren die LKWs mit der Baustellenabsicherung auf die Autobahn und begannen mit dem Aufbau der Sicherungsanlage. Von drei Spuren wurde die Autobahn auf eine reduziert.
Als der Gefangenentransporter am Autobahnkreuz Wittstock-Dosse vorbeikam, reihte sich hinter ihm ein Kipplaster, der schwer mit Ton beladen war. Ein weiterer fuhr in die Baustelle und ein dritter wartete, bis der Bus kurz vor Neuruppin Süd war, um dann den Bus langsam auf sich auflaufen zu lassen.
Zur gleichen Zeit wurden sechzehn Funkmasten im gesamten Gebiet mit einem einzigen Impuls gesprengt. Im ganzen Bereich funktionierte kein Handy mehr. In der Baustelle zog der Kipper auf den Standstreifen, blinkte und bremste. Bevor der Gefangenentransporter beschleunigen und vorbeifahren konnte, zog der andere Kipper aus der Baustelle vor ihn und bremste abrupt. Der Bus prallte auf den Laster, der Fahrer und sein Begleiter waren schwer verletzt. Der nachfolgende Verkehr wurde durch den Laster hinter dem Gefangenentransporter abgeschirmt und gestoppt.
Der gesamte Verkehr stand. Im gleichen Moment sprangen mehrere schwer bewaffnete und maskierte Männer aus dem Graben neben der Autobahn, stürzten sich auf den Transporter und sprengten die Tür. Bevor sich die Justizbeamten zur Wehr setzen konnten, wurden sie getötet.
Dasselbe Schicksal ereilte die meisten Gefangenen. Nur zwei Hells Angels und Roger Harry Schillke wurden aus dem Bus befreit. Die Biker wussten vor Freude gar nicht, wie ihnen geschah. Sie hatten mit keiner Befreiung gerechnet.
Allerdings war ihre Euphorie von kurzer Dauer, Sekunden, nachdem sich der Transporter in Bewegung gesetzt hatte, wurden sie erschossen. Sie sollten nur als Decnkmantel dienen. Der Transporter wurde bei Ferch auf einem Parkplatz abgestellt.
Roger Harry Schillke hätte eigentlich glücklich sein können. Die Tortur mit dem Gefangenentransporter, der Aufenthalt in der Zelle, all das war vorbei. Bei Ferch hatte man ihn aber in den Stauraum eines Wohnmobiles geparkt, in dem er nun über die Autobahn geschaukelt wurde. Im Dunkeln und im Mief. Er hatte keine Chance sich zu beschweren.
Auf der Autobahn herrschte ein heilloses Durcheinander. Erst ein Polizeihubschrauber fand den Grund des Staus heraus und führte von Kremmen Einsatzkräfte heran.
Inzwischen war es überall zu Auffahrunfällen gekommen. Die Autobahn wurde weiträumig gesperrt, die Fahrzeuge so weit wie möglich umgeleitet.
Erst vier Stunden später war überhaupt wirklich klar, dass es einen Überfall gegeben hatte. Bernds Söldner waren bis auf Hank längst mit Flugzeugen von Magdeburg, Hannover und Leipzig in wohlverdiente Urlaube verschwunden.
Hank hatte mit dem Motorrad das Binnenschiff erreicht und lebte nun seine Triebe aus. Allerdings beschädigte er die Ware körperlich nicht allzu sehr. Denn die sollte in Hamburg auf einen Trampfrachter umgeladen werden, um in Südamerika für Lustgewinn zu sorgen. Nach zwei Nächten und einem Tag mit Hank kam Liedkes Familie alles andere wie das Paradies vor.
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37. Knastreflexionen
Perspektive ist, dass du gesiebte Luft atmen wirst,
wenn du dich zu lange in dicker Luft aufhältst.
Fritz-J. Schaarschuh
6. April 2006 Flughafen Schwechat.
Am Flughafen erwartete das ganze Team die Damen. Johann hatte das obligatorische Essen in seine Suite verlegt, weil Helga dort im Liegen futtern konnte. Drago wirkte auf sie derart euphorisch, dass sie einen Moment dachte, er hätte irgendetwas Illegales eingenommen. Er bemutterte seine Liebste, rückte ihre Kissen zurecht, schimpfte, warum sie sich derartigen Gefahren aussetzen würde, jetzt, wo endlich ... er verstummte.
„Was endlich?“, fragte Helga.
Drago machte ein feierliches Gesicht, blieb aber still.
„Was ist los? Hast du den Yehudi Menuhin Preis bekommen?“
Nun stand er vom Bett auf, griff in die Brusttasche des Sakkos und entfaltete ein Papier. Seine Stimme zitterte vor Freude, als er sagte: „Ich habe die Green Card. Nach sechs Jahren in Österreich habe ich ein Recht darauf, hier für immer zu leben. Heute unterschrieben!“
Helga riss den Zettel aus seiner Hand. „Das ist die Österreichische Staatsbürgerschaft!“, rief sie, rappelte sich hoch und fiel ihm um den Hals. „Ich bin ja so glücklich, mein Schatz!“, rief sie unter Tränen. Die ständige Angst, dass er doch wieder das Land verlassen müsste, hatte ein Ende. Drago erwiderte die Umarmung, und klopfte ihr, wie es seine Art war, auf den Hintern. Helga brüllte auf. Aber das ging unter im Applaus der Ermittler.
Behutsam wurde sie wieder aufs Bett gelagert und dann gab es ein Mulatschak, wie Huber das wilde Fest bezeichnete. Nach russischer Sitte warf Tatijana die Gläser hinter sich, nachdem sie ausgetrunken hatte. Drago zeigte, was in ihm steckte, stieg auf den Tisch und geigte auf. „Teufelsgeiger!“, riefen die Tanzenden. Helga schaute glücklich zu.
Johann lieh Drago seine Luxuskarre, um Helga bäuchlings transportieren zu können.
Zu Hause angekommen, bettete Drago sie zärtlich. „Ich werde mein Musiklokal aufmachen können, mein Engel. Was sagst du dazu?“
„Wundertoll!“
„Wundervoll meinst du.“
Aber sie antwortete nicht mehr, Morpheus hatte sie in die Arme genommen. Drago deckte sie zu.
7. April 2006 Wien 6 Uhr 05
Franz Huber musste nicht aus dem Fenster sehen und brauchte keinen Kalender, um zu wissen, dass dies ein Scheißtag war. Er hatte noch nicht einmal die Augen geöffnet und war doch schon seit Stunden wach.
Es würde sinnlos sein, sein Mütchen zu kühlen, indem er Sachen herumpfefferte, er hätte sie ja selber wieder aufheben müssen. Verdammt. Er wollte kein Verräter sein. Schon gar nicht an einem großkotzigen Idioten. Ihm blieb leider keine Wahl.
Er hatte die Sache mit dem Reichsgrafen und der lädierten Helga noch einmal diskutiert. Bullen und Exbullen haben da ihren eigenen Ehrenkodex. Es gab keine Lösung.
Ließ man Tschikowski einfach kündigen, wäre das ein Signal an alle bestechlichen und unkorrekten Kollegen. Dann könnte man die Polizeiarbeit ebenso gut auch gleich ganz einstellen.
Huber verfluchte den Tag und dieses verdammte Arschloch von Tschikowski.
Er würde jetzt duschen und sich ein Taxi nehmen. Als er im Bad war, klingelte es an der Tür. Ihm war egal, dass er nackt war. Er öffnete. Es war die Störchin. Mit vier großen Kaffeebechern.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich heute morgen alleine ins Büro komme.“ Wütend ging er ins Badezimmer zurück. Sie balancierte das Papptablett mit den Kaffeebechern und folgte ihm.
Während Huber sich die Zahnbürste in den Mund stopfte, sah er im Spiegel, wie sie ihn angrinste und deklamierte: „Morgen, liebe Störchin. Schön, dass du da bist. Danke für den Kaffee. – Kein Problem, ich weiß, dass du dich wegen Tschikowski beschissen fühlst. Deshalb bin ich hier.“
„Danke.“
„Gerne, Hubsi“, sie warf einen Blick auf seine untere Körperhälfte, „Du hast übrigens einen Schönen. Er wippt so ulkig, wenn du wütend bist.“
Huber musste die Zahnbürste aus dem Mund nehmen, um sie nicht zu verschlucken und prustete los. Man konnte dieser verrückten Störchin einfach nicht böse sein: „Hast ja recht. Ich könnte mir heute vor Wut selbst ein Monogramm in den Hintern beißen. Ich und die Schlafmützen von der Inneren. Mit denen möchte ich normalerweise net einmal auf dem gleichen Planeten leben.“ Er drängte sich an ihr vorbei, riss den Schlafzimmerkasten auf und begann sich anzuziehen.
Die Störchin folgte ihm und sagte: „Reg dich nicht auf. Ich bin bei dir. Nicht du lieferst ihn ans Messer, sondern der Scheißkerl von Tschikowski hat dich und alle anderen Kollegen verraten. Das er doof ist, zählt dabei nicht. Das berücksichtigen wir nämlich sonst auch nicht. Dafür haben wir Gerichte.“
„Ich weiß. Aber trotzdem ...“
„ ... solltest du zum blauen Hemd keine grünsilberne Krawatte anziehen. Nachher halten die von der Inneren dich noch für einen verkappten Islamisten.“ Sie grinste liebevoll.
Als sie den Wagen auf den Hof des Innenministeriums fuhr, war Huber wild entschlossen, die Sache schnell hinter sich zu bringen.
Tschikowski war froh, dass er endlich aus dem Toten Gebirge weg durfte. Er wollte wieder in seine Wohnung, nach dem Geld sehen und das Handy vernichten. Vielleicht war er da doch etwas unvorsichtig gewesen. Selbst als seine Beschützer und er auf den Hof des Innenministeriums fuhren, war er noch überzeugt, das er ohne Schramme davon kommen würde.
Als er in einem Raum geführt wurde, in dem vier Leute saßen, die eindeutig von der Inneren waren, und herzlich von Wrucktzki, dem Engel der Bestechlichen, begrüßt wurde, schlugen seine inneren Glocken Alarm. Wrutztki war der Gewerkschaftsvertreter, stand Polizisten auf ihrem letzten Dienstweg bei der Inneren und vor den Staatsanwalten bei und da wusste Tschikowski Bescheid.
Dieser Arsch von Huber saß auf der Anklageseite mit seiner Störchin, der er bestimmt dauernd den Schwanz reinsteckte, und ihn hatten sie in der Mache! Sollten sie sich lieber um Huber kümmern. Tschikowski hatte ganze Listen von Verfehlungen an die zuständigen Stellen geschickt.
„Was wollt ihr von mir? Verflucht noch einmal, ich bin ein anständiger Polizist, hab mir den Arsch aufgerissen!“, schrie er.
Wrucktzki klopfte ihm auf die Schulter. „Ganz ruhig bleiben, wir werden das schon machen.“
Alles Blicke richteten sich auf ihn, er hörte sich: „Selber korrupt, Huber!“, sagen und begriff in dem Moment, dass er keine Chance hatte.
Franz Huber begann mit dem Video aus Liezen und blätterte in zwei endlos langen Stunden alles auf, was er an Beweisen hatte. Den Abschluss bildeten die Vernehmungen des Rechtsanwaltes und Bruscinis.
Tschikowski, der während dem Vortrag versucht hatte, sich innerlich Verteidigungslinien aufzubauen und jedes Mal zusehen musste, wie der nächste Satz seines Chefs die Linien mühelos niederwalzte, war am Ende der Ausführungen ein Wrack. Mit anklagender Stimme fing er an, von nicht gewolltem und anders geplantem und eigenem Ermittlungsziel zu faseln.
Wrucktzki bremste ihn. „Lass das, Tschikowski, es hat keinen Sinn.“
Aus dem Publikumsbereich stand ein junger Staatsanwalt auf und sah ihn fast mitleidig an, als er ihn verhaftete. Ein Vertreter des Polizeichefs suspendierte ihn vom Dienst und dann wurde er in die Justizanstalt im achten Bezirk überführt.
Huber wehrte das Lob mit gemischten Gefühlen ab, obwohl ihn die Fülle an Beweisen selbst noch einmal davon überzeugt hatte, dass er das Richtige tat. Im Aufzug fasste die Störchin ihn an den Ohren, küsste ihn und sagte: „Hubsi, ich bin stolz auf dich. Ich weiß, wie schwer dir das gefallen ist. Hoffentlich habe ich die Kraft, irgendwann genauso zu handeln, wenn es nötig ist.“
7. April 2006 Haifa 8 Uhr 00
Ursprünglich war die Polizei von Haifa dem üblichen Schema überall auf der Welt im Umgang mit der Presse gefolgt. Sie sprach von laufenden Ermittlungen und lehnte jeden Kommentar sowohl zu der Geschichte mit der Im- und Exportfirma von Chaim Averbuch als auch zum Vorfall im Hotel ab.
Nachdem sich der Reichsgraf mit ein paar Freunden in Israel unterhalten hatte, bekam die Polizei von Haifa plötzlich andere Anweisungen. Gleichzeitig gab Frau Averbuch auf Johanns Bitte Reportern von Haaretz und der Jerusalem Post gegen Entgelt ein Interview, was einer gewissen Komik nicht entbehrte, da die beiden Zeitungen äußerst konträre Standpunkte vertraten.
Frau Averbuch nannte die Namen Roger Harry Schillke, Won Hae-Kyung und als Mörder ihrer Mitarbeiter den Namen Movses Haiasanata. Als sie dann noch gefragt wurde, wer auf ihren Mann geschossen habe, antwortete sie, dass sie das nicht wisse, er allerdings mit Schillke verabredet gewesen war.
Als Chaim Averbuch an diesem Vormittag starb, brach seine Frau zusammen.
Anlässlich einer Pressekonferenz in Haifa, die der Sprecher der Polizei anberaumte, bei der zufällig gut informierte deutsche Journalisten und sogar ein Fernsehteam anwesend waren, wurde von erdrückenden Beweisen gegen die genannten Täter gesprochen und dass gegen Herrn Schillke internationaler Haftbefehl erlassen worden sei.
Mittags wurde der Hamburger Justizsenator kalt erwischt, als ein Journalist ihn auf die Vorwürfe aus Israel ansprach und er sich voll hinter Roger Harry Schillke stellte. Weil es so schön war, passierte dem Innensenator das gleiche. Der erste Bürgermeister war zwar gewarnt, aber auch er hatte Schillke vor kurzem noch die Hand geschüttelt und kannte ihn seit Jahren. Mutig stürzte sich der Bürgermeister ins Messer.
7. April 2006 Berlin 11 Uhr 30
Tag um Tag verfluchte der Führer der Wehrsportgruppe „Reichsfürst“ Olav Geiger den Entschluss, sich den Neo-Nazis angeschlossen zu haben. Was war er nur für ein Trottel gewesen! Nun saß er in Moabit als U-Häftling auf Station 4 ein, jeder Hofspaziergang war ein Spießrutenlauf zwischen Kanaken und Negern. Nachdem ihm das Wachpersonal auch keinen Schutz anbot – ein Gesocks aus Bosniern, Serben und Türken – befand Olav sich in ständiger Angst. Ein zitterndes Nervenbündel, das nicht einmal nachts zur Ruhe kam, hatten sie ihn doch mit zwei Monstern in eine Zelle gepackt, die seinen knackigen Hintern liebten. So schlich der ehemalige „Teutsche Soldat“ als Schatten seiner Selbst durch die Gegend. Nicht auffallen, beschwor er sich ständig.
Dumm war nur, dass ihm das eines Tages misslang. Sein stärkster Charakterzug war Jähzorn und entnervt, wie er war nach einer weiteren Nacht als Gespiele seiner Herren, rastete er beim Essenfassen auf dem Zellengang aus. Jemand stieß ihn von hinten, als er sein Tablett vom Transportwagen in seine Zelletragen wollte, der ganze Mist segelte zu Boden. Als ihn der bosnische Wachbeamte unter dem Gejohle der Mithäftlinge aufforderte, den Dreck vom Boden zu essen, drehte er durch und brüllte all seinen Fremdenhass heraus.
Nachdem er sich inmitten einer Ausländerkolonie befand, die fast ausnahmslos wegen schwerer Körperverletzung auf ihren Prozess warteten und nichts zu verlieren hatten, kam ihn das teuer zu stehen.
Im Gefängniskrankenhaus flickte man ihn halbwegs zusammen, wobei die tiefe Wunde, die sich über seine ganze linke Gesichtshälfte zog, wohl nicht schön verheilen würde, da sie ihm mit einem Blechstück zugefügt wurde, dass sein Fleisch in Fetzen gerissen hatte.
Michael Mücke hatte die Nachricht erhalten, dass Olav Geiger im Knast aufgemischt worden war. Das gab ihm eine glänzende Gelegenheit, der Intelligenzbestie etwas in den Mund zu legen.
Also machte er eine ordnungsgemäße erneute Vernehmung von Geiger, bei der dieser Fotos von Schillke als einen der Auftraggeber identifizierte. Natürlich hätte Geiger um Schutz zu bekommen, auch den Papst des Massenmordes bezichtigt, aber das zu bewerten war Sache des Gerichtes.
Die Aussage reichte auf jeden Fall aus, um einen Haftbefehl gegen Schillke zu erwirken. Die Hamburger Polizei war schon bei den ersten Gesprächen mit ihren Politikern zum Thema Schillke erfreut gewesen. Ebenso von der nordischen Eigenart, dass bestimmte Ermittlungen gegen die sogenannte Hamburger Gesellschaft ungern gesehen werden, egal wer politisch am Ruder ist.
Den Haftbefehl aus Berlin betrachteten die Hamburger Polizisten als eine Art später Genugtuung und vollzogen ihn umgehend. MM konnte sich gar nicht vor Anrufen und Akten retten die ihm zugängig gemacht wurden.
7. April 2006 Hamburg 17 Uhr 30
Benno von der Lohe schätzte Schillkes Chancen realistisch ein. Er gab den Leuten von Oreste Crispi den Befehl, den Anwalt auszulöschen und sein sogenanntes Geheimquartier nach entsprechender Vorbereitung zu vernichten.
Dann ging er in sein privates Museum, nicht ohne vorher eine frische Zigeunerin aus einer seiner schalldichten Zellen zu holen. Er machte sich schon seit einiger Zeit nicht mehr den Aufwand, sie ähnlich wie seine Simone anzuziehen, Es war das Pfeifen der Peitsche, das der Auslöser seiner Lust geworden war.
Heute pfiff die Peitsche besonders heftig. Musste er sich doch von mindestens drei seiner Bilder trennen, besser noch vier. Nachdem er ihr alles an Menschlichkeit und Würde genommen hatte, nahm er ihr auch das Leben.
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36. Jede Menge Unterschriften
Ein Mann in der Falle ist kein guter Anblick.
Aus Togo
4. April 2006 Rio de Janeiro 3 Uhr 45 Ortszeit
Salvatore Bruscini hatte Rio genossen. Zumindest in den ersten sechzig Stunden. Die Mädchen waren schön und gegen das entsprechende Entgelt willig. Sein Hotel lag direkt am Strand.
Natürlich würde er sich falsche Papiere besorgen und vielleicht etwas zurückgezogener leben müssen. Aber es gab ja noch andere Hafenstädte, die weniger Aufsehen erregten. Und er hätte vorsichtiger sein müssen.
Dieser hübschen Kleinen, die vor ihm auf dem Asphalt tänzelte, konnte er einfach nicht widerstehen.
Er wusste, dass er mit seinen europäischen Augen ihr Alter nicht schätzen konnte, aber sie war so herrlich jung und schien dazu verdorben. Er gierte nach ihrem haarlosen Stück Fleisch, das sie ihm schamlos zeigte.
Wie ein Idiot war Bruscini ihr in das Gewirr der Gassen gefolgt. Bei jedem ihrer Schritte wippte das Röckchen und zeigte den süßen nackten Po, den er genießen wollte.
Hinter der nächsten Ecke wartete sie auf ihn. Es ging schnell und als er aufwachte, war sein Bargeld und seine Uhr fort. Alles andere hatte man ihm gelassen.
Er tobte. Allerdings verstand dort niemand sein Italienisch. So kam die Polizei und nahm ihn fest. Hätte er doch nur etwas Bargeld gehabt oder wäre der Sprache mächtig gewesen. Aber so war nichts zu machen.
Erst hatten sie ihn in dieses und dann in jenes Gefängnis gebracht. So recht schienen sie nicht zu wissen, was sie mit ihm anfangen sollten. Er brauchte jemanden, mit dem er sich verständigen konnte. Leider konnte er schlecht nach dem Konsul fragen.
Jetzt wurde er wieder in einem dieser kleinen schmutzigen Verlieswagen herumgefahren. Gut, dass er selbst so klein war. Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer wäre vor Hitze und Platzangst gestorben.
Der Wagen hielt, er wurde herausgezerrt und in ein großes Gebäude gebracht, von dem er nur die endlosen Flure sehen konnte. Dann ein Büro. Ein Mann. Endlich ein Verhör.
Doch der Mann fragte: „Salvatore Bruscini? Italienischer Staatsbürger?“
„Endlich jemand, der meine Sprache spricht. Jetzt können wir die Probleme aus der Welt schaffen ...“
„Sind Sie der italienische Staatsbürger Salvatore Bruscini?“
„Ja.“
„Gut. Ich übergebe Ihnen hiermit einen amtlichen Ausweisungsbeschluss, der ins Italienische übersetzt wurde, mit seinem brasilianischen Original, das Sie unterschreiben.“
„Wir können über alles reden“, stammelte Bruscini verstört.
„Ich kann Sie gerne für vier Wochen in ein Gefängnis bringen lassen und Sie danach erneut bitten, den Empfang zu quittieren.“
Er unterschrieb.
„Danke, Herr Bruscini. Ihnen wird auf Lebenszeit untersagt, erneut in Brasilien einzureisen. Da es keinen Direktflug nach Italien gibt, werden sie über Zürich nach Mailand geflogen. Sollte das Flugzeug über brasilianischem Luftraum Ihretwegen zurückkehren müssen, werden Sie mehrere Jahre Gefängnis bekommen. Ist Ihnen das klar?“
Bruscini nickte stumm.
Die Polizisten ergriffen ihn erneut und brachten ihn in einen Warteraum, wo sie bis zum Check-In des Fliegers warteten und ihm die Handschellen erst abnahmen, als er an Bord ging.
Seine Mitpassagiere sahen ihn entsetzt an, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich hatte dieser Kegelclub auf Abwegen noch nie einen Mann in Handschellen gesehen. Typisch Schweizer.
Das Flugzeug war kaum zur Hälfte besetzt. Einer dieser Geschäftsflieger, die immer mehr in Mode kamen. Also zurück nach Zürich. Das hätte schlimmer kommen können. Direkt nach Mailand zum Beispiel. Die Stewardess, die beim Vorbeigehen jedes Mal die Nase rümpfte, bot ihm nur alkoholfreie Getränke an. Alles andere hätte Geld erfordert, das er nicht hatte. Seine Kreditkarte wollte sie nicht nehmen.
Also schlief er ein Weilchen und träumte davon, wohin er nach Zürich fliehen würde. Als die Maschine im Landeanflug war, blickte er nicht hinaus. Flughäfen sehen überall auf der Welt gleich trostlos aus.
Wie vermutet, musste er zur Reinigung des Flugzeugs die Maschine verlassen. Die Wartezeit sollte eine Stunde betragen. Schließlich wollten die Schweizer auch Waren in ihrem Duty-Free Bereich verkaufen.
Das passte ihm gut. Er stürmte vor den anderen aus dem Flugzeug, über die Gangway auf den Vorplatz. Dort stutzte er. Vienna International Airport stand dort. Aus dem Flughafenbus stiegen ein paar Polizisten, und einige Frauen.
Bevor er reagieren konnte, hatten ihn zwei Pinkerton Männer von hinten an den Armen gefasst und ihm Handschellen angelegt.
Am schlimmsten war, dass dieses billige russische Flittchen in ihrem schlimmsten Nuttenoutfit vor ihn trat: „Salvatore, mein Freund. Du hast deinen Ausflug in die Sonne schnell beendet. Dafür, dass du sie nie mehr sehen wirst, hättest du dir mehr Zeit lassen sollen. Naja, geduldig warst du ja nie.“ Sie warf ihm eine fröhliche Kusshand zu.
Wie betäubt ließ er sich ohne Gegenwehr in einen Gefangenentransporter verfrachten.
In derselben Nacht sorgte die Störchin dafür, dass sich der Rechtsanwalt und seinehemaligen Mandanten als Gefangene sehen konnte. Das lockerte Bruscini und dem Rechtsanwalt rasch die Zunge. Die Störchin hatte sogar Mühe, überhaupt noch Fragen zu formulieren, so schnell schoss er die Antworten heraus.
5. April 2006 Saipan 3 Uhr 15 (Ortszeit)
Am nächsten Morgen standen drei Polizeiwagen vor ihrem Hotel. Das war bei den zweiundsiebzigtausend Menschen, die auf Saipan leben, schon eine beträchtliche Streitmacht.
Ähnlich schienen das auch die Bewacher des Anwesens von Won Hae-Kyung zu sehen und rissen die Tore weit auf, als die Fahrzeuge mit Sirenen und Blaulicht anrückten.
Obwohl Herr Won sichtlich geschockt war, reagierte er doch sehr professionell. Den ersten vorgeschobenen Grund der illegalen Beschäftigung konnte er entkräften. Die Geschichte mit den Kopien gestohlener Bilder hatte er sichtlich nicht erwartet. Aber so leicht war er nicht unterzukriegen und so sagte er von oben herab: „Nehmen wir einmal an, die Beweise, die Sie da auf ihren Computern haben, sind nicht gefälscht. Dann ist das eine Straftat außerhalb des U.S. Commonwealth Territory und außerhalb der USA. Ich sehe also nicht, was Sie damit zu tun haben, meine Herren. Oder liegt ein Auslieferungsersuchen vor?“
Auch Johann nahm eine entspannte Pose ein, er konnte es sich leisten, denn er war gut zwei Köpfe größer als Won. „Ihr Versicherungsagent ist Mr. Brigham in London. Brigham, Tyndel und Robertson. Ist das richtig? Sind dies Ihre Abschlüsse?“ Er reichte ihm eine Computerliste, aus der Schadenssummen, Prämien und alle sonstigen Daten von vierhundertsechzehn Verträgen hervorgingen.
„Es mag sein, das noch einige fehlen. Aber die dürfte ich im Laufe der Woche nachgereicht bekommen. Sie wissen ja, wie das mit den Bearbeitungsabläufen ist.“ Er lächelte höflich und machte eine Andeutung einer Verbeugung.
Won setzte sich erstmal in seinen Schreibtisch. Blätterte ein wenig ratlos in der Liste. Was, bitte schön, hatte das kleine Geschäft mit dem jüdischen Schlitzohr mit seinen Versicherungen zu tun? Der Große sah nicht so aus, als ob er weitere Erklärungen für notwendig hielt.
Won hüstelte. „Ja. Das sind meine Verträge. Ob sie vollständig sind, kann ich so nicht sagen. Das müsste ich auch erst prüfen lassen, aber was hat das mit den Bildern zu tun?“
„Ich dachte, das wäre ihnen klar, Herr Won. Kunst ist versichert. Wenn sie gestohlen werden, müssen die Versicherungen zahlen. Das erhöht ihre und meine Prämien.“
Johann setzte sich auf die Schreibtischkante.
Won zog ein Stück Papier unter seinem Hintern heraus und schob es in die Lade. „Die Werke sind doch schon lange gestohlen, die Schäden längst ausgeglichen. Was soll das jetzt noch?“, fragte er pikiert.
„Das sehen Sie falsch. Mein Haus vertritt einige der größten Rückversicherer dieser Welt. Wenn wir 1724 für ein verloren gegangenes spanisches Goldschiff eine Versicherung ausbezahlt haben und das Schiff heute gefunden wird, gehört der Inhalt uns. Mit den Bildern ist es ebenso. Wir wollen sie wiederhaben.“
Won schien es zu reichen, er sprang von seinem Ledersessel auf, rannte um den Tisch herum und baute sich vor Johann auf. Nachdem er nun Aug in Aug mit ihm war, sagte er streng: „Aber bitte schön nicht von mir! Ich bin Geschäftsmann, ich habe Dienstleistungen und Transport verkauft. Mehr nicht. Da müssen Sie sich an andere wenden.“
Johann stand auf und blickte auf den kleinen, aufgeregten Won herunter: „Würden wir gerne, Herr Won. Würden wir wirklich gerne. Aber die anderen haben wir nicht, Herr Won. Sie haben wir.“ Er hob die Augenbrauen zur Betonung der letzten Worte.
Nun sprang Won einige Mal in die Luft wie ein Gummiball. Er fuchtelte vor Johanns Nase herum. „Wieso haben Sie mich? Sie haben ein paar blöde Aussagen, auf die Sie nie einen Auslieferungsbefehl bekommen. Ich kann gehen, wohin ich will und tun, was ich mag. Daran können Sie mich nicht hindern.“
Begütigend lächelnd, wie ein Lehrer, der seinem kleinen Schüler die Welt erklären will, sagte Johann: „Nicht ganz, verehrter Herr Won, nicht ganz. Es ist ziemlich einfach. Wenn Sie uns weder unsere Bilder geben noch Ihren Auftraggeber verraten wollen, wollen wir Sie nicht mehr versichern. Aber Sie haben ja eine Liste der Verträge, die sie neu abschließen müssten. Das hilft bestimmt bei der Organisation.“
Wons normale braungelbe Gesichtfarbe wechselte in ein Grün. „Ja und? Ich versichere mich eben woanders. Damit machen Sie mir Arbeit, aber keine Angst!“
„Mir würde es Angst machen. Jede Gesellschaft, die Sie versichert, will sich rückversichern. Die Rückversicherer sind von den Bilderdiebstählen alle betroffen. Ich glaube, Sie sollten die Reparatur Ihres Flugzeuges stornieren. Es wird ohne Versicherungsschutz nie mehr abheben.“ Johann pflückte einen unsichtbaren Fussel von Wons Schulter.
Der Koreaner wich schnaubend einen Schritt zurück und stolperte um ein Haar über den Besucherstuhl vor seinem Tisch. Sein Stimme kippte ins Schrille: „Sie drohen mir im Beisein von so vielen Polizisten? Das ist Erpressung! Nehmen Sie den Mann sofort fest!“
Homer grinste breit. „Herr Won, das werden wir sicher nicht tun. Das ist Geschäft. Meinen Sie im Ernst, die Versicherung macht sich unnötig Arbeit? Wenn Sie uns Ihren Auftraggeber nennen und vernünftige Beweise und Aussagen liefern, ist die Sache für die Versicherungen erledigt.“
Nachdem Herr Won nach einigen Minuten seine Sprache wieder gefunden hatte, machte er seine Aussagen. Papiere wurden ausgedruckt, Videos aufgezeichnet. Neben den technischen Details des Ablaufes, die sicher den Zoll und die Polizei einiger Länder interessieren würden, gab es klare Belastungen gegen Roger Harry Schillke und Chaim Averbuch, den Patron.
Herr Won konnte allerdings nicht sagen, wer von den beiden der Chef war. Er glaubte, dass beide Handlanger seien, hatte sich aber nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht.
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35. Die Liebe ist ein seltsames Spiel
Die Nacktheit hat es nicht nötig, auch noch zu betrügen,
sie begnügt sich mit dem Verwirren der Sinne.
Martin G. Reisenberg
Da niemand genau wusste, ob Movses Haiasanata nicht in Wirklichkeit an dem Hotel beteiligt oder gar der Besitzer war, konnte man nicht mit großer Besatzung dort auffahren. Deshalb einigten sie sich darauf, dass Tatijana und ein Polizeibeamter als Liebespaar die Juniorsuite daneben beziehen sollten und in der Folge einen kapitalen Streit spielen würden. Da die Saison ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte, war es für Tatjana ein Leichtes das Zimmer zu buchen. Das Gelände sollte weiträumig umstellt werden, nachdem Haiasanata eingetroffen war.
Um den Herrn später abtransportieren zu können, wählte man die alte Nummer mit dem Schrankkoffer. In Berlin hätte Tatijana einen besessen. Hier in Haifa kam er aus einem Theaterfundus, sah dafür aber umso prächtiger aus. Sechsundsiebzig Kilo feinster Strandsand ersetzte bei der Anreise das Gewicht von Herrn Haiasanata.
Tatijana und ihr Pseudoliebhaber hatten sich umgezogen, wobei sie die vermögende Zicke fast überzog. Endlose Kussszene im Auto, Kussszene neben dem Auto, Händchenhalten auf dem Weg zur Rezeption, Kussszene an der Rezeption, Platincard auf den Tresen, Küsschen, lange Kussszene im Aufzug, Händchenhalten auf dem Gang und gut fünfzig Euro Trinkgeld für ein Gepäck, das einer kompletten Fußballmannschaft gereicht hätte, aber nur für zwei Leute und ein Weekend war.
Das ganze Hotel amüsierte sich über die beiden, der Sicherheitschef von Movses Haiasanata blieb jedoch misstrauisch. Er hatte einen Zugang zu den Kartenumsätzen, der meist in den Casinos genutzt wurde, um wirklich alles bis zu letzten Cent abzugreifen. Das, was er sah, beruhigte ihn. Teure Geschenke für unterschiedliche Männer, ständig unterwegs, irgendein russischer Adel, vermutlich Drogen. Nein, da drohte keine Gefahr. Es handelte sich bloß um eine verzogene, reiche Nymphomanin.
Was er nicht wusste war, dass Leute wie Tatijana genau mit solchen Überprüfungen rechneten und deshalb für ein entsprechendes Belegbild sorgten.
Tatijana und der durchaus hübsche Israeli sprangen aus den Klamotten. und Während er den Zimmerservice auf Trab brachte, packte sie die Ausrüstung aus.
Kameras auf biegsamen Wellen, Wandabhörmikrophone, Waffen, zwei Flaschen Propangas mit jeweils 1,5 kg Inhalt und eine Mixtur aus Butorphanol / Ketamin / Medetomidin, der sich hervorragend zur Betäubung von Nashörner bei der künstlichen Besamung bewährt hatte, da es zu keiner Muskelstarre kommt und der Körper wie auch die Organe frei bewegt werden können.
Sie zog das Medikament auf Spritzen auf. Befüllte Betäubungspfeile damit, die sie in zwei Luftdruckpistolen aus dem Zoo von Haifa lud, die die Polizei angeschleppt hatte.
Als der Zimmerservice das erste Mal kam, musste er dreimal klopfen und nach dem „Herein“ waren die beiden noch immer nicht vollständig getrennt. Das Personal schloss nach einiger Zeit Wetten ab, in welcher Stellung sie beim nächsten Mal sein würden.
Dem Liebespaar war allerdings nur bedingt nach Erotik zumute. Nachdem sie sich mit der Kamera und durch die Mikrophone davon überzeugt hatten, dass sich keine Bodyguards in den Räumen des Verdächtigen aufhielten, war Tatijana zweimal über den Balkon in die Nachbarsuiten geklettert und hatte vorsichtshalber beide mit Kameras versorgt. Eine weitere hatten sie am Spion ihrer Tür angebracht, um den Flur überwachen zu können.
Es begann die Zeit des Wartens, nur unterbrochen vom Spielchen mit dem Zimmerservice. Gegen zehn Uhr abends wurden die Räumlichkeiten Haiasanatas von Serviceleuten überprüft. Dann breitete sich Hektik in der Etage aus und er rauschte über den Flur, begleitet von drei Sicherheitsleuten und zwei tief verschleierten Frauen.
Die Männer überprüften die Suite nochmals, ehe Haiasanata allein gelassen wurde.
Tatijana verwunderte das, bis die Frauen ihren Schleier abwarfen. Die Kamera zeigte ein scharfes Bild von zwei bildhübschen Knaben. Zwillinge. Beide schienen zu wissen, was von ihnen erwartet wurde und entledigten sich ihrer restlichen Kleidung. Sie konnten kaum älter als dreizehn sein. Während Tatijanas Liebhaber seine Kollegen informierte, prüfte sie, ob ihr Plan auch bei einem Schwulen funktionieren konnte. Es blieb nichts anderes, als es zu probieren.
Sie wickelte eine Luftpistole und eine Spritze in ein Handtuch und schob die Hand um die Waffe.
Während der Polizist sich anzog, spielten sie einen verbalen Streit mit Körpereinsatz, immer einen Blick auf Haiasanata, der sich weiter mit den Knaben amüsierte und nur wenig gestört schien. Er griff auf jeden Fall nicht zum Telefon. Sie konnten nicht länger warten. Tatijana hämmerte an die Tür von Haiasanata, der eine nackte, schreiende Frau durch das Guckloch sah. Er war Kavalier und das war sein Fehler.
Tatijana verpasste ihm die volle Ladung der Luftpistole, raste dann auf die Kinder zu, die sich vor der wilden Furie ängstlich aneinanderschmiegten. Doch es war keine Zeit für Mitleid. Sie hatte das Körpergewicht schon anhand der Kamerabilder geschätzt und gab beiden ein Viertel des Spritzeninhaltes, trug die Jungen ins Bad, ließ die Dusche laufen und verbarrikadierte die Tür. Danach schnappte sie sich Haiasanatas Füße und schleppte ihn zu ihrem Zimmer. Ihr Liebhaber öffnete die Tür, grinste und übernahm den Mann. Er verfrachtete ihn gleich in den Schrankkoffer.
Nachdem Tatijana sichergestellt hatte, das in der Nachbarsuite bis auf den fehlenden Inhaber alles in Ordnung war, kam sie zurück, zog sich in Windeseile an und half dann den Rest zu verstauen. Sie luden das Gepäck auf einen Kofferwagen.
Das Schauspiel begann. Tatijana zog den Wagen aus dem Fahrstuhl und schimpfte in mehreren Sprachen über ihren Liebhaber. Kurzschwanz, Versager, Narr. Sie fand kein Ende. Den Pagen stieß sie ergrimmt beiseite und verdammte ihn wie sämtliche Männer, die sich in der Halle aufhielten. Die anwesenden Frauen nickten zu jedem einzelnen Wort, das Tatijana ausspuckte. An der Rezeption ließ sie noch einen fünfhundert Euro-Schein für die Mühe und bat, ihr die Rechnungskopie nach Hause zu schicken.
Bevor irgendjemand ihr helfen konnte, war sie am Auto, schob das Gepäck auf die Ladefläche des Kombis und fluchte dabei wie ein Müllkutscher. Sie schien gar nicht zu merken, das ihr unwürdiger Liebhaber auch Platz auf der Ladefläche fand. Als sie den Parkplatz verließen, zündete der Polizist die erste Propangasflasche. Ein kleiner elektrischer Sprengsatz verwandelte sie in eine Hornisse, die den Aufzugschacht durchfegte. Zwanzig Sekunden später folgte die zweite.
Jetzt würde es etwas dauern, bis jemand über die Treppen in die Suite von Haiasanata kommen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Tatijana und ihr Kavalier kamen an der Polizeiabsperrung an, die jetzt festgezurrt und dichtgemacht wurde.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Gegenseite begriffen hatte. Eine wilde Meute von Autos mit Schützen raste vom Hotel in die Nacht und genau auf die Sperre zu.
Aber da die Israelis mit dem Dichtmachen gegen Terroristen reichlich Erfahrung hatten, schaffte es kein Wagen hindurch. Wer sich nicht ergab, wurde erschossen.
