Er macht es einem wirklich nicht leicht, der Henryk M. Broder, aber das ist ja auch nicht seine Aufgabe. Ob er es einem aber so schwer machen muss, darf sicherlich hinterfragt werden. Wie wir am Grimme Online Award gesehen haben, ist es schon schwierig Preise zu vergeben. Wenigstens hat Markwort sich den Preis nicht selbst verliehen, was mich auch nicht gewundert hätte. Ob Broder der richtige Börne-Preisträger ist, kann man diskutieren, aber zumindest war er nicht in der Jury.
Mir geht es um etwas anderes. Der von mir sehr geschätzte
Spiegelfechter arbeitet die ganze Geschichte unter dem Titel "Brodermann und die Brandstifter" ab und liefert auch einen Haufen Nachweise dafür, das die von ihm aufgeführten Personen sich der "falschen Seite" der Macht zugewendet haben. Das ist nachvollziehbar, aber für meine Gefühle etwas zu kurz gedacht.
Broder bezeichnet sich selbst als
Beutedeutschen womit er implizit andeutet, eine Beute, also etwas wertvolles für Deutschland zu sein, das ihn ja erbeutet hat. Da kann ich im bedenkenlos zustimmen. Er ist wertvoll für Deutschland. Weil er denkt und weil er häufig anders denkt. Das bedeutet nicht das er immer Recht hat. Aber hatte ziemlich oft Recht und wenn er dann Unrecht hat, dann hat er meist grandios Unrecht. Da liegt er nicht ein paar Zentimeter daneben, sondern gleich Kilometer.
Der
Weltenaufgang brachte mich auf ein sehr nachdenklich machendes
Gespräch zwischen Gilad Atzmon und Thomas Immanuel Steinberg. Beide sind nicht unvoreingenommen und ihre Aussagen müssen vor ihrer eigenen Biographie gewertet werden, was ich eben auch für die Aussagen der Giordano, Broder und Wolffsohn erwarte. Wenn die eigene Biographie so etwas wie die Hintergrundfarbe einer Leinwand ist, dann ist die Farbe die im Vordergrund verwandt wird auf einem Hintergrund schreiend falsch, auf dem anderen auffällig und verschwindet auf dem Dritten fast vollständig.
Gilad Atzmon definiert jüdische Identität auf eine für mich völlig neue Art und Weise:
? Was ist für Sie ein Jude?
! Ich unterscheide zwischen Juden, Judaismus und Jüdischkeit (jewishness). Judaismus ist geistlich, eine Religion. Ich selbst bin kein religiöser Jude, aber ich respektiere religiöse Juden. Meine Interpretation des Judaismus ist eher die von Jesus Christus, er war Jude, er hat das Jüdischsein universell gedeutet. Ich meine: Liebe deinen Nächsten.
? Das haben Christen 2000 Jahre verkündet. Liebten sie ihren Nächsten wirklich?
! Ich unterscheide zwischen Judaismus und Juden ebenso wie zwischen der Kirche und den Christen; und zwischen Marx und Marxisten. Marx kann nicht der Verbrechen beschuldigt werden, die Stalin begangen hat.
? Und Jewischness, Jüdischkeit, was ist das?
! Juden sind eine Ethnie, doch Jüdischkeit ist eine Identität, eine Ideologie, eine Philosophie, eine Weltanschauung, die mehr und mehr zu einer Verkörperung der ultimativen Suprematie heranwächst. Sie zelebriert die Auserwähltheit, indem sie verkündet: Wir sind die Auserwählten.
Broder hat einmal das jüdische KZ-Opfer Hajo Meyer, wegen dessen Buch "Das Ende des Judentums" als
Antisemiten bezeichnet. Das würde ich heute als eine typische Jewischness oder Jüdischkeit bezeichnen. Da schießt der Jude Broder, weit über das Ziel hinaus und bedient eine Klientel für die er eigentlich zu schlau sein müsste.
Ich selber bin durchaus kein Judenfreund, meine Haltung zu Israel ist genauso kritisch wie die zu den Palästinensern und mit der Religion habe ich es auch nicht so. Mit keiner. Ich fühle mich auch nicht schuldig am Holocaust, da hatte ich die Gnade der sehr späten Geburt, habe mich aber bei ehrlicher Selbstanalyse, nie von dem Verdacht freisprechen können, das ich, bei früherer Geburt, durchaus gefährdet gewesen wäre. Ich hätte in der Gefahr gestanden ja zu sagen zu den Abscheulichkeiten. Das ist eine Erkenntnis die mich geprägt hat. Ich glaube zu wissen, wie kurz die Distanz ist, zwischen Normalbürger, Mitläufer und glühendem Befürworter.
