Hoff / Rieger - Kunst, die nicht nur bildet
20. Reklamationen
Die lauteste Behauptung ist noch
nicht der leiseste Beweis.
Sigmar Schollack
13. März 2006 Hamburg 16 Uhr 05
In der Neidmühle in Oevelgönne schaltete Benno von der Lohe von einem Kanal zum anderen. Überall der gleiche Mist. Schade. Es war ein nettes kleines Geschäft gewesen. Nichts auf dieser Erde ist eben von Dauer, philosophierte er. Er war nicht unzufrieden. Die meisten Bilder, die er haben wollte, besaß er. Die, die er noch nicht in seiner Sammlung hatte, konnte er stehlen lassen. Die Fälschungen hatten selbst nach Abzug aller Kosten ihrer Herstellung und des Vertriebes neben dem Aufwand für die Diebstähle mehr als dreihundert Millionen Nettoertrag gebracht. Steuerfrei. Ein hübsches Zubrot.
Es gab nur zwei Leute, die zu ihm führen könnten. Er griff zum Hörer, um einen von ihnen anzurufen. Am anderen Ende hörte er zuerst eine Frauenstimme, die unter der Peitsche ihren Schmerz hinausbrüllte. Dann ertönte die ruhige Stimme von Oreste Crispi: „Hallo?“
„Ein schönes Lied spielst du, Oreste, ich hoffe, auf einem wertvollen Instrument.“
Ein weiterer Peitschschlag mit nachfolgendem Schrei regte Benno zu verschiedenen Körperreaktionen an, er griff sich in den Schritt, es juckte.
Oreste lachte. „Wie man es nimmt. Eine hübsche Nubierin und die Peitsche führt eine Landsmännin von dir, Benno. Sie stammt aus einem deiner Fänge, wie ich glaube. Von Zeit zu Zeit lasse ich sie wechseln. Was kann ich für dich tun? Suchst du mal wieder eine junge Zigeunerin zu deiner Erbauung?“
„Nein, Oreste. Die muss ich hier nicht einmal fangen. Sie laufen mir aus Rumänien in beliebigen Mengen zu. Wenn ich sie leid bin, schickt die Polizei sie auf Rechnung der Steuerzahler wieder in ihre Löcher zurück. Das ist nicht der Grund meines Anrufes. Hast du heute ferngesehen oder die Zeitung gelesen?“
„Beides. Aber weshalb rufst du an? Das musste irgendwann kommen. Ich habe Anweisung gegeben, wie meine Leute mit Reklamationen umgehen sollen. Das wird viele fröhliche Erben schaffen, denen wir dann neue Dinge verkaufen können.“
„Ich denke ähnlich, Oreste. Ich habe leider ein zusätzliches Problem, wenn eventuell eine Beschwerde von einem meiner Mitarbeiter kommen würde. Vielleicht möchte er sich die Freiheit dadurch erkaufen, dass er mich opfert? Dagegen möchte ich mich versichern.“
„Du meinst deinen kleinen Folterknecht von Rechtsverdreher?“ Ja, das ist ein Problem, du kannst ihn schließlich schlecht damit beauftragen, einen Killer für sich selbst anzuheuern. So doof ist er auch nicht. Ich schicke dir zwei Teams. Die Kosten ziehe ich von deiner nächsten Lieferung ab. Ich habe übrigens eine Anfrage nach Maschinen für die Produktion sehr langer Kanonenrohre. Meinst du, du bist da wieder lieferfähig oder passen eure Behörden derzeit zu sehr auf?“
„Das mit den Teams ist nett. Danke. Du bekommst eine Liste mit den möglichen Maschinen. Wir sind ein Exportland und mittlerweile sind bei uns alle Dämme gebrochen. Wir beten hier alle den heiligen Profit an. Da gibt es keine Rücksichtnahme mehr. Auf niemanden.“
Benno legte auf. Nun hatte er eine Versicherungspolizze. Den zweiten Mann brauchte er nicht anzurufen. Der wartete seit einer halben Stunde in seinem Vorzimmer. Benno ließ ihn eintreten.
Nachdem Roger Harry Schillke hereingekommen war, warf er zuerst einen Blick in Richtung Fernseher. Mist. Wahrscheinlich wusste Benno noch gar nicht, was los war. Ihm wäre wohler gewesen, wenn er nur reagieren hätte müssen. Benno sah ihn gelassen abwartend an.
Schillke fasste sich ein Herz: „Hi. Benno. Ich glaube wir haben ein Problem.“
„Ach, Harry, glauben sollst du in der Kirche. Hier musst du wissen, ob du ein Problem hast. Ich jedenfalls habe keines.“
„Doch! Die Polizei weiß alles. Es steht in jeder Zeitung. Mach mal das Fernsehen an. Einfach schrecklich.“
„Harry, unser kleines Geschäft ist geplatzt. Das war irgendwann zu erwarten. Die Medien spielen die Sache hoch und in ein paar Tagen versickert alles im Sand. Die Polizei weiß überhaupt nichts. Der ganze Wirbel ist von einem kleinen Bullen in Wien ausgelöst worden, der seine Kenntnisse an ein paar Journalisten gleichzeitig verkauft hat. Alle, die er hatte. Ich kann dir sogar seinen Namen sagen. Aber der ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du dir überlegst, von wem direkte Wege zu dir führen.“
„Erledigt. Die Marai ist tot. Der Patron ist eine sichere Bank. Dazu noch den Armenier und den Japaner, die aber nichts mit dem Verkauf zu tun haben, nur die Fälschungen organisiert haben. Ach ja, das amerikanische Pärchen. Aber die wissen nicht einmal, aus welchem Land ich komme. Ich habe da nichts zu befürchten.“ Roger stand trotzdem das Wasser auf der Stirn und er wand sich vor seinem Boss wie eine Ringelnatter.
„Gut. Dann wickle das Geschäft ruhig zu Ende ab“, sagte Benno, „Gib denen, die du später wieder einmal benötigen wirst, Geld. Von den anderen solltest du dich endgültig trennen. Kurz gesagt, liquidieren. Ansonsten haben wir genügend weitere Geschäfte, die deine Aufmerksamkeit brauchen. Wir müssen eine neue Location für die Snuff-Filme auftun und auch im Bereich Kinderpornos ist der Markt nicht zu befriedigen. Also genug zu tun.“
„Ich bin froh, dass du es so entspannt hinnimmst, Benno. Wir werden uns vorsichtig zurückziehen. Die Kinderpornos machen wir jetzt direkt in Rumänien. Das ist einfacher und billiger. Aber mehr als zwei Filme pro Wochen schaffen wir mit dem Personal nicht. Wir könnten irgendwo eine weitere Truppe auftreiben. Ich würde ungern zu viele Eier in einen Korb legen.“
„Mach, wie du denkst, Hauptsache richtig.“ Benno winkte ihm zu, was soviel wie „Abgang“ bedeutete.
Dankbar, entlassen zu sein, sprang Roger auf und beeilte sich hinaus.
Als Schillke verschwunden war, knallte in Bennos Geist die Peitsche von Oreste. Sein Unterleib begann zu ziehen. Er dachte an die junge Zigeunerin in ihrem Kellerverlies. Es müsste schön sein, sie die Peitsche vor seinen Bildern schmecken zu lassen. Nackt und gebückt über seinem kleinen Hocker. So wie sie Simone im KZ gespürt hatte. Die Schreie würden den Raum füllen und seiner Ausstellung einen würdigen Rahmen geben. Er spürte die Regung seiner Lenden massiv ansteigen und beeilte sich, der Sekretärin frei zu geben. Der Tag war ja auch bald vorbei.
13. März 2006 Wien 17 Uhr 15
Franz Huber war nach einem langen Gespräch mit seinem Chef ziemlich niedergeschlagen. Nur mit Mühe hatte er durchsetzen können, dass es für Tschikowski bei einer Abmahnung blieb. Schließlich war dessen Blödheit Teil ihres Planes gewesen.
Als er vor die Tür trat, winkte ihm die Störchin aus ihrem Auto. Huber freute sich wirklich; sie hatte offenbar auf ihn gewartet. Sie blickte ihn besorgt an: „Ärger wegen Tschikowski?“
„Ach, Störchin. Er ist zwar ein nervender Idiot, aber an dieser Sache fast unschuldig. Du kennst ja die Causa bereits. Was anderes, kommst du mit ins Hawelka? Ich möchte dich ein paar Leuten vorstellen, die ich sehr mag und die mit mir an dem Fall arbeiten.“
„Gern! Auf den Hinterhof, den ich von meiner Wohnung aus seh, kann ich gern verzichten. Und in den Zimmern stehen noch die Umzugskartons. Die können warten. Und neue Menschen mag ich.“
Während sie elegant durch den Verkehr huschte und mühelos, ohne Aufregung, den kleinsten Vorteil für sich ausnützte, erzählte Huber ihr von seinen Ermittlerfreunden. Plötzlich musste er lachen. Die Störchin lenkte nicht nur mit den Händen, sondern nahm auch die Spitze ihrer Zunge zur Hilfe, die immer mal wieder zwischen ihren Lippen hervorlugte, um die Richtung der nächsten Lenkbewegung anzudeuten.
Im Hawelka war die Stimmung gut. Tatijana hatte das Internet ausgewertet, Helga die Presse und das Fernsehen, Johann grinste behäbig über den vollen Erfolg seines Planes und Drago freute sich, Helga im Arm zu halten.
Huber stellte die Störchin vor und berichtete, dass es für Tschikowski nicht allzu hart werden würde. Allgemein herrschte die Ansicht, die nächsten Tage würden eine Menge an neuen Spuren, viel Arbeit und Reiserei bedeuten. Nixon hatte aus Rom interessante Entwicklungen angekündigt und befand sich gerade in Jerusalem, wie der Reichsgraf mitteilte.
Tschikowski wütete still in seinem Büro. Dieser alte Sack von Huber. Ihm eine Abmahnung zu verpassen. Es war doch nicht seine Schuld, wenn sich so ein Journalist was zusammenreimte. Vielleicht hatte der ja gar nicht seinen Zettel gehabt, sondern von irgendeinem anderen. Er war getadelt worden, und der Chef hing mit seinen Blicken nur an diesem Riesenkamel, der Gustlstörchin. Zum Haare raufen.
Als sein Telefon klingelte, bellte er in den Hörer. Es war dieser Drecksjournalist von der Kronenzeitung. So eine Frechheit, ihn wieder anzurufen. Er knallte den Hörer auf die Gabel. Der Kerl gab nicht auf und beim dritten Mal war Tschikowski bereit, zuzuhören. Sie verabredeten sich zum Essen im Plachutta in der Wollzeile, dem Rindfleischkönig Wiens.
Der Journalist saß schon an einem Tisch und winkte ihm zu. Der Kommissar setzte sich, ohne seinem Gegenüber die Hand zu geben. Die Speisekarte, die ihm der Schreiberling reichte, fühlt sich seltsam dick an.
„Entschuldigen’S, Herr Kommissar, da sind mir im Suff ein bisserl die Pferde durchgegangen. Hoffentlich hatten Sie nicht zu große Kalamitäten? Zum Trost, mein Chef hat Ihr Honorar nochmals verdoppelt.“ Dabei ließ er die Karte los, die Tschikowski vorsichtig öffnete. Ein dicker Briefumschlag mit lauter Hundertern. Das mochten gut und gern zehntausend Euro sein. Für so ein fürstliches Honorar ließen sich Unannehmlichkeiten wie eine Abmahnung ertragen. „Na gut, vergessen wir die Sache. Aber das kostet noch einen Abend bei der Josefine“, krönte er krähend seinen Triumph.
„Aber gerne!“, kam die prompte Antwort.
Während sie sich dem Tafelspitz widmeten, erklärte ihm der Journalist, dass er einen Anwalt kenne, der einige sehr gut situierte Kunstmäzene berate. „Sie spenden viel Geld für Museen und haben dadurch wesentlich bessere Kontakte als die nationale Polizei, um Aufklärung zu betreiben“, sagte er kauend, „aber Kommissare wie Huber und die Versicherungsfritzen klammern die völlig aus, obwohl sie helfen könnten.“
„Ja, die san alle Wichtigtuer“, bestätigte Tschikowski, „es ist ganz logisch, dass man die Kunstleute ermitteln lassen müsste.“
Bei der Nachspeise war ihm klar, dass er die Ergebnisse der Reichen und Schönen als seine eigenen verwenden könnte, denn diese Leute brauchten ja keinen Ruhm.
Mit Freude stimmte er einem Termin mit dem Anwalt noch am gleichen Abend zu. Um nicht unnötig Aufsehen zu erregen, sollte das Treffen in einer Suite des Hilton Hotels am Stadtpark stattfinden. Für einen kleinen Imbiss würde der Gastgeber sicher sorgen. Leider konnte der Journalist nicht selber dabei sein, da er andere Termine hatte.
Wieder in seinem Büro, überdachte Tschikowski die Situation. Streng genommen dürfte er mit niemandem über die Ermittlungen reden. Andererseits war ein Rechtsanwalt ja auch ein Mitglied der Rechtspflege. Also fast so etwas wie ein Kollege. So einem zu helfen, war sicher nicht falsch. Huber trieb sich ja sogar mit Privatdetektiven rum.
Viel schlimmer war, dass Tschikowski dem Rechtsanwalt nichts zu bieten hatte. Deswegen ging er am Computer noch einmal die Ermittlungsakten durch und prüfte, was bisher nicht in der Zeitung gestanden hatte. Da blieb eigentlich nur eine Sache. Eine weitere Wohnung der Marai, in der sie mit ihrer Geliebten, dieser perversen Patricia Lamm gelebt. Das war wenig. Aber da gab es ja noch Hubers Ermittlungsfreunde, fiel ihm ein. Vor allem diesen zweifelhaften Nigger und die grässliche Tatijana mit ihren Grafen, dessen Nutte sie bestimmt war. Dann die Brenner mit ihrem Zigeuner. Es war zwar nicht viel, aber er zeigte seinen guten Willen, wenn er dem Anwalt den Stoff anbot.
Er wurde empfangen, als ob er mindestens ein Minister wäre. Die Tische bogen sich unter kalten und warmen Speisen. Langustenschwänze neben Kaviar, Austern auf Eis, sogar Krokodilfleisch und Straußeneier gab es, das er jedoch ausließ; Tschikowski aß nur, was er kannte. Dazu wurde ein Champagner kredenzt, von dem er wusste, dass er zu den drei besten Sorten der Welt zählte.
Es war erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten im Denken er mit dem klugen und weltgewandten Juristen hatte. Dass der Anwalt einfach seine Schwächen aufgriff, kapierte er nicht, also plauderte er unbekümmert drauflos.
Auf der Visitenkarte des Anwalts standen Adressen in Tokio, Wien, New York und Amsterdam. Tschikowski konnte nicht wissen, dass die Karte gar nicht seinem Gegenüber gehörte und der Rechtsanwalt auf der Karte nur einmal vor Jahren in Wien gewesen war. Als Tourist.
Stolz nahm er das Handy entgegen für eine schnelle und direkte Kommunikation. Die Nummern waren eingespeichert. Keinesfalls sollte er in der Kanzlei anrufen. Da gab es zu viele Ohren.
Tschikowski schmückte seine mageren Kenntnisse immer weiter aus. So machte er aus der Lamm eine Komplizin, die man zurzeit nur in Sicherheit wiegen und bei ihrer Rückkehr gleich festnehmen würde. Nach seiner Darstellung war sie wahrscheinlich sogar die Drahtzieherin hinter der Marai. Natürlich musste er sich auch über deren Sexualleben äußern.
Obwohl er nichts geleistet hatte, erhielt er 25.000 Euro. Damit er beweglicher sei, begründete der Anwalt die Zahlung. Mit einem Beamtengehalt sei es bestimmt schwierig, einen Leihwagen zu besorgen oder Flüge zu bezahlen. Der Anwalt verstieg sich sogar dazu, die Summe als Spielgeld zu bezeichnen und weitere Zahlungen in Aussicht zu stellen.
Für Tschikowski war der Abend ein voller Erfolg.
Als er in seiner Wohnung ankam, war er mit sich und der Welt zufrieden. Er würde wohl die längste Zeit ein einfacher Polizist gewesen sein. Mit diesen Leuten im Hintergrund standen ihm einfach alle Wege offen.
Zur gleichen Zeit gab der Anwalt die Daten Patricia Lamms an Salvatore Bruscini weiter. Der wusste bald, wann sie wieder in Schwechat landen würde. Seine Leute im Flughafen beschäftigten sich normalerweise mit dem Drogenschmuggel, würden aber bestimmt Zeit finden, auch diese Lesbe herauszuschmuggeln.
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19. Die Kreuzigung
Es kann ein Wissen vom Teuflischen geben,
aber keinen Glauben daran, denn mehr
Teuflisches als da ist, gibt es nicht.
Franz Kafka
Auf der ganzen Welt rannten Reporter den Museumskuratoren die Türen ein.
Mücke und Huber wurden regelrecht belagert, aber schwiegen beharrlich.
In Stockholm musste das Museum zeitweilig geschlossen werden, ebenso das Brücke-Museum in Berlin.
Selbst das Börsenfernsehen berichtete in halbstündigen Intervallen über gefälschte und gestohlene Kunst. Die Nachrichtensender boten Experten aller Richtungen auf, die sich nicht nur gegenseitig widersprachen, sondern sogar noch auf die Distanz in die Haare gerieten. Extraausgaben von Zeitschriften wurden gedruckt, die Buchhandlungen hatten Probleme, dem Bedürfnis nach Büchern über Kunst und Fälschung nachzukommen. Zwei Auktionshäuser erklärten sich ausdrücklich für nicht betroffen, was selbstverständlich eine Welle von Nachfragen auslöste.
Besonders verwegen agierte ein italienisches Blatt, das sowohl in seiner Printausgabe als auch in der TV-Version behauptete, dass die meisten Werke im Vatikan bereits ausgetauscht wären, sowie die Mona Lisa im Louvre. Wie eine Bombe schlug diese Nachricht ein.
Das Sammeln von gestohlener Kunst war überall Tagesthema. Ein reicher Japaner, der verdächtigt wurde, lud einen Fernsehsender ein, um zu beweisen, dass er nur Kopien der von ihm so geliebten Bilder besitze.
Das veranlasste die Polizei, die Sammlung unter die Lupe zu nehmen. Dabei wurden neben einigen Kopien drei Originale gefunden. Die Entlarvung trieb den Japaner dazu, Seppuku, den rituellen Selbstmord der Samurai zu begehen. Ein Bediensteter fand ihn am nächsten Morgen ausgestreckt zwischen den Gemälden in seinem weißen Seidenkimono, das Schwert in der Brust.
13. März 2006 Rio Galleg 14 Uhr 30
Der raue Wind Patagoniens strich über das Bett, in dem sich zwei schweißbedeckte Körper wälzten.
Baron Ferdinand von Schulenburg-Schwarzenstein genoss das Liebesspiel mit seinem jungen, schwarzen Gespielen. Gerade, als er sich laut stöhnend in ihn entlud, wurde die Tür mit Karacho aufgerissen und seine Schwester stürzte zum Fernseher, ohne die Bettszene eines Blickes zu würdigen. Atemlos schaltete sie ein.
In einer Sekunde erfasste der Baron die Situation, stieß den Lustknaben beiseite und sprang auf. Atemlos wie seine Schwester verfolgte er das Geschehen.
Berühmte, gestohlene Gemälde flimmerten in schneller Folge über die Mattscheibe. Berichtet wurde über Fälschungen dieser und anderer Werke. Ihm war klar, dass seine Kunden in ganz Südamerika das Gleiche sahen. Besonders die Kolumbianer würden ihre gnadenlosen Schlüsse ziehen. Es war sein Prinzip, nie zwei Fälschungen des gleichen Bildes in einem Land anzubieten, jedoch den Renoir, dessen Kopie ein Experte gerade beschrieb, hatte er ausgerechnet dem Chef des größten Koka-Kartells verkauft.
Er musste auf schnellstem Wege aus Argentinien flüchten.
Wo auf dieser Welt konnte er vor solchen Kunden sicher sein?
13.März 2006 New York 14 Uhr 45
Theresa Madles wurde in ihrer Wohnung im Trump Tower von einem kalifornischen Kunden angerufen. Er hatte insgesamt vierzehn Bilder bei ihr gekauft. Sie hatte keine Ahnung, ob eines davon echt war. Dennoch versicherte sie ihm, dass der Renoir in Stockholm natürlich eine Fälschung sei, weil er ja das Original besitze.
Der Schweiß brach ihr aus, während sie fieberhaft darüber nachdachte, wie sie die schwierigen Zeiten überleben könnte, die jetzt auf sie zukommen würden. Theresa wählte die Nummer einer Bodyguardagentur, dann gab sie dem Hausservice die Anweisung, keine Besucher zu ihr vorzulassen. Mit einem weiteren Telefonat informierte sie ihren Ex-Mann, der schon von wütenden kanadischen Kunden und einem Renoirbesitzer aus Mittelamerika angerufen worden war. Wahrscheinlich würden sie den Deckel auf dem Topf halten können, sofern der Israeli mit Geld aushalf, um einige Bilder zurückzukaufen.
13. März 2006 London 14 Uhr 50
In England versuchte Lord Brigham seit vielen Stunden seinen Lieferanten in Haifa zu erreichen.
Endlich bekam er ein Hausmädchen zu fassen. Es sagte, dass Purim sei und ihre Chefs bis übermorgen in Jerusalem blieben.
Lord Brigham beruhigte sich. Wenn der Jude den Dingen sowenig Bedeutung beimaß, waren sie unter Umständen gar nicht betroffen? Er goss sich einen Whisky hinter die Binde und machte den Fernseher an. Die BBC kündigte eine Sondersendung für den Abend an.
13. März 2006 Kairo 15 Uhr 06
Oreste Crispi beschäftigte sich gerade mit einer Auswahl seiner Ware. Sein Haus in Kairo war zumindest für die jüngeren und hübscheren Sklavinnen ein Übergangslagerplatz, bis er ihrer überdrüssig wurde und sie den Weg der anderen beschritten.
Der Ägypter war Händler in der achten Generation. Ging es im Sklavenhandel früher um Arbeitssklaven, die nur zusätzlich dem Vergnügen ihrer Besitzer dienten, handelte er heute vor allem mit Lustsklaven, obwohl neuerdings immer häufiger das Thema Organspenden im Vordergrund stand.
In Indien und einige Republiken der ehemaligen Sowjetunion gab es Kliniken für die Reichen der Welt, die ständig nach Organnachschub schrieen.
So war Oreste zum Wohltäter geworden. Seine Ärzte untersuchten die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Gaben den Kranken Befundberichte und standardisierte Behandlungspläne, mit denen diese bei anderen Organisationen zumindest zielgerichtet um Behandlung
betteln konnten. In Wirklichkeit erstellten sie jedoch eine Gendatenbank, um für fast jeden denkbaren Bedarf einen Organspender irgendwo bereit zu haben. Trat der Bedarf auf musste nur noch der Betreffende eingefangen werden.
Daneben verkaufte Oreste Waffen, geschützte Tiere, Drogen und alles, was Geld bringen konnte. Je nach Bedarf spielte er die arabische oder italienische Karte. Als er von Gabriel Tavares Bocarro, seinem Mann aus Macao, angerufen wurde, der von der Aufregung unter seinen Klienten wegen der Medienberichte erzählte, blieb Oreste ruhig. Solche Stürme waren das Salz in der Suppe. Wie immer, handelte er schnell und eiskalt, indem er befahl, alle Kunden, die reklamierten, zu töten.
Nachdem die Anweisungen raus waren, gönnte er sich eine weitere Freude. Er rief seinen alten Rivalen Salvatore Bruscini an, der zwar nie Bilder bei ihm gekauft hatte, sich seine Schätze jedoch von einem italienischen Adeligen im Auftrag einer Österreicherin hatte andrehen lassen.
Bruscini jetzt ein Weilchen gegen den Strich zu bürsten, war ein ähnlicher Genuss, wie das Verfügen von Abschlachtungen der betrogenen Betrüger, die meckerten, anstatt sich an ihren Kunstwerken zu delektieren.
13. März 2006 Caneve 15 Uhr 34
In Italien war Graf Pietro Caloprini auf der Flucht. Richtig nervös machte ihn, dass er Elisabeth von Marai nicht erreichen konnte. Durch die Nachrichten in allen Medien war klar geworden, dass ihm wenig Zeit blieb. Sein Haus gehörte seit langem der Bank, seine Schulden in diversen Geschäften und Bars würden ihn genauso wenig vermissen wie er sie, daher war es nicht der Abschied, der ihm den Schweiß ins Gesicht trieb. Vielmehr hoffte er, die Schweiz zu erreichen, ehe ein paar seiner Kunden ihm ihre Aufwartung machen konnten. Immerhin hatte er einiges an Schmuck von Mutter und rund zweihundertfünfzigtausend Euro gerettet. Das musste für einen Neuanfang reichen.
Ihm schwebte das schwarze Meer, die Ukraine oder Georgien vor. Vielleicht würde er Haselnüsse züchten. Sein goldfarbener Lamborghini fuhr zügig in Richtung Bozen, als er vor sich eine Verkehrskontrolle entdeckte. Rasch schob er den Koffer unter den Beifahrersitz und folgte den Anweisungen des energisch winkenden Polizisten. Weitere Beamte leiteten ihn von der Autobahn herunter auf einen dicht umwachsenen Parkplatz. Pietro stellte den Motor ab.
Während er nervös damit beschäftigt war, die Papiere zusammenzusuchen, fuhren die Polizeiwagen plötzlich ab. Vielleicht ein Einsatz, dachte er, und wollte starten, als er einfror, weil er das Klicken einer Waffe neben seinem Ohr vernahm.
„Pietro, mein Bruder. Es ist doch ein wunderbarer Tag heute, wenn auch noch ein wenig zu kühl. Aber ich ahne schon den Duft des Frühlings.“
Er hörte, wie tief eingeatmet wurde, wagte sich jedoch nicht zu rühren, weil das kalte Eisen an seine Schläfe gedrückt wurde. Der Bewaffnete sprach mit einem süffisanten Unterton weiter: „Wohin bist du denn so eilig unterwegs, Graf? Mein Chef, der ehrenwerte Salvatore, will sich mit dir unterhalten. Kann sein, er möchte noch ein paar Bilder von dir kaufen.“ Die Stimme lachte.
Pietro hatte sie erkannt. Sie gehörte dem verfluchten Zwerg, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckte! Er hatte einfach Spaß am Töten.
Pietro standen Schweißperlen auf der Stirn, jetzt ja keinen Fehler machen, beschwor er sich selbst und antwortete möglichst ruhig: „Ich hab einen Termin in Salzburg. es geht um Schmuck und Bilder. Morgen früh bin ich wieder zurück. Wo finde ich deinen Chef dann?“ Er hoffte, dass seine Worte beiläufig und aufrichtig klangen.
Der Zwerg ließ sich offensichtlich nicht übertölpeln. „Steig schön langsam aus“, sagte er, „Ich hätte gern einen Grund, um auf dich zu schießen. Wenn Salvatore dich treffen möchte, wird er dich dort finden, wo er dich sehen will. Notfalls nagle ich dich an.“ Grinsend drehte er sich zu seinen Begleitern um, die eine Mauer hinter ihm bildeten.
An einen Fluchtversuch war nicht zu denken, wusste Pietro Caloprini, als er die anderen sah. Er drückte seine manikürten Fingernägel in die Handteller, um nicht vor Angst ohnmächtig zu werden.
Der Zwerg nahm die Waffe von der Schläfe, legte ihm den Lauf unters Kinn, drehte damit Caloprinis Kopf zu sich und sagte, während er ihm in die Augen starrte: „Festnageln wäre tatsächlich eine nette Sache. Weiß einer von euch, wo es hier Hammer und Nägel zu kaufen gibt?“
In der nächsten Sekunde rissen die Kerle die Tür des Lamborghini auf. Sie schleppten Pietro zu einem Transporter, warfen ihn hinein. Zuerst wurde er an Händen und Füßen gefesselt, dann Mund und Augen mit Paketband verklebt. Sie rollten ihn in irgendetwas ein, er vermutete einen Teppich. Panik überfiel ihn, er rang nach Luft, die ihm die verstopfte Nase in Verbindung mit Klaustrophobie immer wieder verweigerte.
Als das Fahrzeug anhielt, hatte er keine Idee, wie lange sie gefahren waren. Er hoffte nur, bald besser atmen zu können. Die Ladetür wurde aufgerissen und etwas neben ihn geworfen.
„Hammer und Nägel. Du kannst dich schon freuen.“
Das Gelächter dröhnte in Pietros Ohren lange weiter, nachdem die Tür zugeschlagen war und die Fahrt fortgesetzt wurde.
Er konnte nicht denken. Seine Kraft reichte gerade, um Luft zu schnappen. Er glaubte nicht, dass er noch mehr leiden konnte. Egal, was sie ihm antaten.
Darin aber hatte Pietro sich gewaltig getäuscht. Als das Auto wieder anhielt, wurde er in seinem Teppich herausgezerrt. Nicht der Aufschlag von der Ladekante auf den Boden war das Problem, sondern die Tatsache, dass dabei der Staub von Jahrzehnten in dem Teppich aufgewirbelt wurde.
Als er im Haus herausgerollt wurde, war er blau angelaufen und krampfte. Man riss das Pflaster von seinen Lippen und schütte ihm Wasser ins Gesicht: „Du sollst uns nicht einfach so abkratzen, Graf. Das würde uns ja den ganzen Spaß versauen.“
Sie rissen ihm die Kleidung vom Leib und brachten ihn zu einer Holzwand. Der Zwerg kam mit einer Trittleiter, bewaffnet mit Hammer und großen Nägeln.
„Nehmt den Wahnsinnigen von mir weg. Ich sage euch alles, was ihr wissen wollt“, tobte Pietro, wurde aber mühelos festgehalten.
Einer griff ihm zwischen die Beine und quetschte seine Hoden.
Fröhlich pfeifend schlug ihm der Zwerg Nägel, deren Ende große Unterlegscheiben bildeten, erst durch beide Hände, dann durch die weit gespreizten Füße.
Grinsend stand er vor seinem Werk: „Ich wollte lange schon mal testen, ob die Kreuzigungsbilder richtig sind. Wenn die Nägel jetzt ausreißen, schlagen wir sie beim nächsten Mal durch die Gelenke.“
Ehe er und seine Helfer den Raum verließen, krachte er ihm den Hammer auf das rechte Knie. Pietro spürte den Schmerz im gesamten Körper.
Zwei Bodyguards betraten den Raum, gefolgt von Salvatore Bruscini, der ihn anlächelte, was ihm neuen Mut gab. „Der Graf Caloprini als der Gekreuzigte. Bemüh dich nicht, bleib ruhig hängen, mach es dir bequem. Ich habe nur ein ganz kleines Anliegen an dich. Ich möchte die 140 Millionen Euro wiederhaben, die ich dir für Kunstwerke bezahlt habe, die leider nur Fälschungen sind“, sagte er und zündete sich eine Zigarette an.
„Salvatore, ich hatte keine Ahnung. Ich bin selber ein Opfer, ich ...“
„Schon gut.“, unterbrach Salvatore, „Vergeude nicht meine Zeit. Gib mir einfach das Geld und wir bleiben gute Freunde. Es ist ganz einfach. Ich nehme auch gerne einen gedeckten Scheck. Das Geld aus deinem Köfferchen und den Wagen behalte ich als Anzahlung auf die Zinsen.“
Nun flehte Pietro mit zittriger Stimme: „Ich habe doch das Geld gar nicht, das hat die Österreicherin, die Marai. Ich war nur ihr Verkäufer in Frankreich, Italien an der Adria und in der italienischen Schweiz. Sie hat das Geld. Sie wohnt in Wien. Ich gebe dir gerne ihre Adresse. Ich ahhhhhh ...“
Wieder wurde seine Männlichkeit gequetscht.
Bruscini betrachtete seine Leute und ging zur Tür. Pietro versagte die Stimme, als er hinter ihm herrufen wollte. Erneut war er allein. Er weinte.
Draußen versammelten sich die Männer um Salvatore: „Ich möchte, dass ihr herausfindet, was er weiß. Jede geringste Kleinigkeit. Ich erwarte einen klaren Bericht und Vorschläge. Eines möchte ich auf keinen Fall: Den Grafen Pietro Caloprini lebend wieder sehen. Die Sache mit der Kreuzigung gefällt mir. Ihr solltet die Angelegenheit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, wenn er tot ist.“
Bruscini stieg ins Auto, fuhr ab und telefonierte mit seinem Rechtsanwalt in Wien. Glücklicherweise kannte der nicht nur den Journalisten, der die Story in der Krone gebracht hatte, sondern auch den Polizisten, der sie getratscht hatte. Beide würden mit Geld zu haben sein, sagte der Jurist. Bruscini erteilte ihm die entsprechenden Aufträge.
Am nächsten Tag besuchte Maria Volocia die Bergkapelle der heiligen Jungfrau, um sie zu säubern und den Blumenschmuck zu erneuern. Sie überquerte den Vorplatz, auf dem ein großes Kreuz stand, das als Wahrzeichen weithin sichtbar war und erschrak zutiefst.
Statt Jesus hing dort ein nackter mit Goldfarbe bemalter Mann, dessen Körper unzählige Wunden aufwies.
Die Fotos des ermordeten Pietro Caloprini gingen um die Welt. Abgesehen vom sprachlosen Entsetzen, das sie auslösten, verwirrte die große Zahl von Pinseln, die im Anus des Toten steckten, die Kunst- und Verbrecherszene.
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18. Waidmannsheil
Je geschickter die Falle, desto leichter
fängt man sich selbst darin.
Chinesisches Sprichwort
Während Tschikowski an einem neuen Höhepunkt der Geschichte des Kopierens arbeitete, chauffierte die Störchin ihren Chef über Bad Völsau nach Furth an der Triesting. Sie klingelte bei der Nachbarin Frau Feger an, doch nichts rührte sich hinter den rosengemusterten Spitzenvorhängen der Fenster.
Im Garten der Marai liefen zwei große gefleckte Doggenrüden auf und ab. Als die beiden Beamten sich dem Tor näherten, stürzten die Tiere in ihre Richtung, blieben aber ruhig. Dafür fegte ein braunweißes Etwas schrill kläffend aus dem Gebüsch. Der Jack-Russel-Terrier überschlug sich fast vor rasender Wut. Die Störchin lachte kehlig in ihrem tiefen Alt, als die beiden Doggen mit gelassenem Blick zu dem Winzling hinuntersahen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie dazu den Kopf schüttelten.
Eine kleine, rundliche Mittfünfzigerin wuselte über den Rasen zum Tor. „Warten’S, ich komm schon. Ich bin die Frau Feger. Ich hab schnell noch geputzt. Es muss ja ordentlich sein, wenn die Polizei kommt.“ Sie öffnete Lob heischend das Tor.
„Damit brauchen wir dann auch keine Spurensicherung mehr. Vermutlich finden wir hier nicht mal mehr die Fingerabdrücke der Bewohner“, röchelte Huber.
„Ja, wir sind eben ein sauberes Volk, wenn man nicht so genau hinsieht“, erwiderte die Störchin. „Aber den Täter, der zwischen diesen Doggen durch ist, möchte ich sehen. Und der Winzling würde sowieso Tote aufwecken.“ Mit einem Blick auf das große und gut abgeschirmte Grundstück hier am Ende des Nichts und die Rüden fuhr sie fort: „Zwanzig Euronen darauf, dass die Marai und die Lamm noch weitere Leidenschaften als die füreinander g’habt haben.“
Während sie von Frau Feger ins Haus geführt wurden, interessierten die Doggen sich nur für die Störchin, was bei ihr ein Grinsen auslöste.
Huber erfuhr in einem Schnelldurchgang alles wesentliche über das Paar Lamm/Marai und dass das nicht schicklich sei, was die machten und dass der Frau Feger ihr Mann nicht auf das Grundstück durfte und sie ihn immer vom Dachfenster vertrieb. So ermüdend der Redeschwall war, er enthielt genug Wissenswertes, dass es sich lohnte, zuzuhören. Als die Spurensicherung eintraf, übernahm die Störchin Frau Feger, hakte sorgfältig die bereits erwähnten Punkte ab und machte sich gewissenhaft Notizen in ihrem Notebook.
Während einige eindeutige Bilder und Heftchen gefunden wurden, hatte die Störchin ihren Bericht fertig und bereits per Mail an Huber geschickt, als dieser mit zwei der Bildchen ankam: „Wie kamst du darauf, Störchin?“
„Zwei so große Rüden dienen nicht dem Schutz. Nicht bei Frauen. Rüden bekommen sich leicht an die Köpfe und sind im Duo schwer zu bändigen. Männer halten sich mehrere, um zu beweisen, was sie doch für Alphatiere sind. Frauen nur, wenn sie züchten oder ein anderes Hobby haben. Scheint sich übrigens immer mehr zu verbreiten. Liegt wohl daran, dass Hunde den Befehl ‚Aus!’ verstehen.“
Huber grinste errötend: „Ok. Hier ist kein Tatort, also zurück nach Wien.“
Am nächsten Tag flog der Reichsgraf sehr früh nach Bern, um sich dort mit dem Polizeipräsidenten zu treffen.