Während das Hotel untersucht wurde, waren Tatijana und ihr Polizist auf der Wache angekommen. Ein Mediziner machte Movses Haiasanata so weit aufnahmefähig, dass er verstehen konnte, was ihm vorgeworfen wurde.
Es ging den Beamten eindeutig weder um den Fairnesspokal noch um besondere Eleganz. Sie übten einfach massiven Druck aus. Haiasanata sah die Videogeständnisse seiner Leute, die bei dem Überfall auf das Büro von Chaim Averbuch gefangengenommen wurden, die Beweise, die Tatijana mitgebracht hatte und als sie ihn dann direkt fragte, weshalb der Überfall auf das Büro von Averbuch sein musste, begann er zu fluchen: „Das Schwein ist einfach abgehauen, ohne mich zu bezahlen. Er schuldete mir etliche Bilder und hat das ganze Geschäft hochgehen lassen. Mit sowas kommt bei mir keiner durch.“
Als sie ihm die Fotos von dem Komapatienten zeigten, brach er zusammen. Vielleicht hätte er seine Aussage vor einem deutschen Gericht widerrufen können. Hier galt das nicht. Er gab Roger Harry Schillke als Hintermann an, gestand, ihn persönlich mehrfach getroffen zu haben.
Tatijana versprach hoch und heilig wieder einmal nach Israel zu kommen, wenn sie keine Verbrecher fangen wollte, ihr Fast-Liebhaber grinste bedauernd und sie zwinkerte ihn an. Dann fuhr sie müde, aber zufrieden und mit viel Beweismaterial beladen zu Helga ins Hotel.
Sie hatte eine Bettdecke zusammengerollt und unter ihrem Bauch platziert, um den Hintern zu entlasten. Tatijana duschte, orderte kalten Wodka und legte sich zu Helga, die erschöpft schnarchte. Erst als Tatijana einen Kuss auf ihre heile Pobacke küsste, wachte sie auf.
Grinsend nahm sie ein Glas Wodka und ließ sich die Geschichte erzählen. Am nächsten Morgen verließen sie Israel. Helga wollte lieber bei Drago ihre Wunde heilen lassen; Tatijanas Mitgefühl war ihr einfach zu sarkastisch.
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34. Schalom, meine Herren!
Komödien verlangen Komödianten,
Lustspiele lediglich lustige Spieler.
Gerd .W. Heyse
3. April 2006 Tel Aviv 6 Uhr 10
Chaim Averbuch, Hanassi Ave 108, Haifa Carmel 31060, Israel, lautete die Adresse. Ben Gurion im April. Aus dem nur zart frühlingsbehauchten Wien direkt zu den fünfundzwanzig Grad Israels.
Plötzlich begreift man, dass große Teile des Landes der Wüste abgerungen wurden. Versteht den Stolz auf die Leistung, dachte Helga, während sie mit dem Leihwagen nach Haifa unterwegs waren. Touristisch eine reizvolle Reise. Wäre da nicht der etwas eigenartige Fahrstil. So wie in Rom, nur lauter.
Tatijana beteiligte sich kräftig an dem Radau. Jeder fühlte sich ihm recht, und die Russin fand das sehr lustig.
„In Haifa den Karmelberg hinaufzufahren und die Bucht von Haifa bis in den Libanon vor sich liegen zu sehen, ist schon ein echtes Erlebnis“, sagte sie. hupte und riss wieder einmal das Lenkrad herum, zeigte dem Fahrer, der sie geschnitten hatte den Vogel.
Helga klammerte sich am Sitz fest und nickte beeindruckt.
Die Hanassi Ave gehört zur besten Wohngegend Haifas und die Preise waren horrend.
Sie hatten sich bei Frau Averbuch telefonisch angemeldet und wurden erwartet. Im Flur stapelten sich leere Faltkartons, zu Paketen zusammengebunden, die junge Frau zeigte bedauernd darauf: „Ich muss mich vorbereiten. Wir werden diese Wohnung genauso wenig halten können wie das Kindermädchen. Aber noch ist hier und in Chaims Büro alles unverändert. Ich stehe für Ihre Fragen zur Verfügung.“
„Zuerst einmal, wie geht es Ihrem Mann, Frau Averbuch, irgendwelche Verbesserungen?", fragte Tatijana höflich, die sich genau wie Helga auf Anhieb zu der Frau hingezogen fühlte.
„Leider nein. Die Ärzte kämpfen um sein Leben“, sie schüttelte bedrückt den Kopf, „und ich habe den Eindruck, sie sind eher an den Einnahmen als an meinem Mann interessiert. Ich kann es nicht beurteilen. Ist es möglich, mit einem Schuss durch den Kopf zu überleben?" Sie ging vor den beiden in das Arbeitszimmer ihres Mannes, wobei sie mit den Achseln zuckte. „Dann die Sache mit den Fälschungen. Er hat immer ein wenig nebenbei gehandelt. Wie jeder hier in Israel. Aber auf so einem Niveau? Ich kann das alles kaum glauben.“ Tränen standen in ihren Augen.
Ruhig und so zurückhaltend wie möglich begannen die beiden mit der Durchsuchung. Hier zeigte sich, was Helgas klassische Polizeiausbildung wert war. Im Handumdrehen hatte sie drei Geheimfächer aufgespürt, wobei zwei dem jetzigen Besitzer wohl nicht bekannt waren, da sie Briefe aus der englischen Kolonialzeit enthielten.
Das dritte Geheimfach sowie der Safe enthielten entgegen ihren Befürchtungen nur wenige hebräische Texte. Das meiste war Englisch, ein Teil russisch formuliert. Während sich Tatijana daran machte, die Unterlagen einzuscannen und auszuwerten, suchte Helga weiter.
Neben dem, der Hausfrau bekannten Safe, entdeckte sie einen weiteren in einer Ecke der Außenwand. Er enthielt im wesentlichen Papiere und ein paar alte Schmuckstücke. Hinter die Badewanne geklebt und nur mit einer verlängerten Greifzange zu erreichen, fand Helga eine Waffe und etwas mehr als fünfzigtausend Euro in Dollar.
Sie nahmen die Waffe in ihr Fundverzeichnis auf, verzichteten aber auf die Nennung des Geldes. Die Anzahl der Dokumente war viel zu groß, um hier vor Ort entscheiden zu können, was für einen späteren Prozess in Deutschland gegen Schillke und andere gebraucht werden könnte.
Deshalb nahmen sie alle Papiere mit sich, stellten Frau Averbuch eine detaillierte Quittung aus und gaben ihr auf DVD gebrannte Kopien.
Sicher war schon jetzt, dass Chaim Averbuch im Auftrag von Rainer Harry Schillke tätig gewesen war. Ebenso, dass er an dem Abend, an dem auf ihn geschossen wurde, mit Schillke verabredet gewesen war. Allerdings war auch klar, dass es besser sein würde, dem israelischen Geheimdienst Mossad nicht alle Schriftstücke zu zeigen, da Chaim nicht nur dieses, sondern eine ganze Reihe von Nebengeschäften getätigt hatte, die sich alle wohl nicht mit den Regeln des Geheimdienstes vereinbaren ließen.
Sie luden die Kartons in ihren Leihwagen und fuhren mit Frau Averbuch in das Büro ihres Mannes, das zum einen seiner Tarnung gedient hatte, aber auch ein reales kleines Im- und Exportgeschäft mit vierzehn Mitarbeitern beinhaltete.
Trotz der Proteste von Frau Averbuch fuhr Tatijana an der Einfahrt vorbei und hielt erst, als sie von dem Haus aus nicht mehr gesehen werden konnten.
„Warum sind sie denn nicht auf den Hof gefahren? Ich sagte doch rechts rein ...“
„Moment. Sind die Mitarbeiter ihres Mannes bewaffnet oder befinden sich normalerweise Bewaffnete im Gebäude?“
„Nein. Chaim ist zwar beim Geheimdienst, aber der läuft hier auch nicht bewaffnet rum.“
„Ich habe mindestens zwei gesehen. Mein linker Daumen sagt mir, dass es mehr sind. Helgalein, deinen Führerschein, schnell bitte.“ Gleichzeitig kramte sie ihren eigenen heraus und die Visitenkarte von Kommissar Franz Huber in Wien: „Frau Averbuch, passen Sie gut auf. Wir gehen jetzt in das Gebäude rein. Wenn es zu einem Feuergefecht kommt und Polizei auftaucht, erzählen Sie denen von den Bewaffneten und zeigen Sie Ihnen unsere Papiere. Sie sollen bei Huber anrufen. Das sorgt vielleicht dafür, dass die uns nicht gleich erschießen. Komm, Helga.“
Die beiden gingen die Straße zurück und als sie in Sichtweite des Gebäudes kamen, tat Tatijana so, als müsse sie dringend auf die Toilette. Sie blieb stehen, presste die Beine zusammen und krampfte ein wenig, um in Ruhe die
Fensterfront mustern zu können. Dann schien es so, als müsse sie der Natur ihren Lauf lassen.
Schnell retteten sich die beiden Frauen von der Straße in den nächsten Firmenhof, natürlich rein zufällig den von Chaims Firma. Tatijana hockte sich in die nächste Ecke und pinkelte zu Helgas Erstaunen tatsächlich. Sie bat sie um ein Taschentuch, benutzte es ruhig und gelassen als Toilettenpapier, faltete es zusammen, warf es in einen Mülleimer.
Bis zu diesem Moment hatten die beiden Männer auf dem Hof den Anblick genossen und ihren Spaß gehabt. Nun brüllten sie ein wenig auf die Frauen ein, um sie zu vertreiben. Tatijana erschrak scheinbar mörderisch und sank in die Knie. Das verursachte bei den Männern ein großes Gelächter. Als der Beobachter am Fenster sich wegdrehte, hob Tatijana eine von den Gerüststangen, die dort auf dem Boden lagen, sprang aus der Hocke über die sich abduckende Helga, der sofort klar war, was Tatijana vorhatte. Als die Enden der Gerüststange erst den einen und dann den anderen Schädel zertrümmerten, hatten die beiden immer noch nicht begriffen, was los war.
„Oh, oh“, sagte Helga, „Was sagen wir, wenn die offiziell hier waren?“
„Ein Toter an der Tür. Messerstich und ein Verletzter mit Schusswunde in der anderen Ecke. Hier ist nichts berechtigt. Hier geht’s um unseren Arsch.“
Wie auf Kommando griffen sich beide eine Waffe und zogen die Leichen aus der Nähe der Fenster.
„Helga, du sicherst die Treppe. Lass niemanden runter. Besser du tötest, bevor dich wer tötet“, sagte Tatijana, zog Schuhe und Rock aus und warf ihre Kostümjacke und die Bluse zur Seite. nur mit dem Slip bekleidete, jagte sie durch das leere Erdgeschoss. Sie hörte Stimmen aus dem oberen Stockwerk, rannte auf die Treppe zu und sagte Helga, sie solle auf den Keller achten. Sie schmiss ihren Slip weg und raste die Stufen lautlos hinauf. Von der rechten Seite des Gangs kam kein Geräusch. Sie sah dort zwei Tote mit Schusswunden liegen. Dann lauschte sie nach links. Es mussten mindestens zwei Kerle sein. Sie unterhielten sich laut miteinander aus zwei gegenüberliegenden Zimmern. Es roch nach Benzin.
Tatijana legte die Waffe auf die Treppe. Schlich die paar Meter und stellte sich genau zwischen die beiden offenen Türen in den Gang, sagte: „Ohh.“
Zwei Männer in dem einen Raum und einer im anderen starrten sie an wie ein Weltwunder.
Tatijana sagte noch einmal: „Ohh“, machte einen langsamen Schritt nach hinten, sauste dann mit vollem Tempo zur Treppe, ergriff die Waffe und hatte sie im Anschlag, als zwei der Bewaffneten heraustraten. Als sie ein paar Schritte auf Tatijana zugingen, stürzten sie getroffen zu Boden.
Schnell lief sie zwei Stufen abwärts und wartete auf den Dritten. Er war vorsichtig. Vermutete sie aber auf der anderen Gangseite und rief etwas in einer Sprache, die Tatijana nicht verstand. Plötzlich witterte sie den Brandgeruch, hörte zugleich Schüsse aus dem Keller und einen zornigen Aufschrei von Helga.
Der Kerl stürmte auf die Treppe zu. Fast schaffte er es. Tatijana sprang nach oben, drückte ab. Er hätte von der Stelle, wo er liegen blieb, noch drei Schritte gebraucht. Nun begann es aus der Sprinkleranlage zu regnen.
Von unten knallte Helgas Waffe, während sie zornig vor sich hin murmelte. Tatijana rannte abwärts und rief ihr zu: „Du musst treffen, nicht meckern.“
Helga lachte wider Willen. Sie hielt den Revolver in Bereitschaft, hörte, wie sie auf russisch irgendwas palaverte, und dann zwei Schüsse.
Kurze Zeit später rief Tatijana durch das Stiegenhaus: „Helga, lass die Leute durch, es sind Mitarbeiter!“
Ganze Acht hatten den Überfall überlebt. Als die Befreiten auf den Hof kamen, liefen sie Frau Averbuch und der Polizei in die Hände.
Sie stammelten etwas von der Nackten, die sie gerettet habe. Zwei Beamte riefen die Namen der Ermittlerinnen.
„Alles gesichert. Alles gesichert. Ihr könnt reinkommen und bringt meine Klamotten mit“, gab Tatijana zurück.
Der Einsatzleiter nahm die am Boden liegende Kleidung auf, schüttelte den Kopf und betrat das Haus.
Vor ihm fummelte eine fast Nackte am nackten Hintern einer ansonsten bekleideten Person herum und lachte dabei: „Glatter Durchschuss durch die linke Arschbacke. Ach, Helga mit dem Verwundetenabzeichen kannst du nirgendwo so richtig angeben.“
„Das ist unfair“, antworte die andere, „du präsentierst dich schamlos nackert und mir schießen sie dafür in den Arsch. Ich habe beschlossen, ab jetzt beleidigt zu sein.“
Der Polizist hüstelte. Tatijana stand auf und grinste ihn an. „Tatijana Iwanowna Kropotkin, mein Herr, ich freue mich, Sie zu sehen. Wenn Sie zwei Ihrer Männer in den Keller schicken würden, könnten die beiden einzigen überlebenden Täter festgenommen werden, bevor sie sich einen Tunnel gegraben haben. Und wenn sie jetzt mit der Inventur meines Körpers zu Ihrer Zufriedenheit fertig sind, hätte ich gerne meine Sachen wieder und wir brauchen einen Arzt.“
Er errötete, gab ein paar schnelle Kommandos und reichte ihr die Kleider. Sie nahm erst die Bluse, zog sie seelenruhig an, dann die Jacke und zum Schluss den Rock. Auf den nassen Slip an der Treppe verzichtete sie.
Endlich hatte der Polizist sich so weit gesammelt, dass er dienstlich werden konnte. „Zuerst einmal danke dafür, dass Sie so schnell und so gut eingegriffen haben. Der Trick mit den Führerscheinen war klasse. Sie möchten bitte Kommissar Huber anrufen. Aber trotzdem haben wir noch ein langes Gespräch vor uns. Ich verstehe die Lage überhaupt nicht.“
„Trösten Sie sich. Das geht den meisten Menschen bei mir so. Wenn Frau Huber versorgt ist, sollten wir in Ihr Büro fahren. Ich brauche den Karton und das Notebook aus unserem Leihwagen. Ein Beamer wäre auch nicht schlecht.“
Die Rettungssanitäter trafen ein und legten Helga auf eine Trage. Da sie nicht ins Krankenhaus wollte, nahm der Notarzt eine Operation unter freiem Himmel am offenen Hintern vor, wie Tatijana mitfühlend formulierte. Der Kommentar, dass man so zumindest keine Stoffreste in die Wunde bekommen könne, fand Helga so komisch, dass sie hellauf lachte und damit von der Wundversorgung abgelenkt wurde.
Auf dem Weg zur Polizeiwache wollten die Beamten wissen, warum Tatijana unbekleidet auf Jagd ginge.
Sie lachte und sagte: „Wie Sie richtig sagten, es ist eine Jagd. Im Kostüm geht das nicht. Wenn ich die Fährte aufnehme, verwandle ich mich zur Tigerin.“
„Aber warum splitterfasernackt?“
„Meine Herren, denken Sie mit! Oder würden Sie damit rechnen, dass eine schutzlose, nackte Frau Ihnen gefährlich werden könnte?“
„Aha“, sagten die Polizisten und grinsten.
Zunächst sorgte Tatijana dafür, dass Frau Averbuch zurück in ihre Wohnung gelangte und dann ihre Kinder von Bekannten abholen konnte.
Sie wusste nicht genau, wer Polizei und wer Mossad war, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. In einem Raum mit vierzig sitzenden Leuten und einer liegenden Helga referierte Tatijana über die bisherigen Erkenntnisse aus dem Fall und brachte alle Anwesenden auf den ihr bekannten Stand.
Aber sie war in diesem Fall nicht nur Gebende. Die israelische Exekutive hatte die beiden überlebenden Täter des Überfalls einer Schnellbefragung unterzogen. Diese musste sehr wirkungsvoll gewesen sein. Sie hatten Movses Haiasanata als ihren Chef benannt, der zudem heute Abend in seiner Suite im Eden Panorama Ressort in den Karmelbergen erwartet wurde.
Helga wurde in ihr Hotel gebracht, um dort in Bauchlage, abgefüllt mit schmerzstillenden Mitteln, das Fernsehprogramm zu genießen.
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33. Linienflüge in ihrer Unergründlichkeit
Fliegende Fliegen flögen ja gerne, aber das zu viele
Fliegen macht den fliegenden Fliegen vielerorts
flugs einen Strich durch den Flugplan.
Stefan Wittlin
2. April 2006 Wien 17 Uhr 00
Es gibt viele abenteuerliche und zeitraubende Dinge, die man im Leben versuchen kann. Mit Linienflüge von Wien nach Saipan zu kommen, gehört auf jeden Fall dazu. Für nur zwei Leute den Jet der Versicherung einzusetzen, wäre Johann allerdings auch nie eingefallen.
Fast zwölf Stunden von Wien nach Tokio, dann sieben Stunden Wartezeit, dreieinhalb Stunden Weiterflug nach Guam, zwei Stunden Aufenthalt und noch einmal eine Stunde zum Saipan International Airport.
Selbst in der First Class konnte das nicht als Vergnügen gelten – in der Business Class war es aber der reinste Horror, wie Homer und Johann feststellten.
Sie hatten es eilig, weil das Flugzeug von Won Hae-Kyung beim Anflug auf Saipan International Airport wohl eine Gans, oder wie gänsegroße Vögel dort auch immer heißen mögen, gefressen hatte und nun ein neues Triebwerk brauchte. So wie die Anreise nach Saipan für Menschen Zeit und Geduld kostete, würden das neue Triebwerk und die Behebung der sonstigen Schäden Herrn Won wohl einige Zeit auf Saipan festhalten. Das war mehr als sie erhofft hatten.
An den Komfort eines Weltklassehotels hatten sie nicht zu denken gewagt. Aber das Hyatt Regency Saipan mit seinem traumhaften Blick auf den pazifischen Ozean, den sie allerdings erst am nächsten Morgen genießen konnten, war in jeder Hinsicht grandios. Nach der erschöpfenden langen Reise gönnten sie sich einen Besuch im Wellnessbereich mit Sauna und Massage. Es war achtzehn Uhr, und zwei Stunden später machte sich Homer halbwegs erfrischt auf, die örtlichen Vertreter des amerikanischen Rechts heimzusuchen, während Johann erst einmal alle Nachrichten abrief, die ihm während der Fliegerei verwehrt waren. Vieles davon waren Kleinigkeiten, aber ein Anruf und eine Mail aus Brasilien brachten wirklich Gutes.
Salvatore Bruscini hatte sich in Brasilien zu sicher gefühlt und war von einer kleinen Nutte ausgeraubt worden. Ein cleverer Polizist hatte das Fahndungsersuchen im Kopf und Bruscini vorsichtshalber erst einmal wegen Ungereimtheiten in seinem Pass festgenommen.
Johann besprach sich mit dem brasilianischen Justizministerium, schickte den Jet der Schweizer Versicherungsgesellschaft mit als Urlaubern verkleideten Pinkerton-Leuten nach Rio und rief Huber an: „Hallo Franz, du errätst nie, was ich für gute Nachrichten habe.“
„Du hast den Haupttäter und wir können alle Urlaub machen?“
„Nahe dran, aber nicht ganz. Ich habe ein Geschenk für dich. Senor Salvatore Bruscini. Der Gute hat sich in Brasilien festnehmen lassen.“
„Ach, Johann, damit habe ich ihn noch lange nicht. Bis mein Innenministerium meinem Außenministerium sagt, dass der Franz Huber den Salvatore Bruscini aus Brasilien gerne einsperren möchte, vergehen Jahre. Ob mein Außenministerium wirklich mit den Brasilianern spricht, wage ich nicht einmal zu vermuten. Bruscini wird bis dahin auf jeden Fall schon lange frei sein.“
„Hubsi, Hubsi, was bist du misstrauisch gegenüber meinen Geschenken! Der gute Herr Bruscini wird gerade ausgewiesen. Zufälligerweise gibt es einen kaum besetzten Charterflug von Rio nach Mailand, der nur den einen Schönheitsfehler hat, er macht eine Zwischenlandung in Wien. Na, was sagst du jetzt? Wenn du dich morgen Abend um zehn am Flughafen postierst, kannst du dein Geschenk in Empfang nehmen.“
„Du bist ein verrückter Hund. Wie begründen die, dass sie nicht Linie genommen haben zum Abschieben?“ In Huber Stimme schwang Freude.
„Ganz einfach. Linie geht nur über Drittländer und nicht als Direktflug und ist zudem teurer. Das ist wasserdicht, zumal Bruscini zum Zeitpunkt der Festnahme gerade mal Geld für ein Taxi hatte. Seine Bankverbindung hat er den Brasilianern jedenfalls nicht genannt.“
„Dann bedanke ich mich artig. Wie erfahre ich denn für die Akten von meinem Glück?“
„Wie bei einem USA-Flug wird eine komplette Passagierliste mit Namen und Adressen nach Schwechat übermittelt. Da müsste es selbst bei der größten Schlafmütze klingeln. Sonst hilf einfach nach.“
Huber beschloss gleich aktiv zu werden. Er schickte Faxe an alle europäischen Flughäfen und bat nach dem Passagier Salvatore Bruscini, ankommend aus Südamerika, besonders Ausschau zu halten. Schon eine Stunde später meldete der Flughafen Wien, dass ein Passagier mit diesem Namen erwartet wurde.
Franz Huber schlug in seiner Begeisterung der Störchin etwas zu grob auf die Schulter.
„Au!“, schrie sie.
Als Homer zurück ins Hotel kam, tranken er und Johann einen Schluck an der Bar auf diesen Erfolg. So ganz ohne Ergebnis war auch Homer nicht geblieben. Eine Festnahme wurde zwar ausgeschlossen, aber man würde mit Homer und Johann zum Anwesen des Koreaners fahren und ein Gespräch erzwingen.
„Natürlich wäre ein russischer Auslieferungsantrag möglich. Dann würde er verhaftet. Ein paar gute Anwälte, der Hinweis auf das russische Rechtssystem. Viel ist da nicht zu holen.“
Johann winkte ab. „Reden ist ein guter Anfang. Im Prinzip wollen wir ja vorläufig nichts anderes von ihm, als den Namen seines Auftraggebers. Ich werde die Versicherungskarte spielen. Die hilft meistens.“
„Was, bitte schön, meinst du damit?“, wollte Homer wissen.
„Sieh mal, der Mann hat Häuser, Flugzeuge, Schiffe. Dafür benötigt er Versicherungen. Die braucht er auch für die legalen Transporte, unter denen er seine illegalen verbirgt. Und die wollen Prämien und keine Probleme.“ Johann tippte dabei wie wild auf seinem Handy herum und sagte: „Dachte ich es mir. Er ist über England versichert. Dahinter steht die Schweizer Rück und die Münchner Rück. Damit hat er ein Problem.“
„Kapier ich nicht.“
„Wenn die Rückversicherung seine Versicherung anruft, um denen mitzuteilen, dass sie dieses Risiko bitte nicht haben möchte, müssten die sich einen anderen suchen. Das wird schwierig, weil die aus Gründen des Selbstschutzes zusammenhalten. Der Kunde verliert seinen Schutz. Damit bleiben seine Schiffe im Hafen, seine Flugzeuge am Boden und in seinen Häusern darf niemand mehr wohnen oder arbeiten.“
„Bekommst du das denn bis morgen früh hin? Da müssen ja einige mitspielen.“
„Nein. Ich habe den Namen seines Versicherungsmaklers und die Nummern von fast vierhundert Verträgen. Das wird Herrn Won reichen. Hoffe ich.“
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32. Brillianten-Hugo
Diamonds Are a Girl's Best Friend.
„Blondinen bevorzugt”. Jules Styne
2. April 2006 Wien 9 Uhr 00
Allmählich überschlugen sich die Ereignisse. Damit wieder Ruhe in den Ablauf kam, hatten Huber und der Reichsgraf alle Ermittler versammelt. Homer war aus Deutschland zurück, aber Mücke fehlte. Er war in Berlin geblieben, weil er sehr verdeckt begonnen hatte, Schillke einzukreisen. Sein Vertrauen zu den Hamburger Kollegen hielt sich in Grenzen, außerdem kannte er kaum einen von ihnen. Er versuchte, den Fall übertragen zu bekommen.
Wieder einmal war das Wohnzimmer von Johanns Suite der Konferenzraum. Die Zahl der Flipcharts hatte sich vermehrt, ihre Flügel waren ausgeklappt, um weitere Blätter zu halten, ein Beamer brummte. Überall lag Papier herum.
Huber und der Reichsgraf sahen sich an.
Johann begann: „Wir sind an einem Punkt der Ermittlungen, an dem die riesige Menge der bisherigen Erkenntnisse uns die Sicht versperren. Franz und ich haben das Material gesichtet und sind zu folgendem Schluss gekommen: Die Herstellung von den Materialien für die Kopien in Ulan Bator interessiert uns nicht mehr. Wir kennen den Lieferanten, den Armenier Movses Haiasanata und den Abnehmer, den Koreaner Won Hae-Kyung. Die nehmen wir uns zur Brust. Die Kopisten bei Moskau interessieren uns nicht mehr, Won war dort Lieferant und Abnehmer. Widerspruch?“
Nachdem keiner Einspruch anmeldete, nahm er die entsprechenden Flipcharts ab, während Tatijana gleichzeitig die erwähnten Themen im Rechner nach hinten verschob.
Huber übernahm: „Lucca ist für uns auch erledigt. Den kriegen entweder die Belgier, die wegen Diebstahls einen Auslieferungsantrag stellen wollen oder wir schicken ihn nach Italien zurück. Bruscini ist derzeit für uns nicht greifbar. Wir wollen ihn wegen Mordes an der Lamm, und weil er unseren Damen an die Wäsche wollte. Mit unserem Fall hat er ansonsten nichts zu tun. Da war er Kunde und ist somit raus.“
Zwei weitere Seiten verschwanden, Daten rutschten nach hinten.
„Wir haben eine ganze Reihe von Händlern der gestohlenen Bilder ausgemacht, die entweder tot sind oder deren Lieferanten wir kennen. Sie sind damit das Problem der jeweiligen nationalen Polizei, die alle Informationen bekommen werden und selbst entscheiden muss, unsere Ermittlungen bringen sie nicht voran“, referierte Johann weiter. „Dann haben wir noch die Diebesbanden. Teilweise konnten wir sie identifizieren wie in Japan oder hier in Wien, da kennen wir auch die Auftraggeber. Es macht also keinen Sinn, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.“
Nicken aus dem Kreis der Zuhörer.
Nun war Tatijana in ihrem Element: „Damit wird es wieder übersichtlich. Aus den Vernehmungen von Lucca und den russischen Kopisten wissen wir, dass weder Movses Haiasanata noch Won Hae-Kyung auf eigene Rechnung gearbeitet haben. Beide mussten auf Anweisungen handeln. Es gibt zwar vage Erinnerungen an Haifa, aber damit hat es sich schon.“
Homer klopfte kurz mit der Rückseite seines Stiftes auf den Tisch: „Nach unseren Erkenntnissen sind beide so eine Art Dienstleister des Verbrechens. Transport, Vermittlung von Personal, Beschaffung von Gütern und Helfern. Alles natürlich illegal. Beide geben sich keine Mühe, eine legale Fassade aufzubauen. Das sind nicht die Leute, die so ein Ding durchziehen.“
„Gut. Die Bewertung ist als solche erst einmal aufgenommen“, sagte Tatijana, die ihre Daten aktualisierte. „Schillke. Da sind unsere Informationen mehr als dünn. Er hat von Kunst auf jeden Fall keine Ahnung und keine gekauft.“ Tatijana sah kurz vom Rechner auf. „Einer seiner Klienten war Sammler und wurde vor kurzem an einem Bahnübergang erschossen. Er arbeitet mit einem Benno von der Lohe zusammen, der in Hamburg als Kunstkäufer bekannt ist und auf dessen Nachlass die Stadt wohl für ein Museum spekuliert. Beide sind zwielichtige Gestalten, lassen sich aber nicht eindeutig zuordnen.“
Die Störchin hatte mit ihrem Handy in den Daten gewühlt: „Hat eigentlich jemand die Bildersammlung des toten Süßwarenherstellers aus Köln nach Fälschungen durchsucht? Wäre naheliegend. Ich habe die unnatürlichen Todesfälle von Leuten in den letzten Monaten auf Kontakte zu Schillke prüfen lassen. Er kannte einen Sachverständigen aus Antwerpen, der, obwohl ein langjähriger und erfahrener Süchtiger, an einer Überdosis starb. Sein Stoff war so rein, das hätte niemand überlebt. Der Gutachter hat übrigens den Süßwarenfritzen beraten. Zufall? Wohl kaum.“
Johann und Huber waren schon am Telefonieren und Tatijana hob die Daten der Störchin nach vorn.
Homer klopfte wieder mit dem Stift um Aufmerksamkeit. „Es gibt Kontakte von Schillke zu Oreste Crispi. Aber genau da liegt mein Problem. Wenn Crispi der Mann im Hintergrund ist, bin ich draußen. Man hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass aus Gründen der nationalen Sicherheit und um das Blau des Himmels zu erhalten, dieses verdammte Schwein nicht angefasst werden darf. Im Gegenteil, ich müsste ihn sogar schützen.“ Er zerbrach seinen Stift.
„Du wirkst so wütend“, meinte Tatijana und grinste.
Homer warf ihr einen finsteren Blick zu, sie ihm eine Kusshand.
„Schluss damit“, sagte Johann in Richtung Tatijana.
Sie verdrehte gelangweilt die Augen.
Der Reichsgraf wandte sich an Homer: „Reg dich nicht auf, bitte. Crispi leistet zwar Unterstützung für andere, aber er ist kein deutscher Manager, der Outsourcing betreibt. Der würde bis auf das Fälschen alles durch seine Leute machen lassen. Er steckt mit im Vertrieb und hat Leute für die Diebstähle bereitgestellt. Das wird sich nachweisen lassen, auch ohne CIA oder NSA. Damit gibt es ein paar Länder, in die er nicht einreisen darf. Irgendwann bekommen wir ihn. Es macht keinen Sinn, herumzuwüten.“
In diesem Moment klingelte Helgas Telefon.
„Hallo, Helgamädel, hier ist Hugo. Brillianten-Hugo, Helgachen. Hast du ein bisschen Zeit für einen alten Mann?“
„Für dich immer, Hugo. Ich bin gerade in einer Besprechung, wenn es dringend ist, komme ich natürlich sofort.“
„Kommen sollst ja auch. Aber langsam.“ Er lachte über seinen Scherz. „Der Verkehr ist so verrückt, da muss man schön aufpassen. Du hast mich nach den fast echten Bildern gefragt? Bist du noch an dem Fall dran?“
„Ja, Hugo, bin ich. Momentan in einer Sackgasse.“
„Sack ist gut. Den kannst bei mir zumachen. Ich habe fünf von solchen Bildern heute morgen hereinbekommen und muss mich bis morgen Abend entscheiden, ob ich sie nehme und was ich zahle. Ich denke, du wirst sie haben wollen, Helgaschatzerl und die Verkäuferin gleich mit. Ich erwarte dich. Komm bitte nicht mit Blaulicht, sondern von hinten, sonst versaust du mir mit deinen Polizistenfreunden das Geschäft.“
Diese Spur war endlich einmal heiß und in Reichweite.
Die Ermittler begaben sich durch den Hintereingang der Judengasse 6, der über die Sterngasse zu erreichen war, in das Haus von Brillianten-Hugo. Dieser Zugang war eines der vielen öffentlichen Geheimnisse von Wien. Das Zentrum der Stadt war von Katakomben durchzogen, die alten Häuser oftmals durch die Keller verbunden. Die Ermittler betraten das kleine Kaffeehaus, nickten freundlich der Kellnerin zu, marschierten unter ihren verwunderten Blicken zur Hintertür hinaus, die in das passende Stiegenhaus führte. Auf diese Weise vermied Hugo, dass ein eventueller Beobachter von der Straße mitbekamen, wer ihn besuchte.
Beim Hinaufgehen erklärte Helga Tatijana, die einen Blick aus dem Fenster warf: „Da ist die Synagoge. Sie wird Tag und Nacht bewacht, seit vor vielen Jahren ein Politiker von Attentätern erschossen wurde, als er sie besuchen wollte. Ein Wahnsinn, was?“
„Ja“, sagte die Russin.
Sie kletterten bis zum obersten Stockwerk und betraten die Wohnung eines der bekanntesten und angesehensten Hehler von ganz Wien.
Brillianten-Hugo war bereits in jungen Jahren eine Legende gewesen. Er kaufte nur aus sauberen Brüchen, ohne Gewalt und zahlte gut und ehrlich. Seinen Laden voll mit Antiquitäten und Schmuck betrieb er ganz offiziell. Er lag im Vorderhaus in der Judengasse.
Helga begrüßte den alten Mann und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Doch er hielt sich nicht lange mit der Begrüßung auf. Quietschend rollte er in seinen Rollstuhl vor ihnen her. In einem schmalen, gut ausgeleuchteten Zimmer waren fünf Bilder in Sitzhöhe an der Wand aufgehängt.
„Ihr müsst euch leider bücken. Aber ich will beim Anschauen keinen steifen Hals riskieren. Die Sachen da entsprechen exakt dem, was ihr sucht. Helga, hier hast du eine Liste.“
Helga reichte die Liste an Tatijana weiter, die sich auf den Fußboden hockte und die Daten ins System eingab. Der alte Mann rollte zu ihr heran: „Na, Mäderl, willst mich kontrollieren mit deinem Computer? Der weiß auch nicht mehr als ich.“
„Der weiß von allein gar nichts, jetzt hat er allerdings kapiert, was Sie uns gerade gesagt haben. Nun erzählt er uns, an welcher Wand das Bild im Museum hing und was es wert ist. Wieso sind Sie sicher, dass die Werke nicht echt sind?“
Brillianten-Hugo drehte den Rollstuhl. „Kommt mit, trinken wir ein bisserl Tee. Ich habe euch lieber auf Augenhöhe.“ Er rollte ins Wohnzimmer.
Dort wartete ein Dienstmädchen in späten mittleren Jahren, mit Häubchen und schwarzem Kleid und weißer Schürze.
„Rahel, würdest du bitte?“
Alle erhielten ihren Tee und Rahel nahm in der Ecke auf einem Stuhl Platz, jederzeit bereit aufzuspringen, um ihren Herrn zu verteidigen oder seine Wünsche zu erfüllen.
„Bilder sprechen zu mir. Bei dem Dürer hatte ich beinahe das Gefühl, als könnte er echt sein.“ Hugo schüttelte den Kopf, „Sie haben alle nicht die Sprache der Originale. Gut kopiert, aber nicht mehr. Ich kann nicht sagen, dieser Strich ist falsch, hier ist der Pinsel zu breit. Alles zusammen stimmt nicht, hat nicht den Charme. Für euch ist das bedeutungslos. Wichtig ist die Familie, aus der sie stammen.“
„Alter europäischer Adel? Der den Schmarren jetzt schnell loswerden will?“, vermutete Helga.
„Nein, Helgaschatzerl. Alter jüdisch-jenischer Betrügeradel. Vermutlich haben die Vorfahren dieses Mannes ganze Wälder abhacken lassen, um Stücke vom Kreuz Christi zu gewinnen. Wenn das Turiner Leinentuch gefälscht ist, frag, welcher ihrer Vorfahren es war. Schad, dass sie keine Chronik geführt haben.“
„Juden. Wir haben den Hauch einer Spur nach Israel, genauer nach Haifa“, warf Johann ein.
„Ja, ihr Deutschen.“ Hugo kicherte, „Immer so schrecklich effektiv und hinterher tut euch dann alles schrecklich leid. Haifa ist ganz heiß. Da liegt seit knapp vierzehn Tagen ein Mann im Koma. Hat eine Kugel in den Kopf gekriegt. Wird es wahrscheinlich nicht schaffen. Chaim Averbuch, genannt der Patron. Mossad Agent.“ Er warf einen Blick auf Homer: „Damit wahrscheinlich auch euer Mann vom CIA. Die Brüder sind ja unzertrennlich, wenn sie sich nicht gerade die Hälse abschneiden. Ein Mann mit Verbindungen in alle Richtungen. Nun wird er sterben und Frau und Kinder zurücklassen. Könnte übrigens für die CIA interessant sein, es war eine Kugel aus Keramik die ihn traf. Seine Frau tat das was schlaue Frauen machen, sie brachte mir die Bilder. In Chaims Famiie, weiß man halt wohin man mit der Sore geht.“
„Was erwarten Sie von uns für die Info?“ Johann wusste genau zu entscheiden, wann Effektivität gut und richtig war und wann die Sache an sich schon falsch war.
„Ja, ja, der Deutsche“, sagte Hugo und hob schmunzelnd die Hände. „Natürlich will ich was. Ein Geschäft. Die Bilder sind nicht zu verkaufen, außer an euch. Die Frau und die Kinder brauchen das Geld. Ihr gebt mir fünfzigtausend Euro für die Frau und sie gibt euch in Haifa freien Zugang zu allem, was ihr Mann zuhause und in seinem Geschäft hat. Die Pensionen in Israel sind nicht so üppig.“
Johann diskutierte nicht. Er griff zum Scheckbuch. Füllte einen Scheck aus und reichte ihn an den Alten. Hugo begutachtete die Summe und gab ihn Rahel, die damit den Raum verließ: „Das ist ein mehr als fairer Preis. Hoffentlich rührt er nicht aus diesem diffusen deutschen Schuldgefühl her?“
Johann grinste den Alten an. „Nein. Aber ich kenne die Zinserträge und die Lebenshaltungskosten. Ich weiß sogar, wie hoch eine Pension ist.“
In diesem Moment kam Rahel zurück, übergab Hugo ein Blatt Papier, das er unterzeichnete und mit dem Datum versah. Dann griff er nach einem anderen Blatt auf seinem Schreibtisch: „Hier ist die Quittung und das die Adresse und Telefonnummer in Haifa. Die Maschine mit der Frau des Patrons hat bereits den österreichischen Luftraum verlassen.“
Johann reichte die Papiere an Tatijana weiter, die sich innerlich darüber freute, dass er die Summe verdoppelt hatte. Sie trug die Adresse ins System ein. Es gab nichts mehr zu besprechen. Hugo warf Rahel ein Blick zu, die daraufhin die Tür öffnete und auf zwei Fingern pfiff. Vier junge Männer stürmten herein. Sie packten die Bilder ein und trugen sie zu den Autos.