Meine Affinität zu dem Thema und zu den Juden resultiert also mehr aus einem Erschrecken über mich selbst und wurde dann durch Literatur und Kontakte gefestigt. Ich glaube zu wissen wie dünn das Eis in Wirklichkeit ist und das kann man in diesem Tagebuch auch immer wieder nachlesen.
Deshalb bin ich dem Broder böse, wenn er sich mit den falschen Leuten zusammentut. Man kann nicht ein bisschen schwanger oder ein bisschen tot sein. Das geht nur ganz oder gar nicht. Auch wenn es nerven mag. Meine Oma sagte dazu immer: "Sage mir mit wem du umgehst und ich sage dir wer du bist." Deshalb gehe ich mit Rechten, Nazis und deren Wegbereitern nicht um. Und ich erwarte das auch ein Beutedeutscher wie Broder schlau genug ist, nicht mit denen Umgang zu pflegen.
Wenn dann ein Satz wie "Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen" kommt und Broder von iranischen Atomwaffen faselt, dann weiß ich das er den falschen Umgang hat. Pakistan ist eine Diktatur und hat die Atombombe genau wie Israel. Der Iran droht immer damit diese Bombe zu entwickeln, aber er hat sie definitiv nicht und seine Anstrengungen sind auch nicht sehr überzeugend. Der Iran hat nämlich ein Problem mit der Bombe. Er könnte dann nicht mehr drohen und lamentieren, was er den bösen Israelis antun würde, wenn er denn könnte, sondern ermüsste handeln.
Dieser Iran-Israel-Konflikt ist ja eher etwas hypothetisches. Gut geeignet für Propaganda aber nicht wirklich relevant. Der Iran würde die Bedeutung der Schiiten und damit des Islam gerne verstärken und deshalb die Drohungen in Richtung Israel. Wirklich bedrohen tut er aber die amerikanischen Interessen in Saudi-Arabien und den Emiraten. In Pakistan, Afghanistan und im Irak. Dort ist sein Schlachtfeld.
Broder und andere übersetzen aber die realen Gefahren durch die Palästinenser auf die fiktive Gefahr aus dem Iran. Damit sieht diese Gefahr sehr viel größer aus, als sie real ist. Aus einem gesunden aufmerksamen Mißtrauen wird eine Hysterie, die noch von den USA mit immer neuen Horrormeldungen untermauert wird. Jewischness als Ersatz für ehrliche Freundschaft. Aber anstatt als ehrliche Makler, Wege aus dem ewigen Kreislauf zwischen Aktion und Reaktion bei Palästinensern und Israelis zu suchen, was ohnehin schon schwierig genug ist, wird hier ein Ölsüppchen, da ein Drogensüppchen und dort ein Waffensüppchen gekocht.
Alles natürlich nur im Kampf gegen den Terror. Damit ist aber nicht der Terror in Israel und Palästina gemeint, sondern die Terroridee gegen die USA, bei der realer und eingebildeter Terror nicht mehr zu trennen sind. Al Kaida ist überall. Wenn Broder auf solche Jewischness anspringt und von unverbrüchlicher Freundschaft träumt, dann ist das bei ihm als Juden der den traditionellen Gruß "Nächstes Jahr in Jerusalem!" verinnerlicht hat, der immerhin 1900 Jahre Dispora bei den Juden überlebt hat, nicht negativ anzurechnen. Er will glauben das, das Heil Israels, aus dieser Beziehung kommt und deshalb sind die Feinde der USA, auch seine Feinde.
Niemand darf für seine Hoffnungen bestraft werden und mit der einzigen verbliebenen Weltmacht an der Seite, könnte die Zukunft Israels rosig sein. Spätestens dann, wenn die Achse des Bösen zerstört ist. Es geht für den Juden Broder um mehr als nur schnöde Politik, denn er hat die begründete Angst, das sich der Holcaust jeder Zeit wiederholen könnte. Gilad Atzmon beschreibt das sehr hart:
Der Zionismus war eine anti-jüdische Bewegung, eine antisemitische Bewegung; er sollte den neuen Juden schaffen, den moralischen, den zivilisierten Juden, der sich gut beträgt, Selbstbewußtsein hat, von Ackerbau und Viehzucht lebt, bodenständig – im Gegensatz zu dem alten Juden, dem Spekulanten. Nun, der Zionismus ist gescheitert. Statt die Mauern des Ghettos einzureißen, haben die Zionisten in Israel das größte Juden-Ghetto errichtet, das es je gab. Die Juden in Israel leben im Ghetto. Die Mauern schließen die Juden ein und alle andern aus! Nicht einmal in Polen war das Ghetto von Mauern eingeschlossen. In Prag war es ein Viertel, häßlicher als andere, ältere Häuser, aber keine Mauer. In Palästina – da haben sie eine Mauer, gigantisch. Auch Sie in Deutschland hatten eine Mauer, ich erinnere mich, zwei Meter hoch, nicht wahr.