Aufgrund des großen Gepäcks wurde er von diesem mit „is den schon Weihnachten?“ begrüßt.
„Nein“, kam prompt Johanns Antwort, „ich will dir bloß die nächsten Tage versauen. Hast du meine Mail gekriegt?“
„Ja. Die Trommeln wurden in der Schweiz vor zwei Jahren durch elektrische Drähte ersetzt. Aber so richtig schlau bin ich daraus nicht geworden. Du behauptest also, du kannst beweisen, dass der Berner Bürger Bent Rittig ein Sexualverbrecher ist?“
„Falsch, ich fahre nicht zu dir, um Thesen aufzustellen. Ich beweise es dir einfach.“
Er brauchte ungefähr eine Stunde, dann war der Polizeichef ins Bild gesetzt.
„Du hast also einen Haufen illegaler Beweise und möchtest nun, dass wir so tun, als wären die legal. Aber selbst die Kreditkartendaten können wir nicht verwenden, weil wir sie nicht kriegen. Die Auslandsdaten des Handys auch nicht. Ich bin gerne bereit dir beizupflichten, dass er höchstwahrscheinlich der Täter ist. Was also erwartest du?“
„Ganz wenig. Ich brauch einen Abzug seines Originalpassbildes in elektronischer Form. Dann hänge ich einen von den Pinkerton Detektiven an seinen Hintern. Das sind r die besten Beschatter. Die sollen mir gleich noch mal DNA-Material besorgen. Das ist hier ja legal. Der Mann ist Raucher und wenn er Kippen wegwirft, darf der Finder damit machen, was er will.“ Johann nahm den angebotenen Whisky gerne an, er hatte sich gerade den Mund fusselig geredet.
„Soweit okay. Aber dafür kommst du nicht extra her. Du bist doch sonst so ein fauler Hund?“
„Ich möchte, dass du den Diplomatenpass ausschaltest.“
Der Polizeichef verschluckte sich, hustete ausgiebig, Johann klopfte ihm auf den Rücken.
„Wie soll ich das denn machen? Ich werde nur nach seiner Akte gefragt, wenn da was aus dem Ausland kommt, bevor unser Außenamt anfängt zu agieren. Da kann ich nichts verhindern, wenn der nicht hier ist, müssen die einschreiten.“
„Ich weiß. Aber wenn du meldest, dass Rittig deines Wissens nach auf einem Kletterurlaub in Tibet ist oder zum Radwandern am Niederrhein, werden die den österreichischen Behörden glauben, dass der Mann, den sie haben, ein Betrüger ist, was wiederum die Zeit verschafft, Anklage zu erheben. Danach werden die Diplomaten sich schon einigen, zumal auch Deutschland die Auslieferung verlangen wird.“
„Das ist richtig. Sein Diplomatenpass dient ja nur zum Geldeinsammeln. Den werden die schnell aufheben. Vor allem, wenn er so dumm war, hier zuzuschlagen. Hast du was gefunden?“
„Zwei Fälle sind aufgeführt. Ähnlicher Tatvorgang und ungeklärt, ein weiterer angeblich geklärt. Aber das ist euer Problem. Lasst ihn ruhig über die österreichische Grenze. Da pflücken wir ihn uns dann.“
Am Abend des gleichen Tages war Johann wieder in Wien. Mit Helga, die kaum aus Petersburg zurück gekommen, sofort wieder von ihm mit Beschlag belegt wurde, trieb er sich die nächsten Tage bei den Wiener Fälschern herum, auf den Standplätzen des fahrenden Volkes und bei zwei kleinen Zirkussen. Seine Scharade war fast fertig. Als Huber ihm eine Goldpfeil Brieftasche aus schwarzem Ziegenleder vorbeibrachte, wie sie Bent Rittig besaß und ständig benutzte, waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Mit knapp 19 mal 10 Zentimetern war sie ungewöhnlich groß.
Die Pinkerton Leute hatten fleißig Bilder geschossen und waren mittlerweile über die Reisepläne von Rittig informiert. Alles war vorbereitet, als er am Montag im Hotel Jesuitenmühle in Schwechat eincheckte. Er war sogar so freundlich, für den nächsten Morgen um acht Uhr ein Taxi zu bestellen, das die Pinkerton-Mitarbeiter dann wieder abbestellten.
Nach einem ruhigen Abend im Hotel mit Sauna und Essen wartete er am nächsten Morgen auf den Wagen. Das Taxi war ein getarntes Fahrzeug der Polizei, für Laien nicht zu erkennen. Es hielt am Flughafen an der vorbestimmten Stelle, weil das eigentliche Ziel des Passagiers im Augenblick wegen Staatsbesuch nicht erreichbar sei, wie der Chauffeur Rittig sagte. Er schöpfte keinen Verdacht. Beim Aussteigen erblickte er eine Frau, die sich nach einem Papierfetzen bückte, als scheinbar der Wind ihren Rock anhob und einen schönen nackten Hintern zeigte.
Rittig war so fasziniert, dass er in einen anderen Passagier hineinlief. Einen Ausländer, irgendetwas südländisches, der sich in gebrochenem Deutsch mehrfach entschuldigte. Rittig fasste vorsichtshalber an seine Brieftasche. Aber die war an Ort und Stelle. Solch eine Monsterbrieftasche konnte eben niemand stehlen. Den Koffer mit dem Geld für den deutschen Industriellen hatte er an der Hand. Es war alles in Ordnung. Mit einem letzten Blick auf die junge Frau mit dem dicken blonden Zopf, die sich mittlerweile wieder restauriert hatte, ging er in die Halle, um auf das Flugzeug aus Hamburg zu warten. Ziemlich erstaunt schnappte er nach Luft, als er von zwei freundlichen Polizisten angesprochen wurde, die wissen wollten, was er in seinem Koffer habe.
„Ich bin Diplomat, meine Herren!“ Er griff nach seiner Brieftasche, was sofort unterbunden wurde. „Kommen’S einmal mit, ohne Aufsehen und lassen’S die Hände sichtbar“, sagte der eine Uniformierte, während der andere seine Finger diskret, aber deutlich auf den Pistolengriff am Gürtel legte. In der Kammer, in die sie Rittig bugsierten, war es mit der Freundlichkeit schnell vorbei. Die Leibesvisitation ergab, dass sich in der Brieftasche Blüten befanden, gefälschte österreichische Papiere und ebensolche Führer- und Waffenscheine. Die echten zwei Millionen Euro in seinem Koffer halfen auch nicht wirklich. Auf die anschließend beginnende Odyssee war Bent Rittig in keiner Weise vorbereitet.
In der Wachstube auf dem Flughafen wurde er fotografiert. Danach nahm man seine Fingerabdrücke und ein Arzt zapfte ihm eine Blutprobe ab. Rittigs Behauptung, Schweizer zu sein, wurde mit Hinweis auf seinen falschen, aber dennoch österreichischen Ausweis mit einem Lächeln zurückgewiesen. Das Gebrüll, mit dem er betonte: „Ich bin Diplomat, ihr stupiden Amtsorgane!“, brachte ihm eine Beamtenbeleidigungsstrafe ein und ein phlegmatischer Polizist erklärte ihm freundlich, dass kein Schweizer so blöd wäre, mit einem falschen österreichischen Ausweis in Österreich zu agieren. So schiach seien nur die eigenen Deppen.
Wohl hatte er mal etwas davon gehört, wie mit Verdächtigen umgesprungen würde, bekam aber nun einen netten Lehrgang über den genauen Hergang des Verfahrens, dass landläufig „Verdächtigenschubsen“ genannt wurde.
Nach einer Nacht am Flughafen ging es mit dem Gefangenentransporter über Linz nach Graz, wo er laut Ausweis herstammte. Dann nach Kärnten und wieder zurück über Wels nach Wien. Die Tage in ständig wechselnden Zellen oder auf dem Transport, seit langem ohne Zigaretten, hatten Rittigs Selbstbewusstsein schwer demoliert.
In Wien erwartete ihn Kommissar Huber mit den Beweisen und den Ergebnissen seiner DNA-Analyse. Der ihm zugeteilte Pflichtverteidiger versuchte noch einmal die Schweizer Karte zu spielen, aber Rittigs Heimat reagierte ablehnend. Der echte Bent Rittig sei zum Bergsteigen im Himalaja und werde erst in einigen Monaten zurück erwartet, war die einzige Antwort. Er brach letztendlich zusammen und gestand sechzehn Morde, darunter drei in der Schweiz. Seltsamerweise wurde zu diesem Zeitpunkt seine echte Brieftasche im Berner Hauptbahnhof gefunden.
So sehr sich Huber auch über die Aufklärung des Mordes an der Marai und den anderen Mädchen freute, in Sachen Kunstdiebstahl waren sie keinen Millimeter weitergekommen. Die Ermittlungen in Deutschland hatten ebenso nicht viel gebracht. Auftraggeber für den Raub in Wien war angeblich Luigi Verano, ein Mann aus dem Val di Zoldo bei Cortina d’Ampezzo, dem Tal der Eismacher. Österreichische Mitglieder der Wehrsportgruppe hatten ihn auf der Eismesse in Longarone getroffen. Er plauderte mit rheinischem Dialekt, was bei den Gelatieri nicht ungewöhnlich ist. Die meisten sind zweisprachig und haben ihre Eisdielen überall in Deutschland und Österreich.
Die Bilder hatten sie in einer Tiefgarage in einen Transporter umgeladen. Obwohl sie videoüberwacht wurde, war weder die Einfahrt noch die Ausfahrt des Transporters gefilmt wurden. Dafür aber ausführlich der Umladevorgang. Eine Manipulation an den Bändern war nicht nachzuweisen. Die Nummernschilder des Transporters waren als gestohlen gemeldet.
Huber und Johann fassten einen letzten verzweifelten Plan. Wie verzweifelt sie waren, sah man schon daran, dass Tschikowski gebraucht wurde, um ihn zu verwirklichen. Im Wesentlichen ging es darum, die Presse über die gefälschten Bilder zu informieren und sie in wildeste Spekulationen zu jagen. Dass sie nichts Wichtiges hatten, machte die Sache nur unwesentlich leichter.
„Tschikowski!“, rief Huber entnervt.
„Was?“, kam mürrisch vom Schreibtisch im Nebenraum.
„Schwing deinen Hintern herüber.“
Huber hörte den Stuhl über den Boden scharren, dann stand Tschikowski mit saurer Miene in der Tür. Sein Gesicht entwölkte sich zusehends, als Huber sagte: „Bist du bereit, eine wichtige und sehr gefährliche Aufgabe wahrzunehmen?“
„Na sicher, Chef!“ Lehnte Tschikowski bisher wie ein Fragezeichen an Hubers Schreibtisch, so straffte er nun seine Schultern.
Dass kleine Männer extrem abhängig von Anerkennung waren, wusste Huber nur zu gut, deswegen rang er die Hände, als wäre Tschikowski der Schlüssel zu allem und sagte dramatisch: „Nur du kannst das perfekt über die Bühne bringen. Führe die Presse an der Nase herum.“
„Super, diese Trottel hab ich schon lang auf meiner schwarzen Liste“, antwortete Tschikowski begeistert; er hatte den Medien noch nicht verziehen, dass Huber und Rokitansky anlässlich des Leichfundes an der Donau in der Kronenzeitung gestanden haben, er selbst nicht mit einem einzigen Wort erwähnt wurde.
Am selben Abend trafen sie sich in aller Freundschaft in einem Konferenzraum des Hotel Sacher, wo nur von Zeit zu Zeit der schweigsame Kommissar Mücke in der Maskerade eines Kellners die drei mit Speisen und Getränken versorgte, die der Hausservice bis zur Tür lieferte.
Zunächst zweifelte der Reichsgraf an den Fähigkeiten des komplexbehafteten und dummen Jungkommissars, ließ sich dann von seinem Engagement überzeugen, denn Tschikowski blätterte seine guten Verbindungen zur Kronenzeitung und anderen Printmedien auf, wie ein Angeber seine paar Geldscheine so geschickt vorzählt, dass es nach deutlich mehr aussieht als an realem Wert vorhanden ist.
Huber verkniff sich, die Pleite von der Wasserleiche zu erwähnen und hoffte, Tschikowski würde sich auf die seriösen Tageszeitungen konzentrieren, wie Presse und Standard.
Es wurde eine genaue Liste erstellt, was er sagen und was er verschweigen sollte. Als immer noch Zweifel in den Augen des Reichsgrafen zu sehen waren, unterzeichnete Tschikowski die Listen sogar mit Datum und reichte sie an Huber weiter.
Danach beendete der Reichsgraf erschöpft das Meeting und erlaubte mit letzter Kraft Tschikowski, die nicht angebrochenen Flaschen mitzunehmen. Durchdrungen von der hehren Aufgabe verließ dieser das Sacher.
MM legte die Tarnkleidung ab und gemeinsam gingen sie an die Hotelbar. Eigentlich war Mücke in Wien, um sich mit den Kollegen vom Raub und Huber abzustimmen. Er sah die anderen an und seufzte: „Einen Fairnesspokal werden wir dafür nicht bekommen. Aber was soll’s. So ein Riesenrindviech wie der Tschikowski ist genau die richtige Vorlage für die Presse, der verrät denen auch noch die Geliebte deines Polizeipräsidenten.“ Er wärmte in seinen Händen das Glas mit einem alten Remis Martin.
„Wenn ich richtig informiert bin, hat der eher einen Geliebten. Egal. Wir müssen Unruhe schaffen, um den Fall in Bewegung zu bekommen. Würde sich Tschikowski an seine Anweisungen halten, könnte ihm nichts passieren, aber da er Mist baut wie immer, riskiert er eine Abmahnung in seiner Akte. Die hätte er schon tausendmal aus wichtigeren Gründen verdient. Was soll’s also“, pflichtete Huber bei.
Der Reichsgraf nickte und meinte nach einer Weile: „Wir haben keine andere Wahl. Keinem von uns würden die Pressefuzzis ein Wort glauben. Dafür haben wir sie schon viel zu oft veralbert. Wenn wir nicht auf Kommissar Zufall warten wollen, müssen wir das Wild hochscheuchen.“
Huber kam mit der fadenscheinigen Ausrede, Migräne zu haben, nicht ins Büro. Er wollte sich einfach selbst nicht die Gelegenheit geben, Tschikowski vor Dummheiten zu bewahren in seiner Gutmütigkeit. Die Angelegenheit war einfach zu wichtig. Morgen konnte überall auf der Welt der nächste Überfall stattfinden. Statt dem Hauptkommissar hatte sich Tschikowski in Hubers Büro einquartiert und protzte gegenüber der Störchin mit einem Geheimauftrag, über den er aber nichts sagen könne. Dazu führte er mysteriöse Telefongespräche und verschwand vor der Mittagspause.
Tschikowski überbot die von ihm erwartete Dämlichkeit um einiges. Hatte er den Journalisten von Kurier, Presse und Standard im wesentlichen das Abgesprochene berichtet und saftige Belohnungen dafür erhalten, war der Reporter der Kronenzeitung ein anderes Kaliber. Er setzte Tschikowski derbe unter Strom und landete mit ihm in der Sonnenfelsgasse bei Josefine. Dort war Tschikowski im siebten Himmel, weswegen er in seinem Dusel dem Reporter die Liste dessen gab, was er nicht sagen sollte. Selbst bei den Mädchen kam er nicht so richtig zum Zuge, weil der Alkohol seiner kleinen Männlichkeit nicht zuträglich war.
Am nächsten Tag flog Michael Mücke wieder nach Berlin, Huber war in seinem Büro und Tschikowski kämpfte zuhause mit einem fürchterlichen Kater. Tatijana war, nachdem sie Rittig mit ihrem nackten Hinterteil auf dem Flughafen irritiert hatte, in die russische Gemeinde abgetaucht, während sich Nixon mit einem Informanten in Rom traf. Der Reichsgraf telefonierte mit seiner belgischen Eroberung, konnte ihr jedoch keinen Termin nennen.
Helga hatte endlich Zeit, sich ihrem Drago zu widmen und badete zum Auftakt, um warm zu werden. Drago saß wie üblich am Wannenrand und geigte ihr etwas vor. Helga bemerkte, dass er nur melancholische Melodien spielte. Als er „Otshi tshornýe“ anstimmte, ein todtrauriges, russisches Lied, das übersetzt, „Schwarze Augen“ heißt, runzelte sie die Stirn. Schließlich reichte es Helga, denn Drago intonierte den Song „Trauriger Sonntag“, der als Selbstmörderlied in die Geschichte einging. Hunderte Menschen hatten sich zu diesen Klängen während und nach dem zweiten Weltkrieg von Brücken gestürzt. Helga wohnte im dritten Stock und wurde nervös.
„Was ist los, Drago?“ Sie stieg aus der Wanne, er nahm die Geige vom Kinn und blickte leidend ihren tropfendnassen Körper an. Unwillkürlich hüllte sie sich ins Handtuch, obwohl sie sonst dem Mann ihrer Liebe gegenüber nicht prüde war. Neuerdings wusste sie, dass sie überhaupt nicht prüde sein dürfte, wenn sie genug Wodka im Blut hatte.
„Ach ...“, seufzte Drago herzzerreißend.
„Was? Sag schon?“ Seine südländische Seele brachte Helga manchmal an den Rand des Durchdrehens; alles musste man ihm aus der Nase ziehen. Lieber litt er stumm, als sich klar und deutlich zu deklarieren.
„Das ist unmännlich“, sagte er.
Meist setzte er das tragische Gesicht auf, wenn er mit anderen Serben über seine Heimat redete. Das konnte Helga gut verstehen. Aber im Moment konnte sie keinen ernsthaften Anlass für sein Leid entdecken.
„Ach“, sagte er zum zweiten Mal.
„Spuck’s schon aus!“ Sie schlüpfte in den Froteebademantel. „Du sprichst in Rätseln, das vertrage ich nicht.“
Drago wischte den Wasserdampf von der Geige und verließ das Bad. Helga rannte ihm nach. Er schlurfte zum Fenster, wollte es öffnen.
„Nein! Das machst du nicht!“ Sie riss ihn zurück.
Drago drehte sich erstaunt um. „Alles ist so feucht“, sagte er.
„Ach, und ich hab’ schon geglaubt ...“ Sie fiel überreizt auf das Sofa. Die letzten Wochen waren einfach zuviel gewesen für sie, dabei war ein Ende noch nicht abzusehen.
„Wo schläfst du, wenn du verreist bist?“
„Im Hotel.“
„Mit wem?“
Helga sprang auf. „Misstraust du mir vielleicht?“
„Ich frage doch nur.“ Drago hob abwehrend die Hände, aber sein Blick sprach Bände.
Natürlich verdächtigt er mich, dachte Helga und zerbrach sich das Hirn. Sie war eine verdammt ehrliche Haut, deshalb sagte sie: „Mit Tati.“
Da atmete Drago tief durch und die Schatten verließen sein Gesicht. Er stürzte zu Helga, warf sie aufs Sofa und schon bald lauschte die ganze 3. Etage verzückt dem Lustkonzert aus Helga Brenners Wohnung.
Während der Zeit recherchierten die Reporter, und der Chefredakteur der Kronenzeitung telefonierte mit seinem Kollegen bei der Bildzeitung in Deutschland.
MM hatte als erster ein Exemplar, weil einer seiner Informanten in der Druckerei arbeitete und ihn immer dann, wenn über Mücke geschrieben wurde, anrief. Die Schlagzeile war ein Hammer „Neonazis als Kunstdiebe im Luch gestellt!“
Im Text wurden nicht nur alle den Ermittlern bekannten Fakten genannt, sondern auch noch süffisant darauf hingewiesen, das Kommissar Mücke, der ja schon öfter durch eigenwillige Methoden aufgefallen sei, den Einsatz geleitet habe. Die WAZ-Gruppe, der die Kronenzeitung teilweise gehörte, stieß am nächsten Morgen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, der Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung, Westfälische Rundschau und der Westfalenpost mit dem gleichen falschen Tenor nach.
Der Kurier sah neben der Kronenzeitung recht blass aus, die sich nicht um die deutschen Probleme gekümmert, sondern intensiv damit beschäftigt hatte, weshalb gestohlene Bilder kopiert werden. Sie kam zu den gleichen Antworten wie die Ermittler, was nicht weiter verwunderlich war, hatte sie doch die Liste dessen, was Tschikowski nicht preisgeben durfte, fast wörtlich gedruckt.
Als er in Katerstimmung am nächsten Morgen beim Trafikanten vorbeikam, las er die Schlagzeile der Kronenzeitung. Es reichte ihm ein Blick darauf, um sich für einen Besuch beim Arzt und eine Krankschreibung zu entscheiden. Huber war froh, dass sich das Problem erst einmal so gelöst hatte, als ihn die Störchin über die Krankheit informierte.
Überall auf der Welt waren die Seismographen der Polizei in Stellung gebracht. Jetzt blieb das Warten.
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17. Die Störchin
Zwerge schlagen immer unter der Gürtellinie
Andrzej Majewski
6. März 2006 Wien 8:05
Kommissar Huber kniete unter seinem Schreibtisch vor einem verzwickten Fall.
Er fluchte wie ein Fiakerkutscher: „G’frast, deppertes. Na wart, i moch di Meier. Dreck, vertrottelter!“ Trotzdem kam er dadurch der Lösung des Problems keinen Millimeter näher. Also unternahm er einen neuen Versuch, alle Stecker so anzuordnen, das er den einzig freien Platz in der Leiste wirklich nutzen konnte und dieser nicht von einem anderen Stecker oder gar einem Netzteil verdeckt war. Als es dann endlich gelang, war er zunächst verblüfft und derart außer Atem, dass er unter dem Tisch hocken blieb. „Jetzt hab ich’s dir aber zeigt, Hundling!“, schnaufte er abschließend.
„Und es kam eine lange Dürre“, rezitierte Tschikowski, der immer noch sauer war, weil sein Chef sich in Berlin amüsiert hatte, während er in Wien die Stellung halten musste.
„Bist unter die Bibelleser gegangen?“ Franz Huber war der Gemütszustand des jungen Kollegen vollkommen wurscht.
„Vorsicht mit der Tür!“, brüllte Tschikowsi plötzlich mit Panik in der Stimme.
„Nicht aufregen, Zwergerl. Türen haben in Österreich wie fast überall auf der Welt eine lichte Höhe von 198,5 Zentimetern und ich bin nur 197 groß“, erklang eine ruhige, leicht sarkastische Frauenstimme. „und nein, ich spiele kein Basketball und bin nicht in direkter Linie mit einer Giraffe verwandt und ja, auch ich brauche zum Entfernen des Laubes aus der Dachrinne eine Leiter.“
Neugierig versuchte Huber durch eine Fuge unter seinem Schreibtisch hervorzulinsen, was aber nicht lautlos klappte; er verschob dabei seinen Bürostuhl.
„Sie können ruhig unter dem Schreibtisch hervorkommen. Ich beiße nicht nur nicht, ich will auch nicht spielen. Sie sind Kommissar Huber, nehme ich an?“
Huber steckte erst das Ende des Kabels durch einen Spalt im Tisch und kroch dann rückwärts hervor. In der rechten Hand hielt er seine neueste technische Errungenschaft, die er aus Berlin mitgebracht hatte. Ein Telefon, das gleichzeitig als PDA Notebook, Faxgerät und vor allem mit Linux funktionierte.
Die junge Frau hatte das Kabel ergriffen, damit es nicht wieder zurückrutschen konnte und Huber, auf den Knien in Demutshaltung, legte den Kopf in den Nacken, um ihr oberes Ende zu sehen. Von dort blitzten ihn intelligente Augen und ein freundliches Lachen unter einem dunklen, wilden Haarwuschel an.
Huber richtete sich zu seiner vollen Größe auf, was nicht viel veränderte – immer noch musste er nach oben blicken, wenn er in ihre Augen schauen wollte. Sein Versuch, die Hand der Besucherin zu schütteln, scheiterte daran, dass er den PDA und sie das Kabel hielt. Beide sorgten dafür, dass die Dockingstation des PDA an das Kabel angeschlossen wurde, was dieser mit einem freundlichen Piepen beantwortete. Die absurde Situation ließ beide in Gelächter ausbrechen.
Tschikowski verstand nicht warum, und seine Laune sank auf den Nullpunkt. „Wir sind hier in der Mordkommission und nicht im Wurstlprater beim Kasperl.“
„Tschikowski, halt’s Maul. Das ist mein Büro, hier hab ich das Sagen. Wenn du da bist, is eh schwer, was lustig zu finden“, gab Huber Kontra und wischte sich die Lachtränchen aus den Augenwinkeln. Dann musterte er erneut die große Dame, seine Augen leuchteten glücklich. „Sie müssen die Störchin, Entschuldigung, die Frau Erlenpichler sein? Huber mein Name, wie Sie richtig vermuteten.“
Sie streckte die Hand aus, der Kommissar drückte sie hocherfreut.
„Yepp. Waltraut Auguste Erlenpichler. Die Störchin. Strafversetzt wegen Widerstands gegen männliche Überheblichkeit aus Kitzbühel meldet sich zum Dienst.“
„Ich hab als Kind eine Schildkröte gehabt, die hieß auch Gustl. Die war viel sympathischer“, trötete Tschikowski aus dem Korridor.
Die Störchin war mit einem Schritt bei Tür und rief ihm nach: „Der letzte, der mich Traudl oder Gustl nannte, hilft heute tatkräftig bei der Erforschung des Erdmittelpunktes mit, nach dem ich ihm ein paar Mal auf sein edles Haupt gehauen habe. Wenn Sie sich dem anschließen wollen, dann bitte. Ansonsten bin ich für Sie die Frau Erlenpichler. Sie können sich den Namen gerne aufschreiben!“
Antwort kam keine und so wandte sie sich wieder ihrem neuen Chef zu, der schon wieder verdächtig gluckste.
Die Art gefiel ihm auf Anhieb und er schüttelte noch einmal ihre schlanke Hand: „Also ich bin der Franz Huber. Herzlich willkommen. Ich duze die meisten Leute. Wie also soll ich dich ansprechen, Waltraut oder Auguste?“
„Hi, Franz, Störchin ist ok. Das Ding habe ich weg, seit ich bei meinem langen Fahrgestell als Kind rote Strumpfhosen getragen habe. Wahrscheinlich bin ich so groß geworden, weil ich den Namen Waltraut und Auguste entwachsen wollte. Hat aber nicht geklappt.“
Huber zeigte der Störchin ihren Schreibtisch, der mit dem von Tschikowski im selben Zimmer stand und gab ihr die Gelegenheit, sich erst einmal zurecht zu finden und im Haus bekanntzumachen.
Kurze Zeit später stürmte der erzürnte Tschikowski in Hubers Büro. „Weißt du, wen die uns da angehängt haben? Das ist eine völlige verdrehte Gurken. Die Kitzbüheler jubeln, weil sie die los sind. Kann sich nicht unterordnen. Hat den zweiten Grad im Reiki. Das ist so ein Irrglaube mit Handauflegen. Macht nackt schamanische Tänze und tummelt sich ebenfalls nackt mit ganzen Heerscharen von Kerlen und Frauen in indianischen Schmutzhütten.“
„Du meinst Schwitzhütten.“
„Ist doch egal. Eine Schweinerei ist das auf jeden Fall. Sowas gehört nicht in den Polizeidienst. Die gehört auf die Geschlossene nach Steinhof.“
„Na, ich weiß nicht genau, wer da auf die Psychiatrie gehört. Egal. Du hast dich ständig beklagt, dass du zu viel tun musst. Freu dich, jetzt macht sie die Laufarbeit und du kannst deine kurzen Haxen schonen und im Wesentlichen deinen Schreibtisch bewachen. Ich weiß wirklich nicht, was du willst?“
„Wenn schon eine Kollegin, dann wenigstens eine, die gehorchen kann. Die Anweisungen befolgt.“
„Tschikowski, wie willst du denn Anweisungen geben? Du weißt doch selbst nicht, was du tust. Aber wenn es dir hier nicht gefällt – die Kitzbüheler suchen bestimmt Ersatz?“ Huber konnte sich einfach nicht beherrschen, obwohl er wusste, dass er damit Öl ins Gemütsfeuer des Kollegen goss: „Denk immer dran, wenn du dich dazu entschließt: Die haben dort Berge, die man rauf- und runterhatschen muss.“
Entzückt sah Huber dem wütend davon stapfenden Tschikowski nach.
Dann jedoch dachte er stirnrunzelnd, dass es gewiss Probleme mit dem Querkopf geben würde.
Huber hatte die Personalunterlagen der Störchin lange vor der Entscheidung, sie zu nehmen, gelesen. Ihm war es egal, ob eine Mitarbeiterin ein paar Köpfe größer war als er, vor allem wenn sie soviel in ihrem Kopf hatte und mit jeder Menge Herz aus ihrem Aussehen einen Witz statt ein Problem machte. Das einzige was er im Moment zu kritisieren hätte, war, das sie zu mager war. Aber das konnte man anfüttern.
Das kesse Klingeln seines neuen Handys riss ihn aus den Gedanken. Nach kurzer Ratlosigkeit tippte er auf Annahme.
Aus dem Lautsprecher erklang die Stimme von Professor Dr. Hugo Rokitansky, dem Pathologen: „Franzl. Du warst auch schon schneller. Grad wollte ich mich aufmachen, dich zu sezieren, weil du so tot schienst.“
„Leichenschänder, ich hab ein neues Telefon. Das kann alles mögliche. Auf jeden Fall mehr als ich. Noch habe ich Angst, dass es mich beißt, wenn ich auf den falschen Knopf drücke. Was gibt’s denn?"
„Ich habe Durst und möchte inoffiziell mit dir und wenn möglich der Helga reden.“
„Mit mir geht, wenn du mir sagst, wo du mein Geld verprassen willst. Die Helga ist mit der Zuschlägerin vom Reichsgrafen in Petersburg. Ich weiß nicht, wann die wieder da sind.“
Einen Moment herrschte Stille, dann kam ein fragendes: „Was bitte ist eine Zuschlägerin?“
„Na geh, Professor, das weißt net? Ursprünglich war das der, der dem Schmied zur Hand geht. Der Schmied dreht und wendet das Werkstück auf dem Amboss und der Zuschläger haut mit dem Vorschlaghammer auf die Stellen, die ihm angesagt werden. Schwere und schweißtreibend ist das. Der Zuschläger besitzt fast die gleichen Fähigkeiten wie der Meister, führt aber die unangenehmen, schmutzigen und gefährlichenArbeiten nach Anordnungen aus. So wie eben unsere Tatijana für ihren Johann.“
„Da siehst wieder, man lernt nicht aus, Franzl. Wenn der Graf in der Stadt ist, bring den mit. Wir benötigen irgendjemand, der nicht so sehr auf die Einhaltung von Gesetzen achten muss. Ich würde sagen um acht beim Nikisch in Sievering und bring ordentlich Geld mit. Du wirst es brauchen.“
„Ich bin öffentlich Bediensteter in Österreich, ich hab mit Geld nix zu tun. Aber ich kann ja kurz, bevor die Rechnung kommt, anfangen zu singen, damit sie uns ohne Bezahlung rausschmeißen. Bis später.“
Huber untersuchte sein Wundergerät weiter. E-Mail blinkte auch auf. Nun kam das, was ihn am meisten überzeugt hatte. Anstatt zu versuchen, mit einem fisseligen Stiftchen auf einer winzigen Fläche Buchstaben auszuwählen, schaltete er einfach die Lasertastur ein. Im Grunde war das nichts anderes als ein Teil in der Größe von zwei Feuerzeugen, das eine Tastatur auf jede Oberfläche projizierte. Wenn man schrieb, registrierte der Sensor jeden Anschlag. Virtuellen Tasten. Huber jubelte, denn zusammen mit einer Funkmaus hatte er einen vollständigen Computer, den er mit sich herumtragen konnte und der ständig über das gesamte Netz kommunizierte. „Einfach genial“, sagte er laut. Einziger Wermutstropfen war die Tatsache, dass die Batterien bei ständigem Betrieb nicht für einen Arbeitstag reichten. Aber er hatte einen Zweit- und sogar einen Drittakku und konnte praktisch überall nachladen.
Innerhalb von Minuten war er über verschiedene Ermittlungsergebnisse der Polizei informiert, hatte die an ihn gerichteten Faxe gelesen und zwei davon ausgedruckt, um sie weiterzugeben. Dann stürzte er sich in seinen normalen Tag.
Drago vermisste seine Helga schrecklich. Der Rückflug nach Wien war nicht annähernd so lustig gewesen wie die Hinfahrt mit dem Bentley.
Sie anzurufen, würde ihn an den Bettelstab bringen, denn die Telefongesellschaften mit ihren Roaminggebühren machten jede Auslandskommunikation für Normalverdiener praktisch unmöglich. Vielleicht würde sie sich ja heute Abend melden. Jammernd litt seine Geige mit ihm und übertönte das Gekratze seines Schülers.
Huber eilte auf die Limousine mit dem Stern zu. Der Fahrer öffnete ihm den Wagenschlag. Er setzte sich neben den Reichsgrafen: „Nobel, nobel, Johann. Ich dachte, du wolltest dir nur einen Leihwagen nehmen.“
„Habe ich doch auch. Der hat ein Navigationssystem mit Spracherkennung und halbautomatischer Steuerung. Dazu ein Parkplatzsuchsystem. Ich liebe Fahrer. Es gibt nichts Sinnvolleres, wenn man sich in einer fremden Stadt befindet.“
„Nach Sievering zum Nikisch, bitte“, testete Huber das Navigationssystem, das ihm mit „Gerne.“ antwortete.
Die Gaststube war voll, der Professor hatte vorausschauend einen Tisch reservieren lassen, an dem er bereits präsidierte. Alle entschieden sich für die gebackenen Blunzenradeln mit Krautsalat und dazu einen Grünen Veltliner vom Weingut Jurtschitsch.
Johann und der Professor wärmten während des Essens Erinnerungen an einen Kongress in Jerusalem auf, bei dem der Graf seine schematische Fallentwicklungserfassung vor Forensikern präsentiert hatte, die mittlerweile überall zum Standard gehörte.
Dann jedoch kam der Pathologe zur Sache: „Die Marai ist, wie schon im Bericht steht, eindeutig vergewaltigt und erwürgt worden. Ich vermute, dass sie während des Sexualaktes ständig gewürgt wurde, was dem Täter vermutlich noch mehr Befriedung verschaffte, und wodurch die Tötung zeitlich genau mit seinem Orgasmus zusammenfiel. Das ist eine Vermutung, die sich aus den Würgemalen ergibt, aber nicht zu beweisen ist. Wir Pathologen wollen uns da nicht festlegen, deshalb reden wir von möglicher fremdbewirkter Asphyxiation.“
„Stimmt, das stand im Bericht. Machen das nicht Schwule, die sich bei der Masturbation selbst aufhängen? Manchmal klappt es und wir haben einen dieser seltsamen Selbstmorde“, meinte Huber.
„Ja. es gibt sie als autoerotische Praxis, aber eben auch mit Partnern, wobei es sehr schwer ist, im Ernstfall zwischen einer einvernehmlich herbeigeführten Luftnot und dem Erwürgen zur Befriedigung der eigenen Lust zu unterscheiden. Eine Apnoe ist eine Apnoe. Egal, wie sie zustande kam. Die ins Blut ausgeschütteten Endorphine sind die gleichen.“
„Mit anderen Worten haben wir es hier auf jeden Fall mit sexueller Lust und nicht mit Rache für falsche Bilder oder Raub zu tun?“, hakte Johann nach.
„Es ging nur um Lust. Das kann ich so locker behaupten, weil sowohl in der Scheide als auch im Gebärmutterhals, sowie unter den Fingernägeln des Opfers DNA-fähiges Material sichergestellt werden konnte. Alles von der gleichen Herkunft. Wir wissen sogar, dass es von dem Schweizer Bürger Bent Rittig aus Bern stammt ...“
„Dann nehmen wir ihn einfach fest und fragen ihn, wie es war?“ Für Huber war der Fall so gut wie erledigt.
„Schön wär’s. Zumal wir in Österreich drei derartige Fälle in den letzten Jahren hatten. In Deutschland waren es sogar zwölf. Dummerweise haben wir keine gültigen Beweise. Unsere Vergleichs-DNA stammt aus einer illegalen Quelle. Ein Kollege hat in der Wachau ein Hotelzimmer durchsucht und Beweise entnommen, aber es gab keinen Durchsuchungsbefehl. Der ist aus Schusseligkeit nie ausgestellt worden und dieser Rittig hat einen Diplomatenpass. Er arbeitet nämlich als Kurier für mehrere Schweizer Banken. Holt das Geld aus Steuerhinterziehung und bringt welches, wenn es gebraucht wird. Da kommen wir legal nicht dran.“
„Es sei denn, der Herr Rittig könnte nicht beweisen, dass er Schweizer Bürger und Diplomat ist. Dann könnte ein Richter eine Blutentnahme anordnen, eine Untersuchung erfolgen und die Schweiz müsste gute Miene zum bösen Spiel machen und den Diplomatenstatus aufheben. Ich bin also hier, damit ich zaubern lasse. Professorchen, Professorchen, Sie sind ja ein ganz übler Finger“, mahnte Johann grinsend.