2. April 2006 Wien 13 Uhr 20
Die Ermittler sorgten dafür, dass die Bilder in die Wiener Asservatenkammer kamen. Anschließend erklärte Huber, dass er Hunger habe.
Tatijana schlug Steaks im Kellerstöckel in der Neustiftgasse vor. Als alle satt waren, bestellte Huber den obligatorischen Wodka. „Leute, wir sind wieder voll im Spiel. Jetzt kommt es darauf an, möglichst effektiv an unsere verbliebenen Verdächtigen heranzukommen. Schillke können wir erst einmal Mücke überlassen. Ich werde ihn auch noch mal auf diesen Benno von der Lohe ansprechen. Oreste Crispi könnte Tatijana mal von den Russen überprüfen lassen. Mal sehen, ob die ihn auch schützen wollen. Wenn nicht, haben wir da vielleicht einen Ansatz.“
„Ja“, sagte Johann, „Homer und ich werden uns mal nach Saipan fliegen lassen und versuchen den Koreaner Won Hae-Kyung zu greifen. Deine Hundemarke ist dort doch richtig was wert, was?“
Der Agent nickte und meinte: „Wir haben ein lokales Büro dort, das ist im Prinzip kein Problem. Ich würde nur gerne zuerst dort sein und danach die Pferde scheu machen.“
„Okay. Tatijana und Helga werden sich in Israel umsehen, Störchin, für dich hab ich Schlimmeres, nämlich Bürokram. Wir müssen alle Handyquerverweise untersuchen. Du weißt, was das heißt? Vielleicht kriegt Franz ja noch Extrapersonal dafür. Gleichzeitig solltet ihr hier versuchen, unseren armenischen Freund Movses Haiasanata mal so zu lokalisieren, dass wir uns auf ihn setzen können, um ein Gespräch zu führen. Da wird sich auch Homer reinhängen müssen.“ Johann verteilte die Aufgaben professionell und keiner muckte auf. Sie vertrauten voll und ganz auf seine Kompetenz.
„Die Russen sind da ebenfalls dran. Die würden sowohl den Armenier als auch den Koreaner gerne längerfristig Gastfreundschaft in Sibirien gewähren. Wenn es nicht anders geht, ist es eine gute Idee, die dahin zu jagen“, vollendete er die Anweisungen.
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31. Avalokiteshvara, der niemals die Augen schließt
Nicht alles ist durch Fleiß und Talent möglich.
Große Taten sind nicht durch Stärke geleistet worden,
sondern durch Beharrlichkeit.
Samuel Johnson
31. März 2066 Luftraum über Österreich 4 Uhr 15
Die Piloten der Schweizer Versicherung waren richtig begeistert über den Auftrag, der sie zunächst nach Sankt Petersburg abkommandierte, um Bewaffnete aufzunehmen. Anschließend steuerten sie Schwechat an, nahmen den Reichsfürsten und andere an Bord und flogen sofort weiter zum Chinggis Khaan International Airport in die Mongolei.
Nicht nur, dass sie bereits einen Haufen bewaffneter Russen in der Maschine hatten, sollten sie nun in eine Gegend fliegen, in der schon der Flughafen eher nach ungewolltem Abenteuer klang als nach einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt.
Doch wenn der Reichsgraf rief, hatten sie zu springen. Während der Wartezeit wurden sie von der Security bewacht, die sie aus St. Petersburg geholt hatten. Der Anblick der rauen Gesellen war ihnen genauso wenig ein Trost wie das Wissen, dass der Jahresmittelwert von Ulan Bator bei zwei Grad plus lag. Die Freunde von der Air China hatten ihnen von Nächten mit unter minus 40 Grand Celsius erzählt. Von vereisten Flugzeugen, die wochenlang nicht starten konnten.
Johann war auch nicht glücklich. Normalerweise hätte er sich auf Ulaanbaatar, wie der mongolische Name von Ulan Bator lautete, gefreut. Aber seine kaputte Rippe schmerzte bei jeder Bewegung. Die kalte Luft auf 1352 Metern über NN würde ein übriges tun.
Hoffentlich musste er nicht in Gegenden der Mongolei, die nur mit dem Geländewagen oder gar dem Kamel zu erreichen waren. Er konnte sich gut an einen Kamelritt in Mauretanien erinnern. Nach acht Tagen hatte er geschworen, nie wieder so ein Mistvieh zu besteigen.
Während die Maschine dabei war, ihre Flughöhe zu erreichen, bekam er Informationen vom CIA, die ihm den Namen Bogd Gegeen Dagwadordsch und das G. Zanabasar Kunst Museum für mongolische Kunst nannten.
Ihm wäre lieber gewesen, wenn er einen Polizisten in der Mongolei gekannt hätte, aber er war noch nie dort gewesen. Auf jeden Fall würde er in das Gandan-Kloster fahren und die sechsundzwanzig Meter hohe Statue des Gottes Avalokiteshvara anschauen, dessen Bild er zuhause hatte.
Leider hatte er völlig vergessen, wer ihm dieses Bild geschickt oder gegeben hatte und sein tolles Computersystem schwieg auch beharrlich zur Mongolei und Ulan Bator.
Die Schweizer Piloten waren zufrieden, als die nüchterne und klare Stimme des Fluglotsen sie für ihre Erstlandung – die schienen sogar Computer dort zu haben – exakt einwies und auf die Fallwinde am Bogdo Khan Uul, einem über neunzehnhundert Meter hohen Berg aufmerksam machte.
Etwas nervös wurden sie, als die Anweisung erfolgte, nicht auf das zivile Rollfeld abzudrehen, sondern einem Fahrzeug auf den militärischen Teil des Flughafens zu folgen. An der Parkposition warteten ein Militärjeep, ein Polizeifahrzeug und ein Kleinbus sowjetischer Bauart.
Nachdem sich die Türen geöffnet hatten, stürmte ein kleiner Mann, der in viele Schichten Kleidung gehüllt war, wie ein Flummi in die Maschine und brüllte mit elsässischem Akzent: „Johann, Johann, du alter Triebtäter! Mit allem hätte ich heute morgen gerechnet, als ich die Liste unserer auswärtigen Besucher bekam. Aber nicht mit dir.“
Endlich hatte er sich zu Johanns Sitz durchgekämpft; die Security hatte die Situation richtig eingeschätzt und ihn nicht gestoppt. Er umarmte den Reichsgrafen, der es halb aus seinem Sitz geschafft hatte, genau an der Stelle seines Brustkorbs, der höllisch weh tat.
Als Johann wieder Luft bekam, hatte sich der Franzose in den Sitz vor ihm geklemmt und stellte sich den anderen vor: „Werner Mueller, früher Aufbauhelfer der französischen Regierung, jetzt Polizeichef des unabhängigen Bundesgebietes von Ulan Bator. Warum hast du nicht angerufen Johann? Oder ist es was Geheimes?“
„Entschuldige Werner, ich habe das Bild Avalokiteshvaras immer noch in meinem Büro hängen, aber ich bin nicht auf dich gekommen. Bei dir hätte ich damit gerechnet, dass du jetzt Aufbauarbeit für die Polizei bei den Marsianern oder in Afrika leistest.“
„Nein, ich bin hier hängen geblieben. Die packen hier ihre Frauen in viele Schichten Kleidung, wenn du Muße zum Auspacken hast, findest du meistens eine wunderhübsche Überraschung. Jetzt bin ich fünf Jahre verheiratet und habe fünf Kinder. Mein Schatz würde sofort mit mir weggehen, aber mittlerweile habe ich mich in dieses herrliche Land verliebt. Ich bin glücklich. Nun, was führt dich mit einem Trupp Bewaffneter her? Hier stören Waffen nicht, obwohl sie überflüssig sind. Gewalt bedeutet bei uns Schlägereien von Betrunkenen, Beziehungsmorde und Schießereien unter verfeindeten Schmugglerbanden. Es ist wesentlich sicherer hier als in Paris oder Berlin.“
Johann lächelte still in sich hinein, der alte Hitzkopf hatte immer noch genügend Feuer im Hintern, um fünf andere damit anzutreiben. Er setzte ihn ins Bild. Mittlerweile waren sie beim Gebäude angekommen und verlegten die Diskussion in einen Konferenzsaal, den nur die bunten Farben des Lamaismus von seinen Brüdern überall auf der Welt unterschieden.
Die Mitarbeiter von Werner Mueller sausten aus dem Raum und wieder hinein. Schnell gab es Informationen über Bogd Gegeen Dagwadordsch, seine Tochter, die Arbeit und das G. Zanabasar Kunst Museum.
Selbst die vielen Materialtransporte durch die Firmen des Armeniers Movses Haiasanata in das Museum konnten nachvollzogen werden. Ebenso die Auslieferungen an Beauftragte des Koreaners Won Hae-Kyung.
Das gesamte Geschäft war als Werkauftrag einer Briefkastenfirma aus Monaco gelaufen. Nach den Regeln der Mongolei und der meisten anderen Staaten völlig normal.
Johann staunte nicht schlecht, wie gut hier alles funktionierte: „Werner, bist du wohl auch Chef der Staatssicherheit, oder wie kommt die Geschwindigkeit sonst zustande, mit der du die Daten herausschießt?“
„Du hast mir mal erklärt, dass es immer noch besser ist, alles über nichts zu wissen, als nichts über alles zu wissen. Die Mongolei ist klein, aber wir haben unruhige Nachbarn. Also passen wir einfach auf. Wir benutzen dein Programm, um nicht nur Kriminalfälle, sondern alles zu speichern und es funktioniert. Das System stimmt eben. Natürlich speichern wir in erster Linie Müll ...“, antwortete der Freund, der inzwischen in T-Shirt war und damit seine Kugelform verloren hatte.
„Datenmüll ist ohne Bedeutung, solange ihm außer Plattenplatz keine Bedeutung zugewiesen wird“, vollendeten beide im Chor den Satz und lachten.
Es gab keinen Einsatzplan, weswegen sie einfach zum Museum fahren würden, um mit Bogd Gegeen Dagwadordsch zu reden. Ein quirliger Polizeileutnant wies vorsichtshalber zum dritten Mal darauf hin, dass die Tochter von Dagwadordsch eine sehr nette Person sei, die in schweren Zeiten zurückgekehrt war und sich wie viele Intellektuelle an das Ausland verkauft hatte. Werner und Johann grinsten sich an. Wo die Liebe eben hinfällt, dachten beide.
Das Gespräch in einem hochmodernen Labor verlief ohne Besonderheiten. Dagwardordsch gab zu, dass in diesem Labor, das Alter von Holz und Leinwand für den Armenier oder besser in seinem Auftrag bestimmt wurde, ebenso wie das Zurechtschneiden von dem alten Holz auf historische Leistenmaße mit der Hand. Er plauderte darüber, wie alte Leinwand von ihrer Farbe befreit wurde und Mitarbeiter aus altem Metall alte Nägel wiederherstellten oder wieder gerade klopften.
Der Erlös war im wesentlichen in das Labor geflossen und zum Ankauf einiger Stücke für das Museum verwendet worden. Das verbliebene Material, die Handsägen und Fotokopien der Unterlagen, sowie die videodokumentierte Aussage wurden mitgenommen.
Dann endlich hatte Johann Zeit, sich die Statue anzusehen. Es war wirklich ein Land zum Verlieben voll mit freundlichen Menschen.
31. März 2006 Wien 7 Uhr 15
Huber und die Störchin saßen zusammen im Büro der Mordkommission. Das Labor hatte das Extrahandy von Tschikowski ausgewertet. Es gab nur eine Nummer, die von diesem Handy angerufen worden war. Das Telefon hatte seit einiger Zeit nicht mehr gesendet.
„Ein typischer Fall von Zweithandy“, meinte die Störchin, „da will einer nicht mit dem Ding in Verbindung gebracht werden, hatte es aber immer eingeschaltet. Der Rest war einfach. Ich habe überprüfen lassen, welches Handy mit dem Gesuchten ständig zusammen war. Es gehört einem zwielichtigen Rechtsanwalt. Auf seinem normalen Handy hatte er häufig direkt nach Gesprächen mit Tschikowski Kontakt mit Bruscini. Das reicht, um ihn und unser Maulwurf-Schatzi festzunehmen.“
„Ja, liebe Störchin. Aber ich halte es irgendwie nicht für elegant. Mir schwebt etwas vor, was uns sogar den Videobeweis liefert. Ich möchte mit dir in der ersten Reihe sitzen und sehen, wie Tschikowski das Feuer anzündet, auf dem er sich selbst brät. Lass uns ein wenig Kasperltheater vorbereiten.“ Huber zwinkerte ihr zu. Dann tranken sie einen Cognac aus Hubers Schublade zur Feier des Plans.
31. März 2006 Graz 8 Uhr 30
Jean fühlte sich noch nicht sicher, obwohl es schien, als ob bisher niemand auf einen Zusammenhang zwischen ihm und Bruscini gekommen war. Schließlich war er ja auch Rechtsanwalt und seine Mandanten waren eben meist Verbrecher.
Er wollte gerade von Graz zurück nach Hause fahren, als ihn der Anruf eines alten Kunden aus Wels erreichte. Er schien in argen Nöten zu sein und wollte ihn sofort sehen. Jean überlegte kurz und nahm dann die Autobahn in Richtung Linz. Das würde ihn ein paar Stunden extra kosten, doch ohne Bruscini musste er eben verstärkt für seine anderen Klienten vorhanden sein.
Die Polizisten, die dem Mandanten des Rechtsanwaltes das Höllenfeuer unter dem Hintern bereitet hatten, schalteten innerlich grinsend zurück. Dieser Kunde war als ängstlich bekannt und diesmal gänzlich unschuldig. Die Reaktion war vorhersehbar. Nun mussten sie ihn beschäftigen, bis die Falle zugeschnappte.
Der Rechtsanwalt freute sich, als er den Tunnel unter dem Toten Gebirge erreichte. Er schob seine Kreditkarte in den Zahlschlitz der Mautbox. Die Schranke öffnete sich, aber er wurde nach rechts geleitet. War die Karte defekt? Nun gut, würde er eben in Bar zahlen.
Es stellte sich jedoch heraus, dass die Mautgebühr kein Thema war, sondern die Kreuzigung in Italien. Jean wurde vorläufig festgenommen und in die Polizeiwache nach Liezen verbracht.
Tschikowski litt unter akuter Langeweile. Er hätte viel dafür gegeben, aktiv werden zu können. Da klingelte das Telefon. Seine Beschützer gaben ihm den Hörer mit Kommissar Huber in der Leitung. „Hallo, Tschikowski, Dauerurlauber, wie geht es dir?“
„Bestens, ich möchte am liebsten heute noch in den Dienst. Hier ist es schön und langweilig.“
„Du weißt, ich mache die Regeln nicht, aber heute will ich sie durchbrechen. Wir haben einen Rechtsverdreher in Liezen eingefangen, der Kontakt zu Bruscini haben soll. Ein mehr als vager Verdacht, dem wir trotzdem nachgehen müssen. Könntest du die Vernehmung machen und den Papierkram? Sonst müsste ich extra aus Wien rausfahren und mir fehlt hier eh schon ein fauler Mitarbeiter.“
„Mach ich gerne. Wie komme ich an die Unterlagen?“
„Werden dir gerade gefaxt. Servus.“
Als Tschikowski die Unterlagen bekam, erbleichte er beim Betrachten des Bildes. Das war sein Rechtsanwalt. Ob Huber etwas bemerkt hatte? Aber nein. Die Anschuldigungen waren haltlos. Das konnte er sicher schnell klären. So schlau war der Chef nicht.
Im Verhörraum von Liezen drehte ein Mitarbeiter gerade den Schalter herum, der dafür sorgte, dass das Gespräch mitgeschnitten und auf Video aufgenommen wurde. Wenn man ihn jetzt auf Aus stellte, schaltete man das System ein.
Der Rechtsanwalt war nicht in eine Zelle gebracht worden, er saß in einem, gegen Flucht abgesicherten Bereich, in dem auch sonstiges Publikum verkehrte. Die Sache schien nicht sehr bedrohlich zu sein.
Dann wurde er in einen Verhörraum gebracht und kurze Zeit später kam der junge Wiener Kommissar herein. Als erstes griff er unter den Tisch und schaltete die Überwachung aus. Freundlich begrüßte er Jean. „Das ist bestimmt ein Missverständnis, Herr Rechtsanwalt, Sie wissen ja wie die Polizeiarbeit funktioniert. Ich habe den Mitschnitt abgeschaltet, es muss ja niemand wissen, dass wir uns kennen.“
„Nein, das wäre nicht klug. Ihre Kollegen würden alles Mögliche in unseren Kontakt hinein interpretieren und nicht erkennen, dass wir auf der gleichen Seite des Gesetzes stehen und uns gegenseitig unterstützen. Die Suite im Hilton war übrigens im Namen einer Firma gemietet und lässt sich nicht zurückverfolgen.“
„Dann ist es ja gut. Seien Sie übrigens vorsichtig. Einer hat einen Bombenanschlag auf mich verübt. Wir scheinen da jemandem dicht auf der Pelle zu sitzen.“ Tschikowski schaute auf die Uhr. „Nun muss ich die Überwachung wieder einschalten. Damit wir das Problem aus der Welt bekommen.“
Er stellte die belanglosen Fragen und ließ den Rechtsanwalt wieder zu seinem Auto bringen.
Als er von einem Beamten erfuhr, dass der Mitschnitt nicht funktioniert hatte, ärgerte er sich maßlos über die Blödheit und tippte den ganzen Kram in den Computer, unterschrieb eine Kopie, ließ sich den Verlust der Aufzeichnung durch die Schuld der Liezener bestätigen und wieder auf seine Hütte bringen.
Jean konnte sein Glück nicht fassen, musste jedoch schnell einsehen, dass er keines gehabt hatte. Im Tunnel wurden ihm Handschellen angelegt und er in einen Gefangenentransporter umgeladen.
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30. Russisches Ballett
Die Technik lernst du im Training.
Kämpfen nur im Kampf.
Sven van Meerendonk
29. März 2006 19 Uhr 15
Obwohl die Strecke Wien-Moskau mit der Bahn sicher eine Reise wert gewesen wäre, hatten Helga und Tatijana den Flieger genommen. Die zweiunddreißig Stunden mit der Bahn konnten ganz schön anstrengend sein und hätten auch nicht in ihren Zeitplan gepasst.
Tatijana hatte im kleinen, aber feinen „Savoy“ in der Moskauer Altstadt gebucht. Helga fand die Zimmer einfach schick und die Fassade war ein echter Hingucker. Kaum hatten sie es sich bequem gemacht, rief Sergejewitsch Sminakov an, um sie zum Abendessen einzuladen.
An der Tür holte die Damen eine Eskorte ab und brachte sie ins Restaurant Genatsvale auf der Arbat-Strasse. Es war berühmt für seine georgische Küche und das Fischangebot, erklärte Tatijana Helga, die das erste Mal Moskau besuchte.
Sergej erwartete sie mit seinem Freund Iwan, den die Russin auch sehr gut zu kennen schien, sie küsste beide innig auf den Mund. Es gab den ewigen Wodka und Krombacher Bier vom Fass. Dazu Tschaschuschuli vom Kezi-Ofen mit Lamm, Kalb und Huhn.
Helga verliebte sich sofort in das Kalbfleisch und nach einigem hin und her konnte die Küche eine deutsche Übersetzung des Rezeptes herstellen. Als Ofen könnte man einen Römertopf verwenden, ließ der Koch durch den Kellner ausrichten.
Iwan erläuterte die Planung für den Zugriff in der nächsten Nacht und die Ziele, die erreicht werden sollte. Besonders viel Wert legte er darauf, die Menschen dort nicht zu verletzen: „Gestohlene Bilder zu kopieren mag zwar kriminell sein, aber das sind vermutlich die am besten ausgebildeten jungen Künstler, die unser Land hat und die darf man nicht verhungern lassen.“
„Keine Sorge. Helga und ich interessieren uns noch nicht einmal für die Namen der Maler. Die Materialien und die Fälschungen müssen sichergestellt oder vernichtet werden. Die Vernichtung müssten wir dokumentieren, mir wäre eine Sicherstellung lieber, um weitere Untersuchungen machen zu können. Wir wollen nur den Namen des Auftraggebers und desjenigen, der das Material beschafft hat. Das war es dann auch schon.“
„Du bist nicht an einer Verhaftung interessiert?“
„Nein, wozu? Jemand gibt denen ein Bild und will eine oder mehrere Kopien. Dazu stellt er das Material, um die Kopie so echt wie möglich zu machen. Wo ist das Verbrechen? Allerdings solltet ihr den Leuten klarmachen, dass diese Sichtweise nur das eine Mal gilt.“
Mittlerweile war das Essen beendet und Helga spürte eine seltsame Spannung zwischen den Dreien.
Tatijana grinste Iwan an. „Na, was ist, hast du einen Gym aufgetan?“
„Viel besser. Ein Tanzstudio mit einem Schwingboden aus Tartan. So etwas hätte es in unserer Jugend geben müssen. Ich hab heute noch Holzsplitter im Hintern von der ollen Arena in Sankt Petersburg.“
„Das liegt nur daran, dass du immer so langsam warst“, flachste Sergej. „Und was ist mit Helga? Wir können sie ja schlecht ins Bett schicken.“
„Sie kommt mit. Hat schon mal einen nackten Mann gesehen und wird davon nicht sterben.“
Helga stimmte dem innerlich zu, aber was ein Gym mit einem nackten Mann zu tun hatte, war ihr nicht klar.
Unter Eskorte fuhren sie in die Tanzschule.
Es war ein großes, altes Gebäude, das Iwan aufschloss. Nachdem er die Schalter gefunden hatte, wurden die Räumlichkeiten in gleißendes Licht getaucht. Viele Säle durchquerte das Quartett. Helga staunte über die alten Sternparkettböden, die riesigen Spiegelwände und lugte auch in die kleinen Studios mit Übungsstangen und wiederum Spiegeln. Die Besichtigung endete in einer mittelgroßen Turnhalle mit einem blauen Boden.
Helga suchte sich einen Platz am Rand in einer logenähnlichen Einbuchtung mit Brüstung. Sie saß noch nicht einmal richtig, da flogen schon die Klamotten der drei. Iwan griff über die Logenabrenzung, hinter der eine Anlage verborgen war und schaltete Musik an. Nackt begannen sie mit Aufwärm- und Dehnübungen. Es erklang der Pas de deux von Tschaikowski aus der Nussknacker-Suite.
Helga traute ihren Augen nicht, als die drei die schwierigen Tanzschritte aus dem gewohnten Paartanz in eine Dreierbeziehung übertrugen.
„Pas de trois“, flüsterte sie und verfolgte entzückt Entrée, Adage, Variationen und Coda. Durch geschicktes Schneiden des Tonbands waren die einzelnen Phasen verlängert und zwei Variationen für die beiden männlichen Tänzer eingefügt worden, die jeweils von einer Variation der Tänzerin angeführt wurde. Es war einfach schön, Helga klatschte, als die Drei die Tarantella tanzten. Sie winkten ihr zu und verbeugten sich, nachdem die Musik zu Ende war.
Erst als Iwan aus einer Ecke drei lange Stöcke holte und jedem der anderen einen zuwarf, begann Helga aufmerksam auf ihre Nacktheit zu werden. In dem vorangegangenem Tanz, der dem Aufwärmen der Muskeln gedient hatte, wäre jeder Stofffetzen der Harmonie abträglich gewesen.
Aber nun schien es um echten Sport zu gehen. Um mögliche Verletzungen. Helga war gespannt.
Die Stöcke hatten an den Enden Metallkappen und waren ihrer Schätzung nach zwei Meter lang. In den Händen der kleinen Tatijana sah das Teil riesig aus. Sie benutzte den Stab zum Springen, um von dem einen Ende der Halle in die Mitte des Raumes zu kommen. Kaum hatte sie sich dort angriffslustig hingestellt, drangen beide Männer mit den Stöcken kämpfend auf sie ein. Tatijana lief mit hoher Geschwindigkeit rückwärts, wickelte sich plötzlich um den Stab und rollte vorwärts. Iwan hatte nicht aufgepasst und stolperte über Tatijanas Stab. Dann wurde Sergeij überrumpelt. Fast spielerisch stieß Tatijana mit dem Metallende gegen sein Ohr.
Der artistische Kampf wogte hin und her. Helga hatte eine solche Waffe noch nie gesehen, aber ihr wurde schnell klar, wie tödlich sie sein konnte. Es schien eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten und Griffen zu geben. Eine Stunde später warf Sergeij seinen Stock in Luft und ergab sich.
Die Stöcke landeten bei Helga. Jetzt fiel ihr wieder ein, was der Begriff „Gym“ bedeutete. Griechische Sportschule – Gymnasium. Auch die alten Griechen übten nackt. Allerdings verklumpten sie sich dann nicht ineinander wie die drei es jetzt auf dem blauen Boden taten. Jeder gegen jeden, ein Ringkampf, der Helga atemlos machte.
Tatijana war eindeutig im Vorteil. Was ihr an Gewicht fehlte, machte sie durch die Höhe der Sprünge und ihre Wendigkeit in der Luft wett. Helga konnte es nicht beschwören, aber manchmal sah es aus, als ob sie in der Luft die Richtung zumindest geringfügig ändern könnte.
Sergeij kam in Rage. Er versuchte wirklich alles, um Tatijana zu besiegen, aber immer wieder musste er die angedeuteten Treffer hinnehmen. Dann kam, was kommen musste. Ein Moment der Unachtsamkeit und Tatijanas Fuß erwischte ihn mit Wucht mitten auf der Brust.
Er verdrehte die Augen und Iwan konnte ihn gerade noch schnappen, damit er nicht mit voller Wucht auf den Boden schlug. Tatijana warf sich auf Sergeij, der langsam wieder ins Leben zurückkam. Sie küsste ihn heiß. Als sich Iwan dazu gesellte, schenkte Tatijana auch ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Völlig ausgepowert lagen sie eine Weile dort. Übereinander, verschlungen ineinander und Helga ahnte, alle drei kannten sich nicht nur vom Training.
Die drei verschwanden lachend zum Duschen und kamen eifrig diskutierend wieder. Sie besprachen offensichtlich die Übungssequenzen, denn Iwan machte einen Ausfallschritt und deutete Angriff an.
Während die drei sich wieder anzogen, nahm Helga einen der Stöcke in die Hände. Er schien völlig ausgewogen zu sein und kaum spürbare Ringe, die in das Holz gefräst waren, gaben Anhaltspunkte, an welcher Stelle man gerade seine Hand hatte. Der Winkel der Phase jedes dieser Ringe kam am Stock nur einmal vor.
„Schöne Sache, diese Quarterstaffs. Ziemlich effektiv. Leider nichts für die Handtasche“, witzelte Tatijana. „Wir haben als Kinder mal Modesty Blaise von Peter O'Donnell gelesen. Da kamen die Dinger in einer Folge vor. Das wollten wir probieren und wir haben welche aus England von der British Quarterstaff Association bekommen. Die kamen mit der Diplomatenpost. War ein ziemlicher Aufstand.“
„Das möchte ich auch mal üben. Aber eine andere Frage, weshalb übt ihr nackt? Da ist das Verletzungsrisiko doch viel höher“, wollte Helga wissen.
„Wenn du nackt bist, vor allem als Mann, lernst du dich um deinen Schutz zu kümmern, anstatt wie ein Wilder anzugreifen“, antwortete Sergeij.
„Also eine Weiterführung der griechischen Sportradition?“
„Genau, Helgalein“, sagte Tatajana und gab ihr einen Schwesterkuss.
Iwan und Sergeij brachten die Damen zum Hotel zurück. Sie würden erst am nächsten Abend kurz vor Mitternacht abgeholt werden.
30. März 2006 Moskau 10 Uhr 30
Tatijana und Helga blieben bis zum späten Vormittag liegen. Nachdem das Zimmermädchen zum dritten Mal an die Tür donnerte, standen sie auf.
„Die letzten Monate sind ganz schön anstrengend gewesen, findest du nicht, Tati?“ Helga nuschelte mit der Zahnbürste im Mund.
„Ja, sehr schön waren sie“, rief Tatijana aus der Dusche, „vor allem, weil ich so viele alte Freunde wieder getroffen habe.“
„Anstrengend, habe ich gesagt!“
„Wieso? Ist doch die schönste Beschäftigung der Welt.“ Sie trat aus der Duschkabine und trocknete sich ab.
Helga lachte. „Ach, das meinte ich nicht.“ Sie spülte den Mund aus, „ich meine, wie du dir mit jeder Menge sinnlicher Situationen den Johann aus dem Kopf zu treiben versuchst.“
„Das hat mit den letzten Monaten nichts zu tun – es ist schon immer so.“ Tatijana cremte sich ein, hielt dann inne. „Wenn ich nur wüsste, warum er mich ignoriert, damit ich es verstehen kann ...“
„Soll ich ihn einmal fragen? Ich mach das gern für dich, Tati. Ganz unauffällig, ohne dass er überzuckert, woher der Wind weht. Aus persönlichem Interesse, werde ich sagen. Soll ich?“
„Hm ...“, antwortete sie scheu.
Helga spürte, wie Tati litt und seufzte anteilnehmend.
Tatijana hüstelte verlegen, atmete tief durch und sagte: „Okay, mach es. Aber lass Johann niemals auf die Idee kommen, du fragst meinetwegen. Bitte!“
„Ich schwöre es bei unserer Freundschaft!“, gelobte Helga.
Nachdem das „Savoy“ zu Fuß nur zehn Minuten vom Roten Platz entfernt lag, machten sich die beiden nach dem Frühstück auf.
Das Lenin-Mausoleum im Kreml ließen sie aus, die wartende Menschenschlange war nicht zu bewältigen, zudem hier weit und breit kein Kunstexperte auf sie wartete, der sie daran vorbeischleusen könnte, wie Iwan es vor ein paar Wochen in der Petersburger Eremitage gemacht hatte.
„Sieht aus wie eine Zelloluid-Puppe, du versäumst nichts. Außerdem ist er töter als tot, daher als Mann komplett uninteressant“, sagte Tatijana.
Helga kicherte.
„Wir laufen jetzt zur Ulica Twerskaja“, Tatijana deutete in zum Ende des Platzes, „die vornehmste Einkaufsstraße Moskaus mit ganz vielen feinen Boutiquen. Da bummeln wir einfach mal durch, schlagen uns mit Kaviar und Krimsekt voll, suchen uns ein paar fesche Weißrussen – oder ist dir mehr nach Mongolen a la Dschingis Khan? – und sind abends richtig gut drauf für den Einsatz. Was meinst du, meine Liebe?“
Sie hakte Helga unter, die sich vor Lachen krümmte. „Ach, ich liebe dich, Tati!“
„Gut, dann verzichten wir auf die Russen.“
Tatsächlich verbrachten sie den restlichen Tag vergnüglich, indem sie eine neue Russenkappe für Hubsi erstanden und ein Hirtenhemd aus weißem Leinen für Drago. Tatijana schenkte Helga einen ukrainischen Folklorerock und deckte sich selbst mit zwei Bolerojäckchen aus Shanghaiseide ein.
„Johann bekommt nichts, er hat keine Belohnung verdient, Homer trägt nur Italienische Maßanzüge und die Störchin kennen wir noch zu wenig. Tschikowski ...“
„... könnte am ehestens ein Strickzeug für den Knast brauchen, um sich die Zeit zu vertreiben“, vollendete Helga Tatijanas Satz.
Kaviar allein wäre nicht ausreichend für ihren Hunger gewesen, deshalb suchte sie das „Yolki Palki“ auf und schlugen sich den Bauch mit Ukha, einer Fischsuppe und einer mongolischen Termican-Platte voll.
31. März 2006 Moskau 00 Uhr 30
Helga bekam von Tatijana eine umfassende Ortsbeschreibung, die sie aber nicht so recht genießen konnte, da ihr Konvoi unter Blaulicht mit Höchstgeschwindigkeit und Krawall durch die Stadt in Richtung Kunzewo jagte.
Früher hatte es eine Extraspur für die Mitglieder des Politbüros in der Mitte der Straßen gegeben und viel weniger Autos. Heute war Moskau genauso verstopft wie jede andere Metropole, aber der Konvoi erkämpfte sich seine freie Durchfahrt mit aller Härte.
Erst als sie aus den Häuserschluchten in die lichten Birkenwälder kamen, ließ der Verkehr geringfügig nach. Einst hatte es auf diesem Weg einige Milizstationen gegeben, die verhinderten, dass die falschen Leute in die Nähe der Datschen des Politbüros kommen konnten. Für Ausländer war das gesamte Gebiet verboten gewesen.
Die Stationen waren schon lange nicht mehr besetzt und zum Teil abgerissen. Aber die Überwachung stand immer noch. Auch wenn sie heute nur aus Kameras und Radarfallen bestand. Diese wenigen Kilometer waren das an Strafen einträglichste Straßenstück in ganz Russland.
Kluge Köpfe vermuteten, die Geschwindigkeit war deshalb zurückgenommen worden, weil die Sicherheitsorgane hinter den Kameras automatische Personenerkennungssysteme geschaltet hatten. Biometrische Datenverarbeitung war lange kein Geheimnis mehr.
Ungefähr eine Stunde vor dem geplanten Einsatz erreichten sie den Bereitstellungsraum, eine fahrbare militärische Kommandozentrale, die früher mal für den Abschuss von SS-20 Raketen entwickelt worden war. Eine Mitarbeiterin der Miliz überreichte ihnen Tarnanzüge, kugelsichere Westen und Helme, sowie die Tarnschminke.
Hier saßen sie nicht nur in der ersten Reihe, hier durften sie auch mittun. Helga hatte erst einmal mit einer Kalaschnikow geschossen, nahm sie aber genauso entgegen wie die Pistole und das Kampfmesser. Die Militärschuhe rochen nicht vertrauenerweckend, schienen trotzdem neu zu sein.
Zu dem weltweit üblichen Knopf im Ohr mit der Sprechgarnitur kam ein Nachtsichtgerät. Tatijana bat Helga, die Augen schnell zuzukneifen, wenn irgendwo Licht anging. So toll die Restlichtverstärkung oder das Infrarot im Dunkeln waren, so schnell konnte man bei Licht oder Hitze geblendet werden.
Das Signal zum Zugriff ähnelte der Pfeife ihres Wasserkessels zuhause, dachte Helga.
Dann brach ein schrecklicher Lärm aus und das Anwesen wurde gestürmt. Das Geschrei der Angreifer, Lichtblitze und Kanonenschläge. Die Bewohner wussten nicht, wie ihnen geschah. Es gab keine Gegenwehr.
Schnell stand fest, dass in der Schule 40 der 60 Schüler, die unterrichtet wurden, auch übernachteten. Ebenso wie die vier Lehrer und der Besitzer der Schule, Hassan Gegoriwitsch Rosskoie.
Die Schule sah nicht nach viel Geld aus. Auf den Staffeleien der Meisterklasse standen Kopien gestohlener Bilder in den verschiedensten Fertigungsstufen.
Es gab keinerlei Versuche, etwas zu verheimlichen. Hassan Gegoriwitsch Rosskoie, der wegen eines langen Aufenthaltes in der DDR hervorragend Deutsch sprach, zeigte ihnen das Röntgengerät und händigte ihnen die Originale aus, an deren Kopien sie gerade arbeiteten.
Rosskoie nahm alle Schuld auf seine Kappe. Er verteidigte sich gar nicht erst mit den wirtschaftlichen Problemen seiner Schule, obwohl diese aus den Büchern abzulesen waren. Darin war jedes einzelne Bild, das seine Schule angefertigt hatte, verzeichnet und sogar steuerlich berücksichtigt.
Er hatte sogar ein Foto aus einer Überwachungskamera, das den Japaner zeigte, der ihm die Vorlagen und Materialien brachte und die fertigen Bilder wieder mitnahm.
Ein Blick darauf genügte Helga, um auszuschließen, dass es sich um einen geborenen Japaner handelte. Zwar gab es die Epikanthus medialis, jene Augenfalte, die das Auge sichel- oder mandelförmig erscheinen lässt, aber alle anderen Merkmale deuteten auf einen Koreaner hin.
Da Rosskoie nicht nur seine Aufzeichnungen mustergültig geführt hatte, sondern das gleiche für seinen Terminkalender galt, war es leicht, darüber herauszufinden, wann der Koreaner in den letzten Jahren Moskau besucht hatte.
Noch am selben Abend stand fest, dass es sich um Won Hae-Kyung handelte, der eigentlich in Saipan auf den nördlichen Mariannen lebte und mit einem Privatjet zwischen den unterschiedlichsten Orten der Welt hin und her flog.
Da Saipan Teil des U.S. Commonwealth Territory ist, gibt es zwar eine eigenständige Regierung, alle Bürger sind aber automatisch US-Staatsbürger, wenn auch ohne Wahlrecht in den USA. Das war ein Fall für Homer Milhouse Nixon, den Tatijana sofort informierte.
Russland übergab die gestohlenen Bilder, die Kopien und alle dazu verwandten oder verwendbaren Materialien an Tatijana zur Weiterleitung an die Besitzer und zu Untersuchung in anderen Labors.
Auf dem Rückflug fertigte Tatijana ihren Bericht für alle Ermittler an. Helga saß schlafend neben ihr Sitz und träumte von wilden Gefechten mit hübschen Männern und langen Stangen.
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29. Der Liebe bitt'res Weh
Du mit den großen Augen,
Ich hab es dir immer gesagt,
Dass ich dich unsäglich liebe,
Dass Liebe mein Herz zernagt.
Doch nur in einsamer Kammer
Sprach ich auf solche Art,
Und ach! ich hab immer geschwiegen
In deiner Gegenwart.
Heinrich Heine
29. März 2006 Wien 7 Uhr 15
Johann betrat die Suite, kam auf Tatijana zu und schaute über ihre Schulter auf den Monitor.
Sie versteifte sich, konnte die Fremde an ihm riechen! Wie müde er aussah. Ausgepowert wie ein streunender Kater. Was mochten all diese Frauen haben, was sie ihm nicht bieten konnte? Sie hätte ihn ermorden können.
Wo er bloß dauernd die Frauen aufgabelte? Daran, was er mit ihnen trieb, wollte sie gar nicht denken. Trotzdem schossen ihr die wildesten Vermutungen durch den Kopf, zumal zwischen seinen Aktivitäten oft Monate lagen, in denen er zusehends unruhiger wurde.
Sie hätte ja durchaus die Mittel gehabt, ihm Detektive hinterher zu jagen, aber einerseits fürchtete sie die Ergebnisse und andererseits würde er ihre Spürhunde wahrscheinlich schnell entdecken. Dann würde er nicht locker lassen, bis er wüsste, wer und warum sie ihm auf den Hals gehetzt worden waren. Die Blöße würde sie sich nicht geben.
Also wütete sie still in sich hinein. Ließ den Drucker alles ausdrucken, was in der Zeit seiner Abwesenheit passiert war und berief kurzfristig eine Konferenz ein.
