Im Jahr 1970, Universität Göttingen
Liebes Tagebuch!
Verzeih', wenn ich dich längere Zeit warten ließ - ich hatte so viel zu tun in diesen bewegten Zeiten, so daß ich nur schwerlich Zeit erübirgen konnte, mich dir zu widmen.
Habe nun ein neues Refugium, selbst tapeziert und eingerichtet. Bin mächtig stolz auf mich. Die Kommilitonen oder -tanten tapezieren ihre Buden, wie sie sagen, lediglich mit großen Plakaten - Poster genannt. Da sind Persönlichkeiten aus dem Künstlermetier abgebildet, zuweilen auch solcher Art dargestellt, wo ich lieber heimlich hingucken möchte. Da kann man jedes Detail bis ins kleinste Raster hinein kaum übersehen. Weil ja Mutti öfter kommt, etwas aufräumt und mir Tee, Kekse und sonstiges, was ich brauche, vorbeibringt, habe ich mich für Gemälde und weniger bunte Darstellungen entschieden. Jedenfalls ist es recht gemütlich geworden in meiner kleinen Studentenbude.
Damenbesuch hatte ich bisher noch keinen! - (Nachtrag: Ich meine, außer Mutti natürlich!)
Wie bereits angedeutet, hat mein Zeitungsaufruf noch Hoffnung geborgen, die ich jedoch infolge UNSerer Wahlerfolge nun mehr und mehr verliere. Dabei gebe ich der Partei keinerlei Schuld - lag es eher an der Offenheit unseres Programmes und der alten Dickköpfe, die den Krieg und das Gestrige einfach nicht vergessen wollen.
Versteh' mich