Huber schüttelte den Kopf: „Wie willst das denn machen? Das klappt niemals. Selbst wenn du ihm den Pass stehlen lässt, ist in einer halben Stunde die Botschaft da und er wieder frei.“
„Keine Sorge. Du kriegst ihn mit einem gefälschten österreichischen Ausweis ohne sonstige Papiere. Informier du mal einen Richter und flüstere die Worte, Terrorismusverdacht, Amerikaner, geheim, Bin Laden. Dazu ein Pflichtverteidiger, der nicht sehr eifrig ist. Ich werde gleichzeitig probieren, ihn in der Schweiz zu isolieren. Dazu brauche ich die Akten aus Österreich und Deutschland in ihren Zusammenfassungen mit den DNA-Gutachten. Die Polizei in Bern mag nämlich auch keine Mörder. Selbst wenn sie das Geld mit Baggern ins Land schaufeln.“
„Genau!“, stimmte der Professor zu und leckte die Blutwurstreste von der Gabel. „Deshalb sind die Akten schon auf dem Weg zum Huber. Es ist anzunehmen, dass Rittig auch in der Schweiz getötet hat und in Südtirol. Der deutschsprachige Teil des Elsass und selbst Luxemburg könnten in Frage kommen. Der Typ hat Spaß daran, der hört nicht auf.“ Rokitansky rief nach der Kellnerin. „Geh, bringst mir noch einen warmen Topfenstrudel, bitte.“
„Sehr wohl, Herr Professor“, flötete sie.
Im gleichen Moment klingelte Hubers Handy. Diesmal fand er den Annahmeknopf sofort. Es war die Weiterleitung aus dem Büro: „Huber. Morddezernat Leopoldstadt? Was kann ich für Sie tun?“
„Für mich können Sie gar nichts mehr tun. Aber Sie können den Mörder meiner Lebensgefährtin finden. Mein Name ist Patricia Lamm. Ich bin Stewardess.“
„Kann ich Sie irgendwo treffen? Wir haben in der Wohnung Ihrer Lebensgefährtin gar keine Spuren einer weiteren Person gefunden.“ Er sprang auf und rannte aufgeregt um den Tisch herum, während er zuhörte. Endlich der Hauch einer Spur!
„Ja, nächste Woche. Ich rufe aus Hongkong an und fliege morgen weiter in die USA. In der Stadtwohnung bin ich auch so gut wie nie. Die brauchte Elisabeth doch nur für ihre Arbeit. Ansonsten wohnen wir draußen in Furth an der Triesting. Eine Nachbarin hat mich angerufen, weil sie auf der Polizei in Bad Vöslau ein Bild von der toten Elisabeth gesehen hat. Die Frau Feger hat die Schlüssel für unser Haus. Sie kümmert sich um den Garten und um die Hunde, wenn wir nicht da sind.“
„In Ordnung, Frau Lamm. Ich möchte Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen. Und zu Ihrer Information, ich glaube, wir sind dem Täter auf der Spur. Aber wir müssen natürlich Ihr Haus durchsuchen, da wir nicht wissen, wo Frau Marai auf den Täter gestoßen ist. Das verstehen Sie hoffentlich.“
„Kein Problem. Sie können alles sehen und fragen.“
„Zwei Sachen hätte ich. Wir haben in der Stadtwohnung zwei Bilder gefunden, die aus einem Diebstahl stammen könnten. Hat ihre Lebensgefährtin mit Kunst gehandelt?“
„Elisabeth hat mit allem gehandelt, was es gibt. Kunst, Pelze, Schmuck. Mal echt, mal falsch. Immer, wenn ich etwas gesagt habe, hat sie abgewinkt. Sie hatte Spaß daran, mit Risiko zu leben.“
„Gut, dann nur noch eine letzte, unangenehme Frage. Gab es Kontakt zu Männern?“
„Das ist wohl unvermeidlich, da die Hälfte der Menschheit aus Männern besteht. Aber ich verstehe Ihre Frage. Unserer Beziehung ist gut gelaufen, wir machten daraus jedoch keine Religion. Sie hat zwar in letzter Zeit nichts mehr von Männern erzählt, mit denen sie im Bett war, was es natürlich nicht ausschließt. Eine ernsthafte Beziehung hat sie nur mit mir gehabt, das weiß ich. Ich bin ja meist drei Wochen unterwegs und dann zwei Wochen zu Hause. Das klappt in einer offenen und ehrlichen Partnerschaft wunderbar. Nun muss ich zu meinem Flugzeug. Ich melde mich, wenn ich wieder in Wien bin. Und Waidmannsheil, Herr Kommissar.“
„Waidmannsdank und bis dahin, Frau Lamm.“
Huber informierte die anderen über das Gespräch. Es war wie so oft bei den Ermittlungen. Über lange Strecken bewegte sich so gut wie gar nichts und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse.
Am nächsten Morgen drückte Huber Tschikowski die Aktenberge, die der Pathologe geschickt hatte, in die Hand und beförderte ihn zum Chefoberkopierer. Die erwarteten Proteste wiegelte er mit der Begründung ab, dass die Störchin ja noch gar keine Karte für den Kopierer habe und außerdem mit ihm ins Gebirge fahren müsse. So verlängerte sich die lange Reihe von Tschikowskis schlechten Tagen um einen weiteren, aber er schaffte es tatsächlich, bis zum Dienstschluss aus dem einen Aktensatz drei neue zu erschaffen und zwei davon an den Reichsgrafen weiterzuleiten, der sich leutselig bedankte.
Der Reichsgraf wusste wohl, dass er nicht so gut im schnellen Recherchieren großer Datenbestände war, wie seine Mitarbeiterin Tatijana. Doch für Bent Rittig reichte es allemal. Er saß im Wiener Büro einer Schweizer Versicherung und schuf aus den Daten der österreichischen und deutschen Polizei, ein wenig Euro- und Interpol, vor allem aber den Daten von Versicherungen, Kreditkarten und Reservierungssystemen sehr schnell eine gute Collage über Bent Rittig. Es gab keine offensichtliche Verbindung zwischen ihm und einem seiner vermutlichen Opfer. Anhand der Kreditkartenabrechnungen, seiner Handyeinbuchungen oder Hotelreservierungen war festzustellen, dass er jedes Mal in der Gegend gewesen war, wenn etwas passierte. Es war seltsam. Die Menschen benutzten die Technik, ohne darüber nachzudenken, was sie damit über sich selbst verrieten. Aber ihm und allen Polizisten der Erde konnte das nur recht sein. Dumme Verbrecher sind gute Verbrecher.
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16. Die Unterliga
Es gibt Leute die Licht verbreiten.
Und es gibt Leute, die alles finster machen.
Unbekannt
1. März 2006 St. Petersburg 17 Uhr 15
Im Hotel wartete ein Bote von Tatijanas Vater. Der Termin mit Onkel Pjotr stand und es war für den Transport mit Eskorte gesorgt. Außerdem hatte sich Kropotkin offensichtlich mit dem Reichsgrafen unterhalten, denn der Bote übermittelte auch die Anweisung, dass sie wieder nach Wien reisen sollten.
Tatijana hasste es zwar, wenn so über sie verfügt wurde, hatte aber keinen Ansprechpartner, dem sie das klar machen konnte.
Es blieb ihnen noch reichlich Zeit bis zur Verabredung, sie würden duschen und die Kriegsbemalung auflegen.
Am Fahrstuhl trafen sie auf Homer in Begleitung einer sehr evangelisch bieder aussehenden, bebrillten Dame mit Dutt, die dennoch bestenfalls Anfang dreißig war. Da Homer sie nicht ansprach, ignorierten sie die beiden geflissentlich.
Im Zimmer prustete Helga los: „Armer Homer, wenn die zu seinen dienstlichen Aufgaben gehört, dann tut er mir leid.“
Tatijana lachte ebenfalls und schickte Homer eine Mail, in der sie die Ergebnisse zusammenfasste.
„Vielleicht ist sie ein Vulkan. Sie sieht nach Botschaft und CIA aus. Da weiß man nie. Homer nutzt vermutlich unseren Ausflug hierher, um noch andere streng geheime Aktionen zu überprüfen, die sein Land hier laufen hat“, sagte sie.
Als sich ihr Fahrer für den Abend meldete, waren sie schon fertig, was diesen und die Bodyguards sichtlich beeindruckte. Zu pfeifen wagten sie aber nur innerlich.
Drei gleiche schwarze Suburbans warteten vor der Tür. Dieser Chevrolet in seiner gepanzerten Form in langer Version war nicht nur in den USA das Transportmittel für Personenbeförderung unter Bewachung, sondern hatte sich auch in Russland und der Ukraine durchgesetzt. Sie bestiegen den mittleren und als er losfuhr, wurde ihre Eskorte vorne und hinten durch jeweils ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht ergänzt. Die Kolonne nahm Fahrt auf und zu Helgas Entsetzen rasten sie wie auf einer Einsatzfahrt durch die Stadt. Die Geschwindigkeit war in dem schweren Wagen allerdings kaum zu spüren. Helga verzichtete also auf den Anblick der durch die Nacht fliegenden Lichter und gleich ging es ihr besser.
„Das Tempo ist normal“, erklärte Tatijana. „So wird verhindert, dass jemand genügend Zeit hat, auf uns zu schießen.“
„Sind die Wagen denn nicht gepanzert?“
„Natürlich, Helgalein, aber das betrifft zum Beispiel nicht die Reifen. Ich möchte ungern als Geisel geschnappt werden. Selbst die Abgase werden verwirbelt, damit nichts Wärmesuchendes sich an uns hängen kann.“
„Du meinst doch nicht etwa Boden-Boden-Raketen?“ Helga schaute sie zweifelnd an.
„Die russische Version einer Stinger ist hier für 250 Dollar zu haben“, warf einer ihrer Beschützer ein. „Vor zwei Wochen wurden vier Stück auf einen Geschäftsmann und seine Eskorte abgefeuert. Einundzwanzig Tote. Vorsicht kann nicht schaden und selbst Paranoiker können reale Feinde haben.“
Dann waren sie schon vor der Nobeldisco angekommen. Der Parkplatz wirkte wie eine Halle des Genfer Autosalons, in dem Luxuskarossen ausgestellt wurden. Sie fuhren direkt zu einem Hinterausgang, der sich sofort öffnete, um sie einzulassen. Helga bemerkte, dass andere Bewacher vorgeschickt worden waren und sie hier erwarteten.
Ein jüngerer Bodyguard mit dem Funkohrhörer als Statussymbol eilte mit ihnen durch den protzig gestylten Raum. Das Dröhnen der Musik und die zuckenden Lichter missfielen den Beschützern sichtlich. Aber da hatten sie bereits den höher gelegenen VIP-Bereich erreicht. Auf einem Podest darauf mit Blick über das gesamte Lokal thronte Onkel Pjotr. Begleitet von zwei Mädchen, zu denen Helga „viel zu minderjährig“ einfiel, und die herausgeputzt waren wie Zwanzig-Euro-Nutten aus der Wiener Mariahilfer Straße, die sich das Geld für ihre Sucht besorgen mussten. Tatijana hatte mit ihrer Abscheu gegen den Bruder ihres Vaters nicht übertrieben.
Pjotr stand mit einem öligen Grinsen auf und begrüßte die beiden, wobei er ihre Hände deutlich zulange hielt und viel zu nah an sie herantrat. Helga sah bei Tatijana einen Nackenmuskel zucken. Himmel, war die wütend. Um sie zu beruhigen, drückte Helga heimlich ihre Hand.
Während Pjotr sich alles von Tatijana erklären ließ, spielte er an den Körpern seiner beiden Begleiterinnen und entblößte sie halbwegs dabei. Dann ließ er ab von ihnen, weil er die Hände brauchte, um seine Aussagen theatralisch zu untermalen: „Tatijana, du weißt, das das eine sehr aufwändige Operation wird. Ich muss gegen jede mir bekannte Dienstvorschrift verstoßen, wenn ich euch helfe. Daran sollte mein Bruder denken beim Kassieren eurer Belohnungen.“ Er seufzte dramatisch, ehe er fortsetzte: „Blut ist eben dicker als Wasser. Ich habe Oberst Sergejewitsch Sminakov damit beauftragt, euch zu helfen. Er wartet nebenan in der Cafebar. Du kennst ihn, Tatijana. Es ist der Sohn vom alten Sergej, dem Georgier.“
Seine Begleiterinnen hatten mittlerweile reichlich Zeit gehabt, um sich endlose Lines in die Nase zu ziehen und waren nun wieder für ihren Gebieter bereit. Onkel Pjotr schob die große Silberdose, in der bestimmt ein halbes Kilo Kokain Platz hatte, in Richtung seiner Gäste. Helga und Tatijana winkten ab und verabschiedeten sich so kühl wie möglich. Tatijana lehnte auch die Frage nach einer Fortsetzung des Abends ab, da sie morgen bereits wieder abreise.
„brawy Porkajho“, ertönte es bei ihrem Abgang von einem ihrer Beschützer, der Onkel Pjotr die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen und die Hand sehr deutlich nicht von der Waffe genommen hatte.
Helga blickte Tatijana fragend an.
„Dreistes Schweinefleisch wäre die wörtliche Übersetzung. Aber richtiger ist dreistes Schweinearschloch. Wir Russen unterscheiden sogar bei der Qualität von Arschlöchern sehr fein. Das liegt daran, dass viele von uns den Gestank, der mit schlechten Abfällen gemästeten Schweine in der Nase haben.“ Die Russin spuckte verachtend auf den Boden.
Der Bodyguard grinste, während er sie wieder im Eiltempo in die Cafebar geleitete. Dort war es angenehm ruhig. Zwar nicht vergleichbar mit den Wiener Cafés, sondern eher wie das Phillies aus dem Bild Nighthawk von Dennis Hopper. An einem kleineren Tisch in einer Ecke saß ein einzelner, sehr attraktiver Mann, der sofort aufstand, als er Tatijanas Eskorte ansichtig wurde.
„Meine Freundin Helga – mein Freund Sergej“, verkürzte Tatijana die Vorstellung auf das wesentliche und nach zwei Händedrücken und einer Umarmung saßen sie am Tisch. Unaufgefordert gab es den schwarzen Tee und Wodka.
„Da konnte Onkel Pjotr seine Vorstellung ja gar nicht genießen. Ich dache er hätte euch mindestens eine Viertelstunde länger aufgehalten“, sagte Sergej hämisch grinsend.
„Noch drei Minuten mehr und Vaters Bodyguards hätten das Problem gehabt, was sie mit seiner Leiche anfangen. Ich hatte die Stelle am Kinn schon im Visier, an die ich treten muss, um ihm den schmutzigen Hals zu brechen.“
„Du bist eine gefährliche Frau. Demnächst wollen die Japaner ja auch offiziell K1 für Frauen machen. Du als Muay-Thai Kämpferin dürftest da beste Chancen haben. Da gibt es auf der Welt bestenfalls dreißig, und ob eine so schnell und trainiert wie du ist, halte ich für fraglich. Das wäre was für dich. Meine Schwester schwärmt heute noch davon, wie du die Nazis an der Newa erledigt hast.“
„Ach, Sergej. Damals war ich jung und heißblütig. Sie wollten, dass wir uns ausziehen und es war mir einfach zu kalt. Die Miliz hat damals nur eine Leiche gefunden. Hast du mal was von den anderen gehört?“ Tatijana lachte begeistert und trank von ihrem Wodka.
Sergej prostete ihr zu. „Nein. Die Newa behält gerne, was sie einmal hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gab, der den Abschaum vermisst hätte.“
„Ist mir im Prinzip egal, ihre Geister haben meine Träume nie heimgesucht. Kommen wir zur Sache. Wir ...“
Sergej hob seine Hand. „Halt, bevor du dir den Mund fusselig redest. Dein Vater hat mich gebrieft. Wenn du nichts weiter hast, warte einfach ab, bis meine Leute irgendwas rausfinden. Das wird aber nicht schnell gehen. Der Umbau nach den Sowjets hat uns zwar gut getan, leider fehlt es nach wie vor überall an Mitteln. Das macht uns langsamer.“
An dieser Stelle mischte sich Helga ein: „Das Lied hören wir heute von jeder Behörde an jedem Ort der Welt. Da frage ich mich doch, wo all das Geld bleibt, das so verdient wird von den Spekulanten und Shareholdern, deren Value wichtiger als die Menschen ist.“
„Ach, Helga. Die Antwort kennen Sie selber. Ich will sie Ihnen gern anhand einer typisch deutschen Spezialität erklären, dem echten Matjes. Zur Herstellung werden Heringe gekehlt, was nichts anderes ist, als das mit einer Schere der Kopf abgeschnitten wird und dabei das Innereienpaket bis auf die Bauchspeicheldrüse herausgezogen wird. Salz kommt dazu und nach sechs Tagen ist aus dem Hering ein Matjes geworden. Seine eigenen Enzyme haben ihn in etwas sehr Schmackhaftes verwandelt. Aber werfen Sie nur einen Kopf in die Tonne, dann haben Sie am Ende eine ganze Tonne verdorbenen Fisch.“
„Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“, griff Helga den Ball auf, „weil er dort zuerst verwest.“ Sie nahm einen kräftigen Schluck des aromatischen Tees.
Sergej kam in Fahrt. „Genau. Es waren die Köpfe, die im Sozialismus aus Raffgier und Machtgelüsten anfingen zu stinken. Schon zu Lenins Zeiten. Aber sie hielten sich lange zurück. Das gleiche im Westen. Es gab ja das jeweils andere System und ständig die Gefahr einer Revolution. Jetzt haben wir nur noch ein System auf der ganzen Welt. Das der gewissen- und verantwortungslosen Raffer. Es ist der Gestank dieses Kopfes, der die ganze Menschheit verdirbt.“
„Und du redest dich um Kopf und Kragen“, stoppte Tatijana ihn. „Mein Reichsgraf hat da so einen schönen Spruch. Es reicht nicht, mit ganzem Herzen für die richtige Sache zu kämpfen, man muss mit dem Verstand das Richtige für die Sache tun, auch wenn es dem Herzen zu langsam geht. Er meint, die Auflösungserscheinungen dieser Weltordnung seien bereits sichtbar und dass das Neue nur aus dem Tod des alten herauswachsen kann.“
Alle drei nickten und nippten betrübt an den Wodkagläsern.
Sergej meinte: „Da hat er recht. Aber ist schwer. Auf der einen Seite verkommen hier ganze Stadteile, Infrastruktur bricht zusammen und Polizisten können kaum bezahlt werden, auf der anderen Seite gibt es Geld für Plunder in Hülle und Fülle. Es kotzt mich an. Vielleicht hilft wirklich nur warten und Menschen sammeln.“
„Menschenfänger im Sinne der Bergpredigt sein, ohne sich mit dem religiösen Kram zu belasten“, philosophierte Helga, „Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Im Grunde haben wir kaum eine andere Wahl, als uns zu sammeln und auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Bis dahin können wir eigentlich unseren Job machen.“
Tatajana verdrehte die Augen. „Das nenne ich österreichischen Existentialismus. Wenn wir etwas nicht ändern können, lassen wir es erst einmal stehen und beschäftigen uns mit dem Machbaren.“ Damit schloss Tatijana das Thema ab und sagte: „Iwan Goboritsch hat uns Listen von Leuten mitgegeben, die sich zur Zeit der Sowjetunion hauptberuflich mit Kunstfälschung beschäftigt haben. Wenn du willst, lasse ich sie dir zukommen. Das könnte der Anfang einer Spur sein.“
„Hey. Ich bin zwar Russe, aber E-Mail ist bei uns mittlerweile schon angekommen. Auch wir leben in dem globalen Dorf. Meine kleine Schwester Natascha telefoniert sogar über das Internet aus dem tiefsten Sibirien mit mir. Die erforscht da Reste von Mammuts im Permafrost, solange es noch Permafrost gibt.“
Sergej reichte ihnen Visitenkarten einer Im- und Exportfirma, eine typische Tarnung für Geheimdienste. Dann war es an der Zeit ins Hotel zurückzukehren, da das Cafe schließen wollte, um nicht die seltsamsten Vögel der Nacht anzuziehen.
In der Lobby saß Homer an der Bar, als die Frauen hereinkamen. Lächelnd ging er ihnen entgegen, küsste Tatijana die Hand. Dann beugte er sich über Helgas Hand. Sie zitterte. Er sah ihr tief in die Augen. „Never ever ...“, sagte er leise und ernst.
Helga schluckte vor Begeisterung über seinen Stil. Niemand würde von dem Abenteuer jemals erfahren. Nun wusste sie es genau und entspannte sich endlich.
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15. Die Oberliga
Willst du den Charakter eines Menschen
kennen lernen, so gib ihm Macht.
Abraham Lincoln
1. März 2006 St. Petersburg 6 Uhr 30
Als Helga am nächsten Morgen erwachte, konstatierte sie, dass der Wodka fast alle war. Tatijana hatte sich um ihre Bettdecke gewickelt. Homer war offenbar in seinem Zimmer und sie selbst ließ die vergangene Nacht Revue passieren. Leise Schuldgefühle tauchten auf. Ich bin doch nicht lesbisch und eigentlich auch nicht bisexuell? Nachdenklich schlurfte sie ins Bad. Als sie sich im Spiegel betrachtete, entdeckte sie, dass ihre Haut warm und rosig strahlte, die Augen leuchteten.
Sie gab es auf, über das nächtliche Geschehen nachzudenken. Zumal Tatijana fröhlich pfeifend hereinkam und sich keine Gelegenheit für ein Gespräch ergab, da die Zeit knapp war.
Homer wartete schon am Aufzug und begrüßte sie mit einem breiten Lächeln, aber ohne jede Anzüglichkeit, wie Helga erleichtert feststellte.
Tatijana gab die Parole aus, als sich die Aufzugtüren hinter ihnen schlossen: „Nicht beeindrucken lassen. Auch er muss regelmäßig aufs Klo.“
In der Halle warteten zwei ernstblickende junge Russen. denen die militärische Ausbildung nicht nur am Haarschnitt anzusehen war. Sie trugen die dunklen Armani-Anzüge wie Uniformen, und die Schusswaffen waren bewusst so versteckt, dass jeder sie sehen konnten. Homer warf einen raschen Blick in die Halle und bemerkte mindestens noch drei dieser auffälligen Unauffälligen, was ihn zu der Vermutung brachte, dass gut und gern zwölf Leute hier auf Security machten. Selbst wenn er nicht beeindruckt war, wusste er, was das kostete und war beeindruckt.
Helga hingegen imponierte der riesige Konferenzsaal, in den sie geführt wurden und in dessen Mitte ein großer Tisch mit einem opulenten Frühstück stand. Aus den Augenwinkeln registrierte sie die Sicherheitsleute auf den Gängen und im Saal. Erst als sie fast am Tisch waren, öffnete sich eine Tür und ein großer Mann mit graumelierten Schläfen schritt, geschützt von einer Gruppe weiterer Sicherheitsleute hinein. Auch wenn Helga vorher kein Bild von ihm gesehen hätte, Tatijanas Augen und ihr Gang war eindeutig ein Erbe ihres Vaters, der wie ein Tiger mit großer Geschwindigkeit, aber ohne jede Hast auf sie zukam. An der rechten Hand, die er den Gästen entgegenstreckte, glänzte ein Brillantring. Kropotkins strahlende Zähne schlugen diesen Glanz um vieles.
Tatijana erledigte die obligatorische Vorstellung, wobei sich Homer sicher war, das Kropotkin mit Fotos von ihm und Helga versorgt sein dürfte, inklusive einer detaillierten Vita. Das gehörte zum Handwerk der Sicherheitsleute. Obwohl Tatijanas Vater nicht mehr das politische Oberhaupt war, reichte seine Macht unter Garantie bis zur Einreisebehörde und der lokalen Polizei, vom Geheimdienst gar nicht zu reden. Homer merkte, das er sich schon wieder beeindrucken ließ.
Nachdem der Kaffee ausgeschenkt war, begann Iwan Pjotrewitsch Kropotkin schnell und treffsicher: „Meine Tochter will weder in meinem Haus wohnen noch dort frühstücken und teilte mir mit, dass Sie alle rein geschäftlich hier sind. Ein FBI-Agent, eine Privatdetektivin aus Wien und meine Tochter als Botin ihres Reichgrafen. Das lässt zwei Schlüsse zu. Sie suchen Leute, die in Russland leben oder Sie brauchen Informationen, die nur der nachrichtendienstliche Bereich hat. Da meine Tochter die halbe Führung der staatlichen Polizei in Russland persönlich kennt ...“, sein Blick richtete sich dabei drohend und deutlich auf seine Tochter, er kannte sie und ihre Unersättlichkeit zur Genüge, „es geht wohl um Geheiminformationen, die Sie kaufen wollen.“
„Wir wollen nichts kaufen, Daddy“, warf Tatijana ein.
„Schluss Nummer Drei: Du bist bereits völlig amerikanisiert, meine Tochter. Und zu deiner Antwort: Du willst nicht dafür bezahlen, wenn du diese Informationen kaufst. Das ist auch kaufen oder einvernehmliches Stehlen. Such’s dir aus.“
„Wortklauber ...“
„Ich lese in dir wie in einem offenen Buch, aber ich habe ja lange Übung darin. Das gehört hier jedoch nicht hin, obwohl es immer wieder Spaß macht, mit dir zu fechten. Meine Quellen sagen, ihr habt irgendwas mit den ewigen Bilderdiebstählen zu tun. Also macht mich schlau.“
Homer ergriff die Gelegenheit, die Situation und die bisherigen Erkenntnisse zu schildern und wies ausdrücklich darauf hin, dass auch der amerikanische Nachrichtendienst hinzugezogen wurde.
Kropotkin biss in seinen gebutterten Toast, den er mit Fischschwänzen belegt hatte und fasste zusammen: „Im Prinzip geht es also darum, die dem KGB bekannten illegalen Sammler und deren Adressen zu eruieren und zunächst vorsichtig nachzuforschen, ob von der russischen Künstlerelite einige über ihre Verhältnisse leben und eventuell Fälschungen liefern. Das ist kein Problem. Die Sache ist nicht anrüchig. Es wird allerdings Zeit kosten, bis die Informationen verfügbar sind. Mit der Vernetzung unseres Wissens hängen wir technisch hinterher. Dafür ist es in den Akten sicherer.“
„Gut, Vater und wie geht es weiter?“
„Du wirst Onkel Pjotr die Hand schütteln müssen und ihr müsst ihm die ganze Geschichte aus Höflichkeit noch mal erzählen. Nun lasst uns ordentlich zugreifen.“ Er winkte einem seiner Mitarbeiter, der daraufhin verschwand. Wahrscheinlich, um die Befehle zu überbringen, dachte Helga. Dann wandte sich die Unterhaltung anderen Dingen zu.
Homer blieb, um sich ein wenig mit den russischen Sicherheitsleuten auszutauschen, aber die beiden Frauen wollten endlich Luft schnappen.
„Das Venedig des Nordens“, las Helga aus dem Reiseführer vor.
„Liebes, pack das Buch weg. Ich bin hier aufgewachsen. Jetzt gehen wir zu unserem Experten in die Eremitage, danach shoppen.“
In der Ferne ragte der spitze Turm der Kathedrale der Peter-und-Paul-Festung hoch, blitzte im Sonnenlicht. Tatijana wies Helga darauf hin.
„Du schwörst mir, den Mantel des Vergessens über die Sache mit uns und Homer zu werfen, Tati?“
Tatijana und Helga spazierten in glasklarer Luft den Newski-Prospekt entlang, die Hauptstraße von Sankt Petersburg in Richtung Eremitage.
„Das muss ich dir zeigen, Helga“, sagte Tatijana.
„Schwörst du?“, sagte sie, blind für die Schönheit, zu sehr drückte sie das schlechte Gewissen, wenn sie an ihren Drago dachte.
„Ich rekonstruiere“, gab Tatijana zurück. „Ich habe mit Homer geschlafen, was ich immer tue, wenn wir uns treffen. Na und?“
Helga atmete auf. Sie würde sich ganz drauf verlassen können, Tatijana war keine Verräterin.
Mittlerweile waren die Frauen bei der Isaakskathedrale angekommen, unweit der Eremitage. Die goldene Kuppel glänzte derart, dass Helga die Augen tränten. Oder war es die Erleichterung? Sie würde Drago heute anrufen, ihm ihre Liebe bestätigen. In letzter Zeit war sie nachlässig geworden, hatte ihn als selbstverständlich hingenommen, das war nicht gut. Durch die Gewohnheit konnte die Liebe sterben.
„Ich liebe Drago wirklich, weißt du?“, sagte sie.
„Ich liebe Johann wirklich“, antwortete Tatijana. Sie gingen in die Isaakskathedrale und zündeten Kerzen für die Männer und ihre Gefühle an.
„Da kommen wir ja nie dran“, stöhnte Helga enttäuscht, als sie die Menschenschlange vor dem Museum betrachtete, die schätzungsweise einen Kilometer lang war.
„Das ist täglich so“, meinte Tatijana und schritt unbekümmert weiter auf das Museum zu.
Der Experte, Iwan Goboritsch, wartete bereits am Eingang des riesenhaften Komplexes. Er begrüßte sie: „Gut, dass Sie sich angekündigt haben, sonst wäre ich heute gar nicht hier. Es ist mein freier Tag, aber Ihren Anblick ließe ich mir nur ungern entgehen Tatijana Kropotkin.“
Tatijana lachte kehlig und zwickte Iwan anerkennend in die Wange; er wurde knallrot vor Freude.
Iwan führte sie geschickt an den Besuchermassen vorbei in den Keller. Anscheinend residierten Experten immer im Keller. Sie waren in einem riesigen Saal gelandet, an dessen Wänden die bekannteste Kunst der Welt hing. Es war atemberaubend. Selbst Tatijana war verblüfft, fasste sich sogleich: „Die Sonnenblumen von van Gogh ... sind die nicht für 75 Millionen Dollar nach Japan gegangen?“
„Ja“, bestätigte Iwan lächelnd. „Aber hier wirken sie viel schöner.“
Als er Tatijanas Blick sah, riss er sich von dem offenbar misslungenen Scherz los: „Alles, was Sie hier und in den nächsten fünf Sälen sehen, sind Fälschungen. Bei den Werken aus sowjetischem Besitz handelt es sich um Kopien, die auf staatlichem Wunsch heraus gemacht wurden. Einige andere Werke ebenfalls. Sehr viele auch im Auftrag von Privatsammlern, die durch ihre Versicherung dazu gezwungen wurden.“
„Wieso wollen ein Staat oder eine Versicherung Fälschungen haben?“ Helga schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Ganz einfach. Die Sowjetunion hatte viele gleichberechtigte Republiken mit wichtigen Museen. Um alle diese Institutionen und diverse Amtstuben mit Kunst zu versorgen, wurde diese angefertigt. So genau, wie eben möglich. Museen und Privatbesitzer von echter Kunst wollen oder müssen diese auch zeigen. Das ist aber aus Sicht der Versicherungen, oder wegen des Zustandes des Bildes oft nicht zu verantworten. Deshalb gibt es Kopien. Das wird bei Schmuck ebenso gemacht.“
Helga nickte. „Die Sowjetunion konnte Devisen brauchen, und bildete gute Künstler hervorragend aus. Also wurde das angenehme mit dem nützlichen verbunden. Gibt es das heute noch?“
Iwan zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Die Ausbildung bei uns hat sich der Schnelllebigkeit des Westens angepasst. Wer einen Pinsel halten kann, ohne sich selbst damit zu verletzen, ist ein Künstler. Wozu da die alten Techniken lernen und Jahre verschwenden? Natürlich gibt es die alten Lehrer noch und damit verbunden sicher auch private Schulen. Ich habe eine Liste der wesentlichen Künstler von damals vorbereitet. Was die heute machen, weiß ich nicht.“
Tatijana war staunend weiter gewandert und zwang die anderen so, ihr zu folgen. „Wie gut sind diese Kopien? Würden sie einen Test in einem Labor überstehen?“
„Was die Maltechnik, den Schichtaufbau und die Art der eingesetzten Materialien, wie Farben, Material und Art der Bespannung angeht, mit Sicherheit. Beim Röntgen käme kein Unterschied zu Tage. Selbst der viermal übermalte Bleistiftentwurf ist vorhanden. Sobald man jedoch die Farben und die Leinwand mit den Rahmen sehr genau untersucht, wird man Fehler finden. Das ließe sich nur mit echtem Holz aus dem jeweiligen echten Spannmaterial, echter Leinwand und unter Einsatz von gefährlichen Farbbeimischungen ändern.“
„Gibt es denn die Möglichkeit an echte Leinwände zu kommen, da sind ja schon Malereien drauf?“, fragte Helga nach.
„Ja. Doch Bilder sind nicht immer gleich Kunst. Es gibt aus der Zeit berühmter Werke auch jede Menge unwichtiger Produkte. Meist religiöse Machwerke mit viel Inbrunst ohne jeden künstlerischen Wert. Großformatige Ölschinken aus Schlössern und Museen, die den Nachlass des Fürsten von Garnichts zu Habenichts aufnehmen mussten.“
„Also müssen Holz und Leinwand und deren Verarbeitung original sein?“
„Unbedingt. Wobei ‚Original’ ein dehnbarer Begriff ist. Künstler haben immer wieder andere Bilder übermalt. Das war für einige die einzige Möglichkeit, an Leinwand zu kommen. Das bedeutet, dass ein Rembrandt auf einer Leinwand sein kann, die zweihundert Jahre älter ist als er. Andere wie van Gogh haben sogar innerhalb einer Serie wie bei den Sonnenblumen die Technik und das Material fast vollständig gewechselt. Da gibt es einen Spielraum.“
Tatijana fasste zusammen: „Solange die Materialien also nicht jünger sind als der Maler, hat ein Fälscher ziemlich freie Hand.“
„Nicht ganz. Er braucht Röntgenaufnahmen des Originals um die Schichten zu erkennen. Diese Aufnahmen hat jeder Besitzer solcher Kunst, und Kopien davon sind an den meisten Kunstakademien vorhanden. Ansonsten ist vieles möglich. Aber das Mögliche ist auch sehr teuer.“ Damit beendete der Experte seine Ausführungen.
Danach verließen sie den Keller und Iwan führte sie durch die Juwelensammlung der Fabergé-Werkstätte, Tatijanas Lieblingsausstellung. Sie mussten sich auf ein paar ausgesuchte Räume beschränken. Die Eremitage verfügte über tausend davon.
Iwan sagte: „Allein 120 Zimmer beherbergen Schätze der westeuropäischen Kultur, unmöglich das bei einem Besuch zu schaffen. Aber wenn Sie mir Ihre Wünsche mitteilen ...“
Helga entfuhr: „Ich will unbedingt die Plastiken sehen. Rodin.“
„Ach, du liebst ihn auch so sehr“, sagte Tatijana erfreut.
So geleitete der Experte sie zu den Skulpturen. „Wir haben die größte Sammlung der Welt. 2.000 Exponate, meine Damen.“
Zu gern hätten sie die Objekte gestreichelt, doch das war nicht gestattet. Der lebensgroße männliche Akt von Rodin ließ ihre Finger jucken.
Anschließend nahmen die Damen Iwan in die Altstadt mit, bummelten zwischen den Grachten, tranken zusammen Kaffee. Irgendwann verabschiedete sich der Experte und dankte für die Einladung.
„Und jetzt shoppen wir.“
„Tati, ich habe hier keine Läden gesehen, die deinem Geschmack entsprechen.“
„Lass dich überraschen“, antwortete Tatijana mit einem mysteriösen Lächeln und zog Helga mit sich in eine kleine, herunter gekommene Gasse, dort durch ein grün gestrichenes Holztor in einen Innenhof. In einer Ecke hinter einer Birkengruppe, die im Raureif erstarrt war, öffnete Tatijana eine unscheinbare Tür. Dahinter verbarg sich einen Salon, Helga fielen fast die Augen heraus. Kristallluster illuminierten einen Sternparkettboden, Gelbbespannte Ohrensessel standen um einen Tisch mit Intarsien, auf dem sich verschiedene Modejournale aus aller Welt stapelten.
„Olga Petrowa?“, rief Tatijana.
Schon bewegte sich ein reich geraffter Satinvorhang und eine alte Frau in einem eleganten Chanelkostüm tauchte auf. „Liebling!“, rief sie erfreut und schloss die offensichtlich gute Freundin in die Arme.
„Olga, endlich wieder einmal!“ Tatijana klang gerührt.