Zu den aktuellen Ereignissen gehörte, dass die Italiener für ihre Verhältnisse erstaunlich schnell gearbeitet hatten. Die Untersuchungsergebnisse im Fall Bruscini lagen vor, zusammen mit einer Liste von gestohlenen Bildern, deren Originale in seinem Besitz waren, dazu eine Anzahl von Kopien aus anderen Diebstählen.
Die Italiener hatten zu ihrem Entsetzen auch eine Menge Foltervideos gefunden, die echt zu sein schienen. Darunter die Filme von der Kreuzigung des Grafen Caloprini und vom Tode der Lamm. Die in Wien inhaftierten Sarden waren auf vielen der Aufnahmen zu sehen. Der Giftzwerg auf allen.
Bruscini hatte eine ausgeklügelte Buchhaltung über seine Geschäfte geführt, um zu verhindern, dass seine Mitarbeiter ihn bestahlen. Sie war zwar noch nicht vollständig entschlüsselt, gab aber jetzt schon einen Überblick darüber, wie weit verzweigt seine illegalen Unternehmen waren und wie sehr sie auch für die Interessen seiner legalen arbeiteten.
Die minderjährigen Nutten hatten in seinem Auftrag mit dem Führer der neuen, demokratischen Partei geschlafen, seine Paparazzi die Fotos gemacht und seine Fernsehgesellschaften und Printmedien die Sache aufgebauscht, bis der Mann seinen Hut nehmen musste.
Die enge und vielfache Verknüpfung von legalen und illegalen Geschäften verblüffte selbst die erfahrenen italienischen Ermittler.
Wäre nicht Bruscinis Hang zur Kontrolle und seine Freude am Schmerz der anderen gewesen, hätte es vermutlich noch lange keine Ermittlungen gegen ihn gegeben.
Aber nun war eine Lawine in Bewegung geraten, die sich nicht mehr aufhalten ließ. Fast im gleichen Augenblick, in dem die betroffenen Ermittler und Polizeibehörden in den unterschiedlichen Ländern erste Information über die Ergebnisse erhielten, wurden die Medien informiert. Fünf Stunden, nachdem Bruscini die Schweiz verlassen hatte, tauchten die ersten Fernsehbilder auf.
Die Ermittler trafen um neun zum Frühstück in Johanns Suite ein.
Helga, die Störchin, Huber und Tatijana saßen heftig diskutierend am Tisch, als der Reichsgraf den Raum betrat. Frisch geduscht, stellte Tatijana fest, neue Klamotten: dennoch roch sie die andere.
Helga und die Störchin beobachteten mit einem wissenden Lächeln Tatijanas stechenden Blick, während Hubsi natürlich ebenso wenig etwas davon merkte wie Johann selbst. Der Reichsgraf ließ sich sehr umständlich auf seinen Stuhl herab und verzog das Gesicht, als litte er unter starken Schmerzen.
„Hast du dich verlegen, Johann?“, fragte Huber besorgt.
„Nein es ist nichts, zumindest solange ich nicht lache oder huste. Ich hab mir eine Rippe geprellt.“
„Damit solltest du nicht spaßen, ich lass mal schnell den Polizeiarzt kommen. Die Lunge könnte verletzt sein.“ Huber griff zum Telefon und machte einen schnellen Termin klar.
„Bist wohl beim Pflügen aus der Furche gefallen“, keifte Tatijana zornbebend, „oder kam der Ehemann zu früh nach Hause?“
„Ersteres“, antwortete Johann, um seine Ruhe zu haben. Er verstand nicht, weshalb Tatijana so aggressiv reagierte.
Als der Arzt kam und eine angebrochene Rippe feststellte, stichelte sie: „Man soll sich Pferden im Dunkeln nicht von hinten nähern, weil die austreten können.“
Immer wieder warf sie Johann düstere Blicke zu, nachdem er nicht reagierte, klinkte sie sich wohl oder übel in die gemeinsame Planung der nächsten Schritte ein.
Homer nahm daran in Form einer Telefonschaltung teil, da er noch in Deutschland zu tun hatte.
Johann würde mit russischen und eigenen Sicherheitsleuten sowie Dolmetschern nach UlanBator fliegen, um sich dort umzusehen.
Tatijana und Helga würden ihr Glück in Moskau versuchen und wollten auch möglichst schnell aufbrechen. Der Fall kam endlich in die Gänge. In die Sitzung platzte ein Anruf des Berner Polizeichefs, der mehr als ärgerlich war.
„Natürlich kannst du auf Mithören schalten, ich muss mich ohnehin für meine Regierung entschuldigen. Die haben Bruscini trotz Vorliegens eines italienischen Haftbefehls einfach über Kloten nach Rio ausfliegen lassen. Begründung wie immer: Keine. Ich schäme mich wirklich sehr.“
Johann wusste, was es für einen echten Polizisten bedeutete, einen Gesuchten laufen lassen zu müssen, weil irgendwelche Politiker ihr eigenes Süppchen kochten und dabei auf Recht und Gesetz spuckten.
„Mach dir nichts draus. Es sind eben geldgierige Politiker. Das kannst du nicht ändern. Ist er noch in der Luft oder schon gelandet?“
„Vor zwei Stunden angekommen, der dürfte endgültig verschwunden sein. Den sehen wir nie wieder. Verdammter Mist.“
„Mal abwarten. Vielleicht kann ich da ja was tun. Ich halte dich auf dem Laufenden.“ Johann rief das Justizministerium in Brasilia an. Nun wurde dort jemand mitten in der Nacht geweckt. Danach beauftragte er ein größeres Detektivbüro Bruscini aufzustöbern.
Irgendwo tagte gerade mal wieder eine Konferenz der europäischen Innenminister, bei der die Nachricht von Bruscinis Flucht auch die Runde machte. Es ließ sich später nicht mehr herausfinden, welcher dieser obersten Ordnungshüter auf die Idee kam, damit sei die Sache mit den Kunstdiebstählen erledigt und man könne in der Ermittlungsarbeit wieder langsamer treten.
Johann verwunderte diese Haltung nicht besonders, da es sich bei den Innenministern um Politiker handelte, die mit der Einhaltung von Recht und Gesetz schon berufsbedingt Schwierigkeiten haben. Einige von ihnen hätten aufgrund eigener Vergehen in ihren Ländern nie mehr Beamte werden können, wurden dafür die Vorgesetzten jener. Darin war sich dieses politische Europa einig.
Als die ersten Polizeichefs, die Anweisung erhielten, die internationale Zusammenarbeit in Sachen Bilderdiebstahl runter zu fahren, gab es einige, die sofort übereifrig reagierten, andere, die gar nichts taten und einige, die wütend wurden, weil sie immer ein Auge auf die Ermittlungsergebnisse gehabt hatten.
Johann, Huber und den Chef der Schweizer Versicherungsgruppe erreichten die Nachricht gleichzeitig. Huber wurde angewiesen, seine Ermittlungen, wenn möglich zu intensivieren, solange er den Fall nicht für abgeschlossen hielt.
Der Versicherungschef, der sonst gerne von den Fehlentscheidungen der Politik profitierte, war stinksauer. Er hatte über seine Kanäle eine klare Nachricht an die Ministerrunde absenden lassen. Keine Ermittlungen bedeuten auf lange Zeit keine Spenden mehr für die Parteien der Betreffenden.
Johann wurde von den Schweden informiert, dass die Regierung weiteres Vorgehen für unbedingt notwendig hielt, gleiches galt auch für Griechenland und Irland.
29. März.2006 Berlin 9 Uhr 15
Der Berliner Polizeichef hatte die Anweisung gleich durch den Reißwolf gejagt. Er war nicht feige, aber Mücke mit so einem Scheiß zu kommen, hätte den vor Wut platzen lassen. Mochte sein Innensenator sich auch für unverwundbar halten, der Polizeichef wusste es besser.
Die Pressekonferenz von MM zu einem solchen Thema, wollte er nicht erleben. Er erinnerte sich mit Schrecken an die Stellungnahmen, die Mücke bei den Politikermorden abgegeben hatte. Mit ihm nicht. Basta.
Natürlich rief ihn dieser verdammte Kerl ausgerechnet jetzt an. „Hi, MM. Was’n los?“
„Ich dachte, das könnten du und dein Innensenator mir sagen. Bei mir pfeifen nämlich sämtliche Spatzen von allen Dächern, dass unsere Bundesregierung in Form unseres menschenliebenden Innenministers keine Fortsetzung der Ermittlungen in der Sache Bilderdiebstähle wünscht. Wahrscheinlich brauchte es seine gesamte Konzentration, wie es zu schaffen wäre, die Bundeswehr auf die Bundesbürger schießen zu lassen. Was sagst du dazu?“
„Du missverstehst ihn da. Er möchte ja nur die Bundeswehr einsetzen können, wenn Terroristen mit Massenvernichtungsmitteln ...“
„Das kann der Vogel nicht einmal seiner Großmutter verkaufen. In solch einem Fall reicht ein Anruf und die Bundeswehr hilft. Das tut sie nämlich schon seit Gründung dieses Staates, bei Flut, Schneechaos, Feuer und wie du an unserem letzten Einsatz gesehen hast, klappt das sogar mit Fernaufklärung. Was also ist mit den Ermittlungen?“
„Natürlich machst du weiter. Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.“
„Du solltest nie ein Verbrechen begehen, du bist ein schlechter Lügner. Aber wenigstens tust du das Richtige. Wenn die Presse Wind davon bekäme, wieviel Erfolg wir in dem Kampf gegen die Faschos nur diesen Ermittlungen verdanken, stünde die Politische Polizei ziemlich schlecht da.“
„Wir haben keine politische Polizei. Das sind Beamte mit Staatsschutzaufgaben. Mach weiter und mach was du willst, du hast Rückendeckung.“
Grinsend legte Mücke auf und rief Johann an. Hatten die Innenminister mit ihrer Entscheidung eine Welle verursacht, so knallte ihnen nun ein Tsunami der Entrüstung entgegen. Prompt taten sie das, was Politiker immer tun, wenn sie auf Widerstand stoßen. Sie knicken ein und behaupten das Gegenteil von dem, was sie ursprünglich wollten.
Sofort trat der portugiesische Innenminister vor die Presse und verkündete, dass die Ermittlungen wesentlich verstärkt werden würden. Die Innenministerkonferenz empfinde gerade diese Ermittlungen als ein sehr gutes Beispiel für europäische Zusammenarbeit.
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28. Frauenpower
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 24. April 2008
Große Leidenschaften sind
selten wie Meisterwerke.
Honoré de Balzac
Sontja De Boevere warf ihren schönen Kopf wütend zurück. Es war ihr letzter Tag hier in Österreich. In der ganzen Woche hatte Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf es genau ein einziges Mal geschafft, die Nacht mit ihr zu verbringen. Da hätte sie ja gleich in Belgien bleiben können.
Wütend intonierte sie eine Arie der Brünhilde, die sie demnächst in Bayreuth singen würde. Natürlich die Walküre, dachte sie. Dieser Schuft Johann bezeichnete sie ja auch immer als seine willige Walküre. Doch verdammt, was nutzte die ganze Hingabe, wenn der Kerl sie nicht beachtete?
Natürlich hatte sie kein Anrecht auf den Reichsgrafen. Sie hatte einen Schein auf einen kleinen glatzköpfigen Juristen mit Bierbauch, der sie zwar vergötterte, aber genauso mit einer Statue zufrieden gewesen wäre. „Verdammt. Verdammt. Verdammt“, schmetterte sie auf einer Melodie aus dem Freischütz.
Selbstverständlich konnte sie Männer in Mengen haben. Ihre blonde Mähne, die Oberweite, die die meisten Pornostars vor Neid erblassen ließ und ihr festes, wohltrainiertes Fleisch lockten Verehrer in Mengen an. Sie hatte nicht nur die Außenmaße einer Walküre, sie brauchte außerdem die richtige Art von Männern, um ihren Spaß zu bekommen. Solche wie den verdammten Reichsgrafen, den sie rausschmeißen würde, wenn er es noch einmal wagte, zu ihr zu kommen. Sollte der sein Riesengemächt doch in der Tür einklemmen. Er würde schon sehen, was er davon hatte, sie hier sitzen zu lassen. Sollte der Herr mal versuchen, mit seinem Teil bei so einer Ersatz-Twiggy zu landen. Die würde schreiend weglaufen. Sie stapfte ergrimmt auf und ab, die Fensterscheiben klirrten rhythmisch.
Das Telefon klingelte, sie stürzte sich darauf. „Sontja De Boevere“, flötete sie in den Hörer.
„Johann hier. Hast du heute Abend Zeit? Wir könnten essen gehen und vielleicht tanzen.“
„Bist du bescheuert?“, schrie sie, „Wir werden weder das eine noch das andere tun! Ich bestelle was zu trinken und dann vögeln wir, bis uns der Verstand wegbleibt. Ich muss morgen nach Brüssel und dann nach Berlin. Arbeiten. Da redest du von Essen? Aber halt, wenn du bei Mac Doof vorbeikommst, bring ein paar Hamburger mit. Mir ist nach gutem Sex und Schnellfraß.“ Sonja legte auf.
Johann grinste. Sie war schon ein wildes Weib und grenzenlos in ihrer Gier. Dazu noch voll kompatibel mit ihm. Wenn auch nur in sorgfältig überlegten Dosen genießbar. Auf Dauer wäre sie purer Stress.
Er ging wieder ins Wohnzimmer, in dem Tatijana fleißig telefonierte. Sie war eine Schönheit. Doch leider nichts für ihn. Ein Versuch, der schief ginge und das, was er jetzt hatte, wäre verloren. Das war es nicht wert.
Nachdem Johann sich bis zum Mittag des nächsten Tages im System und bei Tatijana abgemeldet hatte, kam ein Anruf von Homer, der sich nach Deutschland verabschiedete, um persönlich Druck zu machen. Das würde ein aufregender Abend werden, dachte Tatijana. Richtig begeistert war sie und kaute in Gedanken an die bevorstehende Öde auf ihren Nägeln herum.
Doch bald besserte ein Anruf ihre Laune, denn Huber wollte, dass sie mit der Störchin und Helga zusammen sich Silvio Lucca vornahmen. Bei drei Frauen würde der sein Glück alleine versuchen und nicht sofort nach einem Rechtsanwalt schreien, meinte der Hauptkommissar.
Zudem waren zwei der drei Damen keine Beamten und konnte ihm daher versprechen, was auch immer sie wollten. Durch die Teilnahme der Störchin war die Luftnummer rechtlich halbwegs abgesichert. Der Haftbefehl und das Ermittlungsverfahren gegen Lucca würden sich schnell in Luft auflösen, wenn er einen guten Rechtsanwalt hatte. Sie konnten nur gewinnen.
28. März 2006 Rom 9 Uhr 43
Das italienische Rechtssystem hatte viel mit einer alten Hure gemeinsam. Oft missbraucht, verachtet und immer unterschätzt war ihm nichts Menschliches fremd.
In irgendeinem Ministerium, das eigentlich gar nicht zuständig war, rief zuerst der mächtige Vertreter einer Schweizer Versicherung an, die zudem noch an den wichtigsten Rückversicherern der Welt kräftig beteiligt war. Die Versicherung wollte natürlich keinen Einfluss nehmen, sie wollte nur ihr Befremden darüber äußern, dass die Ergebnisse erstklassiger Ermittlungsarbeit bezüglich Salvatore Bruscini von der italienischen Justiz überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Der Mann erklärte zudem, dass die beiden Zeuginnen in seinem Auftrag gearbeitet hatten und selbstverständlich über jeden Verdacht erhaben waren.
Der zweite Anruf kam von einem Reifenhersteller, der, was er zwar nicht zugeben würde, von Graf Pietro Caloprini falsche Bilder für achtzig Millionen Euro gekauft hatte. Der Reifenhersteller hatte über seine Quellen etwas von einem Verdacht gegen Salvatore Bruscini gehört und sich zusammengereimt, dass dieser der Hintermann des Grafen und der beiden toten Frauen aus Wien gewesen sei. Er verlangte, dass gegen Bruscini vorgegangen würde.
Telefonieren konnte der Mann aus dem Ministerium auch und plötzlich startete eine Maschinerie, wie sie keiner in Italien vermutet hätte. Die Polizei durchsuchte gleichzeitig alle Wohn- und Geschäftsgebäude von Bruscini. Obwohl sie noch vor dem Morgengrauen zuschlug, konnte sie den Verdächtigen nicht festnehmen, da dieser mit zwei blutjungen Französinnen an der Küste in einem Hotel war.
Bei einem derart großen Einsatz dafür zu sorgen, dass der Beschuldigte nicht gewarnt wird, ist nicht nur in Italien ein Problem. Völlig unmöglich ist es aber, zu verhindern, dass irgendjemand Information darüber weitergibt. So wurde Bruscini schon fünfzehn Minuten nach Beginn des Einsatzes von einem Mitarbeiter in Kenntnis gesetzt, zu dem der Plan durchgesickert war.
Bruscini hatte seinen Laden bestens organisiert und wusste sehr wohl, welche Gefahr in der Ortung eines Handys besteht. Deshalb trug er ständig zwei Handys mit sich herum. Ein offizielles und ein Prepaid-Handy, das eine alte Dame auf Sizilien gekauft hatte und für ein wenig Kleingeld an einen seiner Mitarbeiter weitergab. Das war sein Alarmhandy, von dem er noch nie telefoniert hatte, und das nur benutzt wurde, um ihm die Daten des Anrufers zu übermitteln. Salvatore entschied dann, ob er den über das Festnetz oder sein offizielles Handy zurückrief.
Als der erste Alarmanruf wirklich kam, erschrak er unwillkürlich. Die Nachricht, die ihn erreichte, war unvorstellbar. Er hätte schon bei Beginn der Vorbereitungen eines solchen Einsatzes von seinen Vertrauensleuten in der Polizei und der Justiz gewarnt werden sollen. Gestern noch hatten sie seine Probleme für erledigt erklärt. Natürlich wäre es Wahnsinn, nach Österreich zu fahren, aber auch das würde sich mit der Zeit klären lassen. So dachte Bruscini.
Und jetzt das. Sie waren überall. Ein Alarmruf folgte dem anderen. Dann meldete sich die Sekretärin seines Rechtsanwaltes. Die Kanzlei war durchsucht und der Chef festgenommen worden.
Salvatore Bruscini schaltete das Alarmhandy aus.
Ohne sich weiter um die Mädchen zu kümmern, stieg er in sein Auto und raste in Richtung Monaco. Das Europa ohne Grenzen half ihm unbewusst. Er parkte seinen Wagen mit einem bedauernden Blick am Hafen. Den würde er wohl so schnell nicht wiedersehen.
Schnell verschwand er und trabte auf das Schloss zu. In einer Tiefgarage gab es eine kleine Autowerkstatt, die ihm eine unauffällige, französische Familienkutsche mit Papieren übergab. Auf einer Bank besorgte er eine größere Menge Bargeld, was in Monaco kein Problem war.
Ein wunderschöner Tag erwachte, als der Flüchtende auf der Küstenstraße nach Nizza fuhr. Das Meer kräuselte sich im strahlenden Sonnenschein. Salvatore hatte keine Zeit, das zu genießen. Er musste aus Europa heraus.
Der kürzeste Weg war schon lange nicht mehr der, mit einem Schiff über das Mittelmeer zu verschwinden. Die Küstenwachen hatten massiv aufgerüstet, um Boote mit Flüchtlingen aus Afrika aufzugreifen.
Und doch gab es mitten in Europa einen Platz, an dem es nicht um Gesetz und Moral, sondern nur um Geld ging. Die Schweiz. Sie war nicht nur der sicherer Hort für Erträge aus Betrug, Steuerhinterziehung, Drogen- und anderer Kriminalität, aus den Diebstählen der Politiker und Diktatoren der Welt, sie war das auch noch gerne. Je schmutziger das Geld, desto geringer die Zinsen, desto höher der Gewinn des kleinen Landes.
Da war kein Platz für Moral und Anstand. Da mussten eben auch die blutigsten Diktatoren auf ihrer Flucht zumindest kurzfristig ertragen werden. Da war auch Platz für Salvatore Bruscini, zumindest auf Zeit. Er musste den sicheren Hafen aller Ganoven nur erreichen.
Die Mautstationen der französischen Autobahnen bekamen von ihm Bares. Das hielt zwar auf, hatte aber den Vorteil, dass seine Route nicht verfolgt werden konnte. Hier auf dem Weg nach Lyon, würde man ihn auch nicht suchen. Das war zu weit von der italienischen Grenze entfernt.
Von Lyon ging es nach Genf. An der Schweizer Grenze gab es keine Probleme. Europa war gegenüber dieser Wunde offen wie ein Scheunentor. In Genf besuchte er sofort ein Internetcafe und verschob alles Geld, das er in Italien auf Banken liegen hatte auf die Cayman Islands. Die Transaktionen konnten nicht verfolgt werden, da er über einen russischen Server ging.
Es hatte für ihn keinen Sinn, noch aus Europa telefonischen Kontakt mit seinen Leuten aufzunehmen. Er entschied sich für einen schnellen Flug nach Südamerika. Brasilien. Die schönen Frauen an der Copacabana in Rio de Janeiro würden ihm einen Ausgleich für seine Verluste in Italien schaffen.
Er sorgte dafür, dass genügend Geld für die nächsten paar Jahre in Rio geparkt wurde, schlief eine Nacht in einem Familienhotel mit Preisen einer Luxusherberge und verschwand am nächsten Morgen über Kloten in Richtung Rio. Er musste lächeln, als er darüber nachdachte, dass die Deutschen, die ihn bestimmt suchen würden, den Schweizern den Luftraum großzügig überlassen hatten, den er jetzt brauchte, um fliehen zu können. Dieses Europa war wirklich zu blöd.
28. März 2006 Wien 14 Uhr 30
Silvio Lucca war immer noch ziemlich verwirrt. Was zum Teufel wollten die Österreicher von ihm? Ob irgendeiner seiner Leute hier etwas abgezogen hatte, ohne mit ihm zu teilen? Er hatte nicht die Spur einer Idee. Eigentlich war er froh, als er aus der Zelle geführt wurde, weil er hoffte, endlich zu erfahren, warum er festgehalten wurde.
Zu seinem Erstaunen brachte man ihn aber nicht in ein Vernehmungszimmer, sondern in eine Art Gerichtssaal. An einem langen Tisch saßen drei Frauen und hatten um sich herum einiges an technischem Equipment aufgebaut.
Drei Namensschilder mit den jeweiligen Landesflaggen wiesen die Damen von rechts nach links als Waltraut Auguste Erlenpichler aus Österreich, Tatijana Iwanowna Kropotkin aus Russland und Helga Brenner, auch aus Österreich aus.
Die Giraffe, von der Lucca nicht wissen konnte, das sie bei ihren Freunden die Störchin genannt wurde, sah auf: "Handschellen ab. Das Manderl ist keine Gefahr."
War sie im Spiel der gute Bulle? Wer von den anderen beiden war dann die Böse? Aha! Die kleine blonde Russin, denn sie schlug mit der Faust auf den Tisch und starrte ihn funkelnd an.
Nachdem die Beamten ihm die Handschellen abgenommen hatten, wurden sie mit einer ungeduldigen Handbewegung entlassen.
Lucca war noch nie von drei Frauen vernommen worden. Das mache die Sache seiner Meinung nach aber einfacher. Frauen waren Männern unterlegen. Die Erlenpichler stand auf und er erschrak; sie war noch länger als er vermutet hatte.
Sie stiefelte an ihm vorbei und schlug die erste Seite eines Flipcharts zurück. Eine Reihe von Bildern berühmter Gemälde, die allesamt gestohlen worden waren, erschien und sie zeigte jeweils auf ein Bild und erklärte gelassen, wann es wo gestohlen worden war und wer dabei zu Schaden kam.
Nachdem sie sich wieder gesetzt hatte, kam Frau Brenner von der anderen Seite, ging auch an Lucca vorbei und schlug ebenfalls die erste Seite eines anderen Flipcharts herum. Eine Straße in Wien nach der Explosion einer Autobombe. Zwei brennende Leichen in Südamerika und ein toter Japaner, dem die Eingeweide heraushingen.
Als Silvio etwas sagen wollte, legte Frau Brenner nur einen ausgestreckten Finger vor die Lippen und bedeutete ihm zu schweigen.
Dann stand die kleine Russin auf, brüllte: „Reden tun wir!“ und knallte ihm ein paar Papiere vor die Nase.
Lucca stöhnte unwillkürlich auf, als er die gefolterten Leichen von Patricia Lamm und Graf Pietro Caloprini erblickte.
„Die Operation ist Ihnen ja kräftig aus dem Ruder gelaufen Lucca“, fuhr Tatijana ihn an. Ihr starker Akzent passte sogar nicht zu ihrer westlichen Figur, aber Lucca war aus den Russen nie schlau geworden.
„Ich weiß gar nicht, wovon Sie sprechen.“
Sie griff zu einer Fernbedienung und drückte einen Knopf an der Wand. Hinter seinen Richterinnen, wie er sie innerlich nannte, erschienen in schneller Folge Lieferscheine und Frachtpapiere für Holz und gestohlene Bilder, die er im Auftrag des russischen Juden verschickt hatte.
„Nun, Lucca, wissen Sie immer noch nicht, wovon ich rede. –Meine Damen, Sie sehen, der Mann ist verstockt. Ich glaube nicht, dass unser Gespräch hier mit ihm viel Sinn macht.“
Der alte Mafioso bekam Oberwasser. „Sie haben doch nichts in der Hand, was wollen Sie eigentlich von mir? Sie können mir nichts beweisen!“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Die dummen Weiber würden ihn laufen lassen müssen.
Tatijana betätigte erneut die Fernbedienung. An der Wand erschienen der Präsident und die Fahne Russlands: „Wissen Sie, was er früher gemacht hat? Er war Leiter des KGB. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Ermittlungsergebnissen seines eigenen Dienstes misstraut.“
Wieder erschienen in schneller Folge die Bilder der Frachtpapiere, jeweils abgelöst von den Fotos der gestohlenen Bilder und der Toten. Lucca versuchte verzweifelt zu ergründen, was denn der russische KGB und der Präsident mit ihm zu tun hatten. War die junge Frau vom KGB? Es ergab sich für ihn einfach kein Bild.
Die Projektion stand jetzt auf einem offiziellen Dokument in Deutsch und Russisch. Ein Auslieferungsersuchen und sein Name darin. Ihm standen die Haare zu Berge.
Tatijana sah ihre Kolleginnen an: „Meine Damen, ich konstatiere, dass Herr Lucca, wie bereits vermutet, zu keiner Kooperation bereit ist. Wie abgesprochen, bitte ich Sie, mir den Mann als Ihren Gefangenen auf dem Flughafen Schwechat in meiner Maschine zu übergeben. Dort können Sie ihn bedenkenlos entlassen und da das Innere der Maschine russischer Boden ist, kann ich ihn problemlos festnehmen. Auch wenn unsere schnelle Art der effektiven Urteilsfindung und Bestrafung vielleicht nicht immer Ihren Beifall findet, dürfte das in diesem Fall wohl die beste Möglichkeit sein, das Problem zu lösen, bevor er mehr Leute umbringen lässt.“
Lucca traute seinen Ohren nicht. Helga nahm den Ball auf, den ihr Tatijana zugespielt hatte: „Nach meinem aktuellen Kenntnisstand hat weder das Justizministerium noch das Innenministerium Einwände gegen das Verfahren. Italien wird keinen diplomatischen Protest einlegen, da der Ort der Enthaftung und erneuten Verhaftung in einem Raum liegt, der schon öfter in derartiger Weise gebraucht wurde. Selbstverständlich wird Italien einen Prozessbeobachter schicken.“ Natürlich würden nicht informierte Ministerien auch keine Einwände vorbringen. Jetzt ging es um die Wurst.
Plötzlich hatteLucca hatte begriffen. Die blöden Weiber würden ihn einfach nach Russland verlegen und dort würde mit ihm kurzer Prozess gemacht. Er wollte nicht lebenslang nach Sibirien in den Gulag bei Eis und Schnee. Er hatte Angst vor den Russen: „Aber meine Damen, ich will doch kooperieren.“
Die Störchin atmete durch und beeilte sich, guter Bulle zu mimen: „Sehen Sie, Herr Lucca, das ist eine gute Entscheidung. Ich habe ernsthaft um Ihr Leben gebangt.“
Es hatte also geklappt. Lucca machte eine umfassende Aussage, die auf Video aufgezeichnet wurde. In den folgenden Stunden klärte sich, wie die Materialien für die Fälschungen beschafft worden waren, ebenso die Reihe von Kircheneinbrüchen überall in Europa mit dem Diebstahl von sakralen Bildern oder sonstigen Kunstwerken.
Movses Haiasanata, der Armenier, wurde anhand von Bildern eindeutig als der Auftraggeber identifiziert.
28. März 2006 Wien 21 Uhr 14
Sontja saß auf Johanns Gesicht und so gewaltig wie ihr Körper waren die Geräusche ihrer Lust. Plötzlich kam ihr die Idee, dass sie auch ihn mit dem Mund verwöhnen könnte. Um die Arbeit seiner Zunge so wenig wie möglich zu unterbrechen, drehte sie sich schnell. Für einen Moment lastete ihr ganzes Körpergewicht mitten in der Drehbewegung auf ihrem Knie, das seinerseits auf einer Rippe Johanns ruhte.
Die Rippe tat das Vernünftigste, was sie tun konnte, sie gab mit einem leisen Knacken nach. Aber der Moment des Schmerzes war kurz und die Lust groß. Wer wird da schon eine kleine Rippe beachten?
Sie genossen einander bis in den frühen Morgen und schliefen schließlich eng umschlungen ein.
Für Johann war es ein qualvolles Erwachen. Jetzt, wo die Lust nicht mehr den Schmerz übertönte, meldete er sich mit aller Deutlichkeit. Vorsichtig wuchtete er sich aus dem Bett. Seine Rippe fand Bewegung nicht lustig. Husten übrigens auch nicht.
Vor dem Badezimmerspiegel untersuchte er die Stelle. Zu sehen war nichts, aber er ertastete eine beachtliche Schwellung.
Sontja kam herein, umarmte ihn von hinten mit ihren kräftigen Armen.
Sie sah, wie Johann das Gesicht verzog. „Was ist, Liebling?“
„Wehe, du lachst. Du hast mir heute Nacht irgendwann eine Rippe angeknackst. Ob ich jetzt ein Verwundetenabzeichen bekomme?“
Natürlich prustete sie los, sagte dann unter Glucksen: „Das tut mir leid. Ich habe nichts gemerkt. Verwundetenabzeichen habe ich keine, aber den Siegerkranz und noch eine Morgennummer kannst du gerne haben.“
Vorsichtig und in stabiler Rückenlage gingen sie wieder zu Werke. Nicht schmerzfrei, doch mit Lust. Nur über das Geschehene lachen durften sie nicht. Die Rippe wollte nicht ausgelacht werden.
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27. Treibjagd
Das Ärgerlichste am Fehler ist der Ärger.
Andreas Tenzer
27.03.2006 Messina 11:00
Silvio Lucca sah sich in einer bedrängten Lage. Die Zollbehörden in Messina und Rotterdam zeigten nachdrückliches Interesse für seine diversen Exporte. Wie ihm Freunde mitgeteilt hatten, forschten sie um Jahre zurück. Warum, wusste jedoch niemand.
Die Carabinieri waren angewiesen, Luccas Besucher zu überwachen und eventuelle Terroristen herauszufiltern. Die Guardia die Finanza ermittelte gleich wegen mehrerer angeblicher Vergehen gegen ihn.
Nun war er anscheinend auch noch mitten in die Jahreshauptversammlung der Blues Brothers geraten. Seit zwei Tagen verfolgten ihn große amerikanische Limousinen in denen Kerle mit schwarzen Anzügen, Hüten und Sonnenbrillen saßen. Jeder dieser auffällig Unauffälligen trug gut sichtbar einen Knopf im Ohr und im Schulterhalfter mit Sicherheit kein Musikinstrument.
Silvio hatte sich mit dem lokalen Staatsanwalt getroffen, der ihm aber keinen Trost spenden konnte, trotz eines großen Bündel Euros.
„Es tut mir Leid, ich habe keine Ahnung, was los ist. Jedenfalls klingt es bedenklich, Signor Lucca“, sagte er und steckte das Geld ein. „Sind Sie jemandem in einem Ministerium auf die Zehen getreten?“
Silvio war sich weiterhin keiner Schuld bewusst und durchforstete in seinen Gehirnwindungen die dunkle Vergangenheit nach dem Grund für die Unannehmlichkeiten. So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Die Geschäfte liefen nicht mehr und nachts lag er schlaflos herum und grübelte.
Lucca war kein Jäger ist und der Begriff Treibjagd sagte ihm nichts.
Daher begann er Bargeld einzusammeln und die Codes seiner internationalen Konten zu notieren. Er berief den Familienrat ein und verkündete seine Entscheidung, sich zunächst einmal zurückzuziehen.
Die Finanzpolizei würde den Seeweg ebenso wie den in die Schweiz blockieren. Flugzeuge waren für ihn schon immer Fallen gewesen. Also kündigte er einen Geschäftstermin in Salzburg an und nahm das Auto.
Natürlich folgten ihm die Blues Brothers zunächst, aber sein Ferrari war deutlich stärker. Kurz hinter Modena gab er seinem schwarzen Hengst die Sporen und sah die Herrschaften im Rückspiegel verschwinden.
„Endlich“, sagte der Pinkerton Mitarbeiter, „ich fürchtete, der Arsch würde nie aufdrehen. Nun suchen wir uns eine schöne Trattoria und überlassen den Jungs in Zivil den Job. Wenn es auch ganz schön heiß in dieser Verkleidung ist, Lucca hat es den notwendigen Schrecken eingejagt.“
Silvio drehte das Radio lauter, Bozen flog vorbei. Er zahlte die Maut auf der italienischen Seite des Brenners und rauschte durch den Tunnel nach Österreich. Freiheit, lachte er innerlich, als sich von hinten zwei schwere Mercedeslimousinen hinter und neben ihn setzten. Vorne wartete schon das österreichische Polizeiauto und verlangte mit einer heftig blinkenden Leuchte, ihm zu folgen.
An der nächsten Haltebucht war Silvio Luccas Fahrt zu Ende. Seine Weiterreise nach Wien organisierte der österreichische Staat. Lucca reagierte fassungslos mit Kopfschütteln, als der Beamte ihm den Haftbefehl wegen Devisenvergehens herunterleierte. Das war eines der wenigen Verbrechen, das er in Österreich mit Sicherheit noch nie begangen hatte, aber er fügte sich. Es würde sich gewiss aufklären, dachte er hoffnungsvoll.
27. März 2006 Hamburg 11 Uhr 30
In der Hamburger Speicherstadt, am Nicolaifleet, hatte die Firma Sanitärinstallation Sprangelmann und Söhne einen ihrer interessanteren Aufträge. Auf dem Dach des traditionellen Speicherhauses befand sich einer der alten gusseisernen Wassertanks, die ehemals genutzt wurden, um Wasserdruck für Lösch- und Brauchwasser im Haus zu haben. Schillke wollte ihn zum Teil einer hochmodernen Rapsölheizung umbauen lassen mit Dichtungen, die resistent gegen die Aggressivität des Öls waren.
Dieser Fünfzehntausendlitertank war in bester Verfassung und es war eine schöne Aufgabe, eine Außenleitung bis über den Fleet zu legen, die Pumpen zu installieren und einen flexiblen Metallanschlussschlauch anzubringen. Nun fehlte nur noch die Heizung.
Roger Harry Schillke hatte jedoch keine Heizung geplant. Um den Schein zu wahren, ließ er von einem Bunkerschiff Rapsöl in den Tank pumpen, brachte dann aber Sprengladungen an der Unter- und Oberseite an, wo sie ein zufälliger Betrachter kaum entdecken konnte.
Darunter lag Rogers geheime Wohnung – sein Rückzugsgebiet und die Spielwiese für seine Träume. In diesen unruhigen Zeiten wollte er jederzeit die Möglichkeit haben, sich per einfachen Anruf mit dem Handy und ein paar Codeziffern von dem gesamten Objekt trennen zu können, ohne dass er Spuren hinterlassen würde. Das Feuer würde auch eventuelle Jungs auslöschen.
28. März 2006 Tokio 0 Uhr10 Ortszeit
Der japanische Multimillionär Yamoto fiel entsetzt aus dem Futon, als die Polizei sein Haus mitten in der Nacht stürmte. Ein australischer Kunde hatte es persönlich genommen, dass ihm mehrere Kopien gestohlener Bilder verkauft wurden und Yamoto nicht sofort bereit gewesen war, das Geld zu retournieren. Dem Australier war der finanzielle Verlust egal, aber er wollte Rache.
Seine Angaben vor der Polizei des Heimatlandes, Vertretern des Gesetzes in der japanischen Botschaft und ein leiser Druck der Regierung reichten aus, um einen Einsatz bei Yamoto zu veranlassen.
Er wusste sofort, welche Stunde geschlagen hatte. Auf Schritt und Tritt fand die Polizei in seinen Räumlichkeiten Illegales. Schon nach kurzer Zeit war klar, dass dabei nur ein enormer Gesichtsverlust und eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne die Chance auf Begnadigung herauskommen konnten.
An diesem Punkt besann er sich auf seine Ehre. Um nicht das Gesicht zu verlieren, legte der Multimillionär ein Geständnis bezüglich des Handels mit den Kopien ab und beschuldigte den Hamburger Rechtsanwalt Roger Harry Schillke, die Bilder geliefert zu haben.
Nach diesem Bekenntnis wurde ihm gestattet, für einige Zeit in seinem Büro alleine zu bleiben.
Yamoto reinigte seinen Körper, legte den weißen Festtagskimono an, betete vor dem Altar und zückte schließlich das Schwert für den rituellen Selbstmord, den Seppuku.
Kopien seiner Aussage gingen an Australien und Deutschland. Der Kunde würde aus dem Nachlass entschädigt werden.
28. März 2006 Wien 8 Uhr 00
Huber und die Störchin saßen an dem Bericht des Labors und sortierten die Daten aus dem Handy der Elisabeth von Marai.
„Hm, die Dame hatte ja eine wirklich erlesene Kundschaft“, sagte Huber respektvoll. „Lauter erste Adressen der k.u.k. Donaumonarchie und der angrenzenden Gebiete. Nobel, nobel. Am liebsten tät ich die Daten gleich in das System des Reichsgrafen eingeben. Aber das soll ich ja nicht.“
„Hubsi, du bist wirklich ein glücklicher Idiot“, meinte die Störchin grinsend, „Der gute Johann hat zwar den ganzen Abend über nicht den intelligentesten Eindruck gemacht, weil alles Blut aus dem Kopf in das edelste Teil des Mannes gerutscht ist, nachdem er Tatijana in ihrem Kleid gesehen hat. Eigentlich bewundernswert, dass er sie nicht gleich auf den Teppich geschmissen hat ...“ Die Störchin sah ins Leere, erinnerte sich an den Auftritt von Tati und Helga im Korso. Was für schöne Frauen und so liebenswert! Dann fing sie sich: „... im Hotel Sacher war seine Reichsgräflichkeit doch wieder völlig klar! Er zweifelt nicht seinem System in Berlin, nicht an Helga und Tatijana, die ja Opfer waren, nicht an dir und nicht an sich selbst, Hubsi. Er glaubt wohl auch Homer, die scheinen sich besser zu kennen, als sie zugeben. Weißt du was? Er misstraut mir. Nicht wirklich, aber weit genug, um auf Nummer sicher zu gehen. Was glaubst du, weshalb Tatijana mich die Nacht über bewacht hat, damit ich nicht telefoniere? Sie wollte auf jeden Fall nicht mit mir schlafen.“ Sie kicherte.