Broder und viele andere argumentieren aus dem Ghetto heraus. Sie sehen sich als Verteidiger einer Festung. Sie fühlen sich in bestimmten Kreisen auch angenommen. Allerdings ist die Jüdischkeit dieser Kreise nichts anderes als Pose und im Grunde ihres Herzens, wissen das auch alle, die sich mit ihnen abgeben. Aber wer will schon gerne alleine da stehen. Wir eher Linken, zeigen unbarmherzig die Fehler Israels auf und wenn Israel Glück hat, auch noch die der Palästinenser. Wir wissen, das der Versuch Israel, so wie er jetzt läuft, wahrscheinlich nicht gut ausgehen wird. Aber neben all unseren schlauen Reden, haben eben auch wir keine Lösung anzubieten.
Die USA komplett raus aus dem nahen Osten. Dafür Europa als ehrlicher Makler rein. Aber können wir Deutsche makeln, wohl eher nicht, das verbietet uns unsere Geschichte. Was ist mit den Engländern, die fallen als willfährige Deppen der USA auch aus. Schon wird es eng. Wir haben keine Lösung. Das Broder und andere dann in den Fehler verfallen, den Islam überall zu bekämpfen, kann man zwar nicht gutheißen, aber es ist noch zu verstehen.
Broder überträgt, seine vermeintlichen Erfahrungen mit den Palästinensern in Israel auf alle Muslime. Vor allem aber auf die Muslime in Deutschland. Die haben aber gar nichts mit Israel oder Palästina zu tun. Selbst die Palästinenser hier können das Thema nicht mehr hören. Natürlich nicken alle brav, wenn die Alten oder irgendein Iman etwas sagt, aber es ist nicht ihr Kampf. Es ist auch nicht der Kampf der Türken. Tatsächlich dreht sich das mulimische Universum nicht um Israel. Auch wenn alle immer mal wieder gerne Israel bedrohen, um von inneren Problemen und Fehlentwicklungen abzulenken.
Der Kampf den Giordano gegen die Moschee in Köln und Broder gegen den Islam in Deutschland führt, ist ein falscher Kampf. Toleranz ist die wichtigste Forderung die man an die Deutschen stellen muss. Wir wissen was das letzte Mal passierte als es uns an der Toleranz mangelte. Die Juden sollten es auch noch wissen. Das Toleranz nur den Rücksichtslosen nützt, ist eine Platitüde, die eigentlich die Forderung beinhaltet, Toleranz zu teilen. Wir sollen jeder amerikanischen Sekte gegenüber Tolerant sein, die unser Weltbild verändern und unsere Jugend umerziehen will. Wir sollen intolerant gegenüber den Muslimen sein, die eigentlich nur einen Raum für ihr Gebet haben wollen. Raum für Agitation gibt es bei uns nämlich überall.
Damit bin ich endlich bei dem Knackpunkt der Geschichte. Toleranz ist nicht teilbar, genausowenig wie Recht. Ich benutze keine Kirche, aber ich will das sie alle nebeneinander friedlich koexistieren können. Ich nehme Glockengeläut zähneknirschend hin, wie ich gerne das Parkverbot vor der Synagoge akzeptiere, weil ich die Gefahrensituation kenne. Ich bin Deutscher, ich darf nicht parteiisch sein. Ich darf das schon deshalb nicht, weil ich weiß was das letzte Mal passiert ist. Henryk M. Broder liegt mit seiner allgemeinen Islamverurteilung so falsch wie jeder, der Menschen in Schubkästen sortiert.
Dem Broder kann ich seine besondere Situation zu Gute halten, auf die ich hier eingegangen bin. Wir Deutschen müssen darauf achten, das es nie wieder zu einem Holocaust kommt. Das nie wieder Menschen an irgendwelchen Rampen sortiert werden. Darin liegt unsere Verantwortung aus unserer Geschichte. Man kann nichts wieder gut machen. Zumindest keinen Holocaust. Aber man kann vermeiden, wieder in seine alten Fehler zu verfallen. Das Teilen von Toleranz und Recht auf Würdige und die Ablehnung Unwürdiger ist die Rampe. Egal ob wir sie so sehen oder nicht.