Wiedergutmachung


Mein kleines rotes Teufelchen spielte gelangweilt mit dem losen Ende eines Patchkabels und fragte: "Sag mal, wir hatten doch vor kurzem die Sache mit der Wiedergutmachung. Was regt dich denn daran so auf?“

Das macht er immer. Wenn er sich langweilt, versucht er mich zu einem Gespräch zu verlocken und meistens hat er Glück damit.

„Alleine schon das Wort, Teufelchen, das Wort genügt. Klingt so infantil. Wiedergutmachung. Da pusten wir ein bisschen und dann wird das böse, böse Knie wieder heil. Natürlich wird nichts wieder heil, wie denn auch, das Knie bleibt kaputt.“

„Aber wenn du bei mir pustest, ist doch alles gleich viel besser“, bemerkte das Teufelchen nachdenklich.

"Ja, stimmt, wenn du deinen Schwanz an der Zigarette verbrannt hast, hilft dir mein Mitgefühl und das Pusten kühlt vielleicht ein bisschen. Aber heilen muss es von selbst. Aber mit Wiedergutmachung ist etwas ganz anderes gemeint. Nicht das klassische: 'Es tut mir so Leid, dass ich deine Lieblingsvase zerbrochen habe! Wie kann ich das je wieder gutmachen?'“

Teufelchen war nun ganz bei der Sache. "Was läuft denn da so mit der Wiedergutmachung, da steckt doch mehr dahinter?“

"Das ist kompliziert, Teufelchen. Merckle behauptet, dass Wiedergutmachung nicht in erster Linie das Ziel hat, eine Genugtuung für das Opfer zu erreichen und den ihm entstandenen Schaden vollkommen auszugleichen, sondern eine symbolische Handlung darstellt, die im Interesse der Gesamtheit die Norm, also den Rechtsfrieden wieder herstellt.“

"Aber Flechtheim hat doch schon gesagt, dass das Geschehene eine Tatsache ist, die nicht aus der Welt geschafft werden kann, und das Recht somit verletzt bleibt. Was nützt dann Wiedergutmachung den Opfern?“ Teufelchen war sichtlich irritiert.

"Nun ja, Teufelchen, zunächst war ja auch daran gedacht, den einfachen Vermögensschaden auszugleichen. Die Sieger bestimmten einen Rückerstattungsanspruch der Opfer. Achte mal auf den Klang des Wortes 'Rück - Erstattung'. Ich gebe dir wieder, was ich dir geklaut habe, oder zumindest versuche ich, dir den Schaden zu erstatten.“

"Nun, das war doch gut, damit konnten die Überlebenden neu anfangen.“ Das Teufelchen war von der Idee sichtlich angetan.

"Sicher, Teufelchen, das war in Ordnung, genau wie Entschädigung für die Hinterbliebenen der Opfer, die Zwangsarbeiter und sonstigen Verfolgten. Aber damit ist nichts wieder gut gemacht, es wird Schadensersatz geleistet. Und das Ersetzen von Schäden ist keine Strafe, sondern nur die erste Maßnahme des Ausgleichs."

"Und wieso nennen die das dann Wiedergutmachung, wenn sie doch die Wörter Rückerstattung und Schadensersatz haben?“, fragte das Teufelchen leicht verwundert. "Das macht doch keinen Sinn.“

"Und ob das einen Sinn macht, mein Kleiner, sogar einen sehr cleveren und gemeinen Sinn macht das. Rückerstattung, Erstattung und Schadensersatz sind in unserer Sprache daran gebunden, dass irgendjemand verpflichtet ist, etwas rückzuerstatten oder jemanden zu entschädigen. Also schuldig ist und bestraft werden muss. Wer etwas wieder-gut-macht, tut hingegen etwas Gutes, moralisch Hochstehendes, Nettes. Aus dem Schuldigen wird ein Wiedergutmacher, ein Guter sozusagen. Jede Forderung nach Bestrafung wäre da ja völlig unnötig.“

"Du ... du meinst, die Altnazis reden sich damit raus?“ Vor Aufregung und Wut begann das Teufelchen zu stottern. "Und die Neonazis haben eine Generalentschuldigung? Das darf doch nicht sein.“

"Ist aber so, durch ein kleines Wortspiel, ein bisschen Semantik haben die Revisionisten gewonnen. Das, was sie mit der Auschwitzlüge nicht geschafft haben, hat ihnen ein Wort gebracht.“

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