Huber runzelte die Brauen. „Warum hat Johann mir nix gesagt davon? Verstehe ich nicht.“
„Lieber, lieber Hubsi. Weil du für deine Freunde wie ein offenes Buch bist. Die haben alle mitgekriegt, wie du mich umsorgst ...“
„Aber ...“
„Psst. Freu dich, dass du solche Freunde hast.“ Sie schnappte sie sich seine Ohren und verpasste ihm einen herzhaften Kuss.
„Willst du die Spesenabrechnungen an Marks und das Protokoll an Präsident Horzinger noch einmal lesen, bevor das Zeug abschicke?“, fragte Tatijana nach.
„Nein, es sei denn, es steht etwas neues drin und dann drehe ich dir den Hals um, weil es nicht in unserem System ist“, antwortete Johann, vertieft in Museumsversicherungspapiere vertieft.
„Euer Gräflichkeit, es steht wie immer nichts drin, dafür hat es ein paar schöne Leichenfotos, Listen von sichergestellten Bildern und viel Bla Bla. Das liest eh keiner. Die warten, bis der Abschlußbericht in der Tageszeitung steht und lassen sich dann ausrechnen, wieviel Geld wir der Versicherung gespart haben. Bisher ist es schon fast mehr als das Siebenhundertfache von dem, was wir kosten. Da können wir noch ein wenig shoppen gehen.“
Johann hob den Kopf aus der Mappe und betrachtete Tatijana wieder einmal genau. Sie war im Bademantel in seine Suite gekommen, hatte dann nackt, wie gewohnt, sein großes Wohnzimmer zum Training benutzt, während er noch schlief. Das wusste er. Am Frühstückstisch erschien sie wieder verhüllt, fand das nach einer Weile offenbar lästig bei der Arbeit am Notebook. Jedenfalls war sie aus den Ärmeln des Mantels geschlüpft und er lag um ihren Sessel drapiert.
Johann hatte Tatijana oft nackt gesehen und sich daran gefreut. Er konnte genau unterscheiden, wann sie sich ihm als Köder anbot, oder es, wie jetzt, einfach bequem haben wollte, um mit Höchstgeschwindigkeit ihre Arbeit zu erledigen.
Immer wieder war ihm bewusst geworden, dass die kleine Tatijana genau sein Typ wäre, hätte er da nicht das leider gar nicht so kleine Problem, das sein Liebesleben seit frühester Jugend behinderte.
Was den Frauen beim Tanzen glänzende Augen verschaffte und ihm unter der Dusche oder am FKK-Strand bewundernde Blicke einbrachte, entpuppte sich in der Liebessituation als monströses Handcap.
Für Frauen von Tatijanas Körperbau bestimmt kein Lustspender, sondern eine Qual. Deshalb war Johann auf den Typ Walküre umgeschwenkt. Selbst unter ihnen gab es etliche, denen es zuviel war und nur wenige, die sich daran delektierten.
Es kam eben doch auf die Größe an, dachte er, als das Telefon klingelte. Die Pinkerton-Leute berichteten von der geglückten Festnahme Luccas. Er gab die Information sofort ein, mit Benachrichtigung an die anderen und sah, dass Huber das System weiter gefüttert hatte: „Hast du gesehen, dass Hubsi weiter brav Eingaben macht und die Störchin auch? Vielleicht hat er meinen Minimalverdacht begriffen.“
„Johann, du bist ein Mann, er ist ein Mann. Die Störchin hat es sofort kapiert und weil sie ihren Hubsi liebt und fürchterlich schlau ist, mit einem Lächeln akzeptiert. Ich verwette drei Monatsgehälter, dass Tschikowski der Arsch ist. Aber jetzt flöhe ich erst mal den Schillke.“
28. März 2006 Berlin 8 Uhr 30
In Berlin saß Michael Mücke mit dem Staatsanwalt Bacilar Helal in der 'Mordkommission' beim Frühstück, als sein Mitarbeiter Trinkhaus müde hereinstolperte und nach Kaffee rief.
Helal grinste ihn an: „Musstest du etwa arbeiten heute Nacht? Du Ärmster. Ich hatte es schön kuschelig bei meiner Frau. Aber du wolltest ja unbedingt Kriminaler werden.“
„Halt bloß die Klappe, sonst bestelle ich mir gebratenen Staatsanwalt, gefüllt mit MM und umlegt mit Streifen vom Reichsgrafen. Ich sammle nur noch Naziidioten ein. Die Jungs aus dem Luch haben gar nicht mehr aufgehört zu plaudern. Das reicht bei denen zurück bis fast in den Kindergarten. Die Helden sind eine echte Freude.“
„Und kommt was dabei rum?“, wollte MM wissen.
„Ich schmeiß dem Bacilar seinen Schreibtisch so mit Akten zu, dass er sich ein eigenes Minarett bauen kann. Bisher langt es bei allen zumindest zu Bewährungsstrafen, wenn Taten zusammengefasst werden, auch zu Haft.“ Trinkhaus wandte sich an Helal: „Ich baue es mit deiner Mitarbeiterin gerade so zusammen, dass ihr leicht und gut begründet Anklage erheben könnt. Das wird meistens für Knast reichen. – Was treibt ihr beiden denn hier so an Freizeitvergnügen?“
„Wir basteln uns einen Tatverdacht, damit wir ein wenig ermitteln dürfen“, antwortete MM. „Erinnerst du dich an diesen Rechtsverdreher aus Hamburg, der so einen Wind wegen diesem Mord im Milieu machte, sich dann zurückzog und als Nachfolger einen unserer dümmsten Strafverteidiger wirken ließ, der den Prozess trotzdem gewann, weil uns die Zeugen wegstarben?“
Trinkhaus bestellte noch einen Kaffee und Berliner. „Jau, wir konnten ihm nix beweisen, waren aber sicher, dass er dahinter steckte. Und die verdammten Fischköppe haben gemauert und nichts getan. Worum geht es diesmal?“
„Sein Name ist in Japan in Zusammenhang mit dem Handel von Kopien gestohlener Gemälde aufgetaucht.
Die Polizei erlaubte dem Täter bedauerlicherweise Seppuku zu begehen. Damit können wir die Aussage hier knicken“, antwortete der Staatsanwalt, „doch wir haben einen Zettel, auf dem sogar eine Großmutter, die nicht deutsch spricht und vielleicht gar nicht richtig lesen kann, den Namen Schillke entziffern würde.“
„Ich lese da noch Hamburg und Rechtsanwalt“, fügte MM feixend hinzu. „Einer diese Nazispinner hat übrigens in Hamburg mal für einen Puff gearbeitet, an dem der feine Herr beteiligt war.“
„Das ist zwar alles sehr dünn, aber für einen Anfangsverdacht reicht es dicke“, sagte Helal und zuckte mit den Augenbrauen, „deshalb leite ich jetzt glatt ein Ermittlungsverfahren ein. Dann kann Trinkhaus wenigstens einmal was arbeiten.“
„Sehr lustig“, gab der zurück und biss in den Berliner.
28.03.2006 Totes Gebirge 9 Uhr 15
Tschikowski blickte aus dem Fenster einer Berghütte, die irgendwo im Toten Gebirge lag, in das Schneetreiben. Er konnte sich einfach keinen Reim auf den Anschlag machen. Im Moment kratzte ihn das weniger als die Tatsache, dass man ihn nicht mehr in seine Wohnung gelassen hatte, ehe er hierher gebracht wurde zum Versauern.
Nun lagen Geld und Handy des Rechtsanwaltes dort herum und ein paar Bilder, die er nur ungern der Spurensicherung überließ. Es handelte sich um Fotos von Nachbarinnen, die er mit dem Teleobjektiv geschossen hatte. Da konnte leicht ein falscher Eindruck entstehen. Dabei waren es nur Übungsabende für Observationen.
Die Kohle war wesentlich schlimmer. Geld und Polizisten passten einfach nicht zusammen. Bei der vielen Arbeit war das natürlich unfair. Aber Neider gab es ja immer.
Wahrscheinlich hatten die Kollegen seine Räume nur nach Sprengstoff durchsucht, längst abgeschlossen und versiegelt. Die waren bestimmt nicht scharf darauf, sich unnötige Arbeit zu machen.
Mit dieser Ansicht täuschte sich Tschikowski allerdings gewaltig. Er hatte ein paar mal zu oft den Boden mit den Spurensicherern aufgewischt und sie reichlich gedemütigt. Das würden sie ihm nie vergessen. Nun filzten sie jedes Zimmer mit dem ganz feinen Kamm.
Es kamen Dinge zum Vorschein, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Die Kinderpornos, die in die Asservatenkammer gehörten. Akten, bei denen es um Prominente ging und die eventuell für eine Erpressung gut waren, auf jeden Fall aber nichts außerhalb der Polizei zu suchen hatten.
Durchschriften von anonymen Anzeigen, die Kollegen und vor allem Huber betrafen und an Gott und die Welt gegangen waren. Erstklassige Nacktfotos von allen Frauen und jungen Mädchen aus der einsehbaren Nachbarschaft.
Drei Briefumschläge mit richtig viel Geld und guten Fingerabdrücken. Natürlich fanden sie das Extrahandy dazu eine umfangreiche Sammlung von Softpornos der dümmsten Art. Der Spurensicherer grinste gemein, als er Kommissar Huber informierte und trug mit Begeisterung seine Funde ins System ein.
Homer Nixon saß in seiner Botschaft und trommelte auf die CIA ein, ihm mitzuteilen, was sie über den Rechtsanwalt Schillke wusste, und wie weit sie mit den Informationen über Oreste Crispi waren. Doch da biss er auf Granit.
Immerhin erfuhr er, dass Irena Macintyre, jene Dame aus der Gegend von Boston, die ihm in Leningrad auf die Finger und mehr gesehen hatte, hier zuständig war. Wenn sie auch aussah wie eine typische evangelikale Lehrerin aus dem Bibelgürtel, war sie die Art von stillem Wasser, das besonders tief und stürmisch ist.
Der Weg zum Wissen des CIA führte also im wahrsten Sinne des Wortes über Irena. Homer hatte schon viel schlechtere Wege gehen müssen. Er bestätigte ihr kurz, wann er am Abend in Ramstein ankommen würde. Den Rest konnte er getrost ihr überlassen. Und es war ja auch für eine gute Sache, redete er sich grinsend ein.
Tatijana führte einen Freudentanz auf, als sie die Ergebnisse der Spurensicherung in Tschikowskis Wohnung sah. Geld stank sehr wohl, wie sie seit einem Besuch in einer Landeszentralbank wusste, wo sie unter den aufgefädelten Geldscheinen stand, die zur Vernichtung vorbereitet waren.
Dieses Geld hier stank besonders übel und der junge Kommissar würde den Leuten vom Inneren viel zu erklären haben. Sie griff zum Telefonhörer.
„Huber, was ...“
„Ganz viel kannst du für mich tun, mein, lieber Hubsi. Ganz viel. Aber das lassen wir dann lieber die Störchin nicht wissen. Erst mal was anderes. Innenrevision bedeutet sicher bei euch das gleiche wie überall. Eine Versammlung der Lahmärsche und Wichtigtuer. Wenn die das Beweismaterial von Tschikowski in den Händen haben, dauert es bis zum Tode meiner Urenkel, bevor wir da Erkenntnisse rauskriegen.“
„Guter Tipp, liebste Tatijana. Wieso die Innenrevision? Mein lieber Kollege war Opfer eines Bombenanschlags und nun soll mit gefälschten Beweisen ein Keil zwischen die Ermittler getrieben werden. Da recherchiere ich lieber selber und den Tschikowski schützen wir, indem wir ihn im Schnee verbuddelt lassen.“
„Geile Idee, Hubsi. Außerdem ist Irren ja menschlich. Aber du kannst ihn auch nicht befragen.“
„Nein. Kann ich nicht und will ich nicht. Ich filze einfach seine Kommunikationsverbindungen der letzten Zeit und das Extrahandy. Warum hat er das eigentlich? Wer ruft den schon an? Morgen haben wir dazu die Abdrücke. Dann sehen wir weiter.“
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26. Entwirrung
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 17. April 2008
Wer zu kräftig ins Feuer bläst,
der verbrennt sich leicht den Bart.
Aus Arabien
20. März 2006 Berlin 20 Uhr 45
Michael Mücke hatte einen glücklichen Tag. Er saß in Berlin mit seinem Lieblingsstaatsanwalt in einem Vernehmungszimmer der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Am Vormittag waren die fünf Rädelsführer der Wehrsportgruppe „Reichsfürst“ und drei Mitglieder der österreichischen Abteilung des Vereins aus Brandenburg nach Berlin verlegt worden.
Diese Verlegung war wichtig, weil die gesamten Herrschaften dieses exklusiven Vereins in Brandenburg ihre Aussagen vor Videokameras gemacht und beeidet hatten. Sie waren überzeugt davon, dadurch einen Deal mit der brandenburgischen Staatsanwaltschaft ausgehandelt zu haben. Aber Justitia geht manchmal seltsame Wege. Eines der ersten Verbrechen dieser Helden war das Abfackeln eines Döner-Imbisses im Wedding gewesen. Selbstverständlich beschuldigte jeder dieser Helden auch hier die jeweils anderen der gemeinschaftlichen Tat. Das hatte einen lustigen Nebeneffekt, denn es erlaubte der Brandenburger Staatsanwaltschaft, ihre Akten zu bündeln und sie mit den Tätern nach Berlin für weitere Befragungen weiterzureichen.
Was nun folgte, war sowohl für den Staatsanwalt als auch MM eine der schönsten Vergnügungen. Einem Straftäter, der glaubte, sich durch Verrat freikaufen zu können, genau das zu vermiesen. Plaudern bedeutete in ihren Augen nämlich nicht Läuterung sondern nur, dass die Angst vor Strafe größer als der Mut war.
Sie begannen mit dem Räuberhauptmann Olav Geiger, der zwar schon deutlich kleinlauter geworden war, aber nun glaubte, aufgrund seiner Aussage Oberwasser zu haben. Kaum wurde Geiger hereingeführt, pöbelte er los: „Was wollen sie denn noch von mir? Ich habe alles gesagt. Die Einigung mit der Staatsanwaltschaft in Brandenburg steht. Lassen Sie mich sofort gehen!“
MM ließ ihn von dem Justizbeamten an seinen Stuhl ketten, er hatte keine Lust auf Gerölle. Dann zog er seinen Dienstausweis: „Wenn Sie bitte mal schauen wollen, Herr Geiger. Auf meinem Ausweis ist ein Bild. Können Sie mir sagen, was es darstellt?“
„Ja. So ein Scheißbär.“ Er betonte seinen Unwillen, indem er auf den Boden spuckte.
MM ignorierte Olavs Protest, der PVC-Belag hielt das schon aus und antwortete: „Man merkt gleich, dass Sie zu Deutschlands Elite gehören. Sie sind ein richtig kluges Kerlchen. Der Herr Staatsanwalt hat auch so einen Ausweis, auf dem so ein Bär ist und an der Tür dieses Knastes, draußen, da wo die Freiheit ist, hängt ebenfalls einer. Es scheint also ein bedeutungsvolles Tier zu sein. Können Sie mir folgen?“
„Das hat nur mit Berlin zu tun. Was geht mich das an? Ich bin Brandenburger. Aus Lobeofsund. Basta.“
„Fast richtig, mein lieber Herr Geiger, fast richtig. Aber Sie wissen ja, knapp vorbei ist auch daneben. In Ihrem Fall sehr weit daneben. Dieser Scheiß Berliner Bär wird sich nämlich mit Ihnen den Arsch abwischen. Hoffentlich fusseln Sie nicht, Sie Elitemensch. Und jetzt können Sie spucken, soviel Sie wollen.“
„Sie können mir gar nichts. Ich hab ein Abkommen ...“
„... mit der brandenburgischen Staatsanwaltschaft, die auch treu zu ihrem Wort stehen würde. Allerdings gibt es da ein winzig kleines Problem. Sie haben am 13.12.1998 im Wedding einen Döner-Imbiss abgefackelt. Der Besitzer und seine dreijährige Tochter sind im Feuer umgekommen. Ihre Teilnahme ist durch videodokumentierte Vernehmung und eidesstattliche Versicherung ihrer Mit-Elite-Menschen bestätigt. Deshalb hat die Mordkommission Berlin den Fall an sich gezogen.“
Olav erbleichte, dann schoss ihm das Blut bis unter die Fascho-Glatze, MM verfolgte den Farbwechsel interessiert.
Olav brüllte sehr laut, vermutlich eine Kompensation zur Bewegungsunfähigkeit: „Du Arschloch, das geht doch gar nicht! Das ist ein mieser Trick! Ich bring dich um!“
Sie ließen ihn in Ruhe austoben und tranken Kaffee. Als er heiser geschrien war, sagte der Staatsanwalt: „Herr Geiger, Olav mit weichem V wie Viktoria ist doch richtig? Nun, Herr Geiger, wir haben in Deutschland ganz praktische Regeln. Wenn Sie wegen des gleichen Deliktes in mehreren Bundesländern angeklagt sind, übernimmt entweder ihr Wohnort oder das Land, in dem Sie die erste Tat begangen haben, die Strafverfolgung. Das sind wir. Die mit dem Bären.“
Geiger tobte noch ein Weilchen schwächlich und ermattet herum, während Mücke die Geschichte weiter ausführte: „Die Frau Ermittlungsrichterin, die auch für den Bären arbeitet, war so freundlich, einen Haftbefehl auszustellen. Dagegen kann Ihr Anwalt Haftbeschwerde einlegen. Dann haben Sie wenigstens etwas Unterhaltung in der Untersuchungshaft.“
Der Staatsanwalt griff nach einem Papier: „Damit Sie sehen, dass wir gewillt sind, Ihnen zügig einen Platz in der JVA Tegel zu reservieren, habe ich mir erlaubt, die Anklageschrift vorzubereiten. In Tegel haben wir einen Berlin entsprechenden Ausländeranteil. Die werden sich freuen, Sie in ihrem Kreis begrüßen zu können.“
„Die werden mich umbringen, diese Untermenschen! Das sind doch Tiere. Halbwilde!“, schrie Geiger.
Mücke grinste breit und böse: „Der Staatsanwalt wird Ihre Ansichten sicher zu schätzen wissen. Sein Name ist übrigens Bacilar Helal, was Sie hoffentlich nicht stört.“
In diesem Sinne wurde einer nach dem anderen der Brut, wie der Staatsanwalt sie insgeheim bezeichnete, vorgeführt und abgehakt. Die Justizbeamten hatten damit einen fröhlichen Tag. In der Nacht machte das Thema die Runde durch die deutschen und ausländischen Nachtschwärmer. In Kreuzberg entwarfen zwei Bänkelsänger ein Spottlied auf Olav, die Arschgeige und seine Elitetruppen, das ein heimlicher Hit werden würde.
23. März 2006 Wien Nachmittags
Tatijana hatte beschlossen, sie würde mit Helga eine große Runde Wellness nebst Kosmetikerin und Friseur genießen, ehe das Fest im Korso stattfände. Helga staunte, was es da alles gab und für welchen Blödsinn man Geld ausgeben konnte. Tatijana genoss die Angebote ganz selbstverständlich und unterhielt Helga mit Schwänken aus ihrem Leben, die die Ohren der Zuhörerinnen zart röteten. Sie tranken Champagner und fühlten sich pudelwohl.
Tatijana hatte für ihre Frisur nicht den losen Dutt der Kameliendame gewählt, sondern ihre Haare in Form eines Zopfes um den Kopf gelegt, in den goldene und silberne Bänder eingeflochten waren, wie man es aus alten Zeiten von Livländerinnen kannte. Helga hatte sich für die Nachbildung einer Frisur der Marlene Dietrich entschieden. Sie bekam einen Seitenscheitel, bis zu den Ohren lag ihr Haar knapp am Kopf an. Ab hier wurde es mit dem Lockenstab zu weich fallenden Wellen gelegt.
Als sie wieder in Tatijanas Zimmer ankamen, war ihre Kleidung bereits auf dem Doppelbett ausgelegt. Helga schossen Tränen der Rührung in die Augen. Tati hatte für sie einen langen Zigarettenspitz aus Silber organisiert. Daneben lagen ein passendes Feuerzeug und eine Schachtel Belga. Als Helga die Zigaretten misstrauisch beäugte, lachte die Freundin. „Das sind belgische, die sind sehr kurz und passen deshalb besser zur Spitze.“
Die Störchin und Huber saßen schon im Korso bei der Oper. Beide hatten mit der Kleidung den einfachsten, aber sicher nicht schlechtesten Weg gewählt und sich für steirische Tracht entschieden. Homer Nixon gesellte sich im weißen Smoking dazu, der im Kontrast zu seiner tiefschwarzen Haut noch weißer wirkte. Alle drei hatten ihren Spaß an Drago und Johann, die im Tänzelschritt als Kleidungszwillinge lachend durch das Lokal glitten.
Der Reichsgraf hatte für die Festivität seinen Lieblingschampagner vom Maison Taittinger aus Reims einkühlen lassen nach seinem Motto, dass Qualität vor Etikett gehe. Die anderen stimmten ihm mangels Vergleichsmöglichkeit zu.
Mit nur zwanzig Minuten über dem akademischen Viertelchen trafen die beiden Nichtakademikerinnen Helga und Tatijana ein. Wobei eintreffen das falsche Wort war. Sie erschienen und die Lokalgäste hielten den Atem an.
Helga im schwarzen Seidenanzug der Marlene Dietrich mit qualmender Zigarette in der langen Spitze, Tatijana mit fast kindlicher Frisur, im schwarzen Kostüm der Kameliendame. Die beiden schritten nicht etwa hintereinander, sondern nutzten gleichzeitig zwei Gänge, um auf den Tisch ihrer Freunde zuzustreben. Ein anerkennendes Raunen erfüllte den Raum.
Drago und Johann hatten nicht nur die gleichen Smokings an, sie machten, wie die Störchin für sich feststellte, auch den gleichen blöden Gesichtsausdruck.
„Hey Jungs. Macht den Mund zu. Sie sind es wirklich. Erde an Drago. Erde an Johann“, flachste sie.
Aber der Scherz erreichte die beiden nicht. Als Tatijana und Helga am Tisch eintrafen, schafften die Herren es gerade mal aufzustehen, die Schönheiten zu begrüßen und ihnen die Stühle zurechtzurücken.
Die Hummersuppe façon Korso, die Zitronennudeln mit Beluga-Kaviar, der ganze Ofensteinbutt und auch das Dessert, kurzum, die gesammelte Kochkunst Reinhard Gerers verwöhnte die Ermittler.
Alle hatten ihren Spaß, genossen das Essen und die Unterhaltung. Lediglich die Kommunikation mit Drago und Johann gestaltete sich als schwierig, weil sie mit merkwürdiger Zeitverzögerung antworteten. Beide konzentrierten ihre Blicke unablässig auf die wunderschönen Tischdamen Helga und Tatijana.
Man hatte sich gerade für eine weitere Flasche Taittinger entschieden, als Hubers Telefon klingelte. Er blickte entschuldigend in die Runde. Dann brüllte er: „Wie bitte? Das glaube ich nicht! Er hat es überlebt?“
Womit sich die Aufmerksamkeit der anderen ihm zuwandte. Er beendete das Gespräch und wirkte ein wenig blass um die Nase herum.
Selbst Johann erwachte aus seiner Versunkenheit: „Was ist los, Franz?“
„Irgendein Idiot hat ein Bombenattentat auf Tschikowski verübt. Sein Auto ist hochgegangen. Er war nicht drin. Ich hab ein Transportmittel organisiert.“
Johann zeichnete die Rechnung ab, als auch schon Fahrzeuge mit Blaulicht auftauchten. In eiliger Fahrt erreichten sie die Straße vor seinem Haus. Die war zum Teil verschwunden, genau wie die meisten Fensterscheiben in der Nachbarschaft. Ein Großteil der geparkten Autos wurde von der Feuerwehr beobachtet, um aufflackernde Glimmbrände zu verhüten.
Nur langsam ließ sich ein klares Bild gewinnen. Ein vermutlich betrunkener Autofahrer war auf gerader Straße in Tschikowskis Auto gekracht, das sich durch eine fette Explosion revanchiert hatte. Die Experten gingen von fünf Kilo Semptex aus, die vermutlich zumindest einen Erschütterungszünder hatten. Was sonst noch an Zündern da war, mussten die Ermittlungen ergeben.
Der betrunkene Autofahrer hatte die Explosion nicht überlebt und in der Kneipe gegenüber waren einige Leute durch die Glassplitter der Schaufensterscheibe schwer verletzt worden. Außerdem hatte es ein Liebespaar erwischt, das drei Autos entfernt geparkt hatte. Die Opfer waren von einer Metallstange durchbohrt worden.
Huber ließ den unverletzten Kommissar sofort in eine sichere Unterkunft bringen. Weder Unterhosen noch Zahnbürste durfte er aus der Wohnung holen, weil man kein Risiko eingehen wollte.
Dann trafen sie sich in Johanns Suite im Sacher zur Lagebesprechung.
Helga und Tatijana nutzten die Chance, sich in ihrem Zimmer umzuziehen, wobei die Russin spitz bemerkte: „Helgaschatz, du hattest recht mit dem Kleid, es hat umgehauen, aber nicht den Reichsgrafen, sondern einen Straßenzug. Könntest du demnächst mit deinen Vorhersagen etwas präziser sein?“
„Hast du seine Blicke nicht bis in deine Hautzellen gespürt? Der war absolut gebannt.“
Tatijana seufzte liebeskrank.
„Das glaube ich nicht, das glaub ich einfach nicht. Welcher Hirni kommt auf die Idee, den Komiker mit einem derartigen Aufwand umbringen zu wollen?“ Huber schüttelte den Kopf, während er auf und ab tigerte.
„Ich will meinen Hut fressen, den ich nicht besitze, wenn ich auch nur eine Idee hätte, warum“, grübelte Homer, nickte dann Helga und Tatijana zu, die in Alltagskleidung den Raum betraten.
„Bewegungszünder beim Auto und die Menge an Sprengstoffen, das gab es öfter.“ Johann hing an seinem Notebook und durchforstete seine Datenbank auf dem Berliner Server. „Richtig. Damit haben die in Italien zwei Staatsanwälte gegen die Mafia erledigt und in Essen einen Pizzaschmied, der aussagen wollte. Aber wie passt das zu Tschikowski? Als Polizist ist der nicht nur harmlos, sondern schlicht und ergreifend unfähig. Der nützt den Ganoven doch eher, als er ihnen schadet.“
Drago sah Helga an. „Denk an unser Gespräch.“
„Liebling, was meinst du?“ Sie runzelte die Stirn.
„Tschikowski. Du warst ihm gegenüber so misstrauisch, dass es dich bis ins Bett beschäftigt hat. Aber du wolltest deinem Bauchgefühl nicht trauen.“
„Stimmt. Seine Reaktion auf den Verrat, seine Wesensänderung in der letzten Zeit und seine Augen. Um Himmels willen, nix zum Greifen, nix, was man in einen Bericht schreiben könnte. Bloß ein ... ein Gefühl halt.“ Helga zuckte mit den Achseln.
„Helga hat einen guten Instinkt“, fingen Tatijana und die Störchin gleichzeitig an, sahen sich dann lachend an, „dem traue ich mehr als allem anderen, was wir zur Zeit haben“, vollendete die Störchin.
Helga rümpfte unsicher die Nase, sagte: „Ich kann ihn nicht leiden. Bin deshalb voreingenommen.“
„Leiden kann den keiner“, stimmte Huber zu, „Tun wir einmal so, als gäbe es ein Motiv, ihn mit Mafiamethoden in die Luft zu jagen. Bleibt die Frage, was könnte das sein?“
„Salvatore Bruscini“, kam es von Tatijana wie aus der Pistole geschossen. „Wir haben geglaubt, dass uns die Flughafentante aus dem Verkehr gezogen hat, weil sie eine Gefahr sah. Was, wenn das alles vorbereitet war?“
„Sie hat mit niemandem mehr telefoniert, nachdem wir bei ihr waren“, fügte Helga aufgeregt hinzu, „so schnell hätte die Vorbereitung auch nicht klappen können. Die waren vorgewarnt. Da fällt mir übrigens noch etwas ein. Weiß jemand, was Tatijana und ich da für ein gurgelndes erstickendes Geräusch gehört haben, als wir glaubten, ihr wäre die Kehle durchgeschnitten worden? Das war psychologische Kriegsführung!“
„Nein“, sagte Huber, „mit dem Geräusch kann ich euch helfen. Die röchelte so, wenn ihr der Brocken, den Tatijana umgehauen hat, die Zunge in den Hals gesteckt hat. Sie hat nämlich Polypen, die Gute.“
Tatijana und Helga schüttelten sich vor Lachen.
Johann warf einen strengen Blick in die Runde, er wollte konzentriert beim Thema bleiben. „Wir gehen also davon aus, die Entführer wussten Bescheid über euer Kommen und die Absichten. Dann stellt sich die Frage, woher?“
„Das ist ebenso einfach wie beschissen“, antwortete ihm Huber, der sichtlich wütend wurde. „Wir und Tschikowski. Niemand sonst. Von uns kann es keiner gewesen sein, wir wären mit den Ermittlungen nicht an dem Punkt, wenn einer von uns falsch spielt. Deshalb betrachten wir den Herrn von jetzt an als Verdächtigen. Um uns Ärger zu ersparen, sagen wir das allerdings nicht laut, sondern nehmen die Explosion zum Vorwand, um ihn durch das ganz feine Sieb zu jagen.“
„Richtig“, stimmte Johann zu. „Aber wir sollten ihn nicht vergrämen. Deshalb ist großes Staatsschauspiel angesagt. Armer, guter Tschikowski, ruh dich aus – bis wir dich hängen können.“
„Und er muss bewacht werden wie die Kronjuwelen. Von dem Sprengstoff gibt es noch jede Menge. Habt ihr nicht irgendwas auf dem Lande, wo er besser kontrolliert werden kann?“, fragte Homer.
Huber setzte zu einer Antwort an, aber Johann unterbrach ihn sofort. „Franz, kein Wort zu keinem von uns. Lass ihn wegbringen und unter Verschluss halten, wo auch immer. Was wir nicht wissen, können wir nicht verraten und wir werden keine Ahnung haben, wo der Vogel steckt.“
Huber nickte ergeben und eilte los, um alles zu veranlassen. Die Störchin blieb die Nacht über bei Tatijana. Helga und Drago wurden ebenfalls im Hotel einquartiert. Johann bat auch Huber ins Hotel zurückzukehren, um jedes Risiko eines weiteren Angriffs auf das Team auszuschalten.
23. März 2006 Haifa 23 Uhr 15 Ortszeit
Der Patron war ein wenig traurig, dass sich das schöne Geschäft mit den falschen Kopien geklauter Bilder fürs erste wohl in Rauch aufgelöst hatte. Aber er wusste, die Zeit heilt alle Wunden und die Menschen vergessen schnell.
In einigen Monaten waren neue Kunden zu finden und sogar einige der alten wieder anzusprechen.
Natürlich würde man einigen Händlern mit Geld unter die Arme greifen müssen, damit sie ein paar Geschäfte bügeln konnten. Vielleicht würde man für den einen oder anderen auch ein oder zwei Bilder direkt stehlen müssen. Aber alles kein Grund zur Aufregung. Er hatte sich gut abgesichert und sah dem Besuch von Roger Harry Schillke gelassen entgegen. Die konspirative Art des Treffens hielt er für ausgemachten Blödsinn.
Falls jemand hinter ihm her wäre, hätten seine Signalleitungen ihm das hier in Israel gemeldet, bevor derjenige überhaupt den Entschluss gefasst hatte. Die Morde in Europa hielt er für typische Mafiaspielchen. Verübt von Gaunern, die lieber Raubüberfällen tätigten und mit Kunst nichts am Hut hatten.
Als es dunkel wurde, fuhr er zu dem Parkplatz des Gemüsegroßmarktes, auf dem er Schillke treffen sollte. Das Autoradio dudelte ein fröhliches Liedchen, das er mitpfiff, als die Kugel der 22er in seine rechte Schläfe eindrang, durch das Gehirn fuhr und den Schädel auf der anderen Seite wieder verließ. Er sackte blutend zusammen, Schillke machte innerlich ein weiteres Häkchen.
Er war sehr stolz, dass er es geschafft hatte, eine der seltenen Keramikschusswaffen zu beschaffen und auch die dafür notwendige Munition zu bekommen. Mit dieser Waffe konnte er beruhigt durch jede Kontrolle an Flughäfen gehen.
Er fuhr mit dem Leihwagen zurück nach Tel Aviv, das er für sein Hotel und alle die ihn kannten, auch nie verlassen hatte.
24. März 2006 Wien 3 Uhr 15
Für Homer Milhouse Nixon begann der Morgen zwar sehr früh mit einem Telefonanruf, dafür aber umso erfolgreicher. Die CIA hatte Silvio Lucca und seine Familie noch einmal komplett durch seine Mühlen gejagt. Grob gesagt, gab es zwei völlig unterschiedliche Kundengruppen.
Die eine waren Architekten und Bauherren überall auf der Welt, die Originalmaterialien von Lucca kauften, um damit entweder andere alte Häuser zu restaurieren oder neuen Gebäuden ein historisches Aussehen zu verpassen. Alles was mit dieser Gruppe an Geschäften lief, entsprach den Regeln, alle Papiere waren in Ordnung und die Waren wohl auch.
Die zweite Gruppe bestand aus diversen Firmen, die alle in irgendeiner Form etwas verkauften, ohne sich so recht festlegen zu wollen, womit sie handelten. Teilweise waren es reine Strohfirmen, oder Ausgründungen derselben.
Es hatte einige Zeit gedauert, bis die CIA den einen Namen hinter diesem Firmenwust gefunden hatte. Movses Haiasanata. Er tauchte sowohl als armenischer Jude wie als armenischer Christ auf und stammte ursprünglich aus der Region Berg-Karabach.
Es war schwer, ihm einen Wohnort zuzuordnen, da er sich meist mit einem eigenen Jet rund um die Welt bewegte und fast immer in Mietobjekten residierte, die ihm aber vielleicht auch über Firmen gehörten.
Er hatte gültige armenische, aserbeidschanische sowie israelische Papiere, die er je nach Anlass benutzte. Auch wenn die Warenströme in seinem Reich kaum kontrollierbar waren, schienen doch die Waren aus dem Hause Lucca alle nach Ulan Bator in der Mongolischen Republik zu gehen. Vermutlich wurden sie dort aber nur bearbeitet oder gelagert und dann an unbekannte Orte weiter transportiert.
Es schien nicht so, als ob die CIA Einsatzkräfte in der Mongolei haben würde. Sie machten auf jeden Fall kein Angebot, dort etwas zu unternehmen. Seinen eigenen Verein, das FBI, brauchte er gar nicht erst zu fragen. Dort gab es keine Verbindungsleute. Also blieben nur Tatijana und der russische Geheimdienst.
„Und die Pinkerton-Leute“, warf Johann beim gemeinsamen Frühstück ein, „schlicht und einfach eröffnen wir somit die Treibjagd auf Silvio Lucca!“
Alle machten sich an die Arbeit, Tatijana fasste die Ergebnisse auf russisch zusammen und mailte sie an Oberst Sergejewitsch Sminakov, der sie kaum gelesen haben konnte, als er schon zurückrief: „Guten Morgen, du bist für eine dekadente Westlerin früh auf. Danke für die Nachricht. Wir haben in der Mongolei Leute, das dürfte kein Problem sein. Wir haben auch Hassan Gegoriwitsch Rosskoie und seine Malschule aufgetan, aber nicht zugegriffen. Wir sind sicher, dass dort gefälscht wird. Das geht schon aus den Materialien hervor, die eingekauft werden. Der Bericht dürfte gegen Mittag fertig sein, dann kriegst du ihn per Mail.“
„Tag, Sergej. Die dekadente Westlerin ist eine Stunde hinter dir, also wahrscheinlich früher auf als du. Sollen wir nach Moskau kommen?“
„Ich finde ja, zumindest sollten Leute von euch dabei sein. Sieht einfach besser aus. Internationale Zusammenarbeit und so. Bringt ruhig den FBIler mit.“
Ein Knacken in der Leitung signalisierte das Ende des Gesprächs, dessen Inhalt Tatijana sofort ins System stellte und zugleich der Störchin erklärte.
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25. Aufräumen en suite
Es lässt sich nichts finden, man muss den Dingen
beistehen, dass sie sich finden lassen.
Johann Nepomuk Nestroy
23. März 2006 Schwechat 3 Uhr 45
Am Flughafen Schwechat wedelte ein sehr besorgter Direktor mit seinen Armen. Er war untröstlich. Allerdings nicht über das Schicksal der beiden Versicherungsermittlerinnen oder seiner Vizedirektorin. Nein, es fiel ihm einfach keine plausible Ausrede ein, warum er die Frauen nicht vermisst hatte. Außerdem war er frustriert, dass sein Flughafen nun von einer Schar wild gewordener Polizisten übernommen wurde und nichts mehr raus durfte.
Helga und Tatijana, nun wieder im Besitz ihrer Handys, hatten zwar keine Hoffnung mehr für die Frau, doch wollten sie wenigstens die Mörder stellen. Deshalb stürmten sie, gefolgt von einer Gruppe Polizisten in den Bereich des Winterdienstes und lokalisierten den Tatort. Mehrere Spürhunde wurden eingesetzt, aber keiner zeigte an, dass dort eine Leiche gelegen hatte. Daran war die Folie schuld, wie Tatijana kombinierte.
Zwei Hunde entschieden sich für eine Spur in Richtung Wäschebereich, drei andere wollten in die entgegen gesetzte Richtung. Da klar war, dass die Wägen mit Tatijana und Helga vermutlich über diesen Weg hinaus geschafft worden waren, folgten die beiden Frauen, die Störchin und ein Teil der Polizisten den Hunden, die in die andere Richtung wollten.
Es ging in schnellem Schritt vorwärts, über eine Treppe in ein Tiefgeschoß, durch einen schmalen Tunnel mit Versorgungsleitungen, von dem ein noch engerer, dunklerer Gang abzweigte, der nur an einer Stelle durch den künstlichen Lichtschein aus einem Fenster erleuchtet wurde.
Tatijana stoppte sofort die gesamte Gruppe, schickte die Hunde zurück und holte zwei Scharfschützen nach vorne. Wegen des Brausens der Lüftungen würden sie vermutlich nicht gehört werden, dennoch zog Tatijana die Schuhe aus, bevor sie schnell und leise zum Fenster lief.
Der Anblick, der sich ihr bot, überraschte sie dann doch. Die totgeglaubte Vizedirektorin wurde gerade von einem riesigen Kerl leidenschaftlich geküsst, während fünf weitere Männer ihre Zeit mit Kartenspielen oder Trinken verbrachten.
Tatijana veranlasste mittels Zeichensprache, dass sämtliche offensichtlichen Fluchtwege gesichert wurden. Ob es eine verborgene Möglichkeit zum Abhauen gab, wusste keiner von ihnen.