Die Besitzerin des feinsten Petersburger Salons, wie Tatijana Helga erklärte, servierte schwarzen Tee aus einem Samowar und Plätzchen. Sie zeigte ihnen ihre neuesten Kreationen, perfekte Nachbildungen von Filmkleidern der Greta Garbo, Marlene Dietrich und anderen Stars, die Helga nichts sagten. Die Kleider und Anzüge waren phänomenal, allerdings auch sagenhaft teuer, was nicht verwunderte. Alle Teile aus Seidensatin, feinstem Georgette oder Musseline und perfekt verarbeitet. Als Helga sich in einem Marlene Dietrich Anzug aus schwarzem Satin im Spiegel anschaute, fand sie sich sündhaft schön. Ohne zu zögern kaufte sie das Ensemble und ignorierte den Preis.
Tatijana erstand mehrere Stücke, probierte schließlich den Nachbau eines der Kostüme aus der Kameliendame an.
Ein auf Taille geschnittenes schwarzes Seidenkleid mit großem Dekollete, bestickt mit Strass und Perlen.
„Göttlich, Tati!“ Helga war berauscht von Tatijanas Schönheit, „wenn Johann das sieht, fällt er.“
Die Russin lachte. „Du meinst? Dann nehme ich es, egal, was es kostet.“
Sie liefen übermütig in Richtung Hotel zurück und sprachen angetan über ihre Vintage-Beute. Tatijana gierte danach, sich Johann im Kleid der Kameliendame bei irgendeinem Empfang zu präsentieren und Helga dachte an Dragos große Augen, wenn sie zu einem seiner Geigenkonzerte als ‚Blauer Engel’ aufkreuzen würde. „Mir fehlt noch ein langer Zigarettenspitz als Accessoire, Tati. Meine Güte, durch dich lerne ich ja richtig Spaß am Anziehen!“
„Und am Ausziehen.“ Tatijana feixte und Helga haute ihr eine auf den Hintern.
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14. Nackte Tatsachen
Die nacktesten Stellen
eines Menschen sind in
die Innenseiten der Handgelenke.
Damaris Wieser
28. Februar 2006 Leningrad 19 Uhr
Die Ermittlerinnen teilten sich ein Zimmer. Agent Nixon hatte seines ebenfalls im achten Stockwerk, aber am anderen Ende des Flurs.
Bei einem gemeinsamen Abendessen im Atriumcafé des Grandhotels Europe im Zentrum, das aus Borschtsch und Plinis von der Kaviarbar bestand, besprachen sie die Details ihrer Aufgaben.
„Morgen früh treffen wir uns zum Frühstück mit meinem Vater“, sagte Tatijana, „Ich liebe ihn, obwohl er wie alle Väter ist: Er hat recht. Dummerweise hat er das tatsächlich oft und selbst wenn mal nicht, stört ihn das nicht, weil keiner wagen würde, ihn darauf hinzuweisen. Wie alle Väter missbilligt er den Lebenswandel seiner Tochter zutiefst und hätte sie am liebsten als seine Prinzessin zuhause. Da darf sie ihm Enkelkinder schenken, aber durch unbefleckte Empfängnis, bitte schön! Kindsväter und Schwiegersöhne kommen in seinem Universum nicht vor. Wenn man diese Regeln und ein paar tausend weitere beachtet, liegt man bei ihm richtig.“
Homer lachte laut. „Das kenne ich von meinem Vater und meiner Schwester. Obwohl sie schon vier Kinder und zwei Ehemänner hat, weigert er sich, seine Tochter und Männer überhaupt miteinander in Verbindung zu bringen. Wie steht er zu uns Amerikanern?“
„Ihr ward für ihn immer Gegner, aber in seinem Denken nie Feinde. Außerdem mag er Leute mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Er ist nämlich neugierig auf Menschen. Bei Frauen mag er das Schwarz sogar sehr. Woran das wohl liegen mag ... wahrscheinlich am Kontrast der Farben zueinander.“
Plötzlich war Helga so auffallend still geworden, dass Tatijana und Homer ebenfalls verstummten.
„Helgalein?“ Die Russin drückte ihre Hand.
„Es ist nichts.“ Helga schüttelte stur den Kopf, doch ihr Seufzen trieb den beiden anderen die Tränen in die Augen. Als Tatijana zart ihre Wange streichelte, stieß Helga hervor: „Das stimmt einfach nicht, Tati! Nicht alle Väter sind so. Meiner lebt in Hamburg und ich bin ihm komplett wurscht.“
„Das finde ich sehr traurig.“ Homers Stimme klang noch dunkler als sonst. Er streichelte Helgas andere Wange. Nun ließ sie den Tränen freien Lauf. Schweigend wischten die beiden Tröstenden ab und zu die Tränen von Helgas traurigem Gesicht. Irgendwann atmete sie tief ein, zog geräuschvoll mit der Nase hoch und sagte mit fester Stimme: „Aus! Schluss mit den Sentimentalitäten.“
Sie lief davon, sagte, sie müsse unbedingt den Koch begrüßen, der ein Österreicher war.
Nachdem in diesem Hotel Sicherheitsstufe 1
herrschte, dauerte es eine Weile, bis sie es schaffte in die Küche vorzudringen.
„Servus Engelbert, ich wollt schnell Grüß Gott sagen, wenn ich schon einmal in so einer Luxushütte auf Spesen absteige.“
„Na so was, die Brennerin! Was treibst du denn in Petersburg?“ Engelbert umarmte sie herzlich. Sie kannten sich aus der Zeit, als er noch in Wien im Bristol gekocht hatte. Damals half Helga ihm in einer Verleumdungssache, die ein Konkurrent angezettelt hatte.
„Toller Laden hier“, meinte Helga.
„Ja eh“, sagte der Koch. „Sonst wär ich ja net hier, gell?“
„Wie lang bleibst denn?“
„Bloß ein paar Tage, Recherchen, du weißt schon.“
„Nix weiß ich, aber es geht mich auch einen Dreck an.“
Sie plauderten eine Weile, dann kehrte Helga, wieder unter Sicherheitsstufe 1, an den Tisch zurück. Sie war froh, Engelbert besucht zu haben, es hatte ihre trüben Gedanken vertrieben.
Homer und Tatijana waren sich in den paar Minuten ihrer Abwesenheit recht nahe gekommen.
Helga hüstelte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
„Huch!“, sagte Tatijana, spielte augenzwinkernd die Prüde und nahm ihre Hand von Homers Zentrum.
„Aber, aber!“ Helga rümpfte die Nase, „Hier hat Tschaikowski diniert, Herrschaften!“
„Der hätte das sicherlich verstanden, Helgalein“, konterte Tatijana, während Homer sich redlich bemühte zu erröten.
Anschließend suchten sie ihre Zimmer auf, die in edlem Jugendstil eingerichtet waren, wie das ganze Hotel.
Nach einem ausgiebigen Aufenthalt in ihrem Badezimmer, das die Dimension von Helgas gesamter Wohnfläche in Wien besaß, lümmelten die beiden Frauen auf dem Doppelbett herum. Sogar die temperamentvolle Tatijana schien ausnahmsweise müde zu sein. Das Zimmer war nicht so geheizt wie jenes im Kungsgatan, obwohl in Leningrad dieselbe klirrende Kälte vorherrschte, die sie in Stockholm erlebt hatten.
Sie kuschelten sich träge unter die Decken. Tatijana legte den Arm um die Freundin, Helga kroch in ihre Achselhöhle.
„Was ist mit deinem Vater?“, fragte Tatijana behutsam, „Möchtest du darüber sprechen?“
Helga schnaufte ein bisschen, dann erzählte sie: „Peter Brenner, mein Vater, war als junger Mann in Wien auf Urlaub. Beim Heurigen lernte er meine Mutter kennen. Sie verliebten sich, heirateten schnell und sie zog nach Hamburg. Blankenese. Ich kam auf die Welt. Als ich sechs war, übersiedelte Mama mit mir nach Wien.“
„Warum denn?“
„Er schrieb Heftromane, vielleicht tut er das ja immer noch ...“
Tatijana strich über Helgas Haar. „Aber das ist doch nicht so schlimm, Heftromane schreiben. Ist einträglich.“
„Oft hörte ich, wie meine Eltern sich anbrüllten. Es ging immer ums Trinken. Er sagte, er würde das brauchen, damit er Einfälle bekäme. Mein Papa war für mich Gott, Tati. Ich liebte ihn so sehr ...“
Tatijana unterbrach ihre Wehmut mit einem Kuss in die Halsgrube. Dann kitzelte sie Helga, sie schrie vor Lachen.
Es klopfte. Ohne ein „Herein“ abzuwarten, öffnete sich die Tür. Homer kam geschmeidig wie ein Panther herein, lockerte seinen Krawattenknopf, warf das Armanisakko auf einen der goldlackierten Stühle. „Hi“, erklang es heiser, „bei euch ist es ja auch so kalt.“ Er ging zielstrebig zum Kleiderschrank, griff hinein und öffnete dort einen Metallkasten: „Das machen die gerne. Wenn die Zimmer nicht belegt sind, wird die Klimaanlage an der Sicherung ausgeschaltet. Da könnt ihr drehen, was ihr wollt. Aber ich habe noch weiter vorgesorgt.“
Im gleichen Moment klopfte es wieder und der Roomservice brachte zwei Literflaschen Wodka auf Eis und drei russische Wodkagläser. Dick und groß.
Homer setzte sich neben Tatijana aufs Bett und schenkte Wodka ein.
Helga nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas. Wegen der Kälte, wie sie sagte. Schon spürte sie, wie sich warme Leichtigkeit in ihrem Körper ausbreitete.
Mittlerweile jaulte die Klimaanlage in höchsten Tönen und über ihre nackte Schulter zog nun ein warmer Wind anstatt nasser Kälte.
„Wenn du die Schuhe ausziehst, darfst du dich auch ins Bett setzen“, bot Tatijana Homer großzügig an, stand dann auf, um aus der Minibar Erdnüsse und andere Knabbereien zu holen, die sie in der Bettmitte drapierte.
Drago hätte bestimmt wieder über Tatijanas Schamlosigkeit gestaunt, die sich nackt und natürlich bewegte, als ob es die brennenden Augen Homers nicht geben würde. Plötzlich war Helga sicher, dass es nicht Schamlosigkeit im Sinne des Wortes war. Es gab keinen einfach keinen Grund, warum sich Tatijana ihrer selbst schämen sollte. Nicht etwa, weil sie perfekt gewesen wäre, sondern weil sie im Gleichklang war. Auf diese Erkenntnis hin genehmigte sich Helga den Rest ihres Glases. Sofort füllte Homer höflich nach.
Sie lächelte ihn an: „Hast du etwas besonderes vor, Homer? Zwei Flaschen Wodka für drei Leute. Ich muss dich enttäuschen, bei dem Tempo liege ich in einer halben Stunde flach.“
„Flach ist ja grundsätzlich nicht immer schlecht“, meinte Homer grinsend, „aber meine Absichten sind ehrenhaft. Es war mein Versäumnis, euch auf den Trick mit den Klimaanlagen hinzuweisen. Deshalb der Wodka. Auf Rechnung der amerikanischen Steuerzahler.“
„Man kann übrigens nie zu viel Wodka haben, nur zu viel davon trinken“, warf Tatijana ein, die die Gelegenheit nutzte, ein Stück näher an Homer heranzurücken. Sie legte ihm die Hand auf den Oberschenkel.
„Das kann man erst am nächsten Tag beurteilen.“ Homer setzte sich bequemer und gleichzeitig erreichbarer hin. „Außerdem, liebe Helga, braucht man dich und Drago nur anzusehen, um zu wissen, was los ist. Ich überlege allerdings, ob ein Leben so ganz ohne Versuchung nicht langweilig sein könnte.“
„Das Schöne an der Versuchung ist, ihr zu widerstehen“, gab Helga zurück. „Den Schmerz, sich selbst etwas zu versagen.“
„Meine Süße, du könntest gut eine geborene Russin sein. Besser als ich. Wesentlich leidensfähiger. Ich passe da irgendwie nicht richtig. Ich gebe mich lieber mit Genuss hin als die Befriedigung in meinem Widerstand zu suchen.“
Sie tranken und redeten über Lust und Versagung. Die Klimaanlage heizte jetzt richtig durch. Anstatt sie runterzustellen, zog Tatijana dem Agenten ein Kleidungsstück nach dem anderen aus. „Aus alter Gewohnheit“, wie sie augenzwinkernd sagte.
Helga trank ihr zweites Glas und saß mittlerweile auch unbekümmert nackt auf dem Bett und genoss das intelligente Gespräch, die feinen Nadelstiche und die erotische Atmosphäre.
Helga konnte nicht wirklich sagen, dass sich Tatijana und Homer gesittet benahmen, denn sie schmusten inniglich, aber es störte sie nicht. Schläfrig fiel ihr das Wort „erotisch“ als Beschreibung der Situation ein.
Sie rollte sich in fötaler Haltung auf ihrer Bettseite zusammen und döste ein.
Homer und Tatijana beachteten die schlafende Helga nur in soweit, dass sie erfreut waren, wie gemütlich und locker Helga mit der Situation umging. Homer warf ihr eine Kusshand zu, die sie zwar nicht sehen konnte, ihr aber sicherlich trotzdem gut tat, denn ihre Lippen öffneten sich zu einem weichen Lächeln.
Das Liebesspiel der beiden schritt voran. Sie fanden kaum noch Zeit zum trinken, jedoch umso mehr für Küsse und Liebkosungen.
Irgendwann erwachte Helga wieder, weil die Matratze bebte. Scheinbar baute Tatijana Homer gerade wieder nach einem wilden Ritt auf, zumindest verriet das ihr Kopf, der sich auf und ab bewegte.
Helga lag Voyeurismus fern, dennoch blickte sie fasziniert auf die beiden prachtvollen Körper. Die beiden waren so in ihr Tun vertieft, dass sie nichts registrierten. Sie glitten von Stellung zu Stellung, während Helga spürte, wie sie feucht wurde. Unwillkürlich begann sie sich selbst zu streicheln. Jetzt war Tatijana auf Homer, Helga beobachtete wie sie rauf und runter tanzte und passte unbewusst ihr eigenes Tempo dem des Paares an. Die Russin drehte den Kopf und blickte sie aufmunternd an. Bald begann sie Helga zu streicheln und Homer liebkoste ihre Brust, während er sich in Tatijana befand. Helga versuchte Homers Hand abzustreifen und sagte: „Drago.“
„Keine Sorge, ich habe verstanden, alles bleibt hier in diesem Zimmer.“ Er lächelte beruhigend. Da gab Helga sich den beiden hin und genoss.
Der Reigen endete in einem gemeinsamen Taumel der Lust.
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13. Dumm gelaufen
Mach nur einen Plan,
sei ein großes Licht,
mach noch einen zweiten,
gehen tun sie beide nicht.
Bertolt Brecht
27. Februar 2006 Wulkow 10 Uhr 21 JVA Wulkow
Olav Geiger, Hauptmann der Wehrsportgruppe „Reichsfürst“, kämpfte wütend gegen die Kabelbinder, die ihm als billiger Handschellenersatz die Hände auf den Rücken fesselten, obwohl ihn zwei baumlange Polizisten fest auf seinen Stuhl drückten. Frech spuckte er und traf einen von ihnen unters Auge.
Sein Kopf flog zur Seite.
„Wenn Sie noch einmal ...“
„Droh nicht, sonst lässt er es ja vielleicht wirklich bleiben“, unterbrach der Kollege des Bespuckten und grinste. „Solche Neonazis verdienen es, geprügelt zu werden, bis der Dreck aus ihnen draußen ist “, setzte er hinzu.
Olav biss die Lippen aufeinander, sammelte die grauen Zellen wieder zusammen, die der Schlag auseinandergespritzt hatte.
Was hatte ihm diese blödsinnige Ermittlungsrichterin gerade vorgelesen? Verhaftet wegen illegalem Waffenbesitz – schön, kriminelle Vereinigung – er sah sich mit Recht als Führer und Hauptmann der Wehrsportgruppe „Reichsfürst international“, Anmaßung von militärischen Rängen – war ihm doch egal, Beihilfe zum Mord und versuchten Mord in Nauen – das mussten sie erst einmal beweisen, Beihilfe zum Mord, versuchter Mord und Mord in Wien – verflucht, woher wussten die das? Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Geiger begann erneut zu toben: „Welcher Widerstand bitte schön! Uns hat eine ganze feige Armee überfallen. Unfair ist das! Im Schlaf! Wir konnten gar keinen Widerstand mehr leisten ...“ Er brach ab, als er ihr Grinsen bemerkte.
Der Überraschungsangriff saß ihm immer noch in den Knochen. Nie hätte er geglaubt, dass Deutschland fähig wäre, ihn frontal anzugreifen. Als er aus dem Raum geführt wurde, hörte er, wie einem seiner Leute angeboten wurde, eine baldige Aussage würde strafmildernd wirken. Auf dem Weg in die Zelle begegnete er seinem Adjutanten Rieß, der dem Blick seines Führers auszuweichen versuchte und sich in Richtung Richterin bewegte. Schlagartig wusste Olav, dass Rieß ihn verraten würde.
Da half nur Flucht nach vorn, wollte er nicht die nächsten fünf Jahre im Knast verrotten. Er blieb stehen und wandte sich an seine Wachen: „Ich möchte eine Aussage machen. Bringt mich zurück.“
Der ältere Justizbeamte lächelte ihn mitleidig an. „Ja, ist schon klar. Will jeder aus eurer Bande.“
„Bitte“, knirschte Olav und wollte sich am liebsten selbst dafür steinigen. Im Lager hatten sie trainiert, selbst unter Folter am Marterpfahl zu schweigen. Sogar mit Lügendetektor lernten sie das Leugnen perfekt; keine Pupillenveränderung oder Hautreaktion war aus Olav rauszukriegen. Und jetzt bettelte er mit vollen Tarnhosen um Gnade.
„So viele Vernehmungsbeamte haben wir gar nicht“, sagte der Beamte, „aber jeder bekommt Papier und Bleistift und kann seine Aussage niederschreiben. Irgendwann wird jemand entscheiden, wer von euch mit Strafminderung belohnt wird. Die anderen sind dann eben im Arsch. Hoffentlich kommt ihr im Knast in eine Abteilung mit vielen Ausländern. Die werden euch und euren widerlichen Rassismus sicherlich begeistert begrüßen.“
„Knast als nachgeordnete Erziehungshilfe für Faschisten. Da macht einem der Beruf doch mal so richtig Spaß“, streute der zweite Beamte Salz in Geigers Wunden.
Olav sah seine Felle davonschwimmen. Jetzt konnte es für ihn nur darum gehen, mit möglichst viel Belastungsmaterial gegen andere die eigene Freiheit zu erkaufen. Er war bereit, sein kleines Leben zu retten.
28.Februar 2006 Berlin 6 Uhr 15
Helga erwachte von einem keuchenden Geräusch.
Neben ihr schreckte Drago hoch: „Schon wieder?“ Er war sichtlich beeindruckt und begann ein wenig an sich zu zweifeln.
„Nein, das klingt anders. Dieser MM muss ja irgendwann einmal fertig sein. Aber die Geräuschkulisse gestern Abend war recht spektakulär.“ Helga war selbst verwundert über die Dauer dessen, was nebenan vorgegangen sein musste, untermalt von Klängen weiblicher Leidenschaft.
Sie warf sich den Bademantel über und Drago folgte ihr mutig. Auf Zehenspitzen schlichen sie aus dem Schlafzimmer, und ein Blick ins Wohnzimmer erklärte das Keuchen.
Die nackte Tatijana benutzte das große und ziemlich leere Zimmer als Übungsraum und absolvierte eine sehr schnelle Abfolge von harten Übungen, unterbrochen durch tänzerische Einlagen. Zum Abschluss kam ein Handstand, bei dem Tatijana ihre Beine zuerst wie die Klingen einer Schere schnell gegeneinander laufen ließ, gefolgt von einer Szene, in der sie die Beine spreizte, um die Fersen dann kraftvoll zusammenschlagen zu lassen. Es klatschte.
Helga konnte direkt spüren, dass Drago neben ihr rote Ohrläppchen bekam. Sie brauchte ihn nicht anzusehen, sie hörte an seinem Atmen, dass ihn Tatijanas Tun gefangen nahm.
Tatijana sprang elegant wieder auf die Füße. „Guten Morgen ihr beiden. Kaffee ist in der Küche. Es gibt frische Brötchen. Drago aufwachen! Seid leise, MM und Charlotte schlafen noch.“
„Äh. Warst du heute Nacht hier mit MM und der Pathologin?“ Helga hätte Drago für diese dumme Frage erschlagen können. Der Arme legte seine Stirn in Dackelfalten und stieg von einem Fuß auf den anderen.
„Nein, Drago. Ich bin um sieben Uhr mal eben nackt durch Berlin gelaufen und hab Brötchen mitgebracht. Das siehst du gleich in den acht Uhr Nachrichten. Macht es euch gemütlich. Ich geh schnell duschen.“
Drago schüttelte hilflos den Kopf.
Kurze Zeit später saß Tatijana mit nassem Haar und angezogen am Frühstückstisch. Sie reichte Helga ein Visum für Russland. Helga fragte sich gar nicht erst, wie sie so schnell zu einem Visum kommen konnte und auch nicht, wo ihr Foto herstammen könnte, das das Papier zierte. Beziehungen schaden halt nur dem, der keine hat.
„Drago, Liebling. Hast du dich wieder erholt? Mein Reichsgraf möchte dich nachher in seinem Büro sehen. Keine Ahnung, worum es geht, wahrscheinlich um die Rückreise nach Wien. Seine Gräflichkeit ist momentan wieder recht sparsam mit den Informationen, die er verteilt. Entweder hat ihm die Zeit in Belgien nicht gereicht, um sich auszuvögeln oder er brütet eine Idee aus. Wie auch immer, er ist ätzend.“ Zur Unterstreichung zerbröselte Tatijana ein Brötchen zu Atomen.
Lachend sagte Helga: „Och Tati, ist er vielleicht nur ätzend, weil er sich dir verweigert?“
Ein leicht giftiger Blick traf sie. „Nö“, gab Tatijana errötend zurück, „daran bin ich doch gewöhnt. Männer halt. Wir fliegen übrigens heute Nachmittag. Freunde meines Vaters nehmen uns in ihrer Maschine mit. Ich hol dich gegen Mittag ab.“ Schon war sie mit einem Brötchen im Mund, die Jacke unter dem Arm, aus der Tür und dem Haus verschwunden. Draußen heulte ein Automotor auf und Reifen quietschten, während Helga und Drago schmunzelten.
„Alles würde sie für eine Nacht mit Johann geben, selbst ihr Leben.“ Nur zugeben, nein, das war nichts für Tati, wie Helga wusste.
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12. Zugriff!
Spiel nicht mit dem Schießgewehr,
denn es könnt’ geladen sein.
Volksweisheit
Am Donnerstag Abend waren der Reichsgraf, MM, Huber und Homer gerade mal wieder in einer dieser ewigen Sitzungen, als ein Major der Luftwaffe endlich mit den erlösenden Bildern kam. Die Reisenden waren in Lobeofsund eingetroffen.
Dann zeigte sich, was es bedeutet, wenn ein Nationalstaat wirklich ernst damit macht, seine Interessen durchzusetzen. Alle Teilnehmer der Sitzung wurden in ein unterirdisches Lagezentrum gebracht, das jeden Vergleich mit dem aushalten konnte, was in futuristischen Filmen gezeigt wurde. Cap Canaveral war nichts dagegen.
Auf diversen Bildschirmen konnte man unzählige, unterschiedliche Liveaufnahmen des fraglichen Gebietes betrachten. Auf Hubers Frage, wo die Bilder herkämen, antwortete ein weiblicher Leutnant: „Wir haben eine Awacs oben und zwei Satelliten. Das ist eine nette Übung für den Ernstfall.“
„Mit einer Awacs gegen ein paar Irre? Das nenne ich mit Kanonen auf Spatzen schießen“, wandte Huber ein.
„Wieso? Wir haben die Dinger doch ständig oben. Warum sollten wir sie nicht benutzen. Bezahlen müssen wir sie auf jeden Fall. Das nenne ich einen sinnvollen Bundeswehreinsatz im Inneren. Wir machen die Aufklärung und stellen die Kommandostrukturen. Noch dazu gibt es aus dem Material einen Lehrfilm, an dem hinterher festgestellt werden kann, wo Mist gebaut wurde. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Show“, bat der Leutnant und nahm selbst Platz.
Homer schenkte sich Kaffee ein: „Also, da habt ihr mal was Gutes von uns gelernt. Allerdings schaffen wir es auch, mit all dieser Technik ein grandioses Desaster anzurichten. Ich denke da nur an Waco. Okay, genießen wir die Show.“
Erklärungen waren überflüssig. Auf Infrarotaufnahmen aus der Luft sahen sie, wie die Hundertschaften in Stellung gebracht wurden. Plötzlich kamen die Bilder von mehreren Kameras dazu, die auf dem Boden standen und aus verschiedenen Richtungen auf das Gehöft zeigten. Vermutlich hatte man ein paar Fallschirmjäger als Kameraleute abgesetzt, was zwar nicht ganz den Regeln entsprach, aber gute Bilder brachte.
Am Kommandostand diskutierte eine Gruppe noch kurz und dann kam der Befehl zuzuschlagen. Das Spektakel war gigantisch. Es gab sogar Ton. Mindestens zwanzig Hubschrauber nebst einer Reihe von Einsatzfahrzeugen stürmten schlagartig, mit allem Lärm, der möglich war und schirmten die Ortschaft vom Gehöft ab. Leuchtraketen tauchten den Himmel in gleißendes Licht. Die Kameras lieferten teilweise sogar Farbbilder.
Die meisten Täter rannten genau in die geplante Richtung auf die Entwässerungsgräben zu. Lediglich zwei, die zu langsam waren, versuchten sich im Haus zu verschanzen, kamen aber nicht über ein paar Schüsse hinaus. Einige gaben einfach mit erhobenen Händen und vollen Hosen auf. Die Flüchtenden wurden in einer Gruppe an der Verbindung zweier Wassergräben eingekesselt. Von jenseits der Gräben drohten den Waffen der Bereitschaftspolizei, von hinten die Hubschrauber. Nach wenigen Minuten war es vorbei. Ein paar, die versuchten hatten, sich wie die Hasen in Bodenrinnen zu drücken, wurden leicht an ihrer Wärmesignatur erkannt und wie reife Tomaten gepflückt.
Man beglückwünschte sich und die Ermittler gaben zu, beeindruckt zu sein. Erfolg ist eine schöne Sache.
Bevor es zu Vernehmungen kommen konnte und Ergebnisse vorlagen, würden sicher noch einige Tage vergehen.
Als sie das Gebäude nach einer abschließenden Besprechung am frühen Morgen verließen, waren sie der Überzeugung, dass dies ein Sieg wäre, der sich zu feiern lohnte. Also ging es geschlossen zur Mordkommission beim Sauerländer.
Taijana und Helga, die gerade mit Drago hereinkamen, staunten nicht schlecht, als sie die Truppe um den Sauerländer und den hünenhaften Agenten Nixon schon um elf Uhr beim fröhlichen Zechen entdeckten.
“Aber Hubsi, Alkohol in the morning time. Du verrohst mir in Berlin total. Wenn das dein Polizeichef oder noch viel schlimmer, Tschikowski wüsste“, flachste Helga, während alles in Abscheu den Gedanken an Tschikowski abwehrte.
„Wisst ihr noch damals bei der Juwelensache, da hätten wir ihn brauchen können, als Kugelfang“, begann MM mit dem Aufwärmen alter Kamellen.
„Yepp!“, warf Tatijana ein, „Dann hättet ihr den mit nacktem Hintern aufs Deck stellen können anstatt meiner Person. Das hätte die noch viel mehr verwirrt.“
„Was du immer hast, es war doch kaum Schneetreiben und du sahst gut aus. Mir wird heute noch ganz warm bei dem Gedanken.“ MM schaute verträumt ins Leere.
„Ja. Und es hat gewirkt wie geplant. Während die zu verstehen versuchten, warum da urplötzlich eine nackte Frau breitbeinig auf ihrer Ladeluke rumstand, haben wir sie in aller Ruhe aufgemischt. Auch ohne Waffen“, ergänzte Johann.
Franz seufzte: „Leider habe ich mich zu sehr auf deinen Anblick konzentriert, Tatijana. Deshalb konnte ich zwar meinen Vogel greifen, aber der Aluminiumkoffer mit der Beute versank in den Fluten.“
„Ach“, sagte Johann, „erzählst du die Geschichte immer noch so? Unsere Vorgesetzten und sämtliche Versicherungen sind bis heute davon überzeugt, dass du den Koffer beiseite geschafft hast, um deinen Lebensabend zu versüßen.“
Helga beugte sich über den Tisch und packte Huber an der Nase. „Du, mein Hubsilein, verschweigst du mir etwas? Sei ein artiger Junge, sag der Mama, wo du die Klunkern versteckt hast.“
„Leider nein, Helga. Du musst dich weiter an Drago halten. Ich hab alle Kraft gebraucht, um den Fremdenlegionär überhaupt festzuhalten. Der war wie eine Ölsardine. Kaum zu greifen. Entweder hat den Koffer ein Fischer donauabwärts oder es finden irgendwann Archäologen in ein paar tausend Jahren in einer Sedimentschicht geschliffene und gefasste Klunker und versuchen dann eine Erklärung dafür zu finden, wie ein Vulkan die formen konnte.“
Das Telefon des FBI Agenten unterbrach das Schwelgen in Erinnerungen. Nach ein paar Worten reichte Homer das Telefon dem Sauerländer, der Verbindungsdaten weitergab. Gleich darauf kam eine uniformierte Beamtin aus dem Bereich, in dem der alte Verbindungsknoten stand.
Der Raum wurde abgedunkelt, eine Leinwand fuhr herab und ein Mitarbeiter des Lawrence Livermoore Instituts in Kalifornien kam ziemlich müde über die Videokonferenzleitung. Er grüßte in gutem Deutsch und begann sogleich mit seinem Vortrag, dessen Resümee ergab, dass der in Wien gefundene Renoir tatsächlich eine Fälschung war. Zu beweisen war dies aber nur dadurch, dass ein Leistenteil, auf den das Bild gespannt war, nicht aus der Gegend um Limoges stammte, sondern aus Flandern. Renoir hatte seine Leisten und Rahmen ausnahmslos bei einem Hersteller aus seiner Heimat bezogen.
Zudem gab es ein in der Grundierung klebendes Pinselhaar, das von einem russischen Iltis mit sehr feinen Spitzen stammte, während für das Original Haare vom Rotmarder verwendet worden waren.
Der müde Experte sagte abschließen: „Sie können davon ausgehen, dass bei diesem Aufwand mehr als eine Kopie angefertigt wurde. Alles andere hätte keinen Sinn.“
Die Übertragung erlosch, das Licht ging an.
Die Polizistin verteilte die gefaxten Blätter mit der Expertise und jeder vertiefte sich erst einmal, um den Schock zu überwinden.
Johann hatte sich als erster gefasst: „Da hilft ja nun alles nichts. Das müssen wir zunächst mal als Arbeitshypothese so stehen lassen. Irgendjemand beauftragt international lokale Räuberbanden, bestimmte Bilder zu stehlen und sie in Serie zu kopieren, um sie zu verkaufen. Durch einen für uns glücklichen und für die Marai unglücklichen Zufall sind wir in Wien auf zwei solcher Kopien gestoßen, die gerade an Sammler verkauft werden sollten, die allerdings glaubten, sie hätten die geklauten Originale erworben. Nun brauche ich erst mal einen großen Wodka.“
Agent Nixon dachte laut nach: „Yeah. Dazu besorgen die sich Hölzer, Leinwand und Farben aus der jeweiligen Zeit und sind so gut, wie es überhaupt nur möglich ist. Marder, Iltis. Holz aus Flandern statt aus Limoges. Ich kenne da nur die robusten, rotbraunen Rinder, für die die Gegend berühmt ist. Eine Delikatesse. Ich erinnere mich auch an ein saftiges Limousinrind-Steak in Rotweinsoße. Aber Kunstfälscher auf dem Niveau ...“
Helga trank einen großen Schluck aus Tatijanas Wodkaglas, was ihr einen missbilligenden Blick Dragos einbrachte, der sie jedoch weiter nicht störte. Langsam und deutlich sagte sie: „Habt ihr mal überlegt, dass ein sehr reicher, aber auch sehr geiziger Sammler auf die Idee kommen könnte, echte Kunst für sich selbst rauben zu lassen? Gleichzeitig die Kosten dafür und einen tüchtigen Gewinn dadurch zu erwirtschaften, das er die Kopien als echte Bilder an andere verrückte Sammler verhökern lässt?“ Vorsichtshalber nahm Helga noch einen Schluck. Auf einmal fand sie ihre Theorie doch selbst sehr gewagt.
Mücke war der erste der Runde, der die Erstarrung abschüttelte. Er beugte sich über den Tisch, hob Helga mühelos über den Tisch, knutschte sie und setzte sie wieder hin, bevor Drago überhaupt reagieren konnte: „Helgaschatz du hast recht. Das ist die Lösung!“, brüllte er begeistert. „Ein illegaler Sammler kennt andere illegale Sammler oder hat zumindest von ihnen gehört. An Holz und Leinwand ist auf verschiedenen Wegen heranzukommen, an die Farben auch. Eure Marai war die Händlerin in Wien. Es muss also andere Bilder, andere Händler und natürlich auch Kunden geben.“
Als nächste fing sich Tatijana und krallte ihre Nägel aufgeregt in den Schenkel des FBI-Agenten: „Homer, Hannu Sjogren hat mir in Stockholm erzählt, er geht davon aus, dass vermutlich ein Geheimdienstler am leichtesten an Diebesbanden in unterschiedlichen Ländern rankommt. Könnte es dann nicht auch sein, das die Geheimdienste am ehesten auch über kriminelle Kunstfetischisten Bescheid wissen? Die sind ja erpressbar und vermutlich auch reich und mächtig in ihren Ländern, sonst wäre ihr Risiko zu groß.“
Nixon befreite sich aus ihrem Griff, überlegte nicht lange, sondern griff zum Handy und führte ein kurzes Gespräch. Dann sagte er: „Ok. Heute geht da nichts mehr, aber ich habe morgen früh einen Termin in unserer Botschaft, da treffe ich einen, der einen kennt, der einen kennt, der vielleicht wirklich einen kennt. Mal sehen was dabei rauskommt.“
Johann begann so gleich zu organisieren: „Gut, dann muss Tatijana nur noch einen Termin mit ihrem Vater ausmachen, damit wir mit der anderen Abteilung Geheimdienst auch reden können. Ich möchte, dass Helga und Homer mitfahren. Drago lassen wir lieber hier. Da trau ich auch der Macht von Tatijanas Vaters nicht. Ein Serbe im heutigen Russland geht mir zu leicht als Zigeuner unter.“
Drago winkte ab: „Ich muss auf jeden Fall zurück nach Wien. Meine Schüler wollen zwar nichts lernen, aber ich bekomme Geld dafür.“
Franz Huber orderte die nächste Runde und alle stürzten sich heißhungrig auf die bleistiftdünnen, aber einen halben Meter langen Knacker, die wie überdimensionale Spaghetti auf einer langen Platte serviert wurden.
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11. Das Luch
Du bist verrückt, mein Kind,
du musst nach Berlin
Franz von Suppé
23. Februar 2006 10 Uhr 25 Berlin
Während Michael Mücke wartete, dass der Learjet landete, erging er sich in Betrachtungen. Obwohl der Flieger die Schweizer Kennung HB-IKZ trug, war er aus Liechtenstein. Deshalb hatte er auch nicht das weiße Kreuz auf schwarzem Grund am Heckflügel, sondern Blau und Rot mit der Krone des Fürstentum Lichtensteins.
Der Berliner Kommissar musste lächeln. So ein reicher Versicherungskonzern aus der Schweiz nahm selbst die paar Franken mit, weil eine Registrierung für Lichtenstein billiger kam als eine in der Schweiz. Auch mit dem Schweizer Nationalstolz war es nicht mehr so weit her, resümierte er.
Die Maschine kurvte aus Wien kommend auf dem Runway in Richtung des ehemals französischen Teils auf dem Flughafen Tegel, der heute als Regierungsflughafen genutzt wurde.
Mücke winkte dem Fahrer eines von den Berlinern liebevoll Wanne genannten vergitterten Einsatzfahrzeuges, dass ursprünglich für Straßenkämpfe in wilden Zeiten gedacht war. Auf seltsamen Wegen hatte der Wagen seine geplante Verschrottung bei der Mordkommission überlebt.
„Arthur“, sagte Mücke, „bring bitte das Gepäck in die Mordkommission und dann hol uns später in Tempelhof ab.“
„Mordkommission“, Arthur schnaubte angewidert. „MM, da gehst du doch nur hin, wenn dich Innensenator und Polizeipräsident zwingen oder du einen Verdächtigen mit mieser Atmosphäre beeindrucken willst. Du meinst zum Sauerländer.“
Michael Mücke, allgemein als MM bekannt, nickte schmunzelnd.
