Denkmal


Mein kleines rotes Teufelchen hängt über der Kante meines Monitors und versucht im Kopfstand zu lesen, was ich gerade lese.

Er erblickt den Spiegelartikel "Spätes Erwachen" von Ulrike Pütz, auf den mich ein Hinweis von Klaus Helfrich gebracht hat.

"Worüber regst du dich auf?", fragt er. "Geht ja doch bloß wieder um dieses doofe Denkmal."

"Nein", antworte ich grinsend "Diesmal geht es tiefer. Ein Denkmal und speziell dieses ist ja eh nur ein Haufen Steine. Aber diesmal haben sie sich selbst ausgetrickst."

Teufelchen wuselt vom Monitor herunter und setzt sich auf die Lautsprecherbox und liest. "Sag, dass das nicht wahr ist." Er schüttelt sich vor Lachen.

"Doch, ist es - es ist wahr und typisch. Typisch nach der deutschen Nachkriegsgeschichtsklitterei."

"Nur gut, dass der Speer schon tot ist, sonst hätten sie dem vielleicht die Bauleitung übertragen oder den Entwurf." Teufelchen kann es sichtlich nicht fassen und auch ich muss lachen.

"Aber du darfst doch gar nicht lachen", er schaut mich zweifelnd an. "Du betonst doch immer, dass der Holocaust nie vergessen werden darf. Und dass die Kinder mehr darüber erfahren müssen."

"Ist ja richtig, Teufelchen, aber ein Denkmal habe ich nie gefordert. Denkmal gleich denk mal wieder darüber nach. Oder noch schlimmer Mahnmal. Ich ermahne dich ernsthaft daran zu denken. Humbug."
"Außerdem Orte des Erinnerns haben wir mehr als genug - Dachau, Sachsenhausen , Buchenwald, Mauthausen, Ravensbrück, Auschwitz, Bergen-Belsen - wozu brauchen wir da ein paar Stahlbetonstelen, um an die Toten zu erinnern?"

Teufelchen schüttelt den Kopf. "Und die haben nicht darüber nachgedacht, wer das Ding bauen soll. Und das in Deutschland - ich fass es nicht."

"Ja, mein Teufelchen, nach 45 wollten sie den schnellen Wiederaufbau. Da wurde entnazifiziert, dass es deinem Großvater, dem Beelzebub, eine wahre Freude war. Persilscheine ohne Ende."

"Und außerdem", fahre ich geduldig fort, "haben sie ja die IG Farben zerschlagen – ähem, mit der Zerschlagung begonnen. die sich bis heute fröhlich fortsetzt - sind ja auch erst 55 Jahre. Und so was braucht Zeit."

Teufelchen schaute mich zweifelnd an. "Du meinst, keiner hat gewusst, dass die Degesch oder, um genau zu sein, die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung mbH, die das Zyklon B für die Judenvergasung geliefert hat, eine Degussa-Tochter war? Das weiß doch der kleinste Teufel."

"Besser noch, Teufelchen. Die Degesch gibts heute noch als Detia Degesch und sie produziert nach eigenem Bekunden seit 175 Jahren Schädlingsbekämpfungsmittel. Nicht lachen, Teufelchen, es ist sehr traurig."

"Aber eigentlich ist es doch eher witzig." Teufelchen räkelte sich an der Lautsprecherbox. "Da produziert die Degussa, die ehemalige Mutter der Degesch, nun das Mittel, mit dem die Stelen des Denkmals vor Schmierereien der Neonazis geschützt werden sollen."

"Nicht merkwürdig, Teufelchen, sondern logisch und typisch deutsch. Das Zeug der Degussa ist bestimmt richtig gut und für das Denkmal ist nur das Beste gut genug - die Degesch war damals ja auch Spitze."

"Und, Teufelchen, der Architekt des Mahnmals, Eisenmann, war begeistert von der Ästhetik des Degussa-Produkts, und die Sprecherin des Mahnmal-Vereins Quack hat festgestellt, 'dass der politisch-kommunikative Aspekt jedoch ins Hintertreffen geraten ist.' Da mit meint sie wohl, dass einfach über den Zusammenhang nicht geredet wurde."

"Die hat doch 'ne kommunikative Meis..." Er bricht ab und verschwindet in Deckung, bevor mein Kugelschreiber ihn erdolchen kann.

"Klappe, Teufelchen, sag du erst mal was Schlaues in solch einer Situation und dann muss das ja auch noch in den Spiegel-Artikel kommen. Aber die Sache hat wirklich was - das Protectosil der Degussa schützt das Mahnmal für die Opfer des Holocaust, die mit dem Zyklon B der Degussa-Tochter Degesch umgebracht wurden."

"Und nun lässt Lea Rosh die ganzen Stelen wie die Berliner Mauer zerschreddern, oder was?" Teufelchen kraulte sich behaglich den Bauch.

"Nein, Teufelchen, ich glaub eher nicht. Was wir nach 45 nicht bestraft haben, können wir heute nicht bestrafen, indem wir ein paar Stelen zermalmen. Aber vielleicht sind sie so schlau, bei dem fertigen Mahnmal auf den Zusammenhang mit der Degussa und der Degesch hinzuweisen und damit einen Denk-mal-nach-Anstoß zu geben"

"Aber ich glaube, es wird das Gleiche wie bei der Wiedergutmachung - eine Katastrophe in sich. Trotz guten Willens und hoher Kosten sind am Ende alle Beteiligten zerstritten und der geplante Zweck des Mahnmals wird nicht nur nicht erreicht, sondern verkehrt sich in sein Gegenteil."

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