Die Frau konnte natürlich immer noch Geisel sein, die nur gute Miene zum bösen Spiel machte. Es war und blieb eine kniffelige Sache. Sie griffen zu Plan B: Den Überraschungsfaktor.
Die Eingreiftruppe formierte sich vor der Tür und dem Fenster des Raumes. Gerade, als die Männer ihre Werkzeuge hoben, um Tür und Fenster gleichzeitig zu zerschlagen, klingelte drinnen das Telefon. Die Frau hob ab und dann fixierte ihr entsetzter Blick die Tür.
Genauso gut hätte sie versuchen können, mit ihren Blicken eine durchgehende Rinderherde aufzuhalten. Praktisch zeitgleich mit dem Zerbröseln der Scheibe flog Tatijana mit mächtigem Kampfgeschrei in den Raum und nutzte den Schwung, um den Brocken als ersten zu fällen, stieß sich dann von der Wand ab und platzte förmlich in die Gruppe am Tisch, was dieser nicht gut bekam.
Die Störchin pflückte der Vizedirektorin eine Waffe aus der Hand, die dort plötzlich aufgetaucht war, und verpasste ihr Handschellen. Die Komplizen fanden sich in Sekunden umstellt.
Nur der große Küsserkönig machte Probleme. Schon zweimal hatte er die Leute abgeschüttelt, die ihn fesseln wollten. Gerade warf er einen Polizisten gegen die Wand. Allerdings flog im gleichen Moment Tatijanas linker Fuß gegen das Sonnengeflecht des Unbreakable, während ihr rechter an seine Schläfe knallte. Als sie wieder auf den Füßen stand, sagte sie: „Entschuldigung.“
„Wieso entschuldigst du dich bei diesem Arschloch? Du hättest ihm den Hals umdrehen sollen.“ Helga wunderte sich über Tatis mitfühlende Worte.
„Ich meine doch nicht das Arschloch, sondern die Kollegen. Die müssen den jetzt hier raus tragen und der wiegt ganz schön. Auf der kurzen Strecke habe ich mehr als 230 kg Kampfkraft in den Füßen und er hat’s gut weggesteckt. Jetzt müssen sie ihn rausschleppen.“
Der Einsatzleiter der Polizei grinste: „Ka Problem, schöne Fliegerin. Notfalls hau ich ihm a Achse durch die Ohren, dann mach ma Räder dran, wie bei aner Zwillingsschubkarre. Wo lernt man eigentlich solche Sprünge?“
„Das nennt sich Muay-Thai und heißt in seiner moderaten Version Thai-Boxen. Aber auch da ist es nicht sehr zivilisiert. Bei Vollkontakt ganz wirksam.“
„Ganz wirksam ist gut“, spöttelte die Störchin.
Auf ihrem Rückweg fanden sie im Wäschebereich einen ziemlich verkaterten Tschikowski, der gerade versuchte, den Vertreter einer Wäschefirma aus Wiener Neustadt mit bösen Blicken zur Aufgabe zu überreden.
Es sah gut aus. Er würde ein Geständnis machen, denn die Hunde hatten die Spur bis zum Fahrzeug verfolgen können. Wieder klickten die Handschellen.
Huber erreichte die Nachricht, dass das Handy der Marai geknackt sei. Eine Reihe von Anrufern war identifiziert worden, dazu mehr als hundert abgehende Telefonate nach ganz Europa. Sie hatten somit die Kartei der Marai.
Zur Feier des Tages lud Johann den engeren Kreis und Tschikowski ins Restaurant Korso an der Oper. Der junge Kommissar entschuldigte sich mit der Ausrede, ihm sei übel und fuhr ins Büro, wo er sich die Liste mit den Telefonnummern der Marai ausdruckte.
Dort sah er auch den Bericht der Staatsanwaltschaft, die mitteilte, dass Italien kein Verfahren gegen Salvatore Bruscini eröffnen werde, da dieser zum fraglichen Zeitpunkt nach Zeugenaussagen auf seiner Yacht in Cannes gewesen war. Allerdings war ein europäischer/internationaler Haftbefehl ausgestellt worden. Bruscini würde Italien nicht mehr verlassen dürfen.
Tschikowski informierte seinen Chef, der über die Haltung der Italiener nicht weiter verwundert war. Dann gab er seine Informationen an den Rechtsanwalt weiter und faxte ihm die Telefonliste. Nun war er mit dem Tag zufrieden. Der Fall bewegte sich nach vorne, wenn er auch erschöpft war von der schweren Verantwortung.
Natürlich würden weder Homer Milhouse Nixon noch die USA jemals zugeben, dass sie im Prinzip über Echolon und andere Instrumente alle Telefonate und E-Mails der Welt abhörten. Deshalb hatte Homer die Kontaktliste der Marai bereits an die NSA weitergeleitet. Zu jedem aufgezeichneten Gespräch wurde die Rufnummer festgehalten. In jeder Sekunde wurden Millionen von Gesprächen geführt, die gar nicht alle gespeichert, geschweige denn ausgewertet werden konnten, weswegen Spracherkennung eingesetzt wurde, die nach bestimmten Worten suchte. Natürlich sind das deutsche 'Bin im Laden' und der Name 'Bin Laden' fast identisch, was die Grenzen der Automatik aufzeigt. Niemand außer der NSA kennt die Suchbegriffe, die im jeweiligen Sprachraum eingesetzt werden, wie auch keinem Außenstehenden die notwendigen Kombinationen zugänglich waren, die eine Speicherung oder gar ein Abhören durch den Menschen veranlassen.
Es war das Durchsieben eines großen Sandberges, um den verlorenen Diamanten zu finden. Mühsam, aber machbar, nachdem die Arbeit den Computern überlassen werden konnte, die nun eruierten, was sie zu diesen Nummern hatten.
Die Ergebnisse durften vor Gericht nicht verwendet werden, da es sie ja offiziell gar nicht gab und sie illegal gewonnen worden waren. Dennoch hatten sie einen praktischen Wert für die Ermittler, denen es egal war, woher die Fakten stammten, solange sie weiterführten.
23. März 2006 Turin 10 Uhr 11
Salvatore Bruscini war über den Bericht des Rechtsanwaltes alles andere als begeistert. Den Verlust des Zwerges und der anderen konnte er verschmerzen. Die Sarden würden den Mund halten. Denen reichte es, dass für ihre Familien gesorgt war. Abgesehen davon war ihnen durch ihre Schweigen und den wenigen Beweisen kaum beizukommen. Vielleicht würden sie sogar freigesprochen, wenn man ruhig blieb.
Der Haftbefehl gegen ihn war schon schwerwiegender, würde sich mit der Zeit und mit sehr guten Rechtsanwälten auch aus der Welt schaffen lassen. Die Aussage der beiden hysterischen Weiber gegen einen Haufen Paparazzi. Das wog sich auf.
Der dumme Bulle konnte allerdings ein Problem werden. Damit hatte Jean recht. Salvatore griff zum Telefon. Minuten später machten sich zwei Eismacher auf den Weg, die darüber witzelten, dass man auch durch die Hitze einer Explosion jemanden kalt machen konnte. Ihre Ausbildung als Sprengtaucher bei der italienischen Marine bescherte ihnen im Winter ein Zubrot, bis sie ihre Eisdiele in Recklinghausen wieder aufmachen konnten.
23.03.2006 Wien 14:31
Jean seufzte, als sein Telefon klingelte. Ein Blick zeigte ihm, dass es Salvatore war.
„Hallo, Jean. Ich glaube, du hast das Treffen morgen mit deinem wichtigen Mandanten in Paris verschwitzt. Das könnte eine Explosion geben.“
„Ah ja. Danke, Salvatore, ich werde sofort einen Flug buchen.“
„Es wäre von Vorteil, wenn du schon heute Abend anreisen würdest. Das sieht interessierter aus. Übrigens solltest du die Kommunikation mit überflüssigen Mitarbeitern einstellen. Das kostet nur Zeit und bringt eventuell Aufregung. Bitte beende sie sofort.“
„Natürlich, du hast recht. Dann also auf nach Paris.“
23. März 2006 Antwerpen 14 Uhr 40
Der Antwerpener Kunstsachverständige und Professor für historische Kunst war hocherfreut über seinen Besucher. Fast hatte er damit gerechnet, dass der Hamburger Rechtsanwalt die Verbindung auflösen würde, nachdem die Presse überall über die Fälschungen berichtete. Das Gegenteil war der Fall. Er wollte weitere Expertisen und hatte als Gastgeschenk zwei Unzen Heroin sowie eine Unze Kokain mitgebracht.
Der Sachverständige hatte keine Skrupel, von Schillke bei der Vorbereitung der Spritze beobachtet zu werden. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er keine Scham mehr kannte. Dankbar nahm er den Rat entgegen, nicht zu knauserig mit der Ladung zu sein, es sei ja reichlich da.
Es war ein höllisch guter Stoff, der da durch seine Adern raste. Vielleicht hätte er doch etwas weniger ... aber egal. In einem Inferno zuckender Blitze seines Gehirns setzten erst die Atmung und dann auch das Herz aus. Das Ende war schnell gekommen, er hatte kaum Schaum vor dem Mund.
Harry Schillke hakte den Namen auf seiner Liste ab und packte die Drogen ein. Der Sachverständige würde sie nicht mehr brauchen und ihr Marktwert war beträchtlich, weil sie unverschnitten waren.
23. März 2006 Köln 20 Uhr 11
Am Kölner Stadtrand schob der Süßwaren-Industrielle seinen Porsche sanft in der Dunkelheit um die Kurven. Im Radio erzählte wieder mal ein Experte von geklauter und gefälschter Kunst.
Wenn der gewusst hätte, dass viele der Originale gar nicht weit vom WDR im Kölner Umland hingen. Sein Antwerpener Sachverständiger hatte die Werke nochmals untersucht und für echt befunden.
Der Industrielle lächelte und beschloss, den Rechtsanwalt Schillke demnächst nach Nachschub zu fragen. Kurz vor seinem Haus leuchtete wieder einmal das Blinklicht des Andreaskreuzes. Diese Nebenbahn ging ihm langsam auf den Geist. Das war jetzt schon das dritte Mal in zwei Wochen, wo abends oder in der Nacht ein paar Waggons hin und her geschoben wurden. Ob das was mit dem Atomkraftwerk zu tun hatte?
Er blieb lieber stehen. Einmal ein Monat Fahrverbot hatte ihm gereicht, nur weil ein blöder Polizist ihn beobachtet hatte, als er vor dem Zug durchwischte.
Nach dem Bericht begann die klassische Stunde. Eine Musiksendung, die er niemals ausließ. Heute ging es um die Götterdämmerung, er drehte die Lautstärke bis zum Anschlag und summte mit.
Im Höhepunkt der Ouvertüre fiel ein Schuss, der seinen Schädel förmlich zerriss. Gleichzeitig wurde die Lampe vor dem Andreaskreuz abgehängt, die das rote Blinken erzeugt hatte. Der Mörder und sein Komplize bestiegen den gestohlenen Wagen und waren in wenigen Minuten bei ihrem eigenen Auto.
23. März 2006 Wien 20 Uhr 20
Mitten im Abendverkehr hielt ein Transporter in zweiter Reihe neben Tschikowskis Auto. Der Fahrer öffnete die Tür des Laderaums und hantierte ungeschickt mit irgendwelchen Stoffrollen.
Gleichzeitig rollte sich ein Mann mit einer Sprengladung unter Tschikowskis Auto und befestigte sie dort. Schnell schloss er einen Zünder an den Katalysator an und machte zusätzlich einen Erschütterungszünder scharf. Blitzschnell war er wieder im Transporter verschwunden.
Der Fahrer beendete sein langatmiges Spiel mit den Stoffballen. Sie fuhren zu ihrem Auto zurück, luden den Stoff ein, aus dem eine Wandbespannung in Recklinghausen werden sollte, gaben den Leihwagen zurück und verschwanden in Richtung Deutschland.
23. März 2006 Wien 20 Uhr 26
Drago wählte den einzigen feierlichen Anzug, den er besaß. In ihm bestritt er seine öffentlichen Auftritte. Aber statt dem üblichen schwarzen Hemd zog er ein weißes an.
Ein bisschen sauer war er, weil Helga wieder verschwunden war, anstatt mit ihm gemeinsam in den Korso zu gehen. Immerhin wurde er gleich von Johann abgeholt. Irgendwie mochte er diesen Reichsgrafen, auch wenn er nicht so richtig schlau aus ihm wurde.
Drago stand schon im Türrahmen, als der Fahrer den Mercedes vorfuhr. Den Service, sich den Wagenschlag vom Fahrer öffnen zu lassen, nahm er gerne entgegen. So ein Hauch von Luxus war ja nicht schlecht.
„Servus, Drago“, begrüßte ihn Johann. „Hast du eine Ahnung, was die Ladies an Kleidung ausgesucht haben? Tatijana machte einen auf geheimnisvoll.“
„Helga ebenso. Da hab ich es einfacher, ich hab aus meiner Auswahl von Anzügen genau den einen genommen, der da hing.“
„Ist doch klar. Du musst alles selber bezahlen. Ich kauf sie immer bei neuen Aufträgen und setz sie als Spesen ab. Das füllt den Schrank.“ Er blickte auf die Uhr, „Komm, lass uns shoppen gehen. Wir werden es den Weibsen zeigen. Wir sind die coolsten Boys des ganzen Abends.“
„Lass mal, Johann, kann ich mir einfach nicht leisten. Meine Schüler zahlen schlecht, auch wenn ich sie gut unterrichte. Außerdem spielen sie schlecht und die, die gut spielen, zahlen gar nicht“, grinste Drago verlegen.
„Nicht wir zahlen, sondern eine Schweizer Versicherung muss uns heute Abend eine Tarnung finanzieren. Wir sind Ritter, Spesenritter.“
Lachend willigte Drago ein.
Während sie noch diskutierten, bei wem sie einkaufen wollten, empfahl der Fahrer vorsichtig und unter Entschuldigungen, es doch beim Dantendorfer in der Weihburggasse zu versuchen, der habe ein breites Angebot und biete was fürs Geld, auch wenn er kein reiner Herrenausstatter sei.
Sie entschieden sich für einen schwarzen Smoking von René Lezard mit Weste in klassischer Ausführung, komplettiert durch schwarze, rahmengenähte Derbys. Beide ließen ihre getragene Kleidung einpacken und hatten vor dem Geschäft den ersten Erfolg. Zwei Mädchen drehten sich lächelnd nach ihnen um, bis sie in andere Passanten liefen. Drago und Johann lachten und ließen sich zum Hotel Bristol chauffieren.
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24. Ermittlerfangen
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 10. April 2008
Eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht,
als unbedeutend geachtet, kann entscheidend
für ein ganzes Leben werden.
Jeremias Gotthelf
22. März 2006 Wien 7 Uhr 05
Es schien dieses Jahr überhaupt nicht Frühling zu werden. Dazu kam die Stimme eines Sprachlegasthenikers aus dem Navigationsgerät des Leihwagens und ein Verkehr in Richtung Schwechat, der nicht einmal richtig tröpfelte.
Tatijana wechselte dauernd die Spuren, um immer genau dort zu landen, in der es gerade nicht weiter ging. Helga lächelte innerlich. Tati war nicht nur in ihrem Sexualverhalten wie ein Mann, sondern auch beim Fahren.
Die Verwaltung des Flughafens war offiziell höchst entzückt, dass die Versicherung zwei so reizende Damen geschickt hatte, um sich über allgemeine Sicherheitsfragen und mögliche Lücken zu informieren.
In Wirklichkeit verfluchte der Flughafendirektor den Manager der Versicherung, der seiner Geliebten wahrscheinlich auf diese Weise einen Wienaufenthalt verschaffen wollte. Als die Damen für die nächsten Tage lediglich eine Begleitung haben wollten, die über die Schlüsselgewalt verfügte, entspannte er sich.
Da konnte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und seine Quotenstellvertreterin beschäftigen. Sollten die drei Weiber doch miteinander glücklich werden. Wenigsten hatte er dann seine Ruhe vor der Saatkrähe.
Er begleitete Helga und Tatijana ins Sekretariat seiner Stellvertreterin, nachdem er die beiden angekündigt hatte. Eine schwarzhaarige, agile Frau Anfang der Vierziger bat sie in ihr Büro und begrüßte sie freundlich.
Tatijana wollte die Frau nicht anlügen und kam gleich zur Sache: „Wir arbeiten zwar für die Versicherung, uns interessiert aber im Wesentlichen, wie Patricia Lamm vom Gelände des Flughafens verschwinden konnte. Denn uns dürfte beiden klar sein, wo eine Person raus kommt, kann auch eine andere rein.“
„Was meinen Sie, wie oft ich das meinem Chef erzählt habe, aber er billigt mir nur den Status der Quotenfrau zu, die aufgeregte Bürger bei Lärmbelästigung beruhigen soll und nette Worte für Abschiebungen produziert. Was also stellen Sie sich vor?“
Helga liebte diese direkte, klare Art und antwortete sofort: „Wir wollen sämtliche Wege abgehen, die Patricia Lamm genommen haben könnte. Wir vermuten, dass sie bei alltäglichen Verrichtungen aufgegriffen wurde.“
„Marschieren wir also los, um dem Personal ein wenig auf die Nerven zu gehen. Ich werde Ihnen unterwegs die notwendigen Erklärungen geben. Könnten Sie bitte Ihre Handys in meinem Büro lassen. Wir kommen durch Bereiche, wo die Dinger großen Unfug anrichten können.“
Nachdem die Telefone ausgeschaltet und im Schreibtisch der Vizedirektorin eingeschlossen waren, machten sie sich auf den Weg. Das riesige Labyrinth der Gänge beeindruckte sie und dank der Erklärungen ihrer Führerin verloren sie nicht die Orientierung.
Schließlich kamen sie in den Bereich der Wäscheabwicklung. Hier gab es die verschiedensten Unterabteilungen der Fluggesellschaften und der Dienstleister aus Wien und Umgebung. Weiter ging es durch den Bereich für den Winterdienst, der jedoch derzeit nicht in Betrieb war.
Ihr Weg führte um eine Ecke in einen kleineren und dunkleren Durchgang.
Plötzlich sprangen zwei Männer mit Pumpguns in den Durchgang. Sofort übernahm Tatijana die Führung, aber sie konnte nichts weiter tun, als die anderen beiden am Weitergehen zu hindern. Sie versuchte, einen Schritt nach hinten zu machen und wurde vom Kommando: „Hände hoch. Wir schießen bei der geringsten Bewegung. Polizei.“ gestoppt.
Tatijana und Helga wussten, dass es keine Polizisten mit Pumpguns gab. Die Vizedirektorin versuchte die Situation zu retten: „Ich bin die Vizedirektorin des Flughafens, ich habe das Recht hier zu sein.“
„Einen Scheiß hast du. Schnauze halten.“
Tatijana hätte gerne gehört, ob sich Schritte von hinten näherten, aber die Direktorin übertönte alles mit ihrem Gerede. Gerade als Tatijana sie mit „Schnauze halten“ abstellen wollte, war jemand nahe genug herangekommen, um sie und Helga mit Pfefferspray außer Gefecht zu setzen.
Ohne eine ernsthafte Möglichkeit zur Gegenwehr brachte man sie in einen Nebenraum, fesselte sie mit Handschellen und sicherten ihre Füße mit Klebeband. Dann wurden ihnen die Augen und der Mund verklebt.
Tatijana hatte das Gefühl, das der Fußboden des Raumes mit einer Folie ausgelegt war. Als das Geschimpfe der Vizedirektorin in einem gurgelnden Geräusch endete, konnte das nur eines bedeuten: Jemand hatte der Direktorin die Kehle durchgeschnitten und nun ertrank sie an ihrem eigenen Blut. Es raschelte, als würde die Tote in die Folie eingewickelt. Damit gäbe es keinerlei Hinweise mehr in diesem Raum. Selbst gute Spürhunde ließen sich so täuschen.
Tatijana und Helga wurden in Behälter mit weichem Inhalt, vermutlich Wäsche, geladen und damit zugedeckt.
Während der Fahrt gab es an den Kontrollen des Flughafens keine Gelegenheit, sich bemerkbar zu machen. Tatijana konzentrierte ihre Gedanken darauf, was kommen würde.
Die zugeklebten Augen und die gefesselten Hände hatten den Vorteil, dass sie sich nicht die Augen reiben konnten. Sie würden schnell wieder einsatzbereit sein, was gut war, denn bei dem rauen Spiel, das sicherlich auf sie zukam, durften sie keine Trümpfe aus der Hand geben.
Helga beschäftigten in ihrer Kiste ähnliche Gedanken. Um den Pfefferspray sorgte sie sich nicht. Das machte ihr schon damals auf der Polizeischule nichts aus, zumal sie sehr schnelle Augenreflexe besaß und sie bereits beim ersten Zischen des Sprays zugekniffen hatte. Ansonsten vertraute sie auf die Russin und darauf, dass sie jede Chance zur Befreiung nützen würde.
Tatijana zuckte nicht einmal, als ihr das Paketband von den Augen und dem Mund gerissen wurde. „So brauche ich mir die Augenbrauen wenigstens nicht zu zupfen.“ Sie grinste Helga, die die gleiche Prozedur hinter sich hatte, ermutigend an und blickte aus dem Fenster. „Ihr Zwerge habt wirklich zu viele schlechte Filme gesehen. Warum klebt ihr uns während der Fahrt im dunklen Laderaum eines Autos die Augen zu, um uns hier mit einem traumhaften Ausblick auf den schwarzen Turm und das Aquädukt der ersten Wiener Hochquellenwasserleitung dann gleich zu verraten, dass wir in Mödling sind. Einfach genial und typisch Mann.“
Helga verbiss sich ein nervöses Lachen, verstand ihre Reaktion selbst nicht, denn sie hatte Angst. Sie neigte zur Klaustrophobie, wenn sie gefesselt war.
Der kleine Giftige mit dem Messer schoss wie ein Hai auf Tatijana zu. Allerdings hatte er sich darauf konzentriert, ihre Brüste zu fixieren und war sicher, dass sie mit ihren, auf den Rücken gefesselten Händen keine Gefahr darstellte. Als er den Irrtum begriff, kniete er schon vor ihr und rieb sich das, was er für seine Männlichkeit hielt.
„Schätzchen, du bist einfach zu klein, um mit großen Mädchen zu spielen. Geh auf den Kinderspielplatz, wenn du ebenbürtige Gegner suchst.“ Während sie sprach, ging Tatijana an dem auf dem Boden liegenden Mann vorbei, der prompt nach ihren Füßen griff und dafür einen Tritt mit dem Stiefelabsatz in den Magen einheimste.
Helga schaute in die andere Richtung, als der Typ sich kommentarlos auf den edlen Perser erbrach.
„Nun ist aber Schluss.“ Der Mann, der hinter dem Schreibtisch thronte, spielte mit einer gefährlich aussehenden Schusswaffe. in der zierlichen kleinen Hand.
Helga überlegte die ganze Zeit, während sie die auffallend zierlichen, kleinen Hände betrachtete, was sie außer der Tatsache, dass er sie in seiner Gewalt hatte, an dem Mann störte. Irgendetwas passte ganz und gar nicht.
„Das ist nicht mein Haus, und ihr werdet es auf keinen Fall lebend verlassen. Ihr habt ja gesehen, was meine Verhörspezialisten von der Geliebten der Marai übrig gelassen haben. Die Kopie des Obduktionsberichtes sprach davon, dass nur ein Viertel aller Knochen nicht gebrochen war. Falls ihr also nicht gerne leidet, würde es mir ausreichen, wenn ihr mir mein Geld wiedergebt, ihr dürft dann an einer Überdosis wegschlummern. Ansonsten fangen meine Leute mit der Brenner an und warten ab, ob die Russenschlampe redet. Eure Räuber und Gendarmespielchen interessieren mich nicht. Ich will mein Geld. Wer also hat es?“
„Enrico Corleone ...“, spuckte Helga den Decknamen förmlich auf den Boden.
„... oder Salvatore Bruscini. Weltbekannter Zwerg, Stahlunternehmer und Schiffbauer, Kunstsammler, Waffenschieber, Frauenhändler und somit das mieseste frei herumlaufende Arschloch der Jetztzeit. Er liebt es, eine Frau zu erwürgen, wenn er seinen Schwanz in ihr hat. Ist bei seiner Größe wohl die einzige Art, wie er bei ihr irgendwelche anderen Gefühle außer Gelächter erzielen kann“, vollendete Tatijana.
Nun wurde Helga sonnenklar, was sie an dem Kerl störte. Er war für die Art wie er saß, viel zu klein. Natürlich. Er thronte auf einem erhöhten Stuhl und wahrscheinlich auch noch auf einem Sitzkissen.
Sie nahm Tatijanas Spiel auf: „Tati, du meinst den König der Sitzkissen. In der Schule sollen sie immer ihn genommen haben, wenn nicht genügend Medizinbälle zum Werfen da waren.“
Bruscini war tiefrot angelaufen und beherrschte sich augenscheinlich nur mit Mühe. „Gut, ihr beiden blöden Ziegen habt gewählt. Ich werde mir den Film von eurer Befragung sicherlich mehrfach ansehen und zum Zeitpunkt eures Todes auf meiner Yacht vor Cannes verweilen. Da hab ich ständig zwanzig Paparazzi herumscharwenzeln, die meine Anwesenheit bezeugen.“ Er wandte sich an den Zwerg, der schmerzgekrümmt wieder auf den Beinen stand, „Sieh zu, dass die Schweinerei wegkommt und bring die beiden Muschis in den Keller. Ich möchte, dass du sie ankettest und bewachst, bis die Leute für das Verhör da sind. Die brauchen sie lebend.“
„Ich werde der Russenschlampe meinen Schwanz ...“
„Mach, was du willst, aber denk dran, was dir gerade passiert ist und sorg dafür, dass sie bei Beginn der Befragung noch reden können.“ Er nickte den beiden Bodyguards zu, die stumm und reglos wie Berge die gesamte Szene mit angesehen hatten: „Helft ihm, sie runterzubringen. Fahrt den Wagen vor, wir müssen hier weg.“
Helga und Tatijana wurden gepackt und in den Keller gebracht. In einem Raum hinter einer Stahltür standen zwei im Boden verankerte Gitterbetten, von denen nur eines mit einer Matratze versehen war.
„Mist!“, entfuhr es dem Zwerg, „Die Matratze mussten wir ja nach der Lesbe entsorgen. Ihr kommt erst mal auf ein Bett.“ Er öffnete erst Helgas Handschelle auf einer Seite, zog sie brutal durch eine Gitterstange vom Kopfende des Bettes und schloss sie wieder um ihr Gelenk. Mit Tatijana wurde ebenso verfahren. Beide Frauen lagen auf dem Rücken, die kurze Kette der Handschellen ließ kaum Bewegungsspielraum. Allerdings war die Matratze breit genug, sodass sie nicht an den Seiten herunterrutschen konnten. es musste wohl mal ein Klinikbett gewesen sein.
Der Zwerg sah die Bodyguards an: „Habt ihr Handschellen für die Füße?“
Beide zeigten ihm wortlos einen Vogel und stapften davon.
Er zuckte mit den Schultern: „Egal. Hier kommt ihr nie wieder raus.“ Vorsichtshalber zog er den Frauen die Schuhe aus. Dann ging er hinaus, schlug die Stahltür zu und schloss ab.
„Na bitte. Glück gehabt.“ Tatijana hielt sich an den Gitterpfosten vom Kopfende des Bettes fest und trainierte ein paar Situps im Liegen.
„Wie bitte? Wenn du das Glück nennst, weiß ich wirklich nicht, was bei dir Pech ist?“
„Ach, Helgalein. Wir leben. Vermutlich haben wir nur ein bis zwei Gegner, wenn der Obermafioso abgerauscht ist. Und unser Hauptbewacher will mir seine Männlichkeit beweisen. Besser kann es gar nicht mehr gehen. Hilf mir mal mit den Füßen, dass ich den verdammten Slip loswerde. Er soll die Ware in bester Form präsentiert bekommen.“
„Tati. Ich bitte dich. Du kennst wirklich keine Grenzen.“
„Nö. Haben wir eine Wahl? Ich möchte die Karten wenigstens so zinken, dass wir eine kleine Chance haben. Also los, hilf mir das Ding loszuwerden und pass auf, dass der Slip nicht runterfällt, den müssen wir unter deinem Hintern verstecken. Ganz so blöd wird er wohl nicht sein.“
Helga grunzte ergeben und begann mit akrobatischen Verrenkungen, ihr den Slip abzustreifen. Zu diesem Zweck machte Tatijana eine Brücke. Helga fummelte mit ihren Füßen an ihrem Hintern herum, bis sie mit einer Zehe den Slip erwischte.
„Iih. Du hast kalte Füße.“
Helga musste wider Willen lachen. Sie schwebten in Lebensgefahr, Tatijana wartete darauf, vergewaltigt zu werden und quengelte über kalte Füße! Währendessen hatte Helga es endlich geschafft, den Slip bis zu den Kniekehlen herunterzuziehen. Daraufhin drehte Tatijana sich zur Seite, hob die angewinkelten Füße an und schob das Höschen unter Helgas Po.
„Wehe, du erzählst das irgend jemandem“, drohte Helga.
„Die Geschichte ist zu gut, um nicht erzählt zu werden, Helga. Was für Kaminabende. Vor allem möchte ich sehen, wie dein Drago rot hinter den Ohren wird. Er sieht dann so süß aus. Würdest mir bitte helfen, den Rock zurückzuschieben? Der Zwerg soll nicht lange rumsuchen müssen. Wer weiß, wie viel Zeit wir haben, bis die Verstärkung anrückt.“
Helga erfüllte ihr auch diesen Wunsch und nun lag Tatijana mit dem Rock quasi als Gürtel in scheinbar völliger Bereitschaft, angekettet und schutzlos da.
Wobei sie sich bei schutzlos nicht so sicher war: „Und wie soll ich mich verhalten, Tati?“
„Gar nicht, liebe Helga, du liegst da und machst den entsetzten Augenaufschlag. Auch wenn ich scheinbar erregt bin, bist du angewidert. Sieh zu, dass du so wenig Platz wie möglich brauchst.“
„Ich würde ja gerne weggehen, damit du mehr Platz hast“, maulte Helga, „Ich kann mir eh nicht vorstellen, was du vorhast.“
„Er hat auch keine Ahnung“, sagte Tatijana feixend. „Aber horch, draußen fährt ein Auto ab. Jammer mir mal ein bisschen was vor. Kann sein, dass der Zwerg an der Tür horcht. Spanner passt nämlich auch zu ihm. Auf jeden Fall ist seine männliche Ehre ausreichend gekränkt worden. Er wird bestimmt gleich antanzen.“
Die Schauspielkunst, die Helga und Tatijana in ihrer Szene von den verängstigten Frauen spielten, war völlig für die nicht vorhandene Katz. Der Typ musste zurück ins Haus und in den Keller geradezu gerannt sein. Der Schlüssel drehte sich im Schloss, wurde herausgerissen und achtlos in Hosentasche gestopft. Schon stand der Zwerg im Raum.
„So“, krähte er im vollen Bewusstsein seiner vermeintlichen Macht, „dann wollen wir mal.“ Er ging schräg an Tatijanas Seite des Bettes heran, um nicht von ihren Füßen getroffen zu werden. „Hast wohl versucht, dich freizustrampeln. Vergiss es.“ Er griff ihr zwischen die Beine, die sie wie die Backen eines Schraubstockes zusammenpresste. Schnell wusste er sich zu helfen, riss ihr die Bluse auf, verdrehte einen Nippel, bis sie schrie und die Beine öffnete.
„Na siehst du, geht ja. Ich habe mir bisher noch jede gefügig gemacht.“
„Bitte ... Bitte nicht!“, stöhnte Tatijana.
„Oh doch, anflehen wirst du mich, dich zu ficken, wenn dich erst die Jungs aus Sardinien durch die Mangel drehen. Aber keine Sorge. Der Lesbe habe ich auch das Licht ausgemacht. War lustig.“
„Oh ... Nein! Oh.“ Tatijana schien sich gegen die Hand, die in sie eindrang, nicht mehr richtig wehren zu können.
Triumphierend blickte der Zwerg auf Helga: „Siehste, sie wird schon weich. Ihr seid alle gleich. Sobald man euch die Peitsche zeigt, werdet ihr anschmiegsam.“
Helga zog ihren Körper unauffällig ein gutes Stück aus der Reichweite von Tatijana, während der Zwerg in Fahrt kam. Er grinste höhnisch, öffnete seine Hose und holte das raus, was er seinen Schwanz nannte.
Während er eingeschränkt von seiner Hose, zwischen Tatijanas Beine kletterte, hauchte sie ein wehleidiges „Nein“. Gleichzeitig schaffte sie ihm Platz, indem sie die Beine weiter spreizte.
Seines Sieges sicher bestieg er sie. Nach dem zweiten Stoß wölbte sich Tatijana ihm entgegen und umklammerte mit den Händen die Streben des Bettes. Durch ihre Bereitwilligkeit verlor der Zwerg jegliche Vorsicht. Er hob ihre Unterschenkel auf seine Schultern, um tiefer eindringen zu können. Tatijana erwiderte seine Bemühungen, so gut es möglich war. Bald atmete er heftiger. In dem Moment, als er kam, holte sie mit dem rechten Fuß aus und knallte ihm die Ferse gegen das Schläfenbein, das ein hässliches Geräusch erzeugte. Hinter dem Nacken des Zwerges schlug Tatijana ihre Knöchel übereinander und schloss zeitgleich die Schenkel wie Zangen um seinen Schädel. Sie schleuderte ihren Körper in einer Drehbewegung zur Seite und mit einem Knacken brach sein Genick. Er pinkelte ein letztes Mal in seinem Leben, während er erschlaffte.
„Die Bluse kostete 280 Euro und wer ficken will, muss freundlich sein“, sagte Tatijana lakonisch. „Helgaschatz, hilfst du mir mal eben, das Stück Aas soweit nach oben zu schieben, das ich an seine Hemdtasche kann?“
Nach einer kurzen Rangelei glückte es und Tatijana konnte die Handschellenschlüssel aus dem Hemd zupfen. Zuerst befreite sie Helgas Hand, die gerade im richtigen Abstand an das Bett gefesselt war.
„Tati? Sag mal, warum hast du ihn kommen lassen?“ Es war Helga ein Rätsel; sie schloss die Handschellen der Freundin auf.
„Wenn sie die Augen verdrehen, ist der Verstand völlig ausgeschaltet. Das bisschen Sperma macht mir nix, aber so war es sicherer. Der Erfolg gibt mir im Übrigen doch recht.“
Während der Unterhaltung hatte sie den toten Zwerg fachmännisch durchsucht und zwei Wurfmesser im Rückenteil seines Hemdes gefunden, die sie kurz in die Luft warf, um ihre Gewichtsverteilung zu testen. „Wenn gnädige Frau nun bereit zu Abreise wäre, möge sie mir folgen.“
„Klar, liebe Tati, zumal dein Ex-Liebhaber langsam durch die Hose zu stinken beginnt. So viel Glück auf einmal kann ich nur schwer ertragen“, antworte Helga mit einer angedeuteten Verbeugung, während sie die Waffe aus dem Holster überprüfte, die der Zwerg an die Tür des Verlieses gehängt hatte, ehe er sich seinem letzten Vergnügen widmete.
Bedauernd ließen sie ihre Schuhe zurück und schlichen wie Raubkatzen die Treppe hinauf.
22. März 2006 Wien 13 Uhr 10
Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Haustür. Dort trafen sie auf einen vierschrötigen Kerl, der sie blöd anglotzte.
“Hi!“ Tatijana grinste vergnügt, „Wir gehen nur mal eben neue Kondome und Viagra holen.“
Während Mister Dick und Doof versuchte, die Situation zu ergründen, verkürzte Tatijana mit affenartiger Geschwindigkeit die Distanz zwischen ihnen und rammte ihm das Wurfmesser mit einer eleganten Bewegung von untern durch den Hals bis ins Gehirn. Das war blutig, aber wirksam. Der Typ wurde schlaff, und Tatijana nahm ihm die Pumpgun, den Revolver sowie das Handy ab.
Dann stürmten die Frauen über Vorplatz und Einfahrt auf die Straße. Blitzschnell registrierte Tatijana die Hausnummer und den Straßennamen an der nächsten Ecke und betätigte den Notruf auf dem Handy. Als sich auf der Gegenseite jemand meldete, unterbrach sie ihn sofort.
„Dies ist ein Notfall, mein Name ist Tatijana Kropotkin, ich bin Gast von Kommissar Franz Huber von der Mordkommission in Wien. Bitte lassen sie dieses Handy orten. Wir befinden uns vor einem Anwesen in der Brühler Str. 34 in Mödling. Drinnen sind mehrere Tote und eine mir unbekannte Anzahl von Bewaffneten. Wir, das heißt Privatdetektiv Helga Brenner und ich ziehen uns jetzt zurück, bleiben übers Handy aber erreichbar. Achtung, wir sind bewaffnet. Wer sich uns nähert, soll rufen!“
Bevor die Gegenseite irgendwas erwidern konnte, legte sie auf. Sie rannten unter den verwunderten Blicken von ein paar Passanten die Straße entlang bis zu einer kleinen Parkanlage. Dort verschanzten sie sich hinter einem Felsen, der normalerweise Kindern zum Klettern diente. Sie waren heilfroh, dass sich gerade keine Leute herumtrieben.
Helga untersuchte ihre Füße. „Du hast nicht vergessen, dass ich barfuss und empfindlich bin? Oder sind für dich die Dornen und Steine hier ein Teil deines erotischen Abenteuers?“
Sie brachen vor Erleichterung in hysterisches Lachen aus.
Einige Zeit später brummte ein Hubschrauber, bald darauf ertönte erbittertes Feuergefecht.
Nicht lange danach flog der Polizeihubschrauber ihre Position an und der Pilot winkte freundlich aus der Kabine. Helga winkte zurück. Gleichzeitig kam eine junge Polizistin auf sie zu, ebenfalls winkend und rufend.
Die Sarden waren in dem Moment eingetroffen, nachdem Tatijana und Helga entwischen konnten und bevor die Polizei – ausnahmsweise ohne Pauken und Trompete – auftauchte. Das Wichtigste aber war, das die beiden Frauen ihre Schuhe wieder in Empfang nehmen konnten.
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23. Der ahnungslose Maulwurf
Magst alles werfen in des Lebens Fluten,
nur eines halte fest:
Die Sehnsucht nach dem Guten.
Otto von Leixner
21. März 2006 Wien 12 Uhr 30
Ein trauriges Trüppchen saß in Kolariks Schweizerhaus im Prater zusammen. Daran änderten auch knusprig gegrillte Schweinsstelzen, Budweiser Bier und Wodka nichts. Der Reichsgraf und Huber fragten sich angesichts der zu Tode gefolterten Lamm, ob sie nicht Kräfte aufgescheucht hatten, die sie kaum im Zaum halten konnten.
Tschikowski hatte von seinem Rechtsanwalt einen Anraunzer bekommen, weil für die Lamm kein Personenschutz angeordnet worden war. Darin ähnelte er nach eigener Ansicht Huber, der hinterher immer alles besser wusste.