„Ist schon klar“, sagte Arthur froh, „und das des Reichsgrafen bring ich eh gleich zu ihm nach Hause. Der Hubschrauberpilot ruft mich an, wenn ihr vom Sightseeing die Schnauze voll habt und nicht mehr Politiker spielt.“
„Arthur, bist du neidisch? Das letzte Mal, als du in so einer Kaffeemühle von Hubschrauber warst, haben die hinterher vier Stunden lang das Ding säubern müssen. Möchtest du mit mir tauschen?“ Er wartete die Antwort nicht ab, sondern strebte dem Flugzeug zu, das mittlerweile auf seiner Parkposition angekommen war.
Das obligatorische Händeschütteln fiel wegen des kalten Ostwindes und vereinzelter großer Regentropfen kurz aus. Außerdem kannten sich alle schon seit langem. Nur Homer, dem FBI-Bevollmächtigten für den europäischen Raum, klopfte MM begeistert auf die Schulter. Die Freude war beidseitig, sie hatten sich lange nicht mehr gesehen.
Die Gruppe hastete zu dem in der Nähe mit laufenden Rotoren geparkten Militärhubschrauber. Schnell wurden Kopfhörer-Mikrophon-Garnituren verteilt; die einzige Möglichkeit, um sich in dem Höllenkrach zu verständigen.
Kaum waren sie angeschnallt, wurde die Maschine nach oben gerissen und ein leitender Beamter der brandenburgischen Bereitschaftspolizei stellte sich grinsend als offizieller Reiseleiter vor, da in der deutschen Kleinstaaterei, Polizeiaufgaben immer Ländersache seien. Er wusste, dass MM das Sagen hatte und verteilte daher entspannt die in Laminat eingeschweißte Karten. Darauf sah man zum einen ein Gesamtüberblick über das große Havelländische Luch und zum anderen die genaue Detailkarte der Gegend um Lobeofsund. Dazu gab es alles noch einmal als Hybridkarten, auf der außer der Karteninformation und den Satellitenbildern auch die nicht vorhandene Topographie ablesbar war. Die Landschaft glich eher dem Boden einer flachen Pfanne. Der Beamte lehnte sich nach getaner Arbeit zurück, während MM brüllend – sein Mikrofon krachte und rauschte – erklärte, dass nur wenige Straßen durch das überaus weitläufige Luch führten.
Der Pilot brachte eine Warnung an, dass er keinem empfehlen würde, es zu Fuß abseits der Wege zu versuchen. Er hatte nämlich schon mal an einer Rettungsübung teilgenommen und steckte dabei stundenlang bis zur Brust im Morast. Helga schüttelte sich. Der Gedanke an eventuelle Blutegel im Sumpf war schlimmer als die Aussicht auf Mann gegen Mann Kämpfe mit den Neonazis. Homer sah sie von der Seite an, sie flüsterte in sein Ohr, welche ekeligen Gedanken durch ihren Kopf schwirrten und nun hatte sie ihn damit angesteckt, er wurde blass. Wenn er etwas auf seinen Tod nicht aushielt, dann waren das Blutegel. Das resultierte aus einer traumatischen Erfahrung. Als kleiner Junge war er quietschfidel in einem schlammigen Tümpel geschwommen und übersät mit diesen Ekelviechern an Land gekommen. Er und Helga ernteten erstaunte Blicke, wie sie konsulvisch zuckend dasaßen.
„Auch wenn die Entwässerung des Luchs schon 1716 unter Friedrich Wilhelm I begonnen hat, ist es immer noch ein Sumpfgebiet, das lediglich durch die Wasserbaukunst des Menschen im Sommer nutzbar gehalten werden kann. Überall gibt es Morast und bis zu sechs Meter breite Entwässerungsgräben, die nur schwer zu überwindende Hindernisse sind. Weidende Rinder oder Pferde, die in diese Gräben stürzen und sich nicht mehr aus dem Schlamm befreien können, sind begehrtes Futter der Aale.“ Das alles brüllte MM seiner Mannschaft in die Ohren. Was er nicht wusste war, dass die Kopfhörer einwandfrei funktionierten im Gegensatz zu seinem Mikro.
Der Hubschrauberpilot blieb im Tiefflug über einigen Gräben stehen. Der Beamte kam nun doch noch ins Spiel und erklärte, wie seine Leute ähnliche Stellen als Grenze zum Einkesseln der Wehrsportgruppe nutzen wollten. „Das ist deshalb wichtig“, sagte er, „weil ein Einsatz auf dem flachen Land auch in der Nacht nicht unbemerkt bleiben kann und deshalb zuerst die Bewohner der Ortschaft dadurch geschützt werden müssen, dass man die Gegner aus dem Ort treibt. Um sie dann aufzuhalten, treiben wir sie genau auf die Stelle zu, wo zwei breite Gräben zusammenstoßen.“
„Was?“, brüllte Johann den Beamten an; er hatte bei MMs Vortrag die Garnitur abgelegt.
Tatijana reichte ihm nur wortlos seine Kopfhörer. Der Polizist wiederholte seine Ausführung.
Zum Abschluss wurde einmal Lobeofsund überflogen, damit sich alle einen Überblick verschaffen konnten, ohne Argwohn zu erregen. Dann drehte der Hubschrauber nach Berlin ab.
Alle atmeten auf, als sie in Tempelhof landeten. Selbst die Winterluft draußen kam ihnen warm vor im Gegensatz zu den polaren Temperaturen, denen sie im Hubschrauber ausgesetzt gewesen waren. Huber fragte sich, warum noch keiner eine vernünftige Heizung für Militärhubschrauber erfunden hatte. Aber wahrscheinlich ging es darum, Härte zu zeigen. Er lechzte nach einem wärmenden Schnaps.
In einen Konferenzraum erklärte ein wichtiger Mann namens Dr. Rohrdörfer aus irgendeinem Innenministerium ihnen nochmals, was der Bereitschaftspolizist ihnen in Natura gezeigt hatte. Neu war lediglich die Information eines Aufklärers der Luftwaffe, der mit ein paar Infrarotaufnahmen von Flügen zeigte, wie viele Personen sich normalerweise auf dem Anwesen aufhielten und wie viele aktuell anwesend waren. Die Aufnahmen stammten aus alten Stapeln ihrer Übungsaufnahmen, die aktuellen aus dem Morgengrauen des heutigen Tages.
Der Plan war einfach. Dr. Rohrdörfer sagte: „In den folgenden Nächten finden Aufklärungsflüge in großer Höhe statt. Sobald die Österreichreisenden eintreffen, lässt sich das leicht erkennen.“
„Und dann Zugriff“, strahlte der Bereitschaftspolizist. Er untermauerte das Wort mit einem Schlag auf den Tisch, der durch das Mikrophon vielfach verstärkt wurde. Tatijana und Helga fuhren erschrocken aus dem gnädigen Schlummer hoch, der sie für ein paar Minuten vergessen hatte lassen, wie durchfroren sie waren.
Nein. Es gab keine Fragen mehr. Danke. Nichts wie raus hier.
Die Wanne wartete am Ausgang und kam der Gruppe vor wie ein überheiztes Tropenhaus. Das weckte ihre Lebensgeister.
Johann teilte die Schlafplätze ein: „Hubsi, du bleibst bei mir, Helga und Drago schlafen bei MM. Ich besorge euch schöne Spesenrechnungen, denn so gut sind unsere Hotels nun auch wieder nicht, das man sie zu diesen Preisen benutzen müsste.“
„Ich dachte, Hubsi schläft bei mir“, murmelte Tatijana. Sie zog einen Flunsch.
„Nein du schnarchst“, kam prompt Johanns Antwort.
Tatijana zog eine Augenbraue hoch. „Püh, woher willst du das denn wissen?“
„Du hast bei der Überwachung in Dover die ganze Nacht im Auto geschnarcht. Ich konnte kein Auge zumachen.“
„Solltest du ja auch nicht, du solltest überwachen! – Gibt es jetzt eigentlich was zu trinken?“
„Ja, wir fahren in die Mordkommission. Ich brauche auch dringend einen Wodka, bevor ich die Grippe von der Saukälte bekomme“, sagte MM.
„Whisky wäre auch nicht schlecht! Ich hasse Hubschrauber, Blutegel und Kälte“, bemerkte Homer, dessen Haut langsam die Blässe verlor und das gesunde Schwarz wiedergewann.
„In der Mordkommission werden die wohl kaum große Auswahl haben. Bei uns gibt es nur was Lauwarmes in der Abstellkammer“, merkte Huber an, der sich ebenfalls sichtlich wohler fühlte ohne Rotoren und in der Wärme.
MM grinste breit: „Alles was das Herz begehrt. Zwanzig Sorten Bier vom Fass, knapp hundert unterschiedliche Schnäpse und eine gute Berliner Küche. Jemand wie ich braucht eine angenehme Arbeitsatmosphäre.“
Homer und Huber sahen sich zweifelnd an, als der Wagen auch schon in einer Nebenstraße vor einer Kneipe mit dem schönen Namen „Zum Sauerländer“ hielt.
Beide Straßenseiten waren befremdlicherweise mit absolutem Halteverbot belegt und mit einem Schild „Frei nur für Dienstfahrzeuge“ versehen. Verschiedene Zivil- und Dienstfahrzeuge parkten aber wie selbstverständlich. Die fragenden Blicke von Homer und Franz wurden nur mit einem Grinsen quittiert.
In der dämmrigen Kneipe sang Degenhardt von den „Reitern wieder an der schwarzen Mauer“ und als sich die Augen der Besucher an das Licht gewöhnt hatten, erkannten sie einen schnauzbärtigen Wirt, der ihnen fröhlich zunickte und in die Tiefe des Raumes wies. Sie gingen an dem langen Tresen vorbei, weiter zu einem Durchgang, über dem zwei Tafeln leuchteten: „Privat“ und „Durchgang verboten“.
Feixend zeigte MM auf ein Schild in einem kleinen Zwischengang.
„Polizeidirektion 5, Delikte am Menschen, Mordkommission“ prangte dort hochoffiziell mit dem Berliner Bären.
Durch eine Tür kamen sie in einen weiteren Raum, in dem Polizisten zum Teil bei der Arbeit waren, andere beim Bier saßen. Hinter einer halb geöffneten Jalousie konnte man einen Computerraum sehen.
An einem großen runden Tisch nahm die Gruppe Platz. Der Wirt kam mit Bier und Wodka auf Verdacht hinter dem Tresen hervor. Auch Homers Wunsch nach Whisky wurde erfüllt. Er hatte nur die Qual der Wahl bei der Sorte.
Franz Huber lehnte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück. So eine Mordkommission machte was her. MM erzählte der Runde, wie es dazu gekommen war: „Nachdem zum siebten Mal die Renovierung der Büroräume der Berliner Mordkommission begonnen und mittendrin im Chaos versickerte, habe ich kurzerhand einen Raum in der Kneipe "Zum Sauerländer" zur meinem Arbeitsplatz umgewidmet. Technisch gab es keine Probleme, denn aus den Anfängen polizeilicher Datenverarbeitung lag ein Verstärkerknoten des internen Netzes im Gebäude, das schon damals dem Sauerländer gehörte, der zu der Zeit auch Polizist gewesen war. Mordkommission mit Service.“ Mücke lachte. „Selbst der Kaffee war um Lichtjahre besser als der in meinem Büro, vom Bier gar nicht zu reden.“ MM wandte sich an Huber. „Na Franz, willste dich nach Berlin versetzen lassen?“
„Schön wär’ das schon, MM, aber ich glaub, so weit reicht Europa doch noch nicht. Außerdem tät ich mein Wien vermissen. Andere Idee: Der Sauerländer soll eine Filiale bei uns aufmachen. Ich verleg mein Kommissariat gern.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das würde in Wien nicht funktionieren. Es ist halt eine typisch Berliner Kneipe. Ein Heuriger in Berlin geht ja auch nicht, oder nur als billiger Abklatsch. Aber ehrlich, wenn wir das hier schon zu meiner Zeit bei der Polizei gehabt hätten, wäre ich auch im Dienst geblieben. So haben wir immer einen Grund, uns überall in Europa auf etwas anderes zu freuen.“
Es wurden noch ein paar Gläser getrunken, doch alle waren mit ihren Gedanken bei den kommenden Aufgaben. Als die Berliner Pathologin Vonderkrone, die sich mit jemandem am Nebentisch unterhalten hatte, aufbrach, nützte Helga die Gelegenheit, um gleich mitzufahren, da auch sie bei MM im Haus wohnte.
Die nächsten Tage bestanden aus dem, was Ermittlungsarbeit meist ist. Die Akten durchgehen, Expertenmeinungen für Neonazis und ihre Gewohnheiten einholen, Papierkram.
Für den Reichsgrafen, MM, Huber und Nixon waren sie zusätzlich mit dem fragwürdigen Vergnügen verbunden, alle naselang an wichtigen Sitzungen teilnehmen zu dürfen, auf denen der längst besprochene Zugriff wieder und wieder zerkaut wurde.
Huber führte zähe Telefongespräche mit seinen politischen Leitwölfen, die das Ergebnis brachten, dass sich die österreichischen Anhänger der Wehrsportgruppe nach der Tat in Wien komplett nach Deutschland abgesetzt hatten. Die Auswertung von Kameraaufnahmen an Autobahnbrücken bestätigte das. Vermutlich reisten die Herrschaften mit ihren deutschen Kameraden im Konvoi. Diese Information wurde auch an die deutschen Sicherheitskräfte weitergegeben, die zwei Übernachtungen der Truppe im Thüringischen aufdecken konnten und sich ansonsten bereithielten.
Wirklich glücklich war eigentlich nur Drago. Er hatte auf der Fahrt nach Berlin bei Freunden in Naila übernachtet. Der zweite Reisetag bescherte ihm strahlenden Sonnenschein, er hatte die Fahrt und die bewundernden Blicke der anderen Autofahrer genossen.
Hier in Berlin fühlte er sich sofort heimisch. Egal, wie viele Probleme interessierte Kreise in die Beziehung zwischen Deutschen und Migranten oder der Migranten untereinander hineindiskutieren wollten, es funktionierte trotzdem. Hier konnten Serbe und Albaner noch miteinander reden und trinken, frei von den Zwängen der Heimat. Einen Wermutstropfen gab es dennoch für Drago. Helga fand kaum Zeit für ihn und sauste wie ein Irrlicht mit oder ohne Tatijana durch die Stadt. So blieb ihm nichts übrig, als sich weiterhin mit den Unterschieden der Migrationspolitik Berlins und Wiens zu beschäftigen. Kurz überlegte er sogar, hierher zu übersiedeln, doch dann musste er plötzlich an Helga denken und dass sie Wien niemals verlassen würde, so verwarf er den Gedanken wieder. Zudem erwartete er täglich seine Österreichische Einbürgerung, in Deutschland müsste er neuerlich eine Ewigkeit warten.
Als Helga an diesem Abend im gemütlichen Gästezimmer MMs ins Bett huschte und unter Dragos Decke kroch, verschwanden all diese Überlegungen aus seinem Hirn, denn es gab nur noch Leidenschaft und Liebe.
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10. Live dabei
Alle Menschen sind Ausländer, fast überall.
Alle Rassisten sind Arschlöcher, überall.
Autor unbekannt
21. Februar 2006 19 Uhr
„Ein Neger im Schnee ...“, begann Tschikowski zu deklamieren, verstummte aber nach einem Tritt gegen seinen empfindlichen Fußknöchel.
Huber schlug verbal nach: „Kusch! Afro-Amerikaner sagt man!“
„Au“, antwortete Tschikowski und rieb sich den Knöchel.
FBI-Agent Homer Milhouse Nixon beobachtete das seltsame Tun der Kommissare und überlegte im Stillen, ob Wiener Polizisten wohl immer so unauffällig agieren. Als die beiden endlich auf ihn zustrebten, erhob sich der kaffeebraune Zweimeter-Riese und ging ihnen durch die Lobby des Hotels Triest höflich entgegen.
„Also hier haben die Kollegen von der Sucht den Fendrich beim Koksdeal geschnappt.“ Der kleinwüchsige Tschikowski schaute neugierig um sich und Huber dachte einmal mehr, statt zur Mord zu gehen, hätte der Komiker mit Rassismustouch vielleicht Politiker werden sollen.
Huber ergriff die ausgestreckte Hand und drückte sie. „Franz Huber, willkommen in Wien.“
„Agent Homer Milhouse Nixon.“ Sein Deutsch war perfekt. Als er Tschikowski begrüßte, wischte der danach seine Hand am Mantel ab.
Huber hätte ihn am Liebsten in den Hintern getreten, überspielte das jedoch und lächelte den Agenten extrem freundlich an. „Ihre Erfolgsquote ist in der ganzen Welt berüchtigt, Mister Nixon.“ Er stutzte. „Nixon ... gibt es da einen Zusammenhang?“
Homer prallte zurück, suchte einen Moment nach Worten, dann sagte er: „Meine Familie lebt seit vielen hundert Jahren in Boston, Massachusetts. Weder äußerlich noch in meinem Herzen gibt es die geringste Verwandtschaft zu dem Herren.“
Tschikowski raunzte leise aber hörbar: „Sklavenpack.“
Huber reichte es nun endgültig, er holte mit dem Bein aus, trat hinter sich und erwischte die Kniescheibe seines Assistenten. Die Breitseite ließ Tschikowski wegknicken.
Daraufhin grinste Homer den wütenden Huber begeistert an. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“
„Ich auch, Homer. Meine Freunde nennen mich Hubsi.“
„Hi, Hubsi.“ Nixon klopfte ihm auf die Schulter, Huber straffte sich, um nicht niederzubrechen unter der Zärtlichkeit Homers.
Gemeinsam verließen sie das Hotel auf der Wiedner Hauptstraße gegenüber der technischen Universität. Sie marschierten Richtung Karlsplatz. Besser gesagt, Homer spazierte gemütlich auf den langen Beinen neben Huber, der atemlos Schritt zu halten versuchte, während Tschikowski schon weit abgefallen war, obwohl er rannte,
„Ich bin nicht das erste Mal in Wien. An der Technik studierte ich vor fünfzehn Jahren. Ich mag diese Stadt. Bis auf den Rassenhass und die Feindlichkeit Schwarzen gegenüber“, erzählte Homer.
Tschikowski, der aufholen konnte, weil die beiden anderen die Karlskirche betrachteten, nickte wie ein Wackeldackel zur Bestätigung.
„Dann kennen Sie bestimmt das Kaffee Hawelka“, sagte Huber, „Dort treffen wir uns jetzt mit den anderen, die an dem Fall arbeiten.“
„Warum nicht in Ihrem Büro?“
„Das möchten wir Ihnen gerne ersparen.“ Huber hielt das heruntergekommen Gebäude in der Leopoldgasse einfach nicht aus. Außerdem war offiziell Feierabend um neunzehn Uhr. Bis auf den Journaldienst, der meist döste, war das Dezernat verlassen. Homer war mit der Nachmittagsmaschine gelandet, sonst hätte man ihn doch auf die Mord einladen müssen. Der Chef war ganz gierig, dem berühmten Agenten die Hand zu schütteln.
Sie schritten durch die Unterführung am Karlsplatz und fuhren mit der Rolltreppe zur Kärntnerstrasse hinauf.
„Ja, die Staatsoper“, schwärmte Homer, „damals konnte ich nur Stehplätze bezahlen.“
„Wer geht schon in die Oper“, murmelte Tschikowski laut genug, um sich einen vernichtenden Blick Hubers einzufangen. Er duckte sich.
Sie kurvten an der Albertina vorbei. „Und hier wurde der Renoir untersucht“, informierte Huber.
„Zwei Experten schworen also, das Bild sei echt. Der Fälscher muss ein Genie sein“, sagte Homer.
Nachdem er das Tempo bestimmt hatte, bogen sie schon in die Dorotheergasse ein und standen vor dem Café.
Huber linste durch die vergilbten Voile-Vorhänge und entdeckte, dass Helga einer der Fensternischen okkupiert hatte. Er war stolz auf seine alte Freundin, denn diese Art Logen verfügten über zwei der rot-beige gestreiften Sofas, auf den man zu zweit bequem sitzen konnte; es würde ein gemütliches Gespräch werden.
Nachdem er Homer und Helga miteinander bekannt gemacht hatte, fragte sie: „Was macht denn der Tschik da, wenn erwachsene Leut was reden wollen?“
„Hoffentlich das Maul halten“, konterte Huber und überließ dem Agenten den Fensterplatz.
„Der Drago wird auch kommen, Hubsi“, sagte Helga.
„Na, wenn wir den Tschikowski aushalten ...“ Huber grinste und Helga warf mit einem Stück Würfelzucker nach ihm.
„Wo ist die Tati?“, fragte er. Kaum hatte er das ausgesprochen, erschien sie schon zwischen den dicken, roten Filzvorhängen, die die Gäste im Winter vor dem eisigen Zug schützte, der mit jedem neuen Gast hereinwehte. Tatijana winkte ihnen zu und trippelte auf wahnwitzig hohen High-Heels durch das Lokal zur Theke, sagte irgendetwas zum jungen Hawelka. Dann hängte sie den bodenlangen, schwarzen Plüschmantel über einen Garderobenhaken und kam mit leuchtendem Lächeln auf den Tisch zu. „Schönen guten Abend, Homer! Ist das wundervoll, dich wieder mal zu sehen.“ Sie lehnte sich über Huber hinweg und küsste den Agenten direkt auf den Mund.
Also hatte sie auch mit Mister Nixon ... dachten Helga und Huber unisono. Sie verständigten sich okular darüber.
„Das sollten wir heute noch feiern, Darling.“ Homer zwinkerte ihr zu.
Tatijana tippte Tschikowski, der mit Helga das Sofa teilte, auf die Schulter. Er blickte genervt auf. Sie machte eine Kopfbewegung, die bedeutete: Verschwinde.
Schnaubend, denn er wusste, er hatte keine Chance, stand der junge Kommissar auf und holte einen Stuhl, setzte sich an die Schmalseite des Tisches. Tatijana streichelte Helgas Wange und drückte sich an sie.
Der junge Hawelka kam mit einem Tablett an den Tisch. Tatijana hatte vorhin also eine Runde doppelten Wodka geordert, kombinierte Helga und verdrehte die Augen.
Als sie anstießen, kam Drago mit der Geige hereingeweht, es blies mit Windstärke acht durch die Straßen Wiens. Seine Nase war rot und begann in der Wärme zu tropfen.
Tatijana rutschte näher an Helga heran, Drago klemmte sich neben sie. Seine Eishand machte die Begrüßungsrunde. Helga verstand nicht, warum er Sommer und Winter mit Sakko durch die Gegend lief. Er erklärte ihr immer wieder, er sei das so gewöhnt als Sohn eines Fischers von der Istrischen Insel Krk. Er wollte ums Verrecken nicht wahrhaben, dass er nun in einem Land lebte, in dem es sieben bis acht Monate eisigkalt und windig war, den Rest des Jahres schwüles Tropenklima herrschte. Langsam taute er auf, nachdem er zwei Wodka und ein Paar Frankfurter Würstel mit scharfem Senf zu sich genommen hatte.
Währendessen wurde Homer auf den letzten Stand der Ermittlungen gebracht.
Als die nächste Runde Wodka kam, die diesmal Homer geordert hatte, schrillte draußen eine Alarmsirene los. Tschikowski war der erste, der sich aus der allgemeinen Erstarrung löste und aufsprang. Sein Stuhl polterte zu Boden und Hubers Sorgenkind sauste undiszipliniert wie gewohnt auf die Gasse hinaus. Jetzt, am frühen Abend, war die Stadt belebt, die Gegend um den Stephansdom und Graben voller Touristen, die der Kälte trotzten und verbissen die Stadtrundgänge aus den Reiseführern absolvierten. Tschikowski rannte gleich drei Italiener um, als er der Quelle des Alarms entgegenhetzte. Schon wurde er von Helga und Homer überholt.
„Das kommt vom Dorotheum“, keuchte Huber hinterher.
Tatijana fluchte, weil sie in den Stöckelschuhen nicht Schritt halten konnte.
Plötzlich knallten Schüsse, ein Schrei verhallte und wie ein Mann schmissen sich alle flach auf den Boden.
In der darauffolgenden Stille war das Geräusch von Schuhen zu hören, die sich im Laufschritt entfernten. Danach heulten Motoren auf und mehrere Autos preschten durch die Stallburggasse in Richtung Hofburg.
Vor dem Dorotheum flatterte der aufgeregte Portier mit den Armen, vor ihm lagen eine Frau, zwei Kinder und ein Polizist reglos auf dem Asphalt. Helga wählte die Nummer des Notrufs, während Homer und Tatijana den Angeschossenen beistanden.
Das Rote Kreuz war überraschend schnell zur Stelle. Die Sanitäter verfrachteten die Verletzten in den Bus.
Der Portier heulte. Drago versuchte ihn zu beruhigen und klopfte zart auf seinen Rücken.
Die anderen schauten abwartend zum Rettungswagen, da erloschen die Signalleuchten. Die Türen öffneten sich und die resignierten Helfer stiegen aus.
Der Notarzt teilte Huber mit, dass er nun die Bestattung verständigen würde.
Mittlerweile war die Polizei eingetroffen und sperrte den Tatort ab.
Die Schaulustigen verkrümelten sich notgedrungen.
„Scheiße“, knurrte Huber. „Der Schygula, eine Frau und zwei Kinder. Diese verdammten Schweine. Wir sind doch hier nicht in Amerika. – Entschuldige Homer.“
„Ist Okay. Darin sind wir wirklich eine führende Kulturnation. Aber gegen unsere Waffenlobby ist nichts zu machen!“, winkte der FBI Agent Homer Nixon großzügig ab, „Bei euch ist die Chance wenigsten größer, dass die Waffe wirklich registriert ist.“
„Ach? Der Schygula war das?“ Helgas Augen zogen sich zusammen.
In dem Moment parkte ein silbergrauer Bentley Arnage Drophead vor dem Eingang des Dorotheums.
„Der Reichsgraf!“, rief das Ermittlerteams im Chor.
„Auch nicht mehr!“, schaltete sich Johann ein, der offenbar Homers letzten Satz gehört hatte. „Die Auflösung des Ostblocks und der russischen Armee hat Unmengen an nichtregistrierten Waffen auf den Markt gespült. Dazu kommen nach dem Schengen-Abkommen noch Italien und die Schweiz, die immer gerne vergessen wird.“ Er entstieg dem Wagen. Mächtig und eindrucksvoll blickte er sich um, selbst Homer wirkte zierlich gegen die Präsenz des Reichgrafen, der die Augenbrauen amüsiert hochzog, als er Tschikowski entdeckte, der aus dem Gebäude auf die Straße zurückgekommen war.
„Was steht ihr hier rum wie auf einer Beerdigung, der Tatort ist drinnen“, quengelte er und wand sich unter Johanns Blicken. Tatijana lächelte ihn bezaubernd an und trat ihm gleichzeitig voll unter die rechte Kniescheibe: „Weil es eine ist oder bedauerlicherweise wird, du Clown!“
Er führte einen Veitstanz auf, lief rot an und wollte gleichzeitig wissen, was los sei.
„Falls es dein Flohgehirn noch nicht registriert hat, der Reichsgraf ist angekommen! Und sie hat dir vors Knie getreten, damit ich dir nicht aufs Maul hauen muss. Du kannst ja zurückschlagen, aber dazu bist du eh zu feige. Also schleich dich, du Ignorant“, knurrte ihn sein Chef an und warf Tatijana eine Kusshand zu. „Sehen wir uns den Tatort an.“
Als sie das Tor passierten, kam ihnen der zuständige Beamte der Sicherheitswache entgegen: „Hallo, Franz. Was für eine Scheiße. Ich hab schon gehört, Schygula hat es nicht geschafft. Die arme Frau und die Kinder. Die Typen hier waren Idioten. Rein mit Getöse, die Bilder und die Kasse geraubt, raus mit Getöse. Kugeln ohne Ende. Automatische und halbautomatische Waffen. Nur Mörser und Panzer hatten die nicht. Dazu Kampfanzüge und Skimasken. Zirka fünfzehn Mann. Wir haben von den Fluchtfahrzeugen drei halbe Nummernschilder. Fahndung läuft. Welch ein Wahnsinn.“
Huber legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Ist schon gut. Wieso war Schygula überhaupt hier? Verkehrsüberwachung?“
„Nein. Wir haben übermorgen hier Staatsbesuch. Er wollte nur die Koordination und Neuausrichtung von ein paar dämlichen Kameras regeln. War nicht mal bewaffnet. Die Einsatzzentrale ist übrigens im Keller.“
Kopfschüttelnd eilte der Polizist davon, um ein paar Neugierige am Überklettern der Absperrung zu hindern. Huber hatte Tempo aufgenommen und alle folgten ihm eilig. nur Tschikowski war irgendwo verloren gegangen oder leckte sich seine Wunden, was aber niemand bedauerte.
Während sie durch einen Seiteneingang des Dorotheums über eine Treppe in den Keller hasteten, sagte Helga atemlos, weil das Massaker ihr nicht aus dem Kopf ging: „Hubsi, du weißt doch, unter anderem wegen dem Schygula habe ich den Polizeidienst quittiert. Der hat damals auf den Schwarzen im Stadtpark eingeschlagen wie ein Blöder, bis er den Verletzungen erlegen ist. Angeblich ein Dealer, dem nichts nachgewiesen werden konnte. Das Verfahren wurde eingestellt. Jetzt ist er selber tot, aber ich schwör’s, so ein Ende hab ich ihm nicht gewünscht.“
„Ja, alles kommt einem zurück“, war Hubers philosophische Antwort.
Sie eilten über einen endlosen Flur, vorbei an diversen Räumen, bis sie nach einer weiteren Treppe zu einem langen saalähnlichen Raum kamen, in dem sich anscheinend die gesamte Wiener Spurensicherung niedergelassen hatte.
Hier herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Aus einer Raumecke wedelte eine kleine, ältlich grauhaarige Dame mit irgendwelchen Papieren und übertönte den Lärm: „Franzl! Hier samma. Kommt’s rüber.“
Die Gruppe bewegte sich zügig auf die Dame zu, die sogleich von Huber umarmt wurde: „Hi Luzi, was hast du Feines?“
„Servus zusammen. Ganz großes Aufgebot von dir heute. Da schau her, Eure Gräflichkeit! Magst wieder einen Wichtigtuer im mobilen Häusel an einen Kran hängen?“
Tschikowski, der im Schlepptau der anderen herangetrottet war, warf Luzi einen Blick zu, der sie hätte töten können.
„Ach, Luzi, vergebene Liebesmüh bei dem.“ Johann mogelte sich an den Tisch mit den sichergestellten Gegenständen. „Hast du dir so kurz vor deiner Pensionierung nochmal ein ganzes Warenhaus an Beweisen eingehandelt?“
„Naja. Wenn ich gehe, dann wenigstens mit Schwung. Aber im Ernst. Das war kein Überfall, da hat einer Krieg gespielt ohne Rücksicht auf Verluste. Hülsen, Kugeln, ein Nazidolch, Teile von Kampfanzügen und ein ganz Irrer hat mit bloßen Händen das Glas mit den gezuckerten Erdnüssen am Empfang angefasst. Das einzig Verlässliche an den meisten Kriminellen ist eben doch, dass sie deppert sind. Übrigens es waren mindestens achtzehn verschiedene Waffen. Die müssen das für ein Schützenfest gehalten haben.“
„Eine Familie ist ausgelöscht worden.“ Huber schüttelte traurig den Kopf. So viele Jahre tat er schon Dienst auf der Mord und immer noch nicht kam er damit zurecht, wenn unschuldige Menschen sterben mussten,
„Und der Schygula, ich weiß. Friede seiner Asche. Du weißt, ich konnte ihn nie leiden, aber die Toten soll man ruh’n lassen. Wenn du einverstanden bist, räumen wir alles, was wir bisher haben, schon ins Labor. Wir machen hier weiter und fischen zugleich nach ersten Ergebnissen“, antwortete Luzi.
Huber sah sich um. „In Ordnung. Ich bin jederzeit über das Handy zu erreichen. Bitte gib mir auch halbgekochtes Zeug weiter. Ich schätze, dass mich unsere politischen Herren morgen früh, wenn nicht heute Nacht noch antreten lassen. Dann brauche ich irgendwas, um es ihnen an den Kopf schmeißen zu können.“
„Mündlich kriegst du alles. Schriftlich erst, wenn bis ins Kleinste klar ist, worum es geht. Die Liste mit den gestohlenen Bildern kommt auch erst später. Die Herrschaften sind sich hier noch nicht ganz einig. Aber egal, wir lassen sowieso jeden verhaften, der mit einem Bild unterm Arm erwischt wird.“
Die Gruppe um Huber betrachtete den restlichen Tatort und verzog sich anschließend ins Hotel Sacher, in dem der Reichsgraf bei seinen Wienaufenthalten regelmäßig abstieg. Damit war ohne Probleme die ganze Nacht für Service gesorgt.
Die beiden Damen legten sich auf Johanns Bett, oder besser unter die riesige Daunendecke. Müde“, schnauften sie und dösten ein. Die Herren unterhielten sich gedämpft bei Grammelschmalzbroten. Johann bestellte das selbstgemachte Schmalz hier jedes Mal telefonisch vor, wenn er Wien besuchte. Das Sacher servierte es auf knusprig frischem Brot, belegt mit feingeschnittenen Zwiebelringen, bestreut mit Schnittlauch und rotem Paprika. Er seufzte vor Wollust nach dem dritten Brot.
Kurz vor dem Morgengrauen kam der entscheidende Hinweis aus dem Labor. Ein Fingerabdruck von den Erdnüssen gehörte einem Mofadieb aus Brandenburg, die Abdrücke auf dem Ehrendolch stammten von einem Südtiroler, der immer noch für ein großdeutsches Reich eintrat. Mit einer der Waffen war bei einem Attentat, das in Nauen auf einen Dönerstand verübt wurde, ein Kind getötet worden.
Johann bestellte zwei Kannen Espresso, Marke Sachermischung und aktivierte sofort seine Beziehungen zur Berliner und Brandenburger Polizei, während Huber lostrabte, um seinen Polizeichef sowie den Innenminister zu informieren. Gleichzeitig bat Johann den Chef der Schweizer Versicherung telefonisch, Druck auf den Innenminister auszuüben, damit Huber Bewegungsfreiheit erhielt.
Tatijana und Helga rappelten sich aus dem Bett auf. Die Russin schüttete den schwarzen Kaffee wie Wasser in sich hinein.
Am späten Vormittag stand fest, dass eine informelle gemeinsame Ermittlungsgruppe aus der österreichischen, der deutschen Polizei sowie den Privatermittlern gebildet werden sollte. Agent Nixon wurde vom FBI die Weisung erteilt, bis auf Weiteres das europäische Team zu unterstützen, nachdem es sich bei Kunstraub um Schändung des Weltkulturerbes handelte.
Helga schaffte es gerade noch, ihrem Drago Johanns Autoschlüssel in die Hand zu drücken, bevor sie mit den anderen in einem Privatjet in Richtung Berlin verschwand.
Drago leistete sich zur Feier des Tages eine alte Lederkapuze und eine dazu passende Autobrille, bevor er das Dach des Bentleys herunterfahren ließ und sich langsam auf Landstraßen in Richtung Berlin in Bewegung setzte.
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9b. Das Netz - Haifa, Oevelgönne, Lobe of Sund
21. Februar 2006 Haifa 10 Uhr 00
Chaim Averbuch, genannt „Der Patron“, saß in seinem Büro in Haifa und lachte innerlich über einen Treppenwitz der Geschichte. Den Beinamen hatte ihm sein Großvater vererbt, der zu Beginn der neuen deutschen Republik zunächst ein windiger Geschäftsmann ebenda gewesen war. Seine Wirkung auf Frauen erlaubte es ihm, selten schlechte Teppiche mit kleinem, aber achtbaren Profit in die neugebauten Bürgerhäuser zu tragen und vor allem auch dort zu lassen. Das Zusammenspiel von persönlichem Charme, Mut und einer gehörigen Portion Unverfrorenheit macht ihn schnell zu einem der Anführer jener durchs Land reisenden Truppen, die ihren Anteil am Wirtschaftswunder leisteten.
Der Patron war ein ungekrönter König, der zudem die Schwächen des verarmten Adels nützte und deren großartige, aber unbezahlbare Kulisse zu seinem Showraum machte.
Fast echte Bilder wurden in Schlössern aufgehängt und als angeblicher alter Familienbesitz von dubiosen Experten für echt befunden. Sie landeten in Industriellenfamilien, den Gerüchten nach auch beim ehemaligen Kanzler Adenauer. Betrogene Betrüger, falsche Bilder und Teppiche, Schmuck von zweifelhaftem Wert, alles kreiste in einem eigenen Universum um den Patron. Als weiteres Geschäft kamen die illegalen Pferdewetten hinzu, bei denen es nie Gewinne geben konnte.
Lange Zeit war es gut gegangen. Dann hatten gute Freunde dafür gesorgt, dass sich der Patron an seine jüdische Vergangenheit erinnerte und nach Israel auswanderte.
Der Spott der Zeitungen über sein Entkommen, der skandalöse Roman über die dubiosen Geschäfte der sogenannten Haute volé von Carl Schmidt-Polex, alles war leichter zu ertragen, als ein Patron, der vor den Schranken des Gerichtes stünde und erzählten, wie Deutschlands Vorbilder wirklich waren.
Chaims Vater schlug sich als Kaufmann nur mühsam im nahen Osten durch, er selbst erbte die Begabung seines Großvaters. Er setzte sie jedoch nicht für solche Geschäfte ein, sondern hatte sich an den Mossad und an die CIA verkauft. Ein ähnliches Prinzip, aber ohne jedes Risiko und die Nebeneinnahmen waren bei weitem höher. Als Führer von Doppel- und Dreifachagenten spezialisierte sich der Patron auf die illegale Kunstszene. Durch seine Dienste verhalf er manchem Prachtstück von gestohlenem Bild zu einem neuen Besitzer. Während seine Dienstherrn sich für den Verrat interessierten, der mit diesen Werken bezahlt werden sollte, nahm der Patron gerne zusätzlich Bares in größeren Summen.
Leider schien die schöne Zeit vorbei zu sein. Nach dem Zerfall des, real nicht existierenden, Sozialismus gingen die Dienste zur Bekämpfung von Terroristen über, weil ihnen die Gegner ausgegangen waren. Dabei kam gerade mal ein Taschengeld an Nebeneinnahmen herein, und diese Fanatiker waren gefährlicher, als dem Patron lieb war. Vorsichtig begann er sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Man kann als Agent so schlecht kündigen, dachte er oft.
Genau zu diesem Zeitpunkt traf er den verrückten Rechtsanwalt aus Hamburg wieder, der damals für einen Mandanten, einen in Japan gestohlenen van Dyck entgegennahm. Roger Harry Schillke hatte den durchgeknalltesten Plan aller Zeiten entwickelt. Nicht, dass der Patron glaubte, die Idee könnte wirklich von dem Rechtsverdreher stammte. Dafür war sie viel zu gut. Der Patron musste nur die Arbeit anderer vermitteln und sein Geld floss ohne Risiko.
Da gab es nicht viel zu überlegen, und Chaim baute sein neues Geschäft halbwegs plausibel in seine Geheimdiensttätigkeit ein.
Er hatte Grund zum Lächeln. Sein Großvater hätte auch gelächelt und wäre stolz auf ihn gewesen. Es war immer noch die gleiche dumme Gier von der auch sein Großvater schon profitiert hatte.
21.Februar 2006 Oevelgönne 15 Uhr 19
Benno von der Lohe saß auf einem kleinen ungepolsterten Holzhocker vor einem Entwurf der Badenden von Emy Roeder.
Die Statue, die danach entstanden war, hatte ihm Fräulein Simone Mungenast, seine damalige Kunstlehrerin, gezeigt auf einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Ein halbes Leben war das her, dachte er wehmütig.
Er verliebte sich damals sofort in den Entwurf. Wie stolz war er gewesen, als ihm Fräulein Mungenast damals einen Katalog zur Ausstellung geschenkt hatte, weil er die beste Zusammenfassung über den Besuch lieferte. Sie war die einzige Lehrerin, die ihn in seiner gesamten Schulzeit auf der Volksschule Oevelgönne überhaupt erreicht hatte. Mit ihren glühenden Augen, dem schwarzen Haar verzauberte und entführte sie die Jungen in eine völlig andere Welt. Wie Benno heute wusste, unterrichtete sie in München und Berlin als angesehene Professorin für Kunst, ehe sie in jenem tausendjährigen Taumel aus ihrer Existenz gerissen wurde, nur weil sie eine Jennische, eine Zigeunerin war. Sie überlebte die abweisende Kälte ihrer professoralen Kollegen genauso wie das KZ und den Todesmarsch nach Neuengamme. Simone war schließlich in Hamburg hängen geblieben. Sie, die ehemals Arrivierte, nun eine displaced Person, namen- und rechtlos. Den Namen mussten sie ihr widerwillig wiedergeben und der Lehrerjob an einer unbedeutenden Volksschule war auch nicht als Lob oder Wiedergutmachung gedacht. Aber sie stand über all diesen Dingen, begegnete ihren Schülern ruhig, freundlich und schrecklich kompetent.
Bennos Hand fuhr zärtlich über den alten Ausstellungskatalog, als ob er die Wärme Simones noch in ihm fühlen könnte. Er selbst hatte für ihre Beerdigung gesorgt und bewahrte eifersüchtig ihren Nachlass.
Ein schnarrendes Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Er schaute auf den Monitor, der an einem Pfeiler des Kellergewölbes montiert war und den Eingangsbereich der Neidmühle zeigte. Ergeben lugte Roger Harry Schillke in das Kameraauge. Benno verließ ungern seine einzigen Freunde, die Bildersammlung, und bewegte sich dann trotz der massigen Gestalt sehr zügig auf den Ausgang zu.
Hinter der ersten Geheimtür griff er zum Telefon und betätigte den Türlautsprecher: „Ja bitte?“
„Benno, ich bin’s, Roger Harry Schillke“, klang es wie eine Rechtfertigung durch den Hörer.
Benno lachte in sich hinein. Wenn der könnte, würde er mit dem Schwanz wedeln. Ekelhaft. Erst als Benno hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, betätigte er den Türöffner. Damit der Schleimer kapierte, dass er die ganze Zeit überwacht worden war, ließ Benno ihn zusehen, wie die Monitore einfuhren.
Schillke ärgerte sich jedes Mal über diese Machtspielchen, leider blieb ihm nichts, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen: „Hallo, Benno, ich bin zurück aus Singapur ...“
„Aber nein? Ich dachte schon, du wärst ein Klon.“ Er feixte. „Willst du ein Lob, weil du den Weg gefunden hast oder kannst du zur Sache kommen?“
„Entschuldige, Benno sofort. Der Überfall in Rio klappte hervorragend, du hast es sicher in den Zeitungen gelesen. Die Bilder sind bereits auf dem Weg nach Russland. Spätestens morgen Mittag bekommst du die beiden Originale, deren Kopien fertig sind.“
„Hast du dich bei dem Japsen versichert, das die Russen nur das Material bekommen, das sie für unsere Kopien benötigen? Ich habe keine Lust, dass diese Idioten den Markt mit eigener Ware überschwemmen. Ach ja, du kannst dich ruhig setzen.“ Benno genoss die Angst seines Gegenübers.
Schillke rutschte auf die Kante eines Stuhls, seine Knie vibrierten. „Der Japaner bekommt ja selbst nur das, was er weitergeben muss. Das habe ich alles hervorragend geregelt ...“
„Du geregelt. Du kriegst alleine ja noch nicht einmal den Schwanz aus der Hose. Aber egal. Hast du den Juden instruiert, welcher Auftrag als nächstes folgen soll und wie sehen wir denn finanziell aus?“
„Der nächste Auftrag ist klar. Er hat in Wien eine Bande aufgetan, die die Drecksarbeit macht. Keine Gefahr für uns.“ Schillke versuchte ein tapferes Grinsen in sein Gesicht zu quälen.
Benno von der Lohe schaute ihm dabei zu und erfreute sich an den Windungen, die er auf dem Stuhl unter seinem Blick veranstaltete.
„Was verheimlichst du mir, Roger? Du weißt, es ist sinnlos. Was ist schief gegangen? Vergiss nie, du bist jederzeit mit einem Lächeln leicht und besser zu ersetzen. In meiner Galvanik sind rund 10.000 Liter hochkonzentrierte Schwefelsäure, das reicht locker für eine Schillke-Lösung, ohne das es auffällt.“
Roger erstarrte. Bleich um die Nase stammelte er: „Benno, du musst mir nicht drohen. Alles läuft bestens.“
„So siehst du aber nicht aus.“
Mit etwas festerer Stimme fuhr Schillke fort: „Nur die Marai, die von Wien aus die Kopien an bestimmte Kunden verkauft, meldete sich nicht turnusgemäß und ist auch nicht über ihr Handy zu erreichen. Da geht nur eine Kinderstimme ran. Wenn sie uns bestohlen hat, werde ich sie persönlich ausschalten, das schwöre ich dir.“ Schillke wischte sich den Schweiß aus der Stirn.
„Ach Roger, dafür kann es tausend Gründe geben. Konstruiere einfach eine Mahnung von meinem Buchversand und ruf sie deshalb in ihrer Wohnung an. Dann weißt du, was los ist. Das ist das Problem mit den Handys, man verliert sie so leicht. Und nun geh. Wir sehen uns heute Abend auf dem Empfang.“
Schillke verließ Benno von der Lohe gerne. Im Gegensatz zu ihm war er überzeugt, dass die Marai ihre eigenen Fische drillte.
Er fuhr auf der Elbchaussee zu seiner Villa. Früher erfüllte ihn der Besitz des Anwesens mit Freude und Stolz. Es bildete so vollständig ab, was er erreicht hatte. Mittlerweile empfand er es als Last, zumal seine Frau und seine Kinder alles taten, um ihm aus dem Weg zu gehen. Zwar hätte seine Frau eine Scheidung finanziell nicht überlebt, aber was nützte ihm das. Sie lebten nebeneinander her wie Geschiedene im gleichen Haus und jeder in seinem gesamten Bekanntenkreis wusste Bescheid.
Auf der einen Seite tyrannisierte ihn von der Lohe, auf der anderen die Familie. Wut und Verzweiflung überkamen ihn bei diesen Gedanken. Und die Lust, sein Mütchen auf der Stelle zu kühlen, wuchs ins Unermessliche. Inzwischen war er in der Einfahrt angelangt, wendete und fuhr wieder los in Richtung Nikolaifleet.
Er hatte sich dort den sechsten und siebten Stock eines alten Speichers mit schönen, gotischen Backsteinzierrat reserviert, in dem er eine kleine, gemütliche Wohnung und ein Studio für seine besonderen sexuellen Wünsche eingerichtet hatte, die ihm jetzt helfen würden, den Frust loszuwerden.
Da ihm das ganze Haus gehörte, konnte er hier tun und lassen, was er für richtig hielt. Das Schönste aber war, dass weder das offizielle Hamburg noch seine Familie oder gar von der Lohe diese Fluchtburg kannten.
21.Februar 2006 Lobeofsund 18 Uhr 30
Am Rande von Lobeofsund in Richtung Jahnberge tobte mal wieder der Bär.
Zum Entsetzen der übrigen Bewohner der kleinen Luchdorfgemeinde, hatte eine Gruppe aus Berlin den Hof des alten Grauel nach dessen Tod billig erstanden, weil der Sohn keinen Wert auf die Einsamkeit im Luches legte.
Viele Fremde kauften sich im Luch nach der Wende ein. Reiterhöfe, Golfplätze, Westernstädte und Ziegenkäsereien entstanden, meist harmlos, bunt, und mit wenig Sachverstand. Esoteriker suchten die Mystik dieses Sumpfgebietes, Naturfreunde die Vögel, die hier ihre Rast- und Brutplätze hatten.
Bei der Truppe in Lobeofsund war das anders. Sie bezeichnete sich als internationale Wehrsportgruppe „Reichsfürst“.
Normalerweise hatten die Menschen im Luch keine Probleme, mit Spinnern umzugehen, aber die Bande hier besaß einen fatalen Hang zur Gewalttätigkeit. So warfen nach und nach Bürgermeister, Förster und die umliegenden Landwirte das Handtuch, sie gaben auf, sich gegen Diebstähle, Wilderei und Zerstörungen zu wehren. Polizisten waren im Luch seit eh und je höchstens als schnell durchreisende Gäste zu finden. Daran hatte sich auch unter dem General als Innenminister nicht das Geringste geändert. Abgesehen davon war das Luch mit seinen spärlichen Bewohnern, den wenigen Straßen, Wegen und seiner großen Fläche nie wirklich zu kontrollieren gewesen.
Heute Abend gab es eine große Feier. Mit loderndem Lagerfeuer, halbnackten Frauen trotz der Kälte, viel Alkohol und Krach wie auf einem Flughafen.
Der Boss der Truppe, ein großer Ungewaschener mit Igelfrisur wälzte sich mit zwei Frauen auf dem Boden, als sein Handy klingelte. Er schob die Frauen von sich und nahm das Gespräch an. „Reichsfürst, Hauptmann Geiger, wer da.“
„Hi Olav, hier ist Achim. Reichsfürst Wien meine ich. Wir haben für Ende des Monats einen Auftrag hier und brauchen Leute. Gibt reichlich Kohle. Könnt ihr kommen?“
„Komm zum Thema.“
„Bilder aus einem Aktionshaus abräumen. Ist eh nur jüdisches Gesindel und Ausländer. Aber wir müssen uns wahrscheinlich den Rückweg freischießen. Ihr müsst Waffen mitbringen, seitdem die unser Lager in Kärnten entdeckt haben, sind wir ziemlich knapp.“
„Kein Problem. Ich melde mich morgen und sage dir, wann wir ankommen. Es tut den Leuten mal wieder ganz gut, Pulverdampf zu riechen.“ Olav legte auf und informierte die Leute, die sich seine Adjutanten nannten. Sie produzierten so etwas wie eine militärische Ehrenbezeigung, als sie die Befehle entgegennahmen.
Danach widmete er sich wieder den Frauen und seiner Flasche, während andere dafür sorgten, dass Waffen aus ihren Verstecken geholt wurden.
Olav erfüllte ein Glücksgefühl. Fast ein halbes Jahr war vergangen, seit sie das letzte Mal richtig Rabatz machen durften. Damals hatten sie die Imbissbude in Nauen abgefackelt und den Textilladen dieses Vietnamesen. Dazwischen gab es nur das übliche Verprügeln von Kanaken, ein paar Vergewaltigungen kreischender Hausfrauen und Langeweile.
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9a. Das Netz - Florenz, Ulan-Bator, Kunzewo,
Kriminelle Energie ist noch nie knapp geworden.
Siegfried Wache
20. Februar 2006 Florenz 16 Uhr 20
Silvio Lucca genoss den heraufdämmernden Abend ebenso wie das Glas Roten, der dem Marchese Leonardo de’ Frescobaldi wirklich gelungen war. Er sah über die Piazza hinweg auf eine riesige Baulücke. Vor kurzem hatte dort ein stolzer Florentiner Palazzo gestanden. Werden und Vergehen. Ihm war es recht. Zumal er und seine Familie in aller Welt blendend davon lebten, alte Häuser gegen geringes Entgelt abzutragen. Es gab für Holz und Eisen einen festen Abnehmer. Einen dieser seltsamen russischen Juden, die überall auf der Welt zuhause sind, aber doch nirgendwo so richtig hinzugehören scheinen. Silvio interessierte der Jude selbst nur mäßig, spannend an ihm waren die regelmäßigen Überweisungen an ihn und seine Familie.
Daher rissen sie in Italien, Holland, Belgien, Frankreich und Deutschland alte Häuser ab, versendeten Holz- und Eisenteile an Adressen überall in der Welt und konnten selbst die Steine für Restaurierungen anderer Häuser vermarkten.
Aber auch in ihrem eigentlichen Geschäft kamen seine Leute nicht aus der Übung. Sie stahlen überall, wo sich die Möglichkeit ergab, alte Bilder unbedeutender Meister, antikes Kirchengestühl und letztens erbeuteten sie sogar eine mittelalterliche Nagelfabrik aus einem Museum. Nichts besonders Gefährliches, aber alles wurde gut bezahlt. Silvio orderte noch ein Glas von dem wirklich sehr guten Mormoreto.
20.Februar 2006 Ulan-Bator 16 Uhr 20
Bogd Gegeen Dagwadordsch schlürfte den heißen Tee der mongolischen Steppe und freute sich am Anblick seiner Tochter, die für ihn die schönste Rose seiner Heimat war. Innerlich gestand er sich lächelnd ein, dass wohl jeder Vater hier in Ulan Bator wie auf der ganzen Welt das Gleiche dachte. Nicht nur ihre Schönheit, auch ihre Intelligenz machten ihn glücklich. Nach dem Untergang der Sowjetunion hatte sie sich nicht, wie so viele, aufgegeben. Sie schloss ihr Kunststudium in Paris und Venedig ab, um dann zu ihrem Vater zurückzueilen, der sich ans G. Zanabasar Kunst Museum für mongolische Kunst gerettet hatte. Allerdings mussten beide sehr schnell feststellen, Enthusiasmus in der neuen Ordnung reichte nicht zum Überleben und selbst einfachste technische Ausrüstung konnte nur gegen Devisen gewartet oder neu beschafft werden.
Da erschien der Armenier wie ein rettender Engel. Seine Wünsche zu erfüllen war einfach genug.
Seitdem klassifizierten sie Holz, Eisen, alte Leinwand, bestimmten die Herstellungszeit und säuberten die Teile. Das Holz ließen sie auf Brettermaße der jeweiligen Zeit von Handarbeitern zurechtschneiden.
Bogd Gegeen konnte sich halbwegs vorstellen, wofür die von ihm bestimmten und bearbeiteten Materialen verwendet wurden, aber damit hatten er und seine Tochter nichts zu tun. Ihm war wichtig, dass er in seiner Heimat auf dem gleichen Niveau weiterarbeitete wie früher in Moskau. Bogd Gegeen seufzte zufrieden.
21.Februar 2006 Kunzewo 11 Uhr 00
Die Morgensonne schien durch den hellen Birkenwald in Kunzewo bei Moskau. Aus der ehemaligen Datscha eines Funktionärs war durch geschickte Anbauten eine Malschule mit Unterkünften für eine große Zahl von Meisterschülern entstanden.
Hassan Gegoriwitsch Rosskoie saß über seinen Büchern. Egal wie er rechnete, mit den Aufträgen der Kirche, dem Wenigen, das der Staat als Subvention vergab und den paar Privataufträgen wäre seine Malschule nie zu halten gewesen. Selbst die Mafia ersetzte das Schenken von Kunst durch die Zahlung von Bargeld. Doch nie wäre es Hassan Gegoriwitsch in den Sinn gekommen, die Schule aufzulösen. Vor allem jetzt nicht mehr, nachdem er seit einigen Jahren jenen Japaner als Auftraggeber hatte, für den er alte Meister oder Gegenwartskunst in Kleinserien mit den alten Materialien produzierte. Es war für ihn rätselhaft, wie jemand heutzutage an derartiges Material herankommen konnte, aber die Expertisen eines Freundes von der Moskauer Universität hatten ihm gezeigt, das alles echt zu sein schien. Dass seine Schüler als begnadete Kopisten das ihre taten, war für ihn ein Grund stolz zu sein und immer wenn er sich von den Kopien trennen musste, tat ihm das ein wenig weh.
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8. Echt falsch
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Dienstag, 12. Februar 2008
Experte: ein Spezialist, der über etwas alles weiß
und über alles andere nichts.
Ambrose Bierce
20. Februar 2006 Stockholm 11 Uhr 00
Es war feierlich anzusehen, was sich hier vor dem Labor des schwedischen Museums versammelt hatte. Der Museumsdirektor Sven Urgard und ein paar Begleiter, der Polizeipräsident in Uniform mit etlichen ebenfalls uniformierten Begleitern – auch Hannu Sjogren hatte sich dementsprechend kostümiert – sowie einige nicht näher zu definierende Herren in dunklen Anzügen und zwei blonde Frauen als Zeichen der Gleichberechtigung. Helga lachte innerlich und wartete darauf, dass irgendjemand sagte: „... und der Nobelpreis geht an ...“
Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete eine blonde Walküre die Tür und forderte sie auf, mitzukommen. Nachdem alle im Hörsaal Platz genommen hatten, wurde es dunkel, dann raschelte ein Vorhang, und plötzlich erstrahlte das Bild auf einer Staffage in hellem Lichterglanz. Helga gluckste nun hörbar, biss sich aber gleich auf die Lippen. Welch eine Inszenierung und dabei war sie schon über Dr. Pollanz’ Show in Wien amüsiert gewesen. es kam noch besser. Jemand, der eher einem alten zwergenhafter, keltischer Bewohner irgendwelcher Inseln in der schottischen See ähnelte als einem Schweden, stand an einem Rednerpult. Nachdem er sich missbilligend geräuspert hatte und die letzten Ahs und Ohs wegen des Renoirs verklangen, klopfte er mit einem Laserzeigestift auf sein Pult. Neben dem Bild erschien eine Computergrafik. Der grauhaarige Zwerg sprach zu allem Elend mit einer Fistelstimme, und gleich kam der krönende Höhepunkt. Er wurde von der Walküre ins Deutsche, oder das, was sie dafür hielt, übersetzt. Sie verfügte über eine knödelnde Vortragsstimme, die sich gut für den Tannhäuser geeignet hätte. Helga war fasziniert. Da quiekte ein Esel und dröhnte ein Ochsenfrosch. Sie klatschte an den richtigen Stellen, bekam aber kaum mit, was gesagt wurde. Nur das letzte „Echt, echt, echt“, hallte noch solange im Raum nach, dass sie es mitbekam.
Die Grafiken, die mittlerweile mehrfach so schnell gewechselt hatten, dass sich niemand darauf konzentrieren konnte, erloschen. Tatijana flüsterte Helga ins Ohr: „Schade, fast hätte der Typ einen neuen Rekord aufgestellt. Er war schon bei 26 Folien pro Minute, aber wahrscheinlich ist sein Rechner zu langsam. Johann wäre explodiert.“ Dabei bebte sie vor Lachen.
Irgendjemand erschien mit einem Tablett voller Schnapsgläsern und alle stießen wieder und wieder an. Helga sortierte sich schnell zur Seite, um nicht in Schieflage zu geraten. Der Museumsdirektor schritt zu seinem Bild und betrachtete es kritisch. Plötzlich stutzte er und winkte den Experten heran. Helga hatten den Eindruck, dass seinen Wangen blass wurden. Er griff nach dem Handy.
Sie schlich zu Tatijana, die in der Mitte einer Gruppe Uniformierter stand. „Hey Tati. Da stimmt irgendwas nicht. Schau das Gesicht vom Direktor an.“
Tatijana und Hannu bewegten sich daraufhin unauffällig auf ihn zu. Urgard suchte den Augenkontakt zu Hannu Sjogren und zeigte auf einen Ausgang, durch den er und der Experte kurze Zeit später verschwanden. Helga, Tatijana und Hannu folgten ihm. Sie kamen nach einem kurzen Flur in ein Zimmer. Das Büro des Experten. Er begrüßte die beiden Frauen mit einem strahlenden Lächeln, das sie auf die Entfernung nie bei ihm vermutet hätten, und gab beiden einen kräftigen warmen Händedruck.
Direktor Urgard kam sofort zur Sache, er sprach sehr gut deutsch. „Wir haben ein Problem. Drei Tage, bevor der Renoir gestohlen wurde, gab es einen Zwischenfall. Ein betrunkener Arbeitsloser randalierte mit einem Besen im Museum. Den Besen hatte irgendein Trottel einfach stehen lassen. Als der Mann von unseren Wachen überwältigt werden sollte, kam es zu einem Handgemenge, bei dem die scharfe Kante des Besens über die untere Bildkante streifte und deutlich Farbe abplatzte. Wir haben kein Aufheben darum gemacht, sondern die Farbe einfach wieder aufgebracht.“
„Geklebt?“, fragte Helga entgeistert.
„Ja, Frau Brenner, wenn Sie so wollen, geklebt. Wir stehen sowieso schon ständig in Diskussionen um die Sicherheit und gleichzeitig wird unser Budget ständig gekürzt. Also geht es darum, Aufsehen zu vermeiden.“
Hannu blaffte: „Und deshalb haben Sie mir nichts gesagt! Um sich politisch den Rücken frei zu halten. Aber was ist nun mit dem Bild?“
Urgard tänzelte verlegen von einem Bein aufs andere: „Der Renoir aus Wien ist an dieser Stelle nicht beschädigt. Er war das nie. Die übliche Durchleuchtung war negativ.“
Helga rülpste vor Schreck, und Tatijana hielt ihre Hand fest wie ein Schraubstock.
Der Experte, den Helga endlich als Professor Ljöslund identifizieren konnte, schaltete einen Projektor ein, auf dem ein Röntgenbild zu sehen war, das deutlich andere Beschädigungen und deren Ausbesserungen zeigte, aber nicht jene, auf die es ankam. Er stellte sich breitbeinig wie ein Preisboxer hin und fistelte jetzt vor lauter Aufregung gar nicht mehr: „Allen Tests zufolge ist das Bild echt. Doch es kann nicht echt sein, weil die Beschädigung fehlt. Dafür sind alle sonstigen bekannten Beschädigungen vorhanden und nachweisbar. Ich bin ratlos.“
„Kopie?“, warfen Hannu und Tatijana unisono ein.
Ljöslund winkte ab. „Nach all dem, was wir bisher über Fälschungen wissen, kommt niemand an diese Qualität nur annähernd heran. Und wenn es jemand schaffen würde, wäre die Kopie unbezahlbar. Keine Chance. Meinetwegen Außerirdische.“ Er grinste hilflos.
Tatijana übernahm die Führung, „Bisher weiß außer den Anwesenden, meinem Chef, der Wiener Mordkommission und der Versicherung niemand, dass wir das Bild haben. Das sollten wir bis auf weiteres so lassen. Können Sie mir das für die schwedische Seite zusichern?“
Alle stimmten zu. Hannu meinte, er würde ausschließlich den Polizeichef einweihen und allen anderen etwas von ermittlungstaktischen Gründen erzählen.
Zu Professor Ljöslund sagte Tatijana: „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Aber wir müssen nach zwei positiven Gutachten ein drittes einholen. Ich vermute, mein Chef wird das Bild in die USA schicken. Das ist kein Misstrauen gegen Sie und Ihr Institut. Unsere amerikanischen Brüder haben einfach viel mehr Geld als wir und geben es auch für ihre Labortechnik aus. Nutzen wir deren Möglichkeiten. Ich bitte Sie, Herr Professor, Ihr Gutachten zusätzlich in Deutsch und Englisch abzufassen und mir Kopien davon an meine Mailadresse zu schicken. Wenn möglich, auch alle Röntgenbilder und was Sie sonst haben.“
Ljöslund nickte.
Tatijana blickte sich unter den Anwesenden um: „Hier können wir jetzt nichts mehr tun. Um niemanden aufmerksam zu machen, sollten wir jetzt draußen gemütlich ein Glas nehmen und uns morgen gegen Abend im Büro des Direktors erneut treffen. Bis dahin habe ich weitere Anweisungen erhalten.“
Da keiner einen besseren Vorschlag hatte, gingen sie zum Rest der Versammlung zurück und heuchelten Begeisterung.
Als sie wieder im Hotel waren, konnte Helga sich nicht mehr halten: „Warum hast du deinen Reichsgrafen nicht gleich angerufen? Das ist doch ein Hammer.“
„Helga Schätzchen. Das habe ich, sobald wir im Büro von Ljöslund ankamen. Allerdings hörte mir nur seine Mailbox zu und ich bin darauf angewiesen, dass er sie anruft. Hoffentlich bekommt er wenigstens einen richtigen Schreck. Das wäre ihm zu gönnen.“
„Wieso bist du so wütend? Wir haben alle mal die Mailbox an. Ruf bei euch daheim an. Die Haushälterin kann ihn hochjagen.“
„Kann sie nicht. Er ist in Belgien. Wegen dem Essen wie er sagt. In Wirklichkeit hat er da eine Schlampe, bei der er sich ab und an austobt. Das wäre mir ja egal, wenn er mich nicht immer links liegen lassen würde. Was mag die wohl haben, was ich nicht habe?“ Sie spuckte aus.
„Ihr Ding liegt quer?“, witzelte Helga und das Gespräch ging in Gelächter unter.
Tatijanas Telefon klingelte, prustend hob sie ab. Sobald sie die Stimme erkannte, stand sie geradezu ‚habt acht’. „Na, hattest du Spaß in Belgien?“, sagte sie süffisant und winkte Helga zu sich, die ihr Ohr an das Handy presste.
Das tiefe Lachen Johanns ertönte. Er sagte: „Ich sehe euch Morgen in Wien, klar? Grüß Helga von mir, oder besser, Helga, mein Schatz, ich hoffe, es geht dir gut.“
Helga zuckte zurück. Konnte Johann alles sehen?
„Ja, Herr und Meister, alles klar.“ Es klickte und weg war er.
Dann wählte Tatijana den Flughafen an und buchte die Tickets.
„Morgen um acht in der Früh. Lass uns noch einen draufmachen, hm?“
Helga verdrehte die Augen. „Ich denke, ich werde lieber die Prospekte studieren, wo wir überall waren.“
„Wie langweilig“, sagte Tatijana und probierte das neue Ballkleid in der Farbe ‚Nude’, der letzte Schrei dieser Saison. Sie wirkte absolut nackt darin, Ton in Ton mit ihrer Haut, bis unter die Hüften anliegend und hauchdünn, aber nicht transparent, in Kniehöhe fiel es in Wasserfallkaskaden bis zum Boden.
„Das willst du anziehen?“
„Ich treffe Hannu zum Abschiednehmen. Er soll mich in ewiger Erinnerung behalten.“
„Das wird er.“ Helgas Handymelodie spielte Mozarts kleine Nachtmusik. Ihr Gesicht erstrahlte. „Drago, mein Liebster!“
Während sie lauschte, wurde sie stiller und stiller. Nach dem Gespräch sagte sie mit bebender Stimme: „Der Reichsgraf ist eine Wucht. Er hat einen Riesenscheck an mich geschickt. Davon kann ich ein Jahr leben, wenn ich den Fall überlebe.“
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7. Skol!
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 7. Februar 2008
Viele Frauen sind nur auf ihren guten Ruf bedacht;
aber die anderen werden glücklich.
Josephine Baker
17.02.2006 Stockholm 11 Uhr 50
„Ach, wie süß!“ Tatijana schritt mit laszivem Grinsen durch den Check Out und winkte einem blonden Hünen zu, der zart errötete.
Helga, die hinter der Russin die Sperre passierte, grunzte leise vor Vergnügen. „Wer ist das denn?“
„Keine Ahnung. Ein hübscher Schwede jedenfalls.“
„Tati!“
Achselzuckend antwortete Tatijana: „Wir sind im Land der Mitternachtssonne, hab dich nicht so!“
In der Ankunftshalle fiel ihr Blick auf drei Männer, die seltsam unauffällig herumstanden.
„Das ist unser Empfangskomitee.“ Tatijana strebte auf die Gruppe zu.
Helga, auf ihren Spuren, fragte: „Woher weißt du ...?
„Bullen sehen auf der ganze Welt wie Bullen aus, Helgalein.“
„Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo anders so blonde und kernige Polizisten ...“
„Skol!“, unterbrach Tatijanas Schlachtruf Helgas Ausführungen.
„Goddag“, erklang der Männerchor, schoss nach: „Hur går det?“
„Wie bitte?“ Helga konnte außer Skol kein Wort schwedisch.
„Nein, sie meinen nicht, dass wir Huren sind, meine Liebe. Das heißt bloß: Wie geht es Ihnen. –Tack, god“, wandte sie sich an die Herren.
Helga murmelte: „God, tack.“
Eskortiert, die Renoir-Kiste zwischen sich, verließen sie die Halle. Helga fror erbärmlich. War Wien schon bitterkalt gewesen; im Vergleich zu den Minusgraden in Stockholm wehte daheim ein mildes Frühlingslüftchen. Sie klapperte noch mit den Zähnen, als sie im wohltemperierten Volvo Richtung Stadt schaukelten. Zunächst hielt der Wagen vor dem Versicherungsgebäude. Das Gemälde verließ den Volvo und landete im Labor des hiesigen Experten. Danach gab es einen Zwischenstopp im Polizeipräsidium, wo zwei der Begleiter aus dem Wagen sprangen.
Hannu Sjogren, ein weißblonder Wikinger, blieb den Damen erhalten; er chauffierte sie zu ihrem Hotel in der Kungsgatan 47.
„Und jetzt lassen Sie uns ganz allein?“, schnurrte Tatijana kehlig.
„Ich habe Dienst“, stotterte Hannu, sichtlich überwältigt. „Aber Morgen vielleicht?“
„Junge, dann ist es zu spät.“ Helga lachte mehrdeutig und konstatierte, dass sie jedes Mal, wenn sie mit Tati zusammen war, ihren Umgangsstil mit dem anderen Geschlecht sofort übernahm.
Das Zimmer war überheizt. Nach einer Dusche überlegten sie, wie sie die Tage bis zu dem Ergebnis der Expertise herumbringen wollten.
„Der Museumsdirektor ist erst Übermorgen von seiner Dienstreise zurück, bis dahin ...“
Immer wieder war Helga von Tatijanas Lässigkeit bezaubert. Dabei hatte sie einen schrecklichen Schlag erlebt, Mann und die kleine Tochter bei einem Bombenattentat der russischen Mafia in Berlin verloren. Direkt vor ihrem Wohnblock ging der Wagen hoch, als Vladi das Kind zum Kindergarten fahren wollte. Tatiana stand winkend auf dem Balkon und musste es mit ansehen. Die Täter waren nie gefasst worden.
„Wir suchen mal die Hotelbar heim, essen eine Kleinigkeit und gießen uns einen hinter dieBinde“, sagte die Russin und cremte die wohlgeformten Waden ein.
„In Stockholm? Bist du Millionärin?“ Helga kramte in der Geldbörse.
„Johann, mein Reichsgraf ist es. Geht alles auf Spesen.“ Tati setzte einen schwungvollen Lidstrich aufs rechte Augenlid, trat einen Schritt vom Spiegel zurück, kontrollierte das Ergebnis und widmete sich dem linke Auge. Dann warf sie Helga, die auf dem Bett saß, den Lippenstift in den Schoß.
„Tati, du weißt, ich male mich nicht an.“
„Wenn du mit mir ausgehst, machst du es.“ Ihr Tonfall war derart bestimmend, dass Helga der Aufforderung nachkam. Drago würde mich umbringen, wüsste er, was ich da treibe, dachte sie.
Tatijana, die stets mit großem Gepäck reiste, durchwühlte ihre Garderobe. Ein schwarzer Minilederrock, eine spitzendurchbrochene Bluse in maisgelb und Netzstrümpfe flogen Helga um die Ohren.
„Anziehen“, forderte Tatijana sie auf. Sie selbst zwängte sich in einen schwarzen Satinoverall mit Stehkragen; sie löste den Zopf und ihr dichtes Blond umgab sie wie ein Cape.
„Du bist eine Königin, Tati.“ Helgas Bewunderung war bar jeden Neids.
„Wodka!“
Eilfertig servierte der Barkeeper.
„Sind hier alle blond?“, fragte Helga.
Sie knabberten Lachsbrote.
„Die schönen Schweden ja. Skol!“ Tatijana kippte den Wodka mit einem Schluck.
Helga schüttelte es, sie war keine Schnapstrinkerin, aber sie hielt bis zum dritten Glas mit. Dann bekam sie einen Lachanfall. Konnte nicht mehr aufhören, als Tatijana das Handy zückte und hineinflötete: „Hannu Sjorgen, hören Sie, wir brauchen Sie. Dienstlich, Sie verstehen? Bewegen Sie Ihren nordischen Körper in die Hotelbar.“
Helga blieb in der Lobby und las schwedische Zeitschriften.
„Skol!“, prostete sie sich zu und formte die fremden Worte mit stummen Lippen. Tatijana musste ihr vor dem Abgang mit Hannu versprechen, nur ihr eigene Betthälfte zu benutzen.
Irgendwann weckte Helga ein zartes Wangenstreicheln. Sie rappelte sich aus dem Lehnstuhl heraus und tappte betrunken und verschlafen an Tatijanas Seite in den Lift. Natürlich waren beide Betten ein Schlachtfeld. Tatijana war ein wildes Tier, konsumierte Sex wie Lachsbrote oder Wodka. Vor allem aber mit wilder Begeisterung.
Am nächsten Morgen wachte Helga alleine auf. Auf dem Nebenbett lag ein Zettel. „Bin mit Hannu beim Frühstück! Beeil dich!“
Helga verkroch sich unter der Daunendecke. In ihrer Höhle roch es nach Liebe! Da war sie hellwach, saß kerzengerade im Bett. „Wir brauchen neue Laken!!!“, schrie sie die Wände an. Sie hörte innerlich, wie Tatijana sie als Zimperliese bezeichnen würde und wählte die Nummer des Roomservice. Man versprach frisches Bettzeug.
Die heiße Dusche beruhigte sie.
Tati wollte heute shoppen. Sie selbst würde sich ein paar Sehenswürdigkeiten reinziehen, das kam billiger, beschloss Helga und zog ihren Norwegerpullover an. Mutter hatte ihn selbst gestrickt. Er war ihr wärmstes Kleidungsstück. Vorne grinste ein Elchkopf, dessen Hals ein roter Schal schmückte, die Rückseite zierte der Hintern des Viehs. Im Ohr ertönte der Lachanfall Tatijanas.
Mit verschränkten Armen stand Helga trotzig am Fenster und blickte auf das eisige Stockholm hinaus. Das Kungsgatan war mit Abstand das teuerste Hotel, mitten im Zentrum. Gegenüber erkannte sie das Konserthuset.
Alkohol ist nichts für Zwerge, dachte Helga bei sich, warf den Norweger in die Ecke und legte ihr schärfstes Outfit an. Bei einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel seufzte sie. Gegen Tatijana würde sie aussehen wie eine Stiftsdame. Egal. Sie hatte Hunger.
Mitten in dem gut gefüllten Speisesaal an einem viel zu großen Tisch, der aber trotzdem überladenen aussah, saßen Tatijana und Hannu eifrig ins Gespräch vertieft. Während Helga Platz nahm, verfolgte sie ebenso fasziniert wie Hannu, dass Tatijana sich so ganz nebenbei ordentliche Scheiben von einem riesigen, blutigen Steak abschnitt und mit Behagen und Weißbrot verzehrte. Etwas hilflos betrachtete Helga die Speiseauswahl. Ihr blieb nicht viel Wahl, denn Tatijana griff zu einer gefährlich aussehenden kleinen Flasche, goss zuerst Helga ein großes Schnapsglas voll ein, dann für sich und Hannu, der begeistert nickte.
„Oh Gott, so früh Alkohol? Bin ja noch von gestern abgefüllt. Bitte nicht für mich. Ich will den Tag durchstehen“, wehrte Helga ab.
Tatijana lachte: „Nö, da kann man gefährlichen Aufgesetzten draus machen, aber das ist nur Saft. Aronia. Apfelbeere oder Edeleberesche heißt das bei euch, glaube ich. Ist gut für die Leber, die Galle und gegen Krebs. Den kriegste in Wien bestimmt bei Böhle in der Wollzeile. Da hat schon meine Babuschka drauf geschworen.“
„Babuschka? Du hattest in Russland ein Kindermädchen?“ Hannu war sichtlich erstaunt.
„Nur kein Neid. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben und mein Vater war damals so etwas wie ein roter Zar. Heute ist er das, was wir in Russland internationaler Geschäftsmann nennen.“
„Das mit der Mutter tut mir leid, aber was ist ein roter Zar?“
„Ich habe meine Mutter nie kennengelernt. Wie könnte ich vermissen, was ich nicht kenne? Rote Zaren wurden die Funktionäre der kommunistischen Partei genannt, wenn sie genügend Macht hatten. Wer eine Oblast in Russland regierte, das ist so etwa ähnliches wie ein schwedisches Lån oder ein österreichisches Bundesland, der hatte mehr Macht als für einen Menschen gut ist. In St. Petersburg oder damals Leningrad schadete da auch der Name Kropotkin nicht. Im Gegenteil, der war noch mit alter Furcht verbunden. Naja, lassen wir das. Bestell dir ein Steak, Helga.“
Sie lehnte ab und klinkte sich ins Gespräch ein, ehe ihr übel wurde. „Worüber hattet ihr beide euch den gerade so intensiv unterhalten? Habt ihr die Auswertung der Nacht gemacht, oder ging es um unser Thema?“
„Vergangenes wird nicht diskutiert, wir arbeiten zukunftsorientiert“, antwortete Tatijana lachend, “aber Hannu will uns gleich ins Bild setzen, wie seiner Meinung nach die Diebstähle organisiert sind. Er hat da wohl eine eigene Theorie. Also, was denkst du, Hannu?“
Hannu setzte sich in vortragsgerechte Positur, was Tatijana und Helga ein Lächeln entlockte. Helga dachte sehnsüchtig an ihren Drago, der es auch schaffte, nachts im Bett Haltung anzunehmen, wenn er ihr etwas wichtiges erklären wollte.
„Das muss unter uns bleiben“, sagte Hannu, „es ist meine persönliche Meinung, die nicht in meinen Berichten steht. In Schweden ist die Polizei ziemlich politisch. Was nicht bewiesen werden kann, gibt es nicht. Organisierte Kriminalität außerhalb des Drogen- und Prostitutionsbereiches kommt bei uns offiziell nicht vor und die Russenmafia sowie alle anderen derartigen Organisationen haben uns nicht auf der Landkarte gefunden, was natürlich Quatsch ist.“
Helga griff versuchsweise nach dem Räucherfisch und den Hähnchenteilen: „Also habt ihr Kriminalität wie überall woanders auch.“ Es schmeckte.
„Selbstverständlich. Wir geben es nur einfach nicht zu. Das ist die schwedische Art der Problembewältigung. Das machen wir beim Alkohol und bei sozialen Problemen genauso. Lässt sich nicht ändern." Hannu zuckte mit den Schultern.
Tatijana grinste. „Ist doch überall so. Während die Bevölkerung der Politik nicht glaubt, glauben die Politiker ihre eigenen Lügen. Das war schon in der Sowjetunion so. Wenn mein Vater richtig betrunken war, haben er und seine Freunde über diese Idioten getobt und am nächsten Morgen doch wieder fröhlich ins gleiche Horn geblasen. Darüber ist bis heute nicht mit ihm zu reden. Mach weiter, Hannu!“
„Die Täter haben an allen Tatorten bestimmte Bilder gestohlen und andere, wertvollere einfach hängen lassen, auch wenn sie vom gleichen Maler, ja sogar vom gleichen Sujet waren. Ganz klar Auftragsdiebstähle. Als zweites Indiz habe ich dafür die Tatsache, dass sogar Museumsbesucher beklaut und die Kassen ausgeräumt wurden. Wer Bilder klaut, die über 50 Millionen Euro wert sind und dann die Portokasse mitnimmt, ist entweder geizig, völlig bescheuert oder verdient sich einfach ein Zubrot zu dem, was er für den Diebstahl bekommt ...“
„Letzteres klingt logisch“, warf Helga ein, „aber wieso lässt sich jemand dafür engagieren und wie kommen die in all den fremden Städten zurecht?“
„Weil Gewaltkriminelle zumeist dumm sind. Sie sind allesamt Vollidioten und Haudraufs. Was glaubst du, weshalb wir in Russland Auftragsmörder für ein Butterbrot kriegen? Nicht weil sie arm sind, sondern Spaß dran haben, gemein zu sein. Bloß fällt ihnen selbst wenig ein, mit Kreativität sind sie nicht gesegnet, außer vielleicht Asylantenheime anzuzünden, deswegen brauchen sie Chefs und freuen sich, wenn ihnen jemand sagt, was sie tun sollen.“
„Genau. Tatijana hat recht. Es sind die Dummen, die für solche Aufgaben bereit stehen und das überall auf der Welt. Was sie nicht gesagt hatte ist, dass sich vor allem die Geheimdienste häufig solche Kameraden für ihre Geschäfte kaufen, weil die über ihre nationalen Polizeibehörden an die entsprechenden Europol oder Interpol Daten kommen. Der Rest ist ein Kinderspiel. Ich gehe also davon aus, Helga, das in jeder Stadt lokale Kräfte angeworben wurden, die ihren Auftraggeber wohl kaum kennen dürften und deshalb nicht verraten können.“
„Aber Geheimdienst, welcher Geheimdienst sollte ein Interesse daran haben, kriminelle Geschäfte zu machen, das sind doch Staatsinstrumente? Die brauchen das Geld gar nicht.“ Helga zweifelte, aber nicht am Käse, der ihr mundete. Ihre Lebensgeister kehrten zurück, der Saft tat Wunder.
Hannus Handy spielte den Radetzkymarsch, was Tatijana zu einer schmerzlichen Grimasse bewegte. Hannu wechselte in rasendem Schwedisch ein paar Sätze und sprang dann auf: „Entschuldigung, ein Mord draußen auf den Schären. Ich muss los. Die Rechnung bitte an mich. Ich melde mich.“
„Du bist zum Frühstück eingeladen. Ich kann mir meine Männer gerade noch leisten und will sie bei Kräften halten.“
Hannu verschwand grinsend und mit einem schrecklich obszönen Pfiff, der die anderen Gäste hochschreckte, was ihn aber nur zu einem leutseligen Winken bewegte.
Tatijana wandte sich Helga zu: „Na, noch Hunger, oder kaufen wir endlich Stockholm leer?“
Hunger hatte sie keinen mehr und shoppen konnte sie sich nicht leisten. „Ich werde den Königspalast ansehen gehen“, sagte sie.
„Fein! Da flanieren wir danach die Drottninggatan runter nach Observatorielunden. Selbst du wirst in dieser Strasse was kaufen können, falls die Straßenhändler um die Jahreszeit ...“
„Willst du mich provozieren, Tati?“, unterbrach Helga und schnellte angriffslustig auf ihrem Stuhl herum.
Tatijana machte ein trauriges Gesicht. „Ich hatte mich so gefreut, wieder einmal mit dir zusammen Spaß zu haben“, sagte sie leise.
Betroffen öffnete Helga die Arme und Tatijana schmiegte sich hinein. „Tati, liebe Freundin, machen wir es so. Erst der Königspalast und danach von mir aus, wohin du magst.“
„Fein! Dann gehen wir nachher in die Biblioteksgatan“, schon hatte sie wieder das Ruder an sich gerissen.
Helga grinste. Ein raffiniertes Luder war Tati! Die genannte Straße war die Shoppingmeile Stockholms, vergleichbar mit der Fifth’s in New York. „Ja, Süße, lass uns losziehen. Aber ich habe einfach kein Geld als arme Privatdetektivin, verstehst du?“
„Ach, Helga. Ich schreibe einen Obsverationsbericht über einen mysteriösen Franzosen mit seiner Freundin und schon sind das Spesen. Besser, wir kaufen uns was, als das der Versicherungschef seiner Sekretärin den dritten Nerz umhängt. Außerdem hast du von Johann einen offiziellen Unterauftrag gekriegt, dass bedeutet du verdienst hier richtiges Geld. Unsere Sätze sind ja gerade deshalb so wahnsinnig hoch, damit die Kunden uns unsere Qualität glauben."
Lachend verschwanden die beiden Frauen in Stockholm.
Als sie gegen Abend ins Hotel zurückkehrten, äußerlich vollbepackt mit Einkaufstüten, innerlich angefüllt mit Schwedens Historie, wollte Helga nur noch schlafen. Sie fiel auf das frisch bezogene Bett und schlief augenblicklich ein.
Tatijana, die härter im Nehmen war, wählte Hannus Handynummer. Sie plauderten ein wenig über den Eifersuchtsmord, den die Polizei gleich aufklären konnte, weil die Ehefrau mit dem Fleischmesser in der Hand neben dem Toten zusammen gebrochen war.
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6. Lady in Red
Eine Frau kann jederzeit hundert Männer
täuschen, aber nicht eine einzige Frau.
Michele Morgan
16. Februar 2006 Wien 11 Uhr
Tschikowski sah Huber anklagend an. „Normal dauert es wochenlang bei uns, bevor so ein Gerichtsbeschluss durch ist. Wie macht das der Reichsgraf nur?“
„Er hat den Richter in der Hand.“ Versonnen trank Huber seinen Morgenkaffee im Büro.
Nach dieser Botschaft litt Tschikowski stumm weiter, während Huber mit Dr. Pollak ein Treffen arrangierte. Genaugenommen ging ihn der Diebstahl nichts an, er war ja die Mord. Aber nachdem die Marai sein Fall war, wie er seinem Chef erklärte, drückte der ein Auge zu und ließ ihn gewähren.
Die Idee, sich im Café Hawelka in der Dorotheergasse zu verabreden, war ihm gestern bei den Trzesniewski-Brötchen gekommen.
Das Café, in dem seinerzeit sämtliche bildenden Künstler verkehrten, als sie noch verkannt waren, dort von Frau Hawelka mitternächtlich mit frischen Buchteln, gefüllt mit Powidl geatzt wurden, um nicht dem Hungertod zu erliegen, empfand Huber als passendes Ambiente für ein Gespräch über den Renoir. Für Dr. Pollanz war es ein Katzensprung von der Albertina hierher und Helga traf sich hier oft mit Huber auf eine Melange und Würstel mit Kren.
16.Februar 2006 Wien 20 Uhr 30
Pollanz und Helga saßen schon an einem der runden Tische mit Eisenfuß. Auf der Marmorplatte standen zwei leere und zwei volle Cognacgläser.
„Hallo, Hubsi“, sagte Helga mit leicht glasigen Augen, sie vertrug keinen Alkohol.
Huber warf Pollanz einen giftigen Blick zu. Wollte er Helga gefügig machen? Der junge Hawelka eilte an ihren Tisch. „Kaffee wie immer, Herr Hauptkommissar?“
Huber nickte. Als die Frau Hawelka noch lebte, bekam er seinen Kaffee automatisch hingestellt, sobald er seine Nase durch die Tür steckte. Ganz zusammengeschrumpft hockte der neunzigjährige Papa Hawelka auf einem Sofa, aber er lächelte Huber zu, ein Zeichen, dass sein Langzeitgedächtnis intakt war.
„So, jetzt wird die Tatijana gleich hier sein, dann möchte ich ein gescheites Gespräch haben, ja?“, sagte er zu den Cognactrinkern. Sie nickten und schauten ernst drein.
Kaum hatte Huber nach dem knappen Befehl den Mund geschlossen, ging die Türe auf und die Augen sämtlicher Anwesender im Café ruhten auf der kleinen, zierlichen Frau, die im Eingangsbereich stand. Ein dicker, blonder Zopf reichte bis über die Hüften, die in roten, ledernen Hot Pants steckten.
Tatijana kam nicht einfach nur irgendwo herein – sie erschien königinnengleich. Nachdem sie Helga entdeckt hatte, marschierte sie, ein breites Grinsen auf dem Gesicht mit einem harten Stakkato ihrer roten Lacklederstiefel auf die Gruppe zu. Sollte sie irgendjemand im Lokal bisher nicht bemerkt haben, so war das nun endgültig vorbei.
Sie küsste Helga auf die Wange, reichte Huber die Hand und schenkte Pollanz, der sie mit einem Handkuss begrüßte, ein Lächeln, das alles versprach.
Wie immer quetschten sich die Gäste im Hawelka auf die harten Holzstühle und ließen die gestreiften Sofas als die besten Plätze für die noch Kommenden frei. Tatijana zögerte keine Sekunde und drapierte sich auf der gepolsterten Sitzbank. Sofort wandten sich ihr die beiden Männer zu, während Helga ein Schmunzeln runterschluckte.
Dr. Pollanz hatte sich als erster gefangen: „Sie sind die berühmte Berliner Privatdetektivin, die uns den Renoir wieder entführen will?“ Er musterte sie hypnotisiert.
„Oh nein. Ich habe zwar aus technischen Gründen eine Lizenz, aber in Wahrheit bin ich Biene und Botenmädchen. Ich sammle Informationen für meinen Herrn und Gebieter, erledige seine Aufträge möglichst wortgetreu. Damit hat es sich.“
Helga und Huber husteten los, um nicht zu prusten, angesichts Tatijanas Wimperngeklimper und der unschuldig geweiteten Augen, die Pollanz fixierten. „Und Sie haben die Echtheit des Bildes festgestellt?“
„Naja, nicht so ganz alleine, sondern unser Team zusammen mit der Uni Wien. Wir sind eben alle nur Teil eines größeren Ganzen.“ Er schüttelte mit einer Kopfbewegung eine nicht vorhandene Künstlertolle aus der Stirn und versuchte, die Hände seiner Gesprächspartnerin zu ergreifen.
Aber zu Hubers großem Vergnügen hatte Tatijana sich ihm entzogen, ohne eine sichtbare Bewegung zu vollziehen. Er bezeichnete das als "im Sitzen tanzen" und kannte diese Kunst nur von großen Tänzern oder von Kampfsportlern. Bei Tatijana wusste er, es kam vom Muay-Thai, jener thailändischen Kampfform, die mit Thaiboxen nur äußerst unzulänglich zu beschreiben war, da Hände, Füße und Knie eingesetzt wurden, wobei Handschuhe den Einsatz von Karateschlägen abdämpften.
Helga störte Huber aus der Versunkenheit auf: „Hubsi, lass uns an deinen Gedanken teilhaben.“
„Herr Huber, jetzt ist alles geregelt. Der Fall ist gelöst“, sagte Dr. Pollanz mit wichtiger Miene.
„Ich habe immer noch eine Leiche in der Pathologie liegen, und Tatijana wäre sicher nicht hier, wenn der Reichsgraf die Sache für erledigt hielte ...“, sagte der Kommissar.
„Das ist richtig.“ Tatijana wandte ihm ihre volle Aufmerksamkeit zu und sog seinen Blick praktisch ein: „Seine Reichsgräflichkeit machte mir keinen sehr glücklichen Eindruck. Wenn die Marai wegen der Bilder getötet wurde, warum sind die Bilder dann noch in der Wohnung? Wenn es nicht darum ging, weshalb waren sie nicht in den Transportkisten? Und ...“
Der junge Hawelka brachte Tatijanas Drink. Sie rührte den Campari-Soda mit der roten Kralle an ihrem Zeigefinger um.
„... wenn die Marai die Bilder gerade jemandem gezeigt hatte, wieso ließ sie sie hängen? Ein unnötiges Risiko, zumal die Bilder ja wohl eine bestimmte Temperatur und Luftfeuchte brauchen“, griff Huber das Thema auf.
Für Dr. Pollanz war es unerträglich, nicht im Mittelpunkt zu stehen: „Das mit der Temperatur und Luftfeuchte ist auch viel Theater. In Museen, in denen eine Menschenmenge feuchte Luft ausatmet und regenfeuchte Kleidung trägt, kann dies von Bedeutung sein, in einer normalen Wohnung nicht.“
Helga schenkte dem Experten ihre volle Aufmerksamkeit: „Kann denn jemand, der solche Bilder kaufen will, sie unter derartigen Lichtverhältnissen überhaupt begutachten und wie weiß der Kunde, dass die Bilder echt sind? Er kann ja schlecht einen Gutachter mitbringen.“
Pollanz blühte wieder auf: „Die Angst vor Fälschungen weltbekannter Werke ist gering. Der Aufwand für eine wirklich gute Kopie wäre nämlich höher als der mögliche Ertrag. Zu Lebzeiten des Malers war es oft so, dass Schüler in seinem Stil Auftragsarbeiten in seinem Namen gemalt haben, die der Künstler selbst signierte. Einige Schüler malten damals für private Zwecke ähnliche Bilder und fälschten die Signatur. Diese Werke werden dann der Schule des Meisters zugerechnet. Aber heute kann niemand ohne riesigen Aufwand derartige Kopien machen. Es sind ja Einzelstücke und keine Kleinserienproduktion wie damals.“
„Bei uns in Russland lernen die klassischen Maler und Restaurateure ihr Handwerk durch das Kopieren. Ich dachte, es wäre überall so. Jeder ausgebildete Maler müsste in der Lage sein, die alten Techniken täuschend echt einzusetzen, oder?“, fragte Tatijana, die nun fast in ihren Gegenüber hinein gekrochen war, ohne sich zu bewegen.
„Nein, nein“, wehrte der sichtlich geschmeichelte Dr. Pollanz ab, „die Techniken, selbst die Farbmischungen werden natürlich gelehrt. Bei bestimmten Farben ist der Einsatz aus gesundheitlichen Gründen allerdings verboten, wie bei bestimmten Rottönen, die auf Kadmium und Bleibasis gemischt werden.“ Großspurig schnippte er mit den Fingern, „Herr Ober, einen Campari!“
„Das ist der Chef, Dr. Pollanz. Herr Hawelka, geh bringen’S dem jungen Mann einen Campari“, glich Huber den Fauxpas des Jungspunds aus, der sich ungerührt weiterhin wichtig machte. „An die alten Leinwände, Rahmen und Farbpigmente ist normalerweise nicht mehr heranzukommen. Bei den Farben gibt es noch Quellen, aber die sind nur wenigen Restaurateuren bekannt, ohne zum Einsatz zu kommen. Heutzutage soll die Restaurierungsarbeit sichtbar bleiben, um nachfolgenden Generationen die Chance zu geben, es besser zu machen.“
Tatijana, die sich wieder auf sich selbst zurückgezogen hatte, nuckelte nachdenklich an ihrem Drink: „Das bedeutet, bei gestohlenen Bildern kann der Käufer sicher sein, wirklich das Original zu bekommen. Er muss nur dafür sorgen, vom Verkäufer später nicht verraten zu werden. Ist es möglich, dass die Marei jede Menge gestohlene Kunst verkaufte und nun wegen eines der anderen Bilder ermordet wurde, damit sie sich nie mehr verplappern kann?“
„Die Käufer sind im Grunde alle mehr oder weniger bekannt“, sagte Helga, „Ich hab ein bisserl rumgehorcht und da sagte mir eine alter Hehlerfreund ...“
„Brillianten-Hugo. Den hab ich auch gefragt“, warf Huber ein.
„Ja genau.“ Helga nickte, „er ist eigentlich schon aus dem Geschäft, aber sein Sohn ist ein Trottel. Deshalb macht er immer noch die besseren Sachen. Also der hat mir gleich fünf oder zehn Leute aufgezählt, die für unsere beiden Bilder in Frage kommen. Er meint, in der Qualität kann er jeden Tag fünf bis sechs verkaufen. Nur sind die Diebe heute deppert und spielen auf minimales Lösegeld, das sich zum Großteil dann noch die Versicherungsdetektive greifen. Brillianten-Hugo bezeichnete das als Trauerspiel.“
Pollanz sah seine Chance über den internationalen Kunsthandel und das Leben an sich zu referieren, bis die beiden Damen unter Hinweis auf ihre morgige Reise, das Lokal verließen. An Huber war Pollanz weniger interessiert und verschwand. Tatijana hatte die Zeche bereits beglichen, und Huber bekam noch einen sehr guten Marillenschnaps und eine erstklassige kubanische Zigarre, was ihn mit dem Rest des Abends versöhnte.
Am nächsten Vormittag trafen sich Helga und Tatijana am Flughafen mit einem aufgeregten Mitarbeiter der Kunstspedition, der ein Drama um die Verladung des Bildes machte. Aber irgendwann war auch der zufrieden und die beiden konnten an Bord der Maschine gehen.
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5. Der Reichsgraf
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 31. Januar 2008
Nur eines beglückt zu jeder Frist:
Schaffen, wofür man geschaffen ist.
Paul Heyes
16.Februar 2006 Berlin 2 Uhr 15
„Aqui se queda la clara, la entranable transparencia, de tu querida presenzia Comandante Che Guevara.”
Im Aufwachen hörte Tatijana jemanden, der sich auf Spanisch darüber freute, das man bei Che Guevara immer durchblickte. Sie hingegen sah nichts, was daran lag, dass es finstere Nacht war. Sie tastete nach dem Lichtschalter und fluchte über diese Scheißtelefone, die sich offenbar als Musikautomaten verstanden, ehe sie den Knopf für die Gesprächsannahme drückte. Wäre es ihr Telefon gewesen, hätte sie dem Gegenüber den Marsch geblasen, aber das war die Leitung von Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, ihrem Chef.
Aus dem Telefon ergoss sich ein Schwall von spanischen oder portugiesischen Worten, die eher an Maschinengewehrfeuer als an Sprache erinnert. Sie verstand ein paar Worte wie Conde Laurenzio, Pablo Picasso, Henri Matisse, Salvador Dali und Claude Monet.
Mehrfach versuchte sie mit einem „Hey“ den Redestrom zu stoppen. Den Conde Laurenzio hatte sie sich schon mit ihrem gräflichen Chef übersetzt. Um diese Zeit störte man Johann besser nicht. Er liebte nämlich das geregelte Leben und in seinem Inneren tickte eine Schweizer Präzisionsuhr.
Endlich versiegte der Wortwasserfall.
Tatijana probierte es auf Englisch: „Hello?“ Treffer.
Die Sekretärin eines Mitarbeiters des Justizminister Marcio Thomas Bastos aus Brasilia wünschte energisch ihren Chef mit wem auch immer zu verbinden. Tatijana bat um einen Augenblick Geduld.
Als sie aus dem Bett stieg, hatte sie Gelegenheit, ihren nackten Körper im Spiegel zu betrachten. Sie war gerade Mal ein Meter sechzig klein und ihre Brüste hätten ihrer Meinung nach größer sein können, etwas Fett auf den Muskeln wäre ihr ebenfalls lieber gewesen, dennoch mochte sie sich und grinste. Dann ging sie zu ihrem Boss. Das einzig Gute an nächtlichen Anrufen war, sie konnte sich nackt ihrem Chef als Köder anbieten. Er sah sie an, freute sich darüber, biss jedoch leider nie an. Ein schwieriger Fisch.
Als gebürtige Russin war Tatijana eine Anglerin mit Geduld. Sie klopfte an Johanns Zimmertür, öffnete sie im gleichen Moment und schaltete das Licht ein. Der große Leonberger am Fußende hob nur den Kopf. Er hatte sie ja schon auf dem Gang gewittert.
Am Tage hätte die Störung ein Donnerwetter ausgelöst, aber nachts sind nicht nur alle Katzen grau, selbst Reichsgrafen werden dann langsamer in ihren Reaktionen.
Sie sah ihm so gerne beim Aufwachen zu. Es ähnelte dem Einschalten eines Roboters, wie man es aus Filmen kennt. Zuerst öffneten sich seine Augen, huschten durch den Raum. Danach folgte die Frage, die er immer stellte: „Hätte das nicht bis morgen zur Bürozeit warten können?“
Sie antwortete: „Guten Morgen, Johann. Das kann ich nicht beurteilen. Ein Mitarbeiter des brasilianischen Justizministeriums ist nicht ganz meine Kategorie.“
Er warf die Decke weg, stand auf und nahm das Telefon entgegen. Auch das war ein Moment, den Tatijana liebte. Johann hätte nie im Bett liegend telefoniert. Selbst am Schreibtisch stand er meist auf. Nur das er dann nicht nackt war. Er begann sofort zu sprechen, was bedeutete, dass sie im Raum bleiben sollte, um eventuelle Anweisungen entgegen zu nehmen.
Tatijana hatte schon bei ihrem Vater gelernt, das Beste ist, die Ohren auf Durchzug zu stellen, wenn andere telefonieren. Zu bestimmten Zeiten der Sowjetunion hätte sie auch nicht wirklich hören wollen, was ihr Funktionärsvater besprach. Sie glitt auf den Teppich neben den Hund, der sich leise brummend für ihre Streicheleinheiten bedankte. Sie mochte das langhaarige Fell des mächtigen Rüden, das weich wie Seide war.
Johann marschierte in ziemlichem Tempo im Zimmer auf und ab. Er unterhielt sich dreisprachig.
Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er: „In Rio sind heute Abend vier berühmte Bilder gestohlen worden. Die Namen der Maler und die Titel bekommen wir gleich per Mail. Falls da keine Fotos dabei sind, such mir bitte welche im Netz und ich brauche die Telefonnummer von Luiz Camillo Osorio. Das ist ein bekannter brasilianischer Kunstkenner, der sicher etwas mehr als der Minister weiß.“ Er ging in sein Badezimmer. Tatijana folgte ihm. Während er unter der Dusche stand, erweiterte er seine Anweisungen: „Die vier Täter haben ohne jede Intelligenz, aber mit großer Härte gehandelt. Bewaffnung vermutlich Maschinenpistolen, wahrscheinlich Uzis und Handgranaten. Sie schlugen die Wächter nieder und raubten die dumm rumstehenden Touristen zusätzlich aus. Prüf bitte nach, ob wir irgendwas über solche Haudraufs in der Gegend haben.“
Tatijana nickte und verschwand in Richtung Büro, nicht ohne noch einmal ihre Blicke über Johann wandern zu lassen, der lächelte und ihr mit der Hand die Tür wies.
Eine halbe Stunde später beschäftigte sich ein hellwacher und angezogener Johann damit, den Kaffeeautomaten zur Auslieferung von Kaffee zu überreden, was dieser wie üblich mit der Abgabe einer leeren Tasse quittierte. Die Aufforderung, eine gefüllte rauszurücken, beantwortete er mit der doppelten Ration plätschernden Kaffees. Das Ergebnis war die übliche Schweinerei.
Aber Johann grinste nur, begoss damit die nächststehende Pflanze und ging an seinen Schreibtisch.
Tatijana fragte: „Osorio? Die sind vier Stunden zurück, das müsste noch gehen.“
Johann nickte und betrachtete die ausgedruckten Informationen.
Das beraubte Museum Chacara do Ceu befindet sich im früheren Haus des Unternehmers und Mäzens Raymundo Ottoni de Castro Maya und ist nach internationalem Standard nicht besonders gut gesichert. Menschliche Wachen anstatt Elektronik. Das war eine Erklärung für das gewalttätige Vorgehen. Menschen lassen sich von direkter Gewalt am leichtesten beeindrucken.
Johanns Telefon klingelte. Osorio hatte bereits einen Überblick. Den Wert der Bilder schätzte er auf über vierzig Millionen Euro. „Reichsgraf, es ist sonnenklar, dass es sich um internationale Täter handelt. Entweder sie haben das Beste des Museums auf Bestellung oder zur Lösegelderpressung geklaut.“
Johann konnte ihn direkt denken hören, nach einer Weile sprach er weiter: „Ich halte die Sache mit Lösegeld für fraglich, auch wenn das die aktuelle, offizielle Lesart in Brasilien ist. Der Raub des einzigen Dali, der in ganz Lateinamerika in einer öffentlichen Sammlung ist, schaut mir nach Auftrag eines durchgeknallten Sammlers aus. Und zwar in Europa.“
Der Reichsgraf schnippte mit zwei Fingern Taijana zu und deutete auf den leeren Becher. Hüftschwingend strich sie an ihm vorbei, berührte ganz zufällig seinen Ellenbogen mit der Brust, als sie ihm den Kaffee hinstellte.
„Während die Behörden die Bilder noch im Land vermuten, gehe ich davon aus, dass sie bereits draußen sind.“ Osorio verstummte.
„Dann wollen wir es mal angehen“, meinte Johann.
„Keine üble Idee, Reichsgraf. Ich wundere mich schon lange, das nicht mal einer was unternimmt. In letzter Zeit verschwinden ja ständig berühmte Bilder aus Museen und tauchen nicht mehr auf. Haltet mich auf dem Laufenden – Berufsinteresse“, sagte er noch und legte auf.
Im gleichen Moment schob Tatijana neue Ausdrucke über den Schreibtisch. Bei den geraubten Bildern handelte es sich um Picassos „Der Tanz“, „Le Jardin du Luxembourg“ von Matisse, „Die zwei Balkone“ Dalis und ein Seestück von Monet, das dieser selbst einmal im Schaufenster des Farbenhändlers Latouche ausgestellt hatte; Monets Zeitgenossen diskutierten das Werk damals heftig.
Johann fasste für seine Mitarbeiterin die Meinung des brasilianischen Kunstexperten zusammen und bat sie, nach ähnlichen Fällen zu suchen.
Tatijana stand auf. „Soll ich mir nicht doch lieber erst mal etwas anziehen?“
„Wozu?“ fragte Johann, „Es ist gut geheizt und so hässlich bist du ja nicht.“
Ehe sie die Konzentration auf die Arbeit lenkte, stellte sie sich vor, wie sie den Reichsgrafen für die Bemerkung an die Wand nagelte. Hatte er nun Spaß an ihrer Nacktheit, störte sie ihn oder war sie ihm schlichtweg egal? Sie wurde nicht schlau aus diesem Mann. Sehnsüchtige Augen, aber keinerlei Aktivitäten in die von ihr ersehnte Richtung. Sie machte sich an die Arbeit.
Neben dem schon bekannten Fall in Stockholm, bei dem zwei Renoirs und Rembrandts „Verschwörung des Claudius Civilis“ mit der gleichen Masche entwendet wurden, entdeckte sie eine ähnliche Vorgangsweise beim Museum Moderner Kunst in Rom. Dort fand man die Aufseher gefesselt und eingesperrt vor. Die Täter hatten zwei Gemälde von van Gogh, unter anderem die Madame Ginoux, und einen Cezanne geraubt. Auffällig war auch hier, dass die Räuber die Museumskasse mitgehen ließen und andere Bilder, wie zum Beispiel einen Monet und einen Degas, hängen ließen. In Stockholm hatten sie sogar mit Autobomben gearbeitet, um die Einsatzkräfte der Polizei lange genug zu beschäftigen. Immerhin konnte das FBI den Rembrandt, der achtundzwanzig Millionen Euro wert war, bei einem illegalen Sammler in St. Louis, Missouri, sicherstellen und zurückgeben. Die beiden Renoirs, die junge Pariserin und ein Frühlingsstrauß in einer Jadevase, tauchten nicht wieder auf.
Für Johann ergab sich schnell ein ziemlich klares Gesamtbild. „Das hast du fein gemacht“, murmelte er, „nun werden wir was für die Brötchen tun. Zuerst versauen wir einen Versicherungsvorstand den Morgen.“
Tatijana freute sich. Ihr Chef und Lob kamen selten zusammen. Das Telefon war auf Mithören gestellt, daher kontrollierte sie, ob der digitale Mitschnitt lief.
„Das Haus von Präsident Horzinger, Swabov am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“, klang es wohlerzogen aus dem Lautsprecher. Der Mann schien die frühe Stunde gar nicht zu bemerken.
„Hier Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, bitte verbinden Sie mich umgehend mit dem Präsidenten. Die Sache eilt.“ Johann nickte fröhlich in den Raum.
Am anderen Ende kam ein zustimmendes: „Jawohl, Herr Graf“, und diverse Vermittlungsgeräusche einer wohl schon betagteren analogen Telefonanlage. Dann folgte ein verschlafenes: „Mensch, Graf Johann, wissen Sie eigentlich wie spät es ist?“, das Johann diabolisch grinsend mit der genauen Uhrzeit und dem Zusatz Central Europe Time beantwortete.
Auf der anderen Seite seufzte der Präsident der großen Schweizer Versicherung, sagte: „Momentchen“ und schlich sich aus dem ehelichen Schlafzimmer, bevor seine Frau ihn erschlagen konnte. Zumindest stellte Johann sich das so vor bei dem Hasenfuß.
Da sagte Horzinger auch schon: „Bin rausgegangen, meine Frau ...“
Den Geräuschen nach richtete er sich auf einem bequemen Sessel vor dem Zimmer ein, Johann hörte das Aufschütteln eines Kissens und das völlig erschöpfte Seufzen des Gesprächspartners, der nun wartete. Warten konnte Johann auch. Der Präsident gab nach. Er fror wahrscheinlich in seinem Flur und wollte zurück ins Bett: „Also was gibt es so wichtiges?“
„Eigentlich gar nichts. Nur dass ihr vor ein paar Stunden in Rio mal eben vierzig Millionen Euro verloren habt. Scheint euch wirklich gut zu gehen. Dass Sie dabei ruhig schlafen können?“
„Wieso? Davon weiß ich nichts. Erzählen Sie bitte.“
„Gestern Abend Ortszeit, wurde in Rio das bei Ihrer Gesellschaft versicherte Museum Chacara do Ceu überfallen. Vier Gemälde von Picasso, Matisse, Dali und Monet wurden gestohlen. Die Wertangabe habe ich von Luiz Camillo Osorio, dem wohl besten Spezialisten vor Ort.“
„Mhm. Das ist nicht gut, da werden wir wohl ein wenig Geld zahlen müssen, um die Bilder wieder frei zu kaufen. Aber doch sicher keine vierzig Millionen?“
„Das glaubte der Justizminister offiziell auch, als er mich anrief. Die Pressemitteilungen lauten ebenfalls so. Wir kennen uns, seit die Neonazis sich damals mit geklauter und illegal ausgeführter indianischer Kunst finanzieren wollten. Allerdings würde er mich für ein rein innerbrasilianisches Problem wohl kaum anrufen. Osorio sieht das ähnlich. Meine Kommunikationsassistentin hat in knapp einer Stunde zwei gleiche Fälle gefunden. Stockholm und Rom. Dazu das Brücke-Museum hier in Berlin. Das waren klare Auftragsdiebstähle für heimliche Kunstsammler. Der Rembrandt aus Stockholm wurde ja bei so einem Vogel sichergestellt und den Renoir haben wir vielleicht auch.“
„Meinen Sie wirklich, Graf ...“
„Ich meine nicht, ich bin mir sicher. Aber das ist nicht mein, sondern Ihr Problem. Ich wollte Sie nur rechtzeitig informieren. Ich würde ungern einen Auftrag der Brasilianer annehmen, da es mit Sicherheit zu Überschneidungen mit meinen Tätigkeiten für Ihr Haus käme. Man kann eben nicht zwei Herren dienen.“
„Johann, Sie fischen doch nicht etwa nach einem Auftrag?“
„Nur Idioten suchen sich Arbeit. Ich bin keiner. Ich will einfach nur das Geld, das man für die prompte und gute Erledigung von Aufträgen bekommt. Das Geld nehme ich natürlich gerne als Almosen, ohne Leistung zu erbringen.“ Er feixte.
„Schon gut. Schon gut, Graf. Um diese Uhrzeit bitte keine Spitzfindigkeiten. Schicken Sie den Text des Vertrages mitsamt Ihren unverschämten Forderungen an Marks. Ich jage ihn gleich ins Büro. Er wird das Ding unterschreiben und den Vorschuss anweisen. Ich bin zu müde, um zu streiten. Das gilt allerdings nur für heute.“
Ein Klicken in der Leitung und das Gespräch war beendet. Tatijana hatte schon angefangen, in den Standardvertrag das Ermittlungsziel und die Teilschritte einzutragen. Die Formulierungen waren so Wischiwaschi wie möglich, dafür die Tagessätze und die Spesenforderungen umso deutlicher. Während Johann wieder den Kampf mit dem Kaffeeautomaten aufnahm und nicht nur für sich, sondern auch für sie einen Becher ergatterte, druckte sie den Kram aus, um ihn Johann gegenlesen zu lassen. Als der nickte, packte sie das ganze in ein PDF-File und schickte es als Mailanhang in die Schweiz.
Johann atmete durch und streckte sich. „Nun kannst du dich anziehen, wenn du mitlaufen willst. Der Hund muss raus, und uns schadet Frischluft auch nicht. Lass uns zum Grunewaldsee fahren. Marks braucht mindestens zwei Stunden“, sagte er.
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4. Der Experte
Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt
explodiert, wird die Stimme eines Experten sein,
der sagt: 'Das ist technisch unmöglich!'
Sir Peter Ustinov
9.Februar 2003 Wien 10 Uhr 15
Rokitansky fuchtelte mit dem Skalpell herum, wischte es dann an der blutverschmierten Schürze ab. Tschikowski hielt ein Tempotaschentuch vor sein fahlgrünes Gesicht.
Der Gerichtsmediziner dozierte: „Die Tote ist eindeutig vergewaltigt und während der Ejakulation erdrosselt worden.“ Er stellte seine Kaffeetasse neben den Leichnam der Marai, „Und jetzt werde ich die Spermareste herausholen für die DNA ...“
Tschikowski rannte würgend hinaus.
„Was hat er denn?“ Rokitansky streifte den Spatel in ein Glasröhrchen.
„Wann gibt’s das Ergebnis?“, fragte Huber und wich einen unmerklichen Schritt zurück, als der Professor die geöffnete Bauchdecke auseinanderklappte.
„In anderen Umständen war sie jedenfalls nicht ... achso, das kannst morgen Abend haben, Huber.“
Draußen kam eben Tschikowski aus dem Klo, als der Hauptkommissar auf den Gang der Gerichtsmedizin trat. „Was du in letzter Zeit zusammenspeibst. Bist schwanger?“, sagte er, verkniff sich ein Grinsen, der Kerl sah zum Fürchten schlecht aus. Hubers Handy klingelte.
„Pass auf Hubsi, ich lauf jetzt schnell zur Albertina, weil ich eh auf der Kärntnerstraße bin, vielleicht wissen die ja schon was wegen dem Renoir.“
„Was keuchst denn so, Helga?“
„Na, ich laufe zwischen Touristenhorden durch. Furchtbar, lauter Italiener, als ob der Fasching in Wien so toll wär ...“
„Ruf mich an, wenn du die Expertise hast.“
„Hubsi, du musst dort anrufen, damit die mir überhaupt eine Auskunft geben, verstehst? Ich bin nicht mehr bei der Polizei, vergessen?“
Helga bog in die Quergasse zwischen der Staatsoper und dem Hotel Sacher ein, froh, dem Trubel der Kärntner Straße zu entkommen. Immer noch erschrak sie, wenn sie die Blechkonstruktion des Architekten Hollein über der altehrwürdigen Albertina betrachtet, in der eine der weltweit größten Graphiksammlungen und das Filmmuseum untergebracht waren. „Wie kann man nur“, murmelte sie ob der Geschmacklosigkeit. Während sie den Albertinaplatz überquerte, fiel ihr Blick auf das Mahnmahl gegen Faschismus.
„Raue Kunst von Alfred Hrdlitzka, er drückt aus, was ich fühle“, sagte Drago einmal zu ihr. Helga wusste, nach dem Geigenunterricht, der in der Nähe stattfand, kam er oft hierher und betete.
„Ausweis“, sagte der Portier.
„Ich bin angemeldet. Vom Hauptkommissar Franz Huber.“
„Das kann jeder sagen. Beweise?“ Der ältliche Mann beugte sich ein Stück über die Glaswand, hinter der er thronte. „Sind Sie von der Polizei?“
Helga zückte das Handy und löste damit den weltweit bekannten Portiersreflex aus.
„Man wird doch noch mal fragen dürfen! Da könnte ja jeder kommen. Und überhaupt. Zweites Untergeschoss Raum U2-314. Nehmen’S die Treppe, für die Fahrstühle brauchen Sie einen Schlüssel.“
Helga kümmerte sich nicht weiter um den begnadeten Wächter und stürmte durch die Tür, bevor der hinterhältige Summer wieder erlosch.
Dahinter im Treppenhaus umfing sie Düsternis einer mittelalterlichen Gruft und ein Geruch, als ob Desinfektionsmittel den Gestank der Kadaver in den Kerkern zu übertönen versuchten. Tapfer hielt sie bis zur Tür vom zweiten Untergeschoss durch. Sie war versperrt. Eine genaue Analyse des Bereiches um den Türrahmen ergab dort einen Schalter, der früher geleuchtet hatte und damals den Begriff Türöffner verkündete. Sie drückte darauf. Es ertönte ein Summen, das endete, als sie den Türgriff erreichte. Es folgte eine Reihe von Versuchen, mit der einen Hand den Knopf und der anderen den Türgriff zu bedienen. Zum Schluss trat sie mit dem Fuß auf den Öffner und riss gleichzeitig die Tür auf. Nun verstand sie auch, weshalb das Licht an dem Schalter aus war.
Hinter der Tür stand ein sehr erstaunt blickender weißbekittelter Jüngling: „Wie haben Sie das denn geschafft? Bisher ist noch niemand allein aus dem Treppenhaus herausgekommen. Die meisten sind aufgefallen, weil sie nach Stunden die Fluchttür zum Dach öffneten. Die hängt an der Alarmanlage. Sie sind bestimmt Frau Huber wegen dem Renoir? Ich bin Dr. Pollanz, folgen Sie mir einfach.“
Er eilte mit Riesenschritten vor ihr her, sein Kittel stand nach hinten ab zeigte einen knackigen Hintern in engen Jeans. Sie stürmten in ein Labor, an dessen Breitseite der Renoir im Licht vieler Lampen hing.
Helga, die noch geblendet von der Helligkeit an der Tür verharrte, wurde vom Jüngling umfasst, der sie vorwärts zog, um mit ihr im Arm eine Art Kratzfuß vor dem Bild machte: „Darf ich vorstellen, der Stockholmer Renoir, Frau Huber. Frau Huber, der Stockholmer Renoir.“ Dann grinste er Helga breit an und ergriff ihre Hände. „Mensch, das ist mal eine Klasse Ermittlungsleistung. Das Bild hatten wir alle längst verloren gegeben. Denn immer, wenn es keine Lösegeldforderungen gibt, wird das Bild im Auftrag eines Sammlers gestohlen und verschwindet in dessen Sammlung. Wir sehen das Diebsgut höchstens wieder, wenn dumme Erben es versteigern wollen. Ich bin so glücklich.“
Helga entzog ihm ihre Hände nicht, sein Griff war fest und trocken. Die Euphorie des Experten begann auf sie einzuwirken: „Sie sind ganz sicher, dass, das Bild echt ist?“
„Aber ja. Wir haben alle Tests gemacht, die möglich sind, ohne Zerstörungen anzurichten. Farbe, Leinwand, Holz des Rahmens, Maltechnik, Art der Bespannung, alles stimmt. Selbst die kleinen Ungereimtheiten, die sonst immer übrig bleiben fehlen.“
„Welche Ungereimtheiten?“ Helga vergrößerte ein wenig die Distanz, die sich unmerklich verringert hatte.
„Nun ja, Ausbesserungen und zu alte Leinwand, weil der Künstler aus Geldmangel eine gebrauchte übermalte, starke Übermalungen an sich. Alles Dinge, die eine Expertise in Frage stellen können. Aber ich kann Sie beruhigen, hier ist nichts. Alles stimmt. Sobald der entsprechende Gerichtsbeschluss erwirkt worden ist, kann das Bild wieder zurück nach Stockholm. Vielleicht mache ich ja mal da Urlaub und besuche es.“
Helga ertappte sich erst beim Flirten als sie sich sagen hört: „Ich bringe das Bild persönlich nach Stockholm ...“ Ihre Wimpern klimperten. Sogleich schlug sie die Augen nieder. Zu spät, denn Dr. Pollanz ergriff ihre Hand und gurgelte: „Da muss ich gleich meinen Urlaub in der Verwaltung bekannt geben ...“
Gerade überlegte Helga, wie sie die Hand zurückbekommen könnte – Pollanz schickte sich an, einen Kuss darauf zu drücken, da ertönte ein Kampfschrei und die Tür wurde mit einem Tritt geöffnet.
„Hubsi!“ Helga errötete.
Als sie am Mahnmal Richtung Kapuzinergruft vorbeigingen, fing Helga Drago auf, der versunken davor stand, den Geigenkasten an die Brust gepresst. Zu Dritt passierten sie den Graben bis zur Pestsäule. Dort blieb Huber abrupt stehen. „Wenn Tatijana Iwanowna Kroptkin Morgen nach Wien kommt, müssen wir sie mit Dr. Pollanz kurzschließen, er kann ihr am Besten den Renoir aushändigen.“
Drago bemerkte, dass Helga bei der Erwähnung des jungen Experten rot anlief. Ernst musterte er sie. Schnell hängte sie sich bei ihm ein. „Komm, mein Schatz, machen wir Feierabend, ich brauche ein Bad.“
Drago schien die Starre aus dem Blick zu verlieren und drückte Helga an sich.
„Bis Morgen, Hubsi“, sagte das Paar im Duett und trollte sich.
Huber ging in die Dorotheergasse und kehrte bei Trzesniewski ein, um ein paar der „Beliebtesten Brötchen seit 100 Jahren in Wien“, wie über der schmalen Tür stand, zu genießen, kombiniert mit einem Pfiff Bier.
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3. Kunst kommt von Können
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 24. Januar 2008
Die Kunst ist eine Lüge, die uns
die Wahrheit erkennen lässt.
Pablo Picasso
6 Februar 2006 Wien 14 Uhr 30
Tschikowski bog missmutig vom Schottenring über die Börsegasse in die Werdertorgasse ein und hielt brummelnt vor dem Haus Nr. 12.
„Enrico Corleone. Enrico Corleone! So ein Dreck! Die Alte verarscht dich bestimmt.“ Er brummelte weiter in sich hinein, während er versuchte, den Klingelknopf mit der Aufschrift Marai bis in den Sandstein der Türverkleidung zu drücken.
„Hmm. Die Dame liegt in der Pathologie auf Eis, glaubst, die kann unser Klingeln da hören?“ Huber drückte den Knopf, auf dem sich der Hausbesorger Bruck selbst als Concierge adelte.
Tschikowski inspizierte den Klingelknopf: „Was willst denn vom Konserge Bruck? Der kommt in dem Fall gar nicht vor.“
Huber wurde einer Antwort durch eine Folge von völlig unverständlichen Krächzlauten aus einem Lautsprecher entbunden.
Am Ende der Lautfolge antwortete er mit einem lauten „Huber, Sicherheitsbüro! Sofort öffnen!“
Wieder das Gekrächze. Dann Stille. Nun reichte es Huber. Er hasste diese Billiglautsprecher hinter teurem Messing wie die Pest und konnte nie verstehen, warum viel Geld für das Klingelschild aber nichts für gescheite Lautsprecher und Mikrophone ausgegeben wurde. Er legte den Finger dauerhaft auf die Klingel.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, Tschikowski schob sofort den Fuß in die Tür, was ihm nicht nur einen Tritt einbrachte, sondern auch die volle Aufmerksamkeit der hageren, offensichtlich in vielen Treppenhauskämpfen siegreich erprobten Frau Bruck einbrachte, die ihn zeternd niederbrüllte. Huber, der den Typus kannte – er hatte selbst einmal über eine Schwiegermutter verfügt, angelte seinen Ausweis aus der Tasche und hielt ihn der Dame unter die Nase. Lesen konnte sie.
„Entschudigen'S, aber an der Lautsprechanlage versteht man nix. Was ist los? Ist schon wieder im Keller eingebrochen worden? Bestimmt der junge Scheidt aus dem Vierten. Ein ganz schlimmer Rotzbub.“
Mittlerweile hatte Tschikowski seine Sprache wiedergefunden und sorgte dafür, dass sie endlich in die Wohnung kamen. Kurze Zeit später traf die Spurensicherung ein.
„Die war eine Kosmopolitin“, sagte Huber.
Das Schlafzimmer, die Nachahmung eines arabischen Zeltes in Teakholz gehalten mit orangeroten Stoffmassen. Im Wohnzimmer Griechisch-Blau und Weiß, die Küche aus chinesischem Bambus. Arm konnte die Marai wohl nicht gewesen sein, konstatierte Huber.
„Was? Eine Politikerin war die?“ Tschikowski machte große Augen.
Huber schüttelte müde den Kopf. „Jedenfalls scheint sie nicht hier getötet worden sein. Keinerlei Blut- oder Kampfspuren.“ Er kniete sich auf den griechisch-blauen Teppich, legte den Kopf auf den Boden, um unter die Möbel zu schauen. Nichts, außer ein Paar lederbehosten Beinen, die in sein Blickfeld traten. „Servus, Hubsi.“
Der Kommissar kam mühsam auf die Knie. Einmal mehr spürt er, dass seine Pensionierung mit großen Schritten herankam. Helga half ihm hoch.
„Wenn das Kunst ist, werde ich mit meinen Tatortskizzen garantiert berühmt. Was soll das denn sein?“ Tschikowski konnte sich nicht beruhigen, er kam so richtig in Fahrt. „Was will denn die hier? Das ist ein Tatort.“ Er warf Helga einen bösen Blick zu. Diese Blonde mit dem Pagenkopf war noch nie sein Fall gewesen. Spielte sich irgendwie als Rockerbraut auf, schwarzes Leder und graue Rollkragenpullover. Für ihn hat sie auch zu wenig Holz vor der Hütte, außerdem war sie einen Kopf größer, was er nicht vertragen konnte. Eben schaute sie auf ihn herunter und sagte: „Hubsi, du solltest ihn an die Leine legen und ihm einen Maulkorb verpassen. Tschikowski, du Komiker, ich bin zurzeit die einzige, die diese Wohnung bereits kennt und der eventuell irgendwas auffallen könnte. Du solltest mir dankbar sein, dass ich mich als Zeugin zur Verfügung stelle. Capito.“ Sie wanderte zu dem kleinen Aquarell, das an sehr prominenter Stelle hing und für diesen Ort eigentlich zu klein war. „Das ist neu und das auf der anderen Seite auch. Hier hing etwas großes Buntes.“
Der Mitarbeiter der Spurensicherung, der gerade Fingerabdrücke vom Bilderrahmen abnahm, mischte sich ein: „Wenn es echt wäre, sollte es gar nicht hier sein. Ihr seht hier ein Bild von Emy Roeder. Eine Studie zu ihrer Statue die Badende. Das Original wurde vor einiger Zeit im Brücke-Museum in Berlin gestohlen. Aber das hier ist eine sehr überzeugende Kopie und das andere eine Kopie von einem Bild des französischen Malers Auguste Renoir, das in Stockholm gestohlen wurde.“
Tschikowski baute sich in voller Höhe vor dem Kriminaltechniker auf, womit er ihm glatt bis zur Brust reichte. „Aha. Heutzutage sind die Herrschaften Spurensicherer auch Kunstexperten. Verstreu dein Fingerabdruckpulver und halte dich aus den Ermittlungen raus. Mit deinen Kalenderblattkunstkenntnissen kannst du die Mädchen an der Tankstelle beeindrucken.“
Bevor er aber so richtig in Fahrt kommen konnte, hatte Huber ihn abgebremst, indem er ihm die Hand in den Nacken legte und zudrückte.
Helga wandte sich dem Kunstkenner zu: „Woher weißt du das alles?“
„Ich wollte eigentlich Kunstgeschichte studieren. Dann kam das erste Kind und nun bin ich hier. Aber ich beschäftige mich in der Freizeit immer noch mit Kunst. Vor allem mit gestohlener. Die beiden Bilder passen hier nicht rein. Alles andere ist wirklich eher Kalenderware. Für die beiden gibt es sogar klimatisierte Transportkisten. Außerdem stehen im Schlafzimmer zwei andere Bilder an der Wand, die genau da her passen würden. Ich schätze, hier hat jemand versucht, Fälschungen an den Mann zu bringen.“
Helga sagte mit ihrem strahlendsten Lächeln zu Huber. „Hubsi, weißt du, woran ich gerade denke?“
„Vergiss es. Wenn ich auch nur auf die Idee komm, einen Antrag auf Untersuchung eines dieser Gemälde zu stellen, werde ich öffentlich vom Landespolizeikommando in Anwesenheit unseres Innenministers gehängt. Bei unseren finanziellen Mitteln fangen wir schon an, Drogen im Selbsttest zu analysieren.“
„Aber Hubsi, denk einmal scharf nach, wir haben den Reichsgrafen in Berlin, der mit jeder Versicherung dieser Erde Kontakt hat. Die zahlen solche Untersuchungen mit links und ziehen die Kosten dann eh von der Steuer ab. Ich muss ihn bloß anrufen.“
Tschikowski war nicht mehr zu bremsen: „Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, den möchte ich nie wieder in Wien sehen. Sechs Stunden bin ich in der vollgeschissenen Dixi-Toilette gehockt ...“
„... weil du ihn mit deinem ewigen Herumnörgeln genervt hast. Die Kranfahrer haben am nächsten Morgen übrigens viel Freude gehabt und du müsstest jetzt wissen, dass man ein volles Klo nicht schaukelt. Wenn du jetzt nicht ruhig bist, kannst die Erfahrung gerne wiederholen“, sagte Huber zu ihm, ehe er sich an Helga wandte: „Ruf ihn sofort an. Die Bilder sind sichergestellt und schaden kann es nicht.“
Helga hatte sich schon zur Seite gedreht und führte ein schnelles Gespräch mit Tatijana Iwanowna Kropotkin, der Zuschlägerin des Reichgrafen, die sein Telefon bewachte wie eine Tigerin ihr Junges. Bereits nach wenigen Sätzen war das Gespräch beendet.
„Hubsi, da kommt gleich eine Kunstspedition, die hat eigene Kisten für den Transport, soll aber auch die hier vorhandenen mitnehmen, wenn die auf Spuren untersucht worden sind. Johann hat Versicherungsaufträge für die Bilder, das ist kein Problem. Zumindest das Aquarell von Emy Roeder muss wahrscheinlich nach Berlin oder Würzburg, um untersucht zu werden. Der Renoir geht in die Albertina. Die Bilder werden für die Zeit über die Münchner Rück versichert. Entschuldige mich jetzt bitte. Ich muss wenigstens das, was wir wissen, an ihn mailen. Über einen Bericht von euch würde er sich sicher auch freuen. Tschikowski? Soll ich ihn grüßen lassen?“
Huber grinste breit, während Tschikowski erstickte Geräusche von sich gab und Helga davon eilte.
„So, dann packen wir den Renoir ein und schaffen ihn zum Experten.“ Tschikowski schickte sich an, das Gemälde abzuhängen. „Sei nicht so deppert! Den Transport macht die Kunstspedition und die fertigen die Kriminaltechniker ab. Herrgott, Tschikowski!“
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2. Helga Brenner weiß was
Man rettet zukünftige Opfer auch dadurch,
dass man Leute davon abbringt, zukünftige
Täter zu sein.
Martin Walser
Wien 6.Februar 2006 11 Uhr
Helga Brenner lag in der Badewanne. Im schaumknisternden, nach Rosengeranie duftenden Wasser kamen ihr immer die besten Ideen, wenn ein Fall unlösbar schien.
Am schnellsten fiel ihr etwas Kluges ein, wenn Drago, ihr serbischer Geliebter und Geiger von Beruf, am Wannenrand saß und geigte. Seine dunklen Augen ruhten wohlgefällig auf ihrer Nacktheit.
Manchmal sagte sie: „Schau nur. Ich bin laut Vogue mit 32 im schönsten Alter. Ab 35 geht es bergab.“
Drago unterbrach dann regelmäßig für einen Moment das Spiel. „Bei mir bist du scheen, come let it explain“, sang er.
Helga kicherte.
Ihre Privatdetektei hatte keine neuen Fälle, daher lag sie mit der Wiener Kronenzeitung im Schaum. Drago war gerade unterwegs; er unterrichtete tageweise am Konservatorium in der Johannesgasse unbegabte Kinder, deren Eltern sich einbildeten, sie hätten einen neuen Yehudi Menuhin gezeugt.
Helga stutzte, als sie die Chronikseite studierte.
Wasserleiche an der Donauinsel angeschwemmt.
Die Leser der Kronenzeitung waren es gewohnt, Fotos von lebenden Politikern zu sehen, die wie Leichen aussahen. Hier hatte sich der Fotograf jedoch selbst übertroffen. Das kam eindeutig direkt vom Seziertisch. Natürlich mit nackten Brüsten und Bauchnabel. Da würde heute wohl ein Physikant der Pathologie ein Viertel Wein mehr trinken können.
Helga stutzte. Sie kannte die Frau. Zwar nicht in diesem Zustand, sondern sprühend vor Leben in atemberaubender Garderobe. Sie hatte für sie schon mehrfach mögliche Kunden auf deren Solvenz geprüft, ohne allerdings genau zu wissen, um welche Geschäfte es ging.
Helga hinterließ eine nasse Spur vom Bad durch die Diele bis ins Wohnzimmer, um ihre Zehen bildete sich eine kleine Pfütze, als sie wartete, dass das eintönige Freizeichen endlich aufhört.
„Morddezernat 2. Bezirk, Huber, guten Tag.“
„Hallo Hubsi. Wie geht es dir?“
„Servus. Was willst?“
„Äh ...“
„Na komm schon, nie im Leben rufst du mich auf der Mord an, wenn es ein Freundschaftsgespräch wär, kenn dich doch.“
Helga hörte wie er feixte. Sie hatte eine Gänsehaut; die Wohnung war gut geheizt, aber vom Wohnzimmerfenster zog es kalt herein. „Ich muss etwas überziehen, warte einen Moment, Hubsi.“
„Bist nackt? Wie nett!“
„Ach du!“ Helga legte den Hörer ab und lief um ihren Bademantel. Dann kuschelte sie sich auf das ziegelrote Ikeasofa. „So. Ich habe die Zeitung gelesen. Die Wasserleich' kenn ich.“
„Da schau her! Und wie heißt die Schöne?“ Huber hielt den Stift griffbereit.
„Elisabeth von Marai.“
„Ja, und? Weiter, Helga“, knurrte der Kommissar.
Helga zündete eine Zigarette an. „Hetz mich nicht, Hubsi. Sie hatte mich vor zwei Monaten angeheuert, um einige ihrer Kunden auf Solvenz zu überprüfen ...“
„Welche Branche?“
„Das war ja das Merkwürdige dran, sie hielt sich völlig bedeckt. Als ich nachbohrte, meinte die Marai, sie würde sich eben jemanden anderen suchen. Konnt ich mir nicht leisten, Hubsi, deswegen hab ich die Kröte gefressen.“ Helga formte mit spitzen Lippen und gerollter Zunge einen perfekten Rauchring.
„Mach es nicht so spannend, ich habe keine Zeit.“
„Pass auf, ich bekam drei Namen. Zwei waren seriöse Männer, einer von ihnen ein Arzt für Haut- und Geschlechtkrankheit, der andere Buchhalter im Konkurs, also nicht flüssig. Der dritte aber ...“
Huber trommelte auf die Schreibtischplatte, Helga grinste. „Du kriegst noch einen Herzinfarkt, beruhige dich! Ich fand heraus, der Typ verschiebt rumänische und moldavische Mädchen. Menschenhandel. Als ich der Marai das mitteilte, flippte sie aus in meinem Büro. Knallte meinen Bleikristallascher zu Boden – zum Glück hielt er das aus, du weißt, es ist das einzige Erinnerungsstück, was ich von meinem Papa habe.“
„Ja, ich weiß. Weiter!“
„Weiß wie Kopierpapier ist sie geworden und geschimpft hat die – ich glaube, es war russisch. Dann warf sie das Honorar in Scheinen auf den Tisch, sagte, sie wolle mich nur an meine Schweigepflicht erinnern und rannte schimpfend hinaus. Finito.“
„Hm ... vielleicht ist das der Mörder. Wie heißt er?“
„Es ist bestimmt ein falscher Name.“ Helga kicherte.
„Na?“ Der Bleistift zerbrach in Franz Hubers Fingern.
„Enrico Corleone.“
„Mist! Trotzdem danke, jetzt werden wir die Tote lebenstechnisch auseinandernehmen.“
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1. Die Wasserleiche
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 17. Januar 2008
Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen.
Isaac Asimov
Wien 3. Februar 2006 - 10 Uhr 15
„Schickt’s den Leichenwagen, da ist a Wasserleich’.“
„Wo sind Sie denn?“
„Na, auf der Donauinsel, gleich bei der Mexikokirchen herüben.“
„Wir kommen, gehen Sie bitte nicht weg, Herr ...?“
„Ist wurscht, i hab’s ja nur g’funden.“
Franz Huber legte auf. Es war ein saukalter Freitag im Februar. Eigentlich hätte er heute Frühschluss. „Hoffen wir, es ist ein hundsordinärer Selbstmord. Komm, gemma.“
„Herr Hauptkommissar, wenn’s Suizid ist, warum muss dann die Mord ausrücken?“ Der junge Kollege rieb sich die Hände, anscheinend fror er bei dem Gedanken an den eisigen Wind, dem sie gleich ausgesetzt sein würden.
„Tschikowski, mach keinen Aufstand. Das ist eben so. Die Mord ist bei jedem Toten dabei. Anziehen, los!“
Huber zog die Russenkappe aus Seehundfell über die Ohren, seit er Glatze trug, war er ständig erkältet im Winter. Er riss das Tor des Gebäudes in der Leopoldgasse auf, in dem das Morddezernat untergebracht war und schon pfiff der Nord unter seinen hellbraunen Dufflecoat.
Obwohl er gern kochte und Freunde zum essen einlud, war Franz Huber klapperdürr. Er kam schon so auf die Welt und seit 55 Jahren hatte sich nichts daran geändert. „Scheiße“, zischte er.
Tschikowski fuhr den Wagen vor.
Der Anrufer war nicht zu entdecken. Das erste, was Huber an der nackten Toten auffiel, die halb im Wasser, halb auf der Böschung lag, dass sie trotz des verquollenen Fleisches, das blassgrün schimmerte, eine Schönheit war.
„Einen Ausweis wird’s wohl nicht dabei haben!“ Tschikowski zuckte verärgert mit den Achseln, blinzelte gegen den Nordwind der Spurensicherung und dem Pathologen entgegen.
„Die Leich ist tot“, ertönte windzerfetzt der übliche Kampfruf von Professor Dr. Hugo Rokitansky, der trotz Namensgleichheit nicht mit dem Begründer der 2. Wiener medizinischen Schule verwandt war, diesen aber ohne Probleme an Ausdruckskraft übertraf. Nachdem der schwere Mann sich das Ufer hinabgewälzt hatte, tänzelte er merkwürdig leicht um die Leiche herum und erzählte seinem Diktiergerät, was er sah: „Weibliche Leiche, zwischen 30 und 40, Würgemale am Hals, Abwehrverletzungen an den Armen und Beinen, Wassertemperatur 9 Grad, Leiche auf Wassertemperatur, vermutliche Todeszeit nach Anschauung vor zirka vierzehn Stunden. Keinesfalls wurde sie im Wasser oder am Ufer getötet. Sie hat Druckstellen, wie sie von gefalteter Plastikfolie entstehen, ist demnach als Leiche transportiert worden. Verdacht auf Sexualdelikt.“
Kaum hatte er das Gerät ausgeschaltet, krähte Tschikowski missvergnügt los: „Was heißt Verdacht auf Sexualdelikt! Ist es eins oder nicht?“
Rokitansky musterte ihn, wie ein interessierter Forscher ein besonders hässliches Insekt betrachtet. „Tschik, du schaust fürchterlich aus. Jedesmal, wenn ich die seh, muss ich an einen nassen Hund denken, der bellt. – Hände und Füße eintüten. Wir machen die Fingerabdrücke.“ Mit einem vernichtenden letzten Blick auf den jungen Mann, der stumm mit den Kiefer mahlte, stapfte er wieder davon.
„War das nötig“, fragte Huber seinen Assistenten, „Rokitansky hasst blöde Meldungen mehr als den Tod.“ Er wandte sich den Männern zu, die der Professor zurück gelassen hatte, „Passt’s ein bisserl auf, auch ein toter Mensch ist ein Mensch.“
Der Zinksargdeckel wurde geschlossen, nächste Station war die Pathologie.
„Also fahren wir“, sagte Huber, kletterte die Böschung hinauf, im Schlepptau Tschikowski und stieg fröstelnd in den Funkwagen.
„Mir ist schlecht“, knirschte der junge Kommissar zwischen den Zähnen hervor und drehte den Zündschlüssel.
„Dann steig aus und speib draußen“, war Hubers lakonischer Kommentar.
Tschikowski schluckte und schüttelte den Kopf.
Worum es geht
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Isaac Asimov
Wien 3. Februar 2006 - 10 Uhr 15
„Schickt’s den Leichenwagen, da ist a Wasserleich’.“
„Wo sind Sie denn?“
„Na, auf der Donauinsel, gleich bei der Mexikokirchen herüben.“
„Wir kommen, gehen Sie bitte nicht weg, Herr ...?“
„Ist wurscht, i hab’s ja nur g’funden.“
Franz Huber legte auf. Es war ein saukalter Freitag im Februar. Eigentlich hätte er heute Frühschluss. „Hoffen wir, es ist ein hundsordinärer Selbstmord. Komm, gemma.“
„Herr Hauptkommissar, wenn’s Suizid ist, warum muss dann die Mord ausrücken?“ Der junge Kollege rieb sich die Hände, anscheinend fror er bei dem Gedanken an den eisigen Wind, dem sie gleich ausgesetzt sein würden.
„Tschikowski, mach keinen Aufstand. Das ist eben so. Die Mord ist bei jedem Toten dabei. Anziehen, los!“
Huber zog die Russenkappe aus Seehundfell über die Ohren, seit er Glatze trug, war er ständig erkältet im Winter. Er riss das Tor des Gebäudes in der Leopoldgasse auf, in dem das Morddezernat untergebracht war und schon pfiff der Nord unter seinen hellbraunen Dufflecoat.
Obwohl er gern kochte und Freunde zum essen einlud, war Franz Huber klapperdürr. Er kam schon so auf die Welt und seit 55 Jahren hatte sich nichts daran geändert. „Scheiße“, zischte er.
Tschikowski fuhr den Wagen vor.
Der Anrufer war nicht zu entdecken. Das erste, was Huber an der nackten Toten auffiel, die halb im Wasser, halb auf der Böschung lag, dass sie trotz des verquollenen Fleisches, das blassgrün schimmerte, eine Schönheit war.
„Einen Ausweis wird’s wohl nicht dabei haben!“ Tschikowski zuckte verärgert mit den Achseln, blinzelte gegen den Nordwind der Spurensicherung und dem Pathologen entgegen.
„Die Leich ist tot“, ertönte windzerfetzt der übliche Kampfruf von Professor Dr. Hugo Rokitansky, der trotz Namensgleichheit nicht mit dem Begründer der 2. Wiener medizinischen Schule verwandt war, diesen aber ohne Probleme an Ausdruckskraft übertraf. Nachdem der schwere Mann sich das Ufer hinabgewälzt hatte, tänzelte er merkwürdig leicht um die Leiche herum und erzählte seinem Diktiergerät, was er sah: „Weibliche Leiche, zwischen 30 und 40, Würgemale am Hals, Abwehrverletzungen an den Armen und Beinen, Wassertemperatur 9 Grad, Leiche auf Wassertemperatur, vermutliche Todeszeit nach Anschauung vor zirka vierzehn Stunden. Keinesfalls wurde sie im Wasser oder am Ufer getötet. Sie hat Druckstellen, wie sie von gefalteter Plastikfolie entstehen, ist demnach als Leiche transportiert worden. Verdacht auf Sexualdelikt.“
Kaum hatte er das Gerät ausgeschaltet, krähte Tschikowski missvergnügt los: „Was heißt Verdacht auf Sexualdelikt! Ist es eins oder nicht?“
Rokitansky musterte ihn, wie ein interessierter Forscher ein besonders hässliches Insekt betrachtet. „Tschik, du schaust fürchterlich aus. Jedesmal, wenn ich die seh, muss ich an einen nassen Hund denken, der bellt. – Hände und Füße eintüten. Wir machen die Fingerabdrücke.“ Mit einem vernichtenden letzten Blick auf den jungen Mann, der stumm mit den Kiefer mahlte, stapfte er wieder davon.
„War das nötig“, fragte Huber seinen Assistenten, „Rokitansky hasst blöde Meldungen mehr als den Tod.“ Er wandte sich den Männern zu, die der Professor zurück gelassen hatte, „Passt’s ein bisserl auf, auch ein toter Mensch ist ein Mensch.“
Der Zinksargdeckel wurde geschlossen, nächste Station war die Pathologie.
„Also fahren wir“, sagte Huber, kletterte die Böschung hinauf, im Schlepptau Tschikowski und stieg fröstelnd in den Funkwagen.
„Mir ist schlecht“, knirschte der junge Kommissar zwischen den Zähnen hervor und drehte den Zündschlüssel.
„Dann steig aus und speib draußen“, war Hubers lakonischer Kommentar.
Tschikowski schluckte und schüttelte den Kopf.
Worum es geht
Nächstes Kapitel am 22.01.2008
Es werden gar schaurige und erschröckliche Dinge passieren
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Dienstag, 15. Januar 2008
Kleine Dinge werfen ihre großen Schatten voraus. Das ist das schöne an dieser virtuellen Welt. Man muss die Lichtquelle nur richtig hinstellen um kleinen Dingen einen großen Schatten zu verleihen. Aber nun erst einmal genug gesabbelt.
Es wird sich etwas dramatisches auf diesem Blog ändern. Es gibt einen neue Kategorie die gleich von zwei Autoren bestückt wird. Meine Co-Autorin Elsa Rieger und ich haben beschlossen einen Band unserer gemeinsamen Krimiserie hier im Blog zu veröffentlichen. Natürlich ist das Taktik. Wir wollen euch anfüttern, abhängig machen und euch dadurch zwingen, die später erscheinenden kostenpflichten Bände, von euren Notgroschen zu erwerben.
Wenn wir einen Verlag hätten, der uns mit Geld, Weihrauch und Myrrhe überschütten würde, gäb es selbstverständlich dieses kostenlose Angebot nicht. Dann würden wir unsere Preziosen natürlich nur gegen Bares herausgeben.
Spass beiseite. Ab Donnerstag den 17. Januar 2008 gibt es jeweils am Dienstag und Donnerstag einer Woche ein neues Kapitel. Kostenlos und umsonst zum Lesen in diesem Blog. Damit geben wir nicht unsere Rechte auf. Was wir einräumen sind Leserechte, natürlich auch das zitieren in üblichem Umfang. Was wir nicht gestatten sind Kopien oder Druckausgaben jeder Art. Freuen würden wir uns, wenn ein paar Leute mit Stimme eventuell etwas für ein Hörbuch machen könnten, das dann frei im Netz verfügbar wäre.
Das aber ist Zukunftsmusik. Jetzt lest erst einmal und meckert schön. Kritik ist ausdrücklich erwünscht. Die Kommentarfunktion bleibt offen. Lesen lohnt sich, weil alle Kapitel bis zum Ende fertig sind. Wir lassen euch also nicht mit einer halb erzählten Story alleine. Obwohl ich einige Bücher kenne, da hätte man mich das Ende schreiben lassen sollen.
Wir sind auf jeden Fall auf eure Reaktionen gespannt.
Ich selbst bin ja hier hinreichend bis zur Ermüdung bekannt. Über und von Elsa findet ihr einiges in ihrem Blog Worttalk in ihrem Blog Schreibtalk und unter PROSA & LYRIK sowie unter ihrer Verlagsseite


