Homer Milhouse Nixon dachte darüber nach, ob ihn seine Freunde beim CIA nicht ins Leere laufen ließen, denn Psychopathen, wie dieser Folterer, könnten ohne weiteres aus deren Reihen stammen. In der Vergangenheit hatten sie einige Nattern an ihrem Busen genährt. Als er die Tatortfotos sah, verstärkte sich sein Verdacht in diese Richtung.
Helga und Tatijana fühlten sich elend, sie konnten sich zu jeder einzelnen Wunde vorstellen, wie sie entstanden war und was für entsetzliche Schmerzen Patricia Lamm ertragen hatte.
Die Störchin blies Trübsal, weil ihr nichts einfiel, womit Huber getröstet werden könnte und sie befürchtete, dass ein Täter dieses Kalibers nicht aufhören würde zu morden.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Blutopfer etwas mit Bilderfälschungen zu tun hat“, sagte sie und bestellte noch eine Runde Schnaps. „Leute, wir empfinden wahrscheinlich alle ähnlich. Die Möglichkeit besteht durchaus, dass jemand irgendeine Frau haben wollte und die Zeitpunkte zufällig sind. Wenn es Sperma gibt, wird Professor Rokitansky das finden, genau wie jede andere DNA-Spur. Aber das Wichtigste ist jetzt nicht das Mitgefühl, sondern den verdammten Kerl zu kriegen. Es wird sich vermutlich um keine Frau handeln. Ich habe veranlasst, von der Polizei am Flughafen überprüfen zu lassen, wer sich überhaupt in dem Bereich aufhielt. Außerdem soll der Zoll den Schmuggelverdächtigen in den Arsch treten und Druck machen.“
„Du hast recht Störchin“, schaltete sich Tatijana ein, „kann sein, dass es nur am Rande mit den Bildern zu tun hat. Vielleicht ein Kunde der Marai, der Zugang zum Flughafen hat? Beim Foltern sind ihm dann die Sicherungen durchgebrannt. Bei einigen Irren drehen die Männlichkeitsfantasien völlig frei.“
„Autos“, sagte Helga. „Autos, die groß genug waren, die Leiche zu transportieren und um diese Zeit zum Ablageort gefahren sind.“
Tschikowski griff ohne Protest zum Handy und veranlasste, das Blitzer sowie Radarfallen überprüft wurden, was ihm ein anerkennendes Nicken von Huber einbrachte.
Nur der Reichsgraf schien nicht zufrieden: „Wir haben einen Maulwurf. Keiner außer uns wusste von der Lamm oder der Wohnung in Furth. Das konnte die Presse nicht bringen.“
Tatijana überprüfte mittels Handy die Einträge. Sie fand keine Meldung betreffs Medien und Lamm. Das hätte sie bestimmt nicht übersehen, „Du hast recht, es gibt keine Meldungen in den Medien darüber, also war da nichts.“
„Es könnte aus Polizeikreisen stammen“, überlegte Johann weiter.
„Aber wie?“, wandte Huber ein, „Die Spurensicherung in Furth kam nicht aus Wien, sondern aus Bad Vöslau. Außer denen, die hier sitzen, weiß niemand Bescheid über die Lamm.“
„Und von uns kann keiner der Verräter sein“, pflichtete ihm Tschikowski bei.
„Viel schlimmer.“ Johann schüttelte gereizt den Kopf. „Es ist wahrscheinlich mein verdammtes automatisiertes Beweissicherungsverfahren. Die Lamm ist natürlich im Computer. Den füttert Spurensicherung, Pathologie, Staatsanwaltschaft und ein Haufen Polizisten. Wer eingeben kann, hat die Möglichkeit, etwas zu verändern. Dagegen ist die Software geschützt, weil sie ein Rollback-Verfahren kennt. Aber gegen Lesen kennt sie nichts. Da registriert sie nur, wer wann was gelesen hat!“
„Du meinst, irgendein Polizist, der ansonsten Einsätze der Sitte oder andere Razzien verrät, liest einfach mit und verkauft das dann an irgendwen, der es weitergibt?“, kombinierte Huber.
„Ja, Franz. – Tatijana, ich will einen Spezialisten von unseren Leuten aus Berlin hier haben. Der soll die Zugriffe prüfen, rauf und runter. Franz, du sorgst bitte dafür, dass er in euer System kommt, alles sehr diskret. Wir wollen nicht gleich ganz oben mit der Glocke läuten.“ Johann wischte sich den Schaum des Budweisers vom Mund. „Ach ja, Neues darf ab sofort nicht mehr eingespeist werden. Die Erkenntnisse der letzten Tage gibt es einzig auf unserem Berliner System. Das ist dichter, weil wir nur fallbezogen freigeben.“
„Kein Problem. Der Chef in der Datenverarbeitung ist ein guter Freund. Er verlor einen Fuß, weil ihn ein Kollege reingelegt hat, daher arbeitet er im Innendienst“, meinte Huber, dann runzelte er die Stirn. „Aber wie kommen die Störchin und Tschikowski an die Daten?“
„Mit unseren Spezialhandys. Für die Störchin habe ich eh schon eins hier“, sagte Tatijana, „nur das für Tschikowski musste ich neu bestellen, weil seins defekt war. Das habe ich erst beim Einrichten bemerkt.“ Sie hoffte, dass ihr alle die Lüge abkauften, denn in Wirklichkeit hatte sie nur für die Störchin eins geordert. Weil sie sie mochte und ihr das eine verstecktere und nähere Kommunikation mit Hubsi möglich machen sollte. Tatijana kuppelte für ihr Leben gern und sie spürte in ihrem Zehennagel, dass sich da etwas ganz Entzückendes anbahnte.
Johann war klar, Tatijana hätte für den Jungkommissar bestenfalls das Höllenfeuer bestellt. Er mischte sich trotzdem nicht ein. Nachdem er jedes dieser Geräte mit einem Anruf lahm legen konnte, blieb er entspannt. „Okay. Das müsste also in ein paar Tagen hier sein. Tschikowski, schaffen Sie es so lange?“
„Klar schafft er das“, warf Huber ein. „Ich halte ihn auf dem Laufenden.“
Tschikowsi war zwar stinksauer, dass die blöde Störchin solch einen Wunderkasten bekam, während er mit dem Rechtanwalt doch viel mehr für die Ermittlungen tun konnte, machte dennoch gute Miene zum bösen Spiel und stimmte lächelnd zu.
Helga verspürte bei seinem Lächeln ein leises Ziehen in der Magengegend, aber außer der Störchin schien niemand etwas zu bemerken und die wandte sich jetzt auch ihrer 'Original Kolarik Grillstelze' zu.
21. März 2006 Turin 13 Uhr 00
Salvatore Bruscini sah sich gerade zum zweiten Mal einen Film mit den wichtigsten Szenen aus der Folterung der Patricia Lamm an. Obwohl er etliche ähnliche Werke dieser Art besaß, musste er zugeben, diese Aufnahmen waren besonders gut gelungen. Die Kerzen machten den entscheidenden Unterschied.
Mittlerweile war er davon überzeugt, dass die Lamm wirklich nichts gewusst hatte. Die Sarden musste er trotzdem bezahlen. Da war so ein Filmchen wenigstens eine kleine Belohnung. Eine Kopie davon war an Oreste Crispi geschickt worden, zusammen mit einigem Material aus der Kreuzigung von Graf Pietro Caloprini. Natürlich waren die Köpfe seiner Mitarbeiter unkenntlich gemacht. Das würde diesem sogenannten italienischen Kameltreiber zeigen, dass sich Salvatore Bruscini nicht betrügen ließ.
Er empfand es trotzdem als unbefriedigend, seinen Millionen keinen Schritt näher gekommen zu sein. Zum Glück gab es diesen käuflichen Polizisten in Wien.
Salvatore würde Jean, den Rechtsanwalt, anrufen. Der sollte ruhig noch ein wenig Geld und vielleicht auch Frauen oder Drogen investieren, aber den Druck erhöhen. Irgendwas mussten die dummen Bullen ja herausgefunden haben.
21. März 2006 Hamburg 14 Uhr 30
Benno von der Lohe hatte seine helle Freude. Er sprach Roger Harry Schillke, seinen Rechtsanwalt und Gehilfen, der sich insgeheim für seinen Komplizen hielt, eine Einladung zu einem gemütlichen Fernsehnachmittag aus.
Zuerst gab es eine Kreuzigung und dann die Opferung eines Lammes. Nun konnte Ostern eigentlich kommen. Benno freute sich diebisch über Roger, dessen finsterste Träume durch diese DVD befriedigt wurden, aber das Handicap hatte, dass er von seinen Opfern geliebt werden wollte.
Schillke hatte die Schlussszene mit der Erwürgung gebannt verfolgt. Mit heiserer Stimme fragte er: „Wie bist du denn daran gekommen? Das ist ja Wahnsinn. Das müssten unsere Filmheinis bringen, wäre ein Dauerrenner.“
„Komm wieder runter, Roger. Kannst ihnen ja eine Kopie als Vorlage geben. Ich habe es von Crispi. Ist eine nette Geschichte. Er ärgerte Bruscini damit, dass er sich unsere Fälschungen andrehen ließ. Jetzt versucht Salvatore heraus zu bekommen, wer sein Geld hat und will gleichzeitig Crispi beeindrucken. Witzig, nicht?“
In Schillke tobten heftige Gefühlsstürme: „Ein gefährlicher Mann. Wir sollten ihn töten lassen.“
„Vergiss es. Er findet keinen Weg zu dir, wenn du mich nicht belogen hast. Ihn zu töten, ist sehr schwierig. Da gibt es ein paar Hundert, die das gerne tun möchten. Bisher hat keiner den Versuch überlebt. Aber wenn du ihn auf dich aufmerksam machen willst, bitte. Ich hätte dann gerne einen Logenplatz.“
Schillke warf ihm einen entsetzten Blick zu, der Benno erheiterte. „Nein, nein! Wieso sollte ich dich belügen. Bei denen, die uns kennen, ist alles ruhig. Kein Grund zur Aufregung. Kann ich mir eine Kopie von dem Film ziehen, als Anschauungsmaterial für unsere Leute?“
„Nicht nötig. Sie liegt schon in deinem Fach. Mach dir einen netten Abend damit, vielleicht freut es ja deine Frau auch.“
Beschwingt fuhr Schillke vom Neidhof weg. Er dachte gar nicht daran, nach Hause zu fahren. Er begab sich auf direktem Wege in sein Geheimquartier am Nikolaifleet, um sich dort mit einem weizenblonden jungen Russen aus seiner Sammlung zu vergnügen. Was er nicht wusste war, dass jeder seiner Schritte Benno sofort gemeldet wurde.
21. März 2006 Wien 17 Uhr 05
In Wien hatte sich das Ermittlerteam in Johanns Suite im Hotel Sacher versammelt. Gerade referierte Tatijana über ihre neuesten Erkenntnisse.
Der Videobeamer zeigte Fotos des gekreuzigten Graf Pietro Caloprini vor der Kapelle. Sein Handy, dessen Verbindungsdaten Homer Nixon mit sehr viel Druck über die NSA besorgt hatte, wiese eine Menge von Anrufen auf. Darunter einige an die Wohnung der Marai.
Dies, die goldene Bemalung des geschundenen Körpers und die Pinsel im Anus lieferten einen klaren Bezug zu den Bilderdiebstählen. Dazu kamen die klaren Zeichen der Folterung, die auf ein und dieselbe perfide Vorgangsweise in beiden Fällen hinwies.
Johann berichtete davon, dass in Japan Oreste Crispi in die Diebstähle der Bilder verwickelt war, oder vielmehr, seine Organisation freie Diebesbanden außerhalb der Yakzua beschäftigte.
Homer Nixon hatte vom CIA einige Hinweise auf Silvio Lucca erhalten, der altes Holz und altes Eisen sowie alte Bilder in ganz Europa aus Abrissen und durch Einkäufe, eventuell sogar durch Diebstähle einsammelte und an die entlegensten Ecken der Welt schickte.
Zuerst sprach die CIA den Verdacht auf Waffenhandel aus, der sich jedoch bei keiner unauffälligen Kontrolle bestätigte, weshalb die Observation dieser Geschäfte abgebrochen wurde. Jetzt wollten sich erneut Auswerter in Langley mit ihm beschäftigen und die NSA würde seine Telefonate abhören.
Aus der Geheimdienstgemeinde gab es zurzeit Verdachtsmomente gegen zwei Russen, einen Israeli, eine Französin und einen Südafrikaner. Auch dort würde weiter ermittelt werden.
Tatijana wusste nicht, warum sie Hassan Gegoriwitsch Rosskoie nicht erwähnte. Aber sie hatte ihn schließlich ins System eingespeichert und war nicht bereit, noch einmal anzusetzen.
Helga trug die Daten einer Reihe von Diebesbanden vor, die die jeweilige nationale Polizei ernsthaft verhörte.
Als das Meeting ohne großes Palaver endete, verabschiedeten sich alle. Tatijana war mit Homer verabredet. Hubsi wollte die Störchin bekochen, Helga freute sich auf Drago, und Johann hatte die Belgierin außerhalb von Wien untergebracht und hoffte, das sie dort niemand, der ihn kannte, zusammen sehen würde.
21. März 2006 Wien 20 Uhr 10
Tschikowski eilte zu seinem Termin in die Suite des Hiltons. Die neuen Ereignisse brannten auf seiner Zunge. Zudem freute er sich, weil der Rechtsanwalt vorgeschlagen hatte, es sich nach der Besprechung mit ein paar Mädchen gemütlich zu machen.
„Mein lieber Tschikowski“, wurde er herzlich begrüßt, „ich hoffe, Ihr Tag war nicht zu anstrengend? Wir brauchen heute noch richtig Kraft. Vier rassige Stuten warten auf uns, mein Freund. Eine Rappstute, eine Schimmelstute, eine goldfarbene Karabagh und eine Fuchsstute. Alle von edlem, ja, erlesenem Exterieur. Lassen Sie uns erst die Arbeit erledigen. Das geht vor bei uns Arbeitern für das Recht, nicht wahr?“
Tschikowkis konnte sich so gerade Rappen, Schimmel und Füchse vorstellen, was aber eine Karabagh und Exterieur bedeuteten war ihm schleierhaft. Wo hätte er auch jemals die aserbeidschanischen Achal-Tekkiner mit ihrem goldenen Fell sehen sollen und dass mit Exterieur das äußere Erscheinungsbild bezeichnet wurde, hatte ihm keiner erzählt. Er war auf jeden Fall zutiefst beeindruckt und glaubte sich endlich am Ziel angekommen.
Dies umso mehr, als der nette Rechtsanwalt einen weiteren, noch dickeren Haufen Banknoten in einem Umschlag über den Tisch schob. „Für Ihre Aufwendungen. Ich weiß, nur eine kleine Anerkennung. Leider sind unsere Mittel sind nicht unbegrenzt.“
Tschikowski, der ein ganzes Jahreseinkommen einsteckte, zeigte sich großzügig: „Kein Problem. Man tut, was man kann. Heute habe ich mehr zu berichten. In Norditalien, in der Gegend von Bozen, ist Graf Pietro Caloprini auf ähnlich bestialische Weise getötet worden wie die Lamm hier. Vermutlich handelt es sich um den gleichen Mörder. Vielleicht könnten Sie bei den italienischen Behörden etwas Druck machen? Mit uns arbeiten die nicht gut zusammen. Es geht immer noch um Südtirol, als wenn wir diese Mafiosi wirklich wieder haben wollten.“
Der Rechtsanwalt gähnte innerlich und sagte: „Das ist ja schrecklich. Natürlich werde ich all unseren Einfluss geltend machen. Dafür sind wir ja da.“
Dann plauderte Tschikowski Johanns Japanbesuch bei de Yakuzas aus und bat Jean, seine Kontakte in Kairo spielen zu lassen, damit man Oreste Crispi habhaft werden könnte.
„Selbstverständlich“, sagte der Anwalt und fühlte dem Naivling auf den Zahn. „Vermuten Sie, dass dieser Crispi die Fälschungen anfertigen ließ?“
„Nein. Dann hätte er nicht die Marai und andere beauftragt. Das macht keinen Sinn. Er verfügt über genug eigene Leute. Ach ja, wir sind an einem Lukas dran, weil der mit altem Holz und Leinwänden handelt. Den hat der Nigger ausfindig gemacht. Den genauen Namen weiß ich gerade nicht. Wir speichern nichts mehr ins System der Polizei, weil es da einen Verräter gibt.“
„Einen Verräter in der Polizei?“ Der Rechtsanwalt war sichtlich entsetzt. „Verdächtigen Sie jemanden?“
„Wir vermuten jemanden von der Sitte, der eh mit Kriminellen zusammenarbeitet. Aber er wird sich verraten, wenn er das nächste Mal auf unsere Daten zugreift. Bis dahin habe ich es etwas schwieriger, weil mein neues Handy, das die Daten auf einem anderen Rechner speichert, leider kaputt gegangen ist, ich warte täglich auf Ersatz. Dann kann ich Ihnen die Namen und Daten per Mail schicken oder faxen.“
„Faxen ist mir lieber. Bei Mail weiß niemand, wer da so mitliest. Wir wollen übrigens, wie besprochen, ein Auge auf die Frauen in der Ermittlungsgruppe haben. Beschaffen Sie mir doch deren Adressen und die Fahrzeugnummern.“
Tschikowski war selig über so viel Anerkennung, der Anwalt schien wirklich große Stücke auf ihn zu halten und antwortete eifrig: „Morgen sind die Brenner und die Russin übrigens am Flughafen. Sie wollen versuchen, ein wenig die Leute aufzuscheuchen. Ich halte es ja für unverantwortlich, derartige Amateure auf die Menschheit loszulassen. Aber Kommissar Huber schwärmt ja für die beiden. Wer weiß, welche Dienste die Damen sonst noch für ihn leisten.“ Er kicherte verschwörerisch.
„Tja, Frauen sind doch eher für andere Dinge im Leben bestimmt. Das bringt mich auf den Gedanken, wir sollten unsere Damen nicht warten lassen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
Im Nebenzimmer wartete ein reichhaltiges Buffet. Alkohol stand in Kühlern bereit und vier bildhübsche, halbnackte Frauen drehten sich mit Sektgläsern in der Hand zu ihnen um. Tschikowsi konnte die Augen gar nicht mehr von der Burmesin lösen. Ihre makellose Haut war nicht nur goldfarben, sondern schien auch von innen zu leuchten.
Im gleichen Moment klingelte das Telefon des Rechtsanwaltes. Er heuchelte Bedauern, als er sich verabschiedete. In Wahrheit hatte er den Anruf selbst ausgelöst, denn er dachte nicht daran, sich mit dem Kerl in die gleichen Betten und auf dieselben Frauen zu legen. Tschikowskis kleine Träume wurden an diesem Abend von den Damen auf das Beste erfüllt.
21. März 2006 Wien 20 Uhr 15
Schon vor ihrer Wohnungstür hörte Helga die Geige. Ehe sie aufsperrte, schloss sie für einen Moment die Augen. Drago spielte eine süß schmelzende Melodie, die ihr unbekannt war. Helga gab sich den Klängen hin. Sie öffnete Augen und Tür erst, als das Stück vorbei war.
Drago empfing sie mit wirrem Haar und leicht wahnsinnigem Blick, der er immer hatte, wenn er komponierte. „Helga“, stieß er hervor. „Ich habe heute ein neues Lied geschrieben.“
Sie lächelte ihn an und strich ihm die schwarzen, verschwitzten Haare aus dem Gesicht. „Ich habe es eben gehört, draußen, vor der Tür. Es ist einfach wunderschön.“
Der irre Blick in Dragos Augen wurde von einem Strahlen abgelöst. „Und ich glaubte, du würdest dich überhaupt nicht mehr für mich und meine Musik begeistern können, Helgalein. Tobst nur noch mit den Ermittlern durch die Weltgeschichte und entfremdest dich mir mehr und mehr ...“
Helga warf ihre Lederjacke und die Bluse zugleich in die Ecke, riss sich die Schuhe mit der herunter getretenen Jeans von den Füssen und Drago aufs Sofa. „Gerade wenn du komponiert hast, Liebster, bin ich verrückt nach dir“, flüsterte sie kehlig, dann tauchte sie ab und beförderte Drago in den siebenten Himmel. Er dankte es ihr durch zärtliche Ausdauer und umfing sie stundenlang mit einer Leidenschaft, dass die Nachbarn schlaflos an die Wände donnerten.
Später tranken sie von dem Raki, die Dragos Landsleute ihm kürzlich aus der Heimat mitgebracht hatten.
„Und gibt es endlich Fortschritte bei euren Bilderdiebstählen?“, fragte Drago. Er war jetzt so entspannt, dass er Helga etwas Gutes tun wollte, indem er Interesse für ihre Arbeit zeigte.
„Ja und Nein. Wir haben da einiges am Laufen, aber zuwenig bisher.“ Helga nippte an ihrem Glas, schüttelte sich und dann fiel ihr wieder Tschikowski ein und das diffuse Gefühl in ihrer Magengrube. „Irgendwie traue ich dem Arsch nicht ...“
„Hm?“
„Tschikowski. Er ist falsch.“
„Er ist eine Verräternatur.“ Drago goss nickend die Gläser wieder ein.
Helga kuschelte sich an seine Brust. „Vielleicht tu ich ihm Unrecht.“
„Ich kenne solche Menschen. Im Kosovo, als ich Soldat war, hatten wir einen wie euer Tschikowski. Sein größter Wunsch war, Amerikaner hängen zu sehen. Als es dann wirklich dazu kam, dass einige von uns so etwas Schreckliches machten, natürlich in Lynchjustiz und mitten im Wald, ohne Wissen des Kommandanten, ging er hin und verriet die Kameraden.“
„Warst du dabei?“ Helga schubste Dragos Hand weg, die auf ihren Brüsten lag.
„Ich suchte bereits in Österreich um Asyl an. Ich konnte mich niemals mit dem Krieg abfinden.“
Sie legte sich wieder zurück, beruhigt über seine Worte, aber nervös wegen Tschikowski.
Drago schien das zu spüren, denn er meinte: „Wenn du ihm misstraust, rufe deine Kollegen an, sie sollen ihm auf den Zahn fühlen.“
„Ich kann doch nicht einen Polizisten ohne Beweise mies machen, er hat ja nichts getan, außer dass er mir schrecklich zuwider ist.“ Nein, das war wirklich unmöglich, beschloss sie und wollte sich wieder ihrem Liebsten widmen.
Diesmal schob Drago sie weg. „Schau mich an, Helga.“ Er fing ihren Blick und hielt ihn fest. „Was sagt dir dein Bauchgefühl?“
Helgas Augenlider flatterten, es war, als würde Drago bis auf den Grund ihrer Seele sehen. „Mein Solar Plexus schreit, wenn ich an Tschikowski denke. ich glaube, ich muss mich mit der Störchin zusammensetzen. Schamanisch.“
Drago lächelte. „Ja, tu das. Und dein Solar Plexus hat bestimmt recht.“
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22. Tschikowski ist fleißig
Es gibt Menschen, die durch ihre bloße
Existenz die Menschheit verleumden.
Peter Sirius
16. März 2006 Wien 8 Uhr 00
Kommissar Hubers Telefon klingelte einsam in seinem Büro. Tschikowski saß im Nebenraum und hätte bis vor kurzem das Ding bis zum Sankt Nimmerleinstag klingeln lassen, aber jetzt holte er den Ruf mit einem Tastendruck auf seinen Apparat. „Tschikowski hier.“
„Äh. Patricia Lamm. Ich wollte Kommissar Huber sprechen.“
„Der ist leider außer Haus. Ich bin sein Mitarbeiter, kann ich ihm etwas ausrichten?“
„Sagen Sie ihm einfach, dass ich heute Abend wieder in Wien lande und ihn morgen früh um zehn gerne im Kommissariat aufsuchen möchte. Falls ihm der Termin nicht passt, soll er mir doch bitte einen anderen auf meinen Anrufbeantworter in Furth sprechen. Die Nummer hat er ja.“
„Selbstverständlich. Ich werde es gerne ausrichten und guten Flug.“
Kaum hatte Patricia Lamm aufgelegt griff er zu dem neuen Spezialhandy. In seiner Wohnung in Stockerau, am Rande des Tullner Beckens, seufzte ein Rechtsanwalt bekümmert auf. „Ja bitte?“, sagte er ergeben.
Tschikowski ratterte die Neuigkeiten herunter.
„Das ist ja mal eine gute Nachricht, Herr Tschikowski! Nun kommt endlich Bewegung in die Sache. Vielleicht wissen wir in wenigen Tagen mehr. Ich danke Ihnen sehr.“
Sofort wählte er auf seinem normalen Handy die Nummer Salvatore Bruscinis.
„Hallo, Jean. Sag nicht, schon wieder Quatsch von unserer Intelligenzbestie von Bullen.“
„Doch, mein Lieber. Ich krieg bald Schreikrämpfe. Wenn wir den nicht mehr brauchen, möchte ich dabei sein, wenn deine Männer ihn zerlegen. Aber diesmal hatte er wenigstens etwas Neues. Die Lamm hat sich für morgen früh mit Huber verabredet. Steht euer Zeitplan?“
„Meine Leute stehen heute Abend bereit und werden die Dame auf dem Flughafen in Empfang nehmen.“
„Mal sehen, ob die Dame dich weiterbringt. Vielleicht kannst du eine Kerze anzünden, damit Tschikowski mich heute und morgen nicht mehr anruft. Sonst garantiere ich für nichts.“
Lachend legte Bruscini auf. Den Gedanken mit den Kerzen würde er seinen Männern weitergeben.
Mittlerweile war Huber im Morddezernat Leopoldstadt eingetroffen. Er trug den Termin mit der Lamm in sein neues Handy ein und brummte zustimmend. Tschikowski hätte zu gern einmal den Inhalt dieses Wunderkastens untersucht, aber Huber ließ ihn nicht aus den Augen. Wahrscheinlich enthielt er Wissen, das für den Rechtsanwalt wichtig gewesen wäre, doch es gab kein Rankommen für den Spion.
16. März 2006 Greifenstein 8 Uhr 30
In Greifenstein an der Donau wandte sich eine Mutter an den Sicherheitsdienst. Ihr Sohn hatte mit seinen Freunden an der Donau ein Handy und eine Handtasche mit Geld nebst einem Ausweis, ausgestellt auf Elisabeth von Marai gefunden. Dazu Frauenkleidung. Die Sachen hatten sie in einem Baumhaus auf dem elterlichen Grundstück versteckt. Augenblicklich wurde der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes hellwach. Er informierte Kommissar Huber, der seinerseits die Störchin zu den Kindern schickte, die ihr den Fundort zeigten und beichteten, dass sie einige Anrufe auf dem Handy entgegengenommen hatten, bis der Akku leer war. Telefoniert hatten sie nicht, weil ihnen der Pin-Code unbekannt war.
Der Schnee hatte alle Spuren verwischt. Da der Täter gefasst war und gestanden hatte, machten weitere Ermittlungen keinen Sinn. Wegen des Diebstahls las die Störchin den Kindern kräftig die Leviten. Sie sollten die Summe ihres Taschengeldes verdoppeln und den Betrag in den Opferstock der Kirche stecken.
Wichtiger war das Handy. Die Störchin brachte es auf schnellstem Wege ins Labor, um es wieder laden zu lassen und mit dem Generalcode des Herstellers den Zugang zu öffnen. Sie war gespannt, mit wem die Marai telefoniert hatte.
16. März 2006 Anflug auf Schwechat 22 Uhr 30
Die Abrechnung des Bord Getränke-Verkaufes und Duty Free-Geschäftes waren längst erledigt. Das war das Schöne auf Langenstreckenflügen. Eine Stunde vor der Landung konzentrierten sich die Passagiere auf den Ankunftsort und was sie dort zu tun hatten.
Die Stewardessen hatten dadurch reichlich Zeit, alle Vorbereitungen so zu treffen, dass sie das Flugzeug sofort nach den Passagieren verlassen konnten, sobald sie die restlichen Waren an den für das Catering zuständigen Ramp-Agent übergeben hatten und dieser die Vollständigkeit bestätigte.
Heute wäre es Patricia Lamm lieber gewesen, ein nörgelnder Passagier hätte sie bis zur letzten Minute auf Trab gehalten, doch in der First-Class war alles ruhig gewesen. Sie freute sich wie immer auf ihre geliebten Hunde, gleichzeitig fürchtete sie sich vor dem leeren Haus ohne Elisabeth von Marai.
Nein. Sie durfte jetzt nicht über ihre Geliebte nachdenken. Ihr Beruf war das Lächeln. Sie hatte unterwegs häppchenweise Zeit für ihre Trauer gefunden und würde nun vierzehn Tage haben, sich dem Schmerz pur hinzugeben. Ihre Kollegen hatten nichts von ihrem Verlust mitbekommen. Eine Crew war eine Gemeinschaft auf kurze Zeit. Die Fluggesellschaften wollten Vertraulichkeit, aber auch Solidarität vermeiden. Es gab sogar Computerprogramme, die dafür sorgten, dass die gleichen Leute möglichst selten zusammen eingesetzt wurden. Offiziell diente das der Sicherheit.
So war der Abschied am Boden schnell erledigt. Anders als Patricia, die in Wien ihren Heimatflughafen hatte, wollte der Rest der Truppe ins Crew-Hotel. Patricia hasste es, in der Uniform im Zivilleben gesehen zu werden, zumal das genau die falschen Männer zu Annäherungsversuchen ermutigte.
Deshalb und weil sie ihrer geliebten Elisabeth frisch geduscht gegenüber treten wollte, hatte sie sich seit Jahren angewöhnt, erst zu duschen, bevor sie nach Furth fuhr. So hielt sie es auch heute.
Der Personalbereich ihrer Fluggesellschaft war wie gewöhnlich ausgestorben. Diese Räume waren überall sehr klein und in den hintersten Winkeln der Flughäfen angelegt, um die teure Fläche nicht für Personal zu verbrauchen.
Als das Wasser an ihr herabrauschte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Deswegen hörte sie nicht, wie vier Männer den Raum betraten.
Bevor sie reagieren konnte, wurde sie von kräftigen Armen unter der Dusche hervor gerissen. Noch ehe sie schreien konnte, presste sich ein mit Chloroform getränktes Tuch auf Patricias Mund und Nase.
Die Männer in den Arbeitsanzügen des Flughafens arbeiteten schnell und konzentriert. Patricia wurde geknebelt und in fötaler Haltung gefesselt, damit sie leichter in den Wäschewagen passte. Ein Sicherheitsbeamter auf einem der endlosen Flure wunderte sich zwar darüber, dass vier Männer einen Wäschewagen begleiteten, hatte aber keine Lust, einzuschreiten. Für Schmuggel war er nicht zuständig und außerdem fühlte er sich hier ziemlich alleine.
Der Rest war für die Männer Routine. Bei den Unmengen an Lieferverkehr eines Flughafens sind Zollkontrollen wie die Suche nach einer Nadel in vielen Heuhaufen. Wenn nicht gerade aus aktuellem Anlass höhere Aktivität herrschte, meist weil sich ein neuer Vorgesetzter beweisen wollte, fuhren die bekannten Transporte ohne jedes Problem nach draußen.
Patricia hätten die besten Kontrollen nichts genützt. Das Fahrzeug der Wäscherei hätte geröntgt werden müssen, um sie in ihrem Sack unten an der Ladewand schlafend zu finden.
Selbst der Fahrer des Wagens hatte keine Ahnung, ob er etwas Illegales transportierte. Er bekam viel Geld dafür, dass er seinen Wagen regelmäßig auf einem Parkplatz abstellte und sich rund zwei Stunden nicht um ihn kümmerte. Er vermutete, dass sein Chef Bescheid wusste, denn er fragte nie nach der verbrauchten Zeit. Bezahlt wurde er von Außenstehenden und das so gut, dass ihm die Hintergründe egal waren.
Der Wäschereiwagen fuhr vom Parkplatz in ein Industriegebiet. Dort wurde Patricia nebst fast zwanzig Kilo Kokain umgeladen. Die Ziele waren unterschiedlich und bevor der Wäschewagen an seinem Parkplatz ankam, war Patricia schon wieder in einem anderen neutralen Transporter unterwegs.
Als man Patricia das Klebeband von Mund und Augen riss, erwachte sie durch den Schmerz. Übelkeit überkam sie, grüne Räder drehten sich in ihrem Gehirn. Unwillkürlich wollte sie ihre Hand auf die Stirn legen und fand sich an die Metallstäbe eines Bettes gekettet. Das linke Bein konnte sie bewegen, das rechte war fixiert. Sie schien in einem Keller mit Steinmauern gelandet zu sein, oben an einer Wand entdeckte sie kleine Lichtluken aus Milchglas. Neben dem ihren stand ein weiteres Bett in dem Verlies, eine nackte Glühbirne hing von der Decke und es roch nach Schimmel.
Nun erst bemerkte sie die Männer, die völlig unbekümmert ihre Visagen präsentierten. Ein schlechtes Zeichen, dachte sie, während allmählich die grünen Kreise abklangen. Dafür hob es ihr den Magen aus, als einer der Kidnapper – soweit hatte sie kapiert, was vorgegangen war – seine Hand dreist zwischen ihre Beine schob. Sie schluckte und sagte mit zitternder Stimme: „Hören Sie, ich bin nicht ganz arm, ich kann Lösegeld bezahlen und meine Fluggesellschaft würde ...“
Einen Moment hoffte sie, damit etwas bewirkt zu haben, da zuckte der Kerl zurück und räumte den Platz.
„Schätzchen, Schätzchen“, sagte derjenige, der an seine Stelle trat, „Wir sind doch nicht geldgierig, wir wollen nur mal so eine tolle Saftschubse aus der Oberklasse genießen. Vor allem stehen wir darauf, Lesben einzureiten. Wir hätten dich gerne zusammen mit der Marai vorgenommen, aber die hat ja leider schon ein anderer ausgeknipst.“ Der Mann verfügte über einen fürchterlich gemeinen Gesichtsausdruck und Augen, die ihr Todesangst machten. Er zwickte sie in die linke Brustwarze.
Dann wurde sie allein gelassen. Sie hörte, wie die Tür von außen verriegelt wurde.
Patricia Lamm befahl sich streng, die Furcht, die sie durchflutete, zu ignorieren. Sie musste nachdenken. Sie kann zu dem Ergebnis, dass diese Leute Elisabeth kannten, aber nicht umgebracht hatten.
Was wollte man bloß von ihr?
Vielleicht gab es eine Chance, wenn sie mitspielte. Je länger sie durchhielt, desto eher würde der Kommissar Huber sie vermissen. Schließlich hatte sie einen Termin mit ihm.
Stewardess zu werden bedeutete, auch gegen sich selbst Härte zu zeigen. Sie versprach sich, nicht aufzugeben, egal, was ihr bevorstehen würde.
Die nächste Zeit war kein Osterspaziergang, doch Patricia hielt eisern durch, obwohl alle sechs Männer sie auf das Hässlichste missbrauchten und ihr unnötige Schmerzen zufügten. Den ersten Tag, den zweiten Tag. Duschen war ihr nicht erlaubt. Sie bekam zu trinken, aber nichts zu essen und musste ihre Notdurft vor den hämisch Grinsenden auf einem Eimer erledigen. Sie hielt durch.
17 März 2006 Wien 11 Uhr 30
Kommissar Huber hatte eine Stunde auf Patricia Lamm gewartet und begann langsam sauer zu werden. In Furth ging niemand ans Telefon, also rief er die Nachbarin an. Nein, sie war nicht zu Hause angekommen. Dann die Fluglinie. Ja, Frau Lamm war gelandet. Am Flughafen wurde er das erste Mal fündig. Die Stewardess hatte nicht am Crew-Ausgang ausgecheckt. Sie musste auf dem Flughafen sein.
Zusammen mit der Störchin fuhr er nach Schwechat. Es hatte keinen Sinn, mit einem unbekannten Kollegen vom Flughafen zu telefonieren. Zum Glück hatten sie sich wenigstens angemeldet. So bekamen sie einen Parkplatz im Abschiebebereich und einen Führer.
In dem unterirdischen Gewirr von Gängen hätten sie innerhalb kürzester Frist die Orientierung verloren und wie ihnen ihr Scout lachend erzählte, kam es immer wieder vor, dass sich neue Mitarbeiter hoffnungslos verliefen. Einige mit grundsätzlich schlechtem Orientierungssinn mussten sogar die Stelle aufgeben.
Nach einem langen, schnellen Fußmarsch kamen sie endlich in die Büros der Hauptwache. Auch hier gab es keine Fenster, dafür aber Bildschirme, die fast jeden Fleck des öffentlichen Bereiches darstellen konnten. Ihr Kollege erwartete sie mit zwei Mitarbeitern.
“Patricia Lamm, 28, aus Furth. Gelandet um 22 Uhr 46 aus Rio de Janeiro, Chefstewardess. Hat ordnungsgemäß abgerechnet. Die Kollegen ihrer letzten Crew wurden befragt. Keine Auffälligkeiten. Sie hatte auch nicht erzählt, dass ihre Geliebte ermordet wurde. Vermutlich suchte sie die Duschen in den Personalräumen auf. Die sind aber bereits dreimal seither gereinigt worden. Wir haben nichts“, fasste einer der Anwesenden die Situation zusammen.
Die Störchin hakte nach: „Also könnte sie noch auf dem Flughafen sein. Wie lange dauert es, den zu durchsuchen?“
Der Chef der Flughafenpolizei winkte ab: „Vergessen Sie es. Das machen wir ab und an für die Politiker, ist aber Unsinn. Um einen Flughafen zu durchsuchen, müssten Sie ihn für zwei Tage still legen und keinen Personen- und Fahrzeugverkehr zulassen. Alles andere ist ein Witz. In Frankfurt hat sich mal einer, der abgeschoben werden sollte, fast drei Wochen versteckt.“
„Könnte sie einfach weiter geflogen sein?“, fragte Huber.
„Natürlich. Sie hätte kein Ticket gebraucht, um mit einer Maschine ihrer Airline weiterzukommen. Wozu wäre das gut gewesen? Da hätte sie gleich in Brasilien bleiben können.“
Die Störchin nickte. „Der einzige Grund dafür hätte sein können, dass sie hier irgendwo Geld gebunkert hat und es abholen wollte, bevor sie verschwindet.“
„Dann wäre sie durchs Crew-Gate geschleust worden, anders kann sie nicht raus. Selbst wenn sie nicht ausgecheckt hätte, müsste sie auf den Bändern sein. Nachdem sie sechs Stunden überfällig war, sind die alle kontrolliert worden. Ohne Ergebnis bis jetzt.“
„Wieso sechs Stunden?“
„Nun, auch Aircrews sind Menschen. Es kommt schon mal vor, dass die am Flughafen ein stilles Eckchen finden. Sicher vor eifersüchtigen Ehepartnern und neugierigen Privatschnüfflern.“
„Warum wird dann überhaupt geprüft?“
„Weil der Zoll wissen will, ob er alle Crewmitglieder erwischt hat. Die haben die besten Möglichkeiten zum Schmuggeln neben den Ramp-Agents und den Ladeleuten.“
„Also ist sie doch hier?“, bohrte die Störchin weiter.
„Jein. Wenn, dann sicher nicht freiwillig. Das würde sie ihren Job kosten. Ich tippe darauf, dass sie tot oder lebendig nicht mehr auf dem Gelände ist. Wir haben hier ein paar Spezialisten, die könnten problemlos einen Elefanten nebst Familie verschwinden lassen.“
Huber legte die Stirn in Falten. „Was ist mit dem Zoll?“
„Der ist da. 14.000 Bodenbewegungen am Tag plus Frachtverkehr und Passagiere. Bis auf Stichproben sind die chancenlos. Mein Tipp ist eine Entführung und eine lebende Verbringung nach draußen. Frau Lamm wurde nie verdächtig, geschmuggelt zu haben. Sagen die Akten. Wir werden hier natürlich die Augen aufhalten. Aber Sie sollten draußen suchen.“
Als Huber und die Störchin wieder auf dem Weg nach Wien waren, rief er kurzerhand die Bank an, bei der Patricia Lamm ihr gut gefülltes Konto hatte. Keine Bewegung. Wäre sie auf der Flucht, würde sie das Geld abgehoben haben.
Im Büro entwarf Tschikowski die unterschiedlichen Szenarien, was die Lamm bewogen haben könnte, zu verschwinden. Die meisten davon stammten im Grunde vom Rechtsanwalt, der ihn an die Hand genommen hatte.
18. März 2006 Mödling 23 Uhr 30
Wieder einmal wurde Patricia Lamm von ihrem Bett losgekettet. Sie verfiel erneut in Panik und schluchzte verzweifelt. Diesmal wurde sie aus dem Keller in einen Wohnraum mit einer grandiosen Aussicht auf den Wienerwald geführt.
Hinter einem Schreibtisch saß ein Mann. Sie konnte durch ihre jahrelange Erfahrung mit sitzenden Menschen sofort erkennen, dass es ein sehr kleiner Mann war. Der Zwerg, der sie die ganzen Tage bewacht hatte, stellte sie theatralisch dem kleinen Mann vor: „Patricia Lamm, Stewardess, Lesbe und Hundeliebhaberin. Nur leicht gebraucht. Salvatore Bruscini, eines der Opfer deiner geliebten und leider toten Mitmuschi.“
Bruscini stand auf. Ging prüfend um Patricia herum und blieb dicht vor ihr stehen: „Hm. Eine Stewardess habe ich anders in Erinnerung, besser gestylt und vor allem nicht so nach Sperma stinkend. Wahrscheinlich mochten deine Hunde das. Die haben sich bestimmt auch in toten Fischen gewälzt.“
„Was haben Sie ihnen angetan, Sie Schwein?“
Bruscini lachte. „Das ist wahre Liebe. Ich habe sie schlachten lassen und nun fressen die Schweizer sie. Die mögen aktive Hoden und Hunde im allgemeinen. Du brauchst sie eh nicht mehr.“
Patricia spürte, wie ihre Verteidigung Risse bekam. Die Qualen der letzten Tage brandeten als Welle der Wut in ihr hoch. „Was wollen Sie von mir?“, schrie sie.
„Kleinigkeiten, Schätzchen, Kleinigkeiten. Um genau zu sein, will ich die 140 Millionen Euro wieder haben, um die mich die Marai betrogen hat. Das ist wirklich nicht zu viel verlangt. Ich verzichte sogar auf die Zinsen und die Bearbeitungsgebühren. Du siehst, ich bin großzügig.“
„Ich bin Stewardess! Ich hatte mit den Geschäften von Elisabeth nichts zu tun. Auf meinem Konto sind ungefähr fünfzigtausend Euro und das Haus ist bezahlt. Woher soll ich 140 Millionen nehmen?“ Patricia zitterte am ganzen Körper, konnte sich nicht mehr kontrollieren.
Der Zwerg knallte ihr eine.
„Das mit deinem Konto kann ich bestätigen. Heute morgen waren es genau 56.324, 32 Euro. Der Strom wurde abgebucht. Ich bin da bestens im Bilde. Dafür halte ich mir extra einen Polizisten, der das Bankgeheimnis umgehen kann. Woher du das Geld nehmen sollst? Aus dem Geheimversteck deiner Geliebten. Da, wo sie ihr Konto hatte“, sprach Bruscini ungerührt weiter.
„Wir sind bei derselben Bank. Ich habe keinen Zugriff auf Elisabeths Konto. Bitte, lassen Sie mich gehen!“ Patricia wurde schwarz vor den Augen, sie taumelte und stürzte vor Erschöpfung zu Boden.
„Seltsam. Irgendwie glaube ich dir nicht. Aber ich habe Leute, die auf Befragungen trainiert sind. Die werden dir sicher beim Erinnern helfen können.“ Bruscini winkte sie aus dem Raum.
Der Zwerg riss Patricia hoch und bevor sie noch etwas erwidern konnte, wurde sie wieder in ihr Kellerverlies gebracht und angekettet. In einer Raumecke lagen Werkzeug, Seile und Kartons mit Kerzen. In Todesangst versuchte sie sich einen Reim auf diese Vorbereitungen zu machen.
Bald kam der Zwerg mit seinen Leuten zurück. Sie schraubten schwere Dübel in die Decke, die ihrerseits Ringösen aufnahmen. In der Ecke wurde eine Art Winde befestigt. Sie hatte ähnliches bei Bauern gesehen, die damit große Heu- und Strohballen auf den Dachboden hievten.
Der Zwerg versah die dünnen bunten Kletterseile mit Ösen und Karabinerhaken, führte sie durch die Deckenringe und befestigte sie in der Winde. Als er fertig war, sagte er: „So, meine Liebe, bis Morgen dann!“
Irgendwann verdrängte die Erschöpfung ihre Angst und sie fiel in einen unruhigen Schlaf.
In der Früh führte der Zwerg vier Männer ins Verlies, die Patricia noch nicht gesehen hatte. Sie sagten kein Wort und begannen mit eiskalter Ruhe, die Kerzen auf dem Fußboden unter der Aufhängevorrichtung zu verteilen und anzuzünden.
Obwohl sie sich mit letzter Kraft wehrte und schrie, wurde sie an den Seilen festgeschnallt.
Der Zwerg fragte: „Wo hat die Marai das Geld gebunkert. Bitte sag’s mir nicht. Verdirb mir nicht den Spaß.“
Sie tobte verzweifelt gegen die Fesseln an: „Ich weiß nichts von diesem verdammten Geld! Ich kann nichts sagen, was ich nicht weiß!“
„Schön!“ antwortete der Zwerg und gab den anderen ein Kommando in einer Sprache, die sie nicht verstand. Die Folterknechte waren durch nichts zu beeindrucken. Sie fragten, bis sie Antworten hatten oder ihr Opfer tot war. Hatten sie Ergebnisse, erlösten sie die Gepeinigten schnell und schmerzlos. Die Arbeit machte ihnen kein besonderes Vergnügen, doch sie verrichteten sie gut.
Als Patricia das erste Mal auf die Flammen der Kerzen heruntergelassen wurde, fingen ihre langen Haare Feuer und wurden von dem Zwerg gelöscht: „Du sollst uns nicht vor der Zeit sterben“, war sein Kommentar.
Wieder und wieder wurde sie versengt. Dazwischen immer die gleichen Fragen. Wurde sie bewusstlos, weckte man sie mit kaltem Wasser oder ließ sie einfach ein Weilchen hängen. Schließlich gab Patricia ihren Überlebenskampf auf.
Nachdem die sardischen Folterer sich vom Tod Patricia Lamms überzeugt hatten, verschwanden sie. Zwei Tage und Nächte hatte ihr Auftrag diesmal gedauert. Sie würden ihre Bezahlung erhalten. Bisher hatte noch niemand gewagt, sie zu betrügen.
Der Zwerg überspielte die Aufzeichnung der Befragung von den automatischen Kameras auf eine transportable Festplatte. Sie würden zum Vergnügen seines Herrn dienen und ihm eine kleine Genugtuung verschaffen.
Die Mitarbeiter Bruscinis, die wegen der Sarden weggeschickt worden waren, weil die Folterbrigade keine überflüssigen Zeugen duldeten, kehrten zurück und schafften die Leiche an dieselbe Stelle, an der ihre Geliebte angeschwemmt worden war.
Dem Zwerg waren DNA-Spuren egal. Niemand würde ihn in der Nähe Bruscinis angreifen können.
21.März 2006 Wien 7 Uhr 15
„Schickt’s den Leichenwagen, da ist scho wieder a Leich’.“
„Wo sind Sie denn?“
„Na, auf der Donauinsel, gleich bei der Mexikokirchen herüben.“
„Wir kommen, gehen Sie bitte nicht weg, Herr ...?“
„Na, i geh net weg, dazu san meine Knie zu waach.“
Franz Huber hörte, wie sich jemand erbrach, bevor er auflegte. Es gab Déjà vus, auf die er ohne weiteres hätte verzichten können.
„Eine weitere Leiche auf der Donauinsel. Scheint der gleiche Finder zu sein wie bei der Marai. Hoffentlich haben wir keinen Nachahmungstäter von dem Rittig. Störchin, du kommst mit.“
Tschikowski, der froh war, nicht raus zu müssen, begann zu witzeln: „Vielleicht machen das die Wiener Mörder demnächst immer so. Dann brauchen wir nicht so lange rumsuchen.“
Die Störchin sah ihn an, als ob er etwas sehr Ekelhaftes wäre und ging mit Huber los, der mittlerweile die Pathologie und die Spurensicherung informiert hatte. Als sie am Tatort ankamen, waren die anderen schon eingetroffen. Die Störchin befragte zunächst den Finder der Leiche, einen grundsätzlich jovialen Mann, der normalerweise mit sich im Reinen schien, aber deutlich unter Schock litt und sich schon mehrfach übergeben hatte.
An den bedrückten Mienen der Spurensicherung ahnte sie, wie schlimm es sein musste. Sie ließ den Zeugen mit der Rettung in ein Spital bringen.
Als sie zum Fundort wollte, kamen ihr der Pathologe und Huber entgegen. Beide hatten eine grünblasse Gesichtsfarbe und schüttelten die Köpfe.
Professor Dr. Hugo Rokitansky nahm sie am Arm: „Erspar dir das, Mädchen. Die ist tausend Tode gestorben. Da werden selbst die Tatortbilder dir noch genügend Alpträume bereiten.“
„Es ist Patricia Lamm“, fügte Huber hinzu. „Verdammt, wie konnte das passieren! Hätten wir sie bloß an der verfluchten Drecksmaschine abgeholt. Ich könnte mich ohrfeigen. Wenn ich den erwisch’, der braucht keine Verhandlung mehr.“
„Nein, gib ihn mir. In der Pathologie hat er länger was davon.“ forderte Professor Rokitansky. „Ich nehme sie gleich auf den Tisch. Morgen früh hast du die Ergebnisse. Erwürgt ist klar und über einen längeren Zeitraum gefoltert. Sie hat massive Verbrennungen am ganzen Körper, dazu zerquetschte und gebrochene Finger- und Zehenknochen. Außerdem ist ihr Genitalbereich eine einzige Wunde durch etliche brutale Vergewaltigungen, Das sind meine ersten Eindrücke.“ Er zuckte hilflos mit den Achseln. „Warum hab’ ich ausgerechnet Pathologe werden müssen, Franz?“
Huber zog ein Taschentuch aus dem Mantelsack und schnäuzte sich.
„An solchen Tage frage ich mich auch, weshalb mein größter Wunsch war, zur Mord zu gehen ...“
Worum es geht
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21. Hehlersterben
Wer nicht handelt,
wird behandelt
Rainer Barzel
Heute war wieder so ein Tag, an dem Schillke mit Frau und Tochter gemeinsam auftreten musste, um eine glückliche, erfolgreiche Familie zu mimen. Daher blieb ihm nichts übrig, als die abwertenden Bemerkungen der beiden beim Frühstück stoisch zu ertragen.
Eine Benefiz-Veranstaltung des Hamburger Sport, Spaß und Family-Clubs stand bevor, und Roger konnte sich nicht zurückziehen wie sonst. Neben Benno von der Lohe würde die Hamburger Szene der Reichen am Rothenbaum sein und sich redlich bemühen, einander in die Pfanne zu hauen. Wenn er an Benno dachte, krampfte sich sein Magen zusammen. Nie durfte dieser erfahren, dass Roger bei der Bildergeschichte an einigen Punkten auf Zwischenstationen verzichtet hatte, um die Kosten dafür in die eigene Tasche umzuleiten. Er würde handeln müssen.
14.März 2006 Kuala Lumpur 7 Uhr 11 Ortszeit
So viel Großzügigkeit hatte Suresh Singh von Rechtsanwalt Schillke nicht erwartet. Nach den Medienberichten überall auf der Welt war es ihm in seiner Heimat im australischen Broome und im gesamten Südpazifik zu ungemütlich geworden. Als der Deutsche ihn in sein Ferienhaus in Mallorca einlud, sagte er erleichtert zu. Morgen würde er sich in Hamburg die Schlüssel abholen und im neuen Domizil in aller Ruhe abwarten, bis der Sturm vorbei war. Sicherlich würde er einigen seiner Kunden ihr Geld zurückgeben müssen. Aber auch da wollte Roger Harry Schillke großzügig sein.
14. März 2006 London 8 Uhr 15
In London betrat Lord Brigham gerade seinen Club, als ihn ein hoher Vertreter von Scotland Yard zur Seite nahm und ihm riet, das Land für eine Weile zu verlassen. Ein ebenso reicher wie spleeniger Sammler wollte sich nämlich nicht damit abfinden, mit falschen Bildern um ein Vermögen gebracht worden zu sein. Weil er damit der allgemeinen Lächerlichkeit preisgeben war, erstattete er Anzeige gegen Brigham, der den nächsten Autozug durch den Eurotunnel bestieg. Er fuhr aber nicht weiter nach Frankreich hinein, sondern in die Niederlande, in der unauffällige Menschen kaum von der Polizei belästigt wurden.
14.03.2006 Medelin 8 Uhr 20 Ortszeit
Pablo Murillo fiel von einem Wutanfall in den nächsten. Dabei war er sonst so ein besonnener Mann. Ihm allein war es zu verdanken, dass das Cali-Kartell nicht, wie die meisten Beobachter glaubten, in viele kleine unabhängige Gruppen zerfallen war. Er hatte so geschickt geführt, dass die Operationen heute fast geräuschlos liefen und weder die kolumbianische Politik noch die Staaten Grund hatten, sich mit ihm anzulegen.
Den Amerikanern war selten zu trauen. Besonders vor Präsidentschaftswahlen konnte es vorkommen, dass sie eine illegale Aktion gegen die Drogenbarone starteten, um davon abzulenken, das ihre eigenen Bürger gegen die Gesetze verstießen, weil sie einem netten Hobby frönten. Aber er war stets mit ihnen zurecht gekommen.
Pablo Murillo fühlte sich weder für die Drogentoten in den USA verantwortlich noch für die Beschaffungskriminalität. Wäre kein Kokain mehr erwünscht, würde er auch keines liefern. Nachdem er weltweit an Kundschaft zulegte, bestand diesbezüglich keine Gefahr. Die vermeintlichen Gewinner der Globalisierung kitzelten auf ihren Partys die Nasen mit seinem Kokain und die Verlierer rauchten Crack. Für ihn war es egal, ob Gewinner oder Verlierer. Sie waren alle Abnehmer.
Jetzt hämmerte Murillo mit den Fäusten in die Kissen seines Sofas. Wie hatte es Baron Ferdinand von Schulenburg-Schwarzenstein wagen können, ihn zu betrügen! Nicht so sehr schmerzte ihn, dass er hintergangen worden war und finanzielle Verlust horrend war. Das Schlimmst war, dass er seine Ehre verloren hatte! Die Freunde, denen er seine Bilder gezeigt hatte. Wie konnte er vor denen jemals noch bestehen? Er hatte keine Wahl, er musste ein Exempel statuieren. Ein Fanal für seine Ehre errichten.
Bisher hatten seine Leute es nur geschafft, den Geliebten und die Schwester des Barons zu schnappen. Die hatten selbst unter der Folter nicht preisgegeben, wohin er geflüchtet war.
Es war eine kleine und unbefriedigende Rache gewesen, die beiden als lebende Fackeln durch den Ort laufen zu lassen. Das Haus des Barons niederzubrennen, brachte auch keine Entspannung. Er musste ihn persönlich haben. Pablo Murillo brüllte vor Zorn.
14. März 2006 Wien 10 Uhr 15
Tatijana hatte mehrere Recherchedienste damit beauftragt, das Internet und die Medien in den Ländern zu überwachen, deren Sprachen sie nicht beherrschte. Sie beschäftigte sich damit, ihre Fühler bis in die letzten Winkel der restlichen Welt auszustrecken. Alle Erkenntnisse, die sie gewann, speiste sie über ihr Notebook in den Berliner Server ein, der alle Neuigkeiten sofort an das gesamte Team und einige Polizeidienststellen weitergab.
Die Arbeit war langweilig. Sie fühlte förmlich, wie sie vereinsamte. Huber war mit der Störchin und anderen Fällen beschäftigt. Helga musste sich um Drago kümmern. Der Reichsgraf war in Japan und sowieso unempfänglich für ihren Liebesdurst.
Nixon trieb sich in Israel herum und die russische Gemeinde in Wien bot so recht auch nichts, was sie interessiert hätte. So konnte es nicht weitergehen.
Vielleicht würde ein Besuch in der Kaiserstrasse-Ecke Neustiftgasse im „Suspekt“ sie ein wenig aufheitern. Diese Cocktailbar war ein echtes Novum. Nicht Bordell, nicht Swingerclub, kein Anmachschuppen. Aber von allem etwas. Besonders die hinteren Gefilde hatten es ihr angetan, nachdem sie einmal mit einem Bauunternehmer und seiner Frau dort gewesen war. Außerdem wurden die Idioten unter den Männern hart selektiert. Aber zunächst hatte sie noch zu tun.
14. März 2006 Wien 11 Uhr 06
Tschikowski schien ein neuer Mensch geworden zu sein. Huber war ganz begeistert davon, dass die Abmahnung die Situation nicht verschlechtert hatte, sondern geradezu verbessert. Ein interessierter und engagierter Tschikowski war leichter zu ertragen als der üblich Angefressene. Außerdem hatte es zur Folge, dass Akten und Informationen im Computer endlich auf dem neuesten Stand waren. Tschikowski schluckte geradezu alle einlaufenden Informationen und gab sie mit ungekannter Präzision in das System ein. Vielleicht war das ja die Aufgabe, für die er geboren war, hoffte Huber.
Die Störchin konnte das Verhalten des jungen Kommissars nicht einordnen, doch ob er ihr freundlich oder unfreundlich begegnete, spielte für sie keine Rolle.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie Huber betrachtete. Er war richtig süß. Ständig darum bemüht, sie zu mästen und dass es ihr gut ging. Er bombardierte sie nicht mit neugierigen Fragen nach ihren Freizeitvergnügungen, obwohl im Kommissariat darüber getuschelt wurde.
Es gab vermutlich kaum Leute im Polizeidienst, die Reiki machten. Die Störchin überlegte, ob sie Franz Huber nicht einmal zu einem Schamanenabend mitnehmen sollte.
So recht konnte sie ihn sich nicht beim Tanzen um den Feuerkreis vorstellen. Nein, sie hatte keine Angst um seine Psyche beim Trancedance, aber sie vermutete, Hubsi war viel zu fest mit dem Boden verankert, um in Alphazustände gelangen zu können. Da wäre die Schwitzhütte schon eher sein Ritual.
Mit ihm zusammen darin zu sitzen, in dunkler Wärme, die die Gebärmutter von Mutter Erde symbolisierte, könnte eine völlig neue Erfahrung sein. Hoffentlich vertrug er die Hitze und die Aufgüsse. Prüde schien er auf jeden Fall nicht zu sein. Er genoss sichtlich die Ungezwungenheit der kleinen Russin, die immer mindestens um zwei Punkte zu freizügig gekleidet war.
Sie konnte ihn verstehen. Tatijana sah entzückend aus und noch imponierender war, sie reagierte höllisch schlau und schnell. Die Störchin hätte sie gerne einmal in einer Kampfsituation gesehen. Nach den Schilderungen der anderen war das ein unvergessliches Erlebnis. Gedankenversunken knabberte sie an dem Apfelstrudel, den Huber ihr serviert hatte.
„Was hast denn?“, fragte er sie zärtlich.
Sie schüttelte verlegen den Kopf.
14. März 2006 Berlin 11 Uhr 30
In Berlin fand eine der endlosen Sitzungen statt, die MM so hasste. Momentan schien er der Liebling der Politik zu sein. Der Zugriff bei der Wehrsportgruppe und die unheimliche Menge an Belastungsmaterial, die diese Helden geliefert hatten, würden Staatsanwaltschaft und Gerichte auf Jahre beschäftigen. Straftaten einzelner Mitglieder der Gruppe konnten durch gegenseitige Belastungen bewiesen werden, einige völlig unbekannte Delikte kamen zu Tage, dazu gab es Aussagen zu anderen Gruppen und sonstigen Verrat an Kriminellen aus der Neonaziszene.
Der Innensenator persönlich wandte sich zum Schluss privat an MM: „Mensch Mücke, das ist ja ein riesiger Erfolg. Tut uns vor den Wahlen richtig gut. Wäre schön, wenn Sie die Bildersache ebenfalls klären könnten. Ihr Freund, der Reichsgraf, ist da ja auch dran. Ist ja ein guter Mann, Sie waren schon ein gutes Team, als er noch bei der Polizei war, aber er ist eben die Insubordination in Person. Daran sollten Sie sich kein Beispiel nehmen, Kommissar Mücke.“ Er betonte das Wort Kommissar, als würde MM das je vergessen können.
„Ich doch nicht, Herr Innensenator. Wir richten unsere gesamte Polizeiarbeit darauf aus, Ihnen zu den Wahlen die richtigen Erfolge zu liefern. Dafür kürzen Sie uns dann prompt nach jeder Wahl die Mittel. Insubordination ist da kein Thema. Ich überlege, ob ich nicht Bombenbauer werde und das gesamte rote Rathaus in eine Erdumlaufbahn schicke.“
Bei Mückes sarkastischer Antwort zuckte der Innensenator schmerzlich zusammen. Zumindest hatte er ein Pressefoto mit dem erfolgreichen Kommissar ergattert. Lauter Diven, diese Leute. Sahen einfach nicht, dass die Mittel eben nicht mehr ausreichten. Es gab eben wichtigeres als Polizei und Schulen oder gar die Feuerwehr mit ihrem ewigen Gejammer. Die Industrie rationalisierte ebenso. Darüber würde er sich eine Rede schreiben lassen. Eine vorsichtige natürlich, eine verständnisvolle. Das konnte weitere Wählerstimmen bringen.
14. März 2006 Tokio 20 Uhr 10 Ortszeit
Johann genoss das Nachtleben in Tokio. Sato hatte die Yakuza zu einer Sitzung der Oyabun gezwungen, die relativ selten einberufen wurde, weil die jeweiligen Gumi in einem ebenso scharfen Wettbewerb wie die italienischen Mafiafamilien zueinander stehen. Die Zeiten hatten sich sogar in Japan gewandelt und formal war bereits die Mitgliedschaft in einem Gumi strafbar.
Von den sieben versammelten Herren wies nur einer die fehlende Fingerkuppe an der Schwerthand auf, die früher als gängige Strafe sehr viele Mitglieder der Yakuza für Außenstehende identifizierbar machte. Selbst die traditionellen Tätowierungen waren aus dem sichtbaren Bereich verschwunden. Würde Johann es nicht besser wissen, hätte man meinen können, es handelte sich bei den Versammelten um Manager irgendeines japanischen Konzerns, was sie in den heutigen Zeiten zumeist auch waren. Wenn sonst zwischen ihnen selten Einigkeit herrschte, diesem Gaijin Johann gegenüber würde man Geschlossenheit beweisen und den Gestank des Rundauges mit Geduld ertragen.
Der Reichsgraf gab sich keinerlei Illusionen bezüglich dessen hin, was die Yakuza von ihm hielten. Er hatte trotzdem vor, ihnen kräftig auf die Zehen zu treten. Das machte er jetzt schon zum dritten Mal und irgendwann würden sie sich daran gewöhnen.
Der älteste Oyabun neigte seinen Oberkörper zur Begrüßung nur so weit, dass es von jedem als Beleidigung seiner Gäste interpretiert werden musste und wies Johann und Sato, dem schmächtigen Polizisten, der den offiziellen Charakter des Besuchs signalisierte, Stühle an einem Konferenztisch zu. Schlechte Plätze, denn sie mussten mit dem ungeschützten Rücken zur Tür sitzen.
Der älteste Oyabun ergriff mit unbewegter Miene das Wort: „Ich freue mich, unseren verehrten Gast aus dem Ausland begrüßen zu können, obwohl ich von der Heftigkeit seines Wunsches nach diesem Treffen überrascht und ...“
„... wenn ich auch ein schlechter Lügner bin, so bemühe ich mich nicht zu zeigen, wie sauer ich bin. Hier geht es nicht um Freundlichkeiten, es geht ums Geschäft. Sie wollen mich schnellstmöglich loswerden und ich kann mir bessere Gesellschaft vorstellen“, nahm Johann den Ball auf.
„Warum sollten wir mit einem so unhöflichen Gast überhaupt ein Gespräch führen?“, kam der schnelle Konter des Oyabun.
Johann grinste die Herrschaften fröhlich an. „Weil sich ansonsten mein Freund Sato hier mit einer großen Menge an Beweismaterial befassen müsste, das ihm bisher nicht vorliegt und weil Sie Versicherungen brauchen. Versicherungen wie die, für die ich arbeite. Sollten Sie nicht kooperieren, werden Verträge gekündigt und nur zu horrenden Summen neu zu haben sein. Wenn eine Versicherung anfängt, ihre Risiken höher zu bewerten, werden die anderen wegen der Rückversicherer folgen. Kurzum, geben Sie mir die Informationen, die ich haben will.“
„Wir können Ihnen nichts über die Bilderdiebstähle sagen. Keine unserer Gumi war in diese Taten verwickelt. Was also wollen Sie?“
„Natürlich waren Sie nicht verwickelt. Das sagen auch meine Ermittlungen. Aber wenn in Japan drei Überfälle auf Privatsammlungen und zwei auf Museen stattfinden und die Yakuza nicht beteiligt ist, dann sagt mir das auch etwas. Entweder sind die Yakuza zahnlos geworden ...“
Ein jünger Oyabun wollte aufbegehren, wurde jedoch von den anderen zur Ordnung gerufen.
Johann setzte ungerührt fort: „Entweder sind die Yakuza zahnlos geworden, oder die Operationen wurden von jemandem durchgeführt, der den Yakuza bei ihren Geschäften außerhalb Japans gefährlich schaden könnte, sodass sie die Überfälle hier lieber tolerieren.“
Nun übernahm ein energisch aussehender jüngerer Oyabun das Gespräch: „Es bringt nichts, wenn wir uns hier gegenseitig beschimpfen, Graf. Niemand von uns ist ehrlos und Ihr Verdacht ist richtig. Kommen Sie morgen Abend um 22 Uhr in den Club der Purpurkatzen und seien Sie während der Show mein Gast. Dort erhalten Sie die entsprechenden Unterlagen. Auch jene über uns bekannte japanische Kunden der Fälschungen.“
„Das ist alles, was ich wollte“, antwortete Johann und die Verneigung der Versammelten fiel beim Abschied deutlich höflicher und förmlicher aus.
14. März 2006 21 Uhr 06
Tatijana vermeinte gerade vor Langeweile zu sterben als Gregory, ein Mitglied der russischen Gemeinde anrief. Ein wahrer Adonis, aber leider stockschwul. Dieser Russe, der aus seinem Gregory einen Tschortsch gemacht hatte, wollte sie dringend treffen, um ihr ein paar Informationen gegen Bargeld zu geben. Nachdem sie die Nase vom Internet ohnehin voll hatte, bat sie ihn, ins Kellerstöckel in der Neustiftgasse zu kommen. Schnell sprang sie in die Klamotten, vielleicht war ihr doch noch ein reizvoller Abend vergönnt.
Zunächst genoss sie ein zartes Filetsteak. Der Anblick des glücklich kauenden Russen rührte sie. es war schwer für die jungen Ausländer. Ohne Geld und wirkliche Chancen versuchten sie sich als Tänzer dort zu verwirklichen, wo ihre Lebensführung nicht so weit von den Normen entfernt war. In Russland konnten Leute wie Onkel Pjotr zwar mehrere Minderjährige zu ihrem Vergnügen besitzen und gebrauchen, aber Schwule galten als Aussätzige.
Das Essen und die fünfhundert Euro für den Russen hatten sich gelohnt. Er nannte nur einen Namen: Hassan Gegoriwitsch Rosskoie. Er leitete eine Malschule nach alter Art in der Gegend von Kunzewo bei Moskau, in der ehemaligen Datsche seines Vaters, der ein Wirtschaftsfunktionär unter Breschnew gewesen war.
Tschortschs Freund studierte dort Kunst und hatte von sklavischer Wiederholung immer gleicher Bilder berichtet. Er litt darunter, große Meister endlos kopieren zu müssen, statt eigene Werke zu malen.
Tatijana war zufrieden, speiste die Information über ihr Handy ins System ein und schickte eine Mail an Sergejewitsch Sminakov, um dessen Geheimdienstlern ein Ziel zu geben.
Nachdem Tatijana und Tschorsch sich verabschiedet hatten, fühlte sie die Einsamkeit wieder aufkeimen.
Entschlossen spazierte Tatijana dick eingewickelt in ihren Plüschmantel die Neustiftgasse entlang bis zur Ecke Kaiserstrasse, wo sie das Suspekt betrat und sich in der Bar auf einen der Hocker mit den roten Plüschbezügen setzte, der ihr freien Blick auf die beiden Achsen der Bar erlaubte.
Sie bestellte einen doppelten Wodka ohne Eis, trank sie das Glas in einem Zug aus und orderte einen weiteren. Das stoppte die Männchen, die im Begriff waren, sich Tatijana im Anschleichgang zu nähern.
Sie liebte es, den Herrlichkeiten Bilder zu liefern, die nicht in deren Beuteschema passten, vor allem, es sich um Langweiler handelte.
„Nasdrowje!“, rief sie und lachte.
„Na, schöne Frau. Zum ersten Mal in Wien?“, versuchte der Barkeeper Konversation zu machen.
„Nein!“, wies Tatijana ihn grob zurecht. „Ich bin nirgendwo neu. Ich bin so alt wie die Sünde. Aber Sie können mein Glas noch einmal füllen.“
Ein Kavalier zu ihrer Rechten säuselte: „Das sieht man Ihnen gar nicht an. Das Alter meine ich.“
Er verstummte wieder, nachdem Tatijana als Antwort ihre rechte Augenbraue hochzog. Nein, da war heute keiner, der ihre Libido anregen könnte. Sie würde heimgehen und sich weiterhin dem Internet widmen. Gerade als sie zahlen wollte, betraten zwei Paare die Bar. Die Männer waren baumlange Farbige, die Frauen zierliche Phillipinas. Amerikanisches Militär, folgerte Tatijana.
Während die Frauen den Clubbereich aufsuchten, um alles Überflüssige los zu werden – sie waren bestimmt nicht zum ersten Mal hier, verankerten sich ihre Männer neben Tatijana an der Bar und bestellten von den grellbunten Cocktails. Dabei präsentierten sie ein österreichisches Deutsch mit tief texanischer Färbung, das genauso warmherzig klang wie die Typen aussahen.
Als ihre Frauen in freizügigen Korsagen aus schwarzer Spitze wieder zu ihnen stießen, bildeten die vier einen Kreis, der Tatijana einbezog. Damit signalisierten sie, dass sie erfahrene Swingerclubbesucher waren. Vielleicht meinte es das Schicksal doch noch gut mit ihr, hoffte Tatijana. Die jüngere Frau begann einen der beiden Männer zu streicheln. „Das ist eine schöne Bar und so offen für alles mögliche“, eröffnete sie das Gespräch.
Tatijana nickte. „Ja. Schön und offen. Aber was nützt es?“ Sie wies mit der Hand längs die beiden Seiten des Tresens.
Die ältere Frau lachte hell auf. „Das Problem können wir jederzeit lösen. Deshalb sind wir gerne zu viert unterwegs. Wenn sich nichts anderes findet, sind wir uns selbst genug.“
Tatijana spürte an ihren Blicken, dass Tom, Dick, Sara und Gretchen nicht abgeneigt waren. Die beiden Männer arbeiteten für eine amerikanische Agentur in Deutschland, die sie aber nicht näher bezeichnen wollten und die Frauen betrieben in Hamburg einen Blumenladen. In Wien waren sie, um die Lipizzaner zu sehen und einfach mal ein paar Tage Urlaub zu machen. Tatijana hatte die Hofreitschule schon mehrfach besucht. So ergab eins das andere und schnell war klar, dass sie einander mochten. Zu Fünft suchten sie ein Separee auf. Ein Wermutstropfen verdunkelte Tatijanas Vergnügen. Egal, mit wem sie zugange war, im entscheidenden Moment tauchte die Reichsgräflichkeit vor ihrem inneren Auge auf. Das machte sie derart heiß, dass ihre jeweiligen Sexpartner sich als Zampanos wahrnahmen. Tatijanas Leidenschaftlichkeit bestand zu einem großen Teil aus ihrer Wut über die ewige Zurückweisung durch Johann und so tobte sie orkangleich durch alle Betten, die sich ihr auftaten.
Körperlich befriedigt, aber seelisch am Boden verließ sie nach zwei Stunden den Club, nicht ohne zu versprechen, sich bei den Paaren zu melden, wenn sie wieder einmal in Hamburg wäre. Nett waren sie, fand Tatijana und wenn Johann so stur war, geschähe ihm recht, dass sie ihr Mütchen anderswo kühlte.
Zu Hause pfiff sie auf weitere Arbeit am Laptop und verkroch sich ins Bett.
15. März 2006 Hamburg 21 Uhr 00
Suresh Singh war vom Jungfernstieg zum Gänsemarkt spaziert. Er war zu früh am Treffpunkt, in der ungewohnten Hamburger Kälte fröstelte ihn. Wie besprochen hielt er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Block House auf, die weniger gut beleuchtet war. Er würde auf dem schnellsten Weg aus dieser Stadt verschwinden, sobald Schillke ihm die Schlüssel für sein Ferienhaus übergeben hätte. Singh brauchte die Wärme und vermisste Australien und Asien schon jetzt. Die Dunkelheit verursachte ihm Unbehagen, aber anstatt sich in den Lichtinseln der Straßenbeleuchtung zu bewegen, begab er sich tiefer in den Schatten.
Schillke hatte ihn beim ersten Vorbeifahren entdeckt und überprüfte zu seiner Sicherheit zweimal, ob Singh wirklich alleine war. Dann erst parkte er in der Gänsemarktpassage, überquerte die Fahrbahn und spazierte auf ihn zu. Singh breitete erfreut die Arme aus und erkannte mit Schrecken, dass der Rechtsanwalt eine Waffe aus dem Mantel zog. Er spürte den Einschlag des ersten Schusses, die beiden anderen trafen einen bereits Toten. Schillke ging, ohne anzuhalten, in Richtung Jungfernstieg, entsorgte die Waffe in der Binnenalster und aß auf dem Rückweg genüsslich ein Porterhousesteak. So einfach konnte er sich von seinen Sorgen befreien.
15. März 2006 Tokio 21 Uhr 15 Ortszeit
Johann und Sato bekamen im Club der Purpurkatzen Plätze mit vorzüglicher Aussicht auf die Bühne. Die Show wurde ausschließlich von Rundaugenfrauen gebracht, die bestenfalls als Sklavinnen japanischer Herrinnen fungieren durften und damit reine Objekte waren. Vermutlich sollte Johann damit die geringe Wertschätzung der Japaner für die Gaijin und ihre Frauen bewiesen werden.
Dabei vergaßen sie, dass dieses Spiel dadurch konterkariert wurde, dass die meisten der japanischen Herren von amerikanischen Gaijin Freundinnen oder Geliebten begleitet wurden, und die wenigen japanischen Frauen durch Operation oder geschicktes Schminken die typische Augenfalte zu verstecken suchten.
Johann fühlte sich nicht sonderlich solidarisch mit den amerikanischen Mädchen, die mit respektablen Silikonbrüsten und einer respektablen Portion Dummheit gehofft hatten, in Tokio Arbeit als Model zu finden. Wahrscheinlich war diese Art der Unterwerfung hier deutlich angenehmer für sie als das harte Leben in den USA. Wenn das Verblühen der Schönheit einsetzte, gab es die Botschaft, die Heimflüge organisierte.
Während sich Johann und Sato darüber unterhielten, brachte jemand zwei Ordner an den Tisch, in denen die geforderten Unterlagen inklusive englischer Übersetzung waren. Sie verließen die Purpurkatzen und suchten sich ein netteres Plätzchen, um ihre Beute auszuwerten.
In der Bar von Johanns Hotel begann Sato zu lachen. „Oh, oh, die Liste der Narren, die gekauft haben, ist ein Who is Who unserer Saubermänner. Bankenchefs, Automanager, ein Shinto-Priester, ein Mitglied der kaiserlichen Familie und und und. Das wird Staub aufwirbeln.“
„Müssen die jetzt alle zum Samuraischwert greifen und Seppuku begehen?“, fragte Johann, für den der Kauf gestohlener Kunst kein Grund für einen Selbstmord war.
„Nein. Die Yakuza haben sich verändert, so wie der Großteil aller Japaner. es gibt fast keine Samurai mehr. Der Rest ähnelt euren Wirtschaftsführern und Politikern. Gewissenlos, raffgierig und machtbesessen. Wenn sie erwischt werden, fangen sie an zu weinen und bedauern öffentlich. Natürlich bedauern sie nur sich selbst und nach ein paar Tagen geht es im alten Stil weiter. Jedenfalls wird es mir und meinen Kollegen Spaß machen, sie ein bisschen zu quälen, Johann-San. Deshalb danke dafür.“
„Dafür nicht, Sato-San. Faule Früchte verderben den Baum. Was mich wirklich umhaut ist der Nachweis, das Oreste Crispi als Drahtzieher für die Diebstähle hier in Japan genannt wird. Den hätte ich hier nicht vermutet. Ich dachte, der blutet immer noch Afrika und den nahen Osten aus.“
„Wir haben ihn hier schon länger auf dem Radarschirm. Er ist sogar einige Male in Tokio und auf den Inseln gewesen. Natürlich streng geschäftlich mit klaren Absichten. Wir haben Wanzen gepflanzt, bis wir seine Träume hören konnten, aber er hat sich keine Blöße gegeben. Leider hatte unser Geheimdienst keine Kapazität, ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Die jagen mit den Amerikanern ja lieber die Iraker und suchen nichtvorhandene Waffen im Iran. Schließlich haben wir ja auch eine Rüstungsindustrie, die leben will.“
„Sato-San, ihr habt immerhin noch einen Geheimdienst. Unser BND ist eine Juxbude. Die könnte man zwar leicht losjagen, aber Crispi käme vor Lachen nicht mehr in den Schlaf. Mal sehen, vielleicht kann ich da andere interessieren. Zumindest ein Hinweis auf Organhandel im Bereich der ehemaligen Sowjetunion könnte ihm Gegner erwachsen lassen, denen er nicht gewachsen ist. Das bleibt abzuwarten.“
„Johann-San, ich wünsche dir einen guten Rückflug. Ich werde gleich meine Leute informieren und Haftbefehle besorgen. Die Aussagen gehen dir schnellsten zu.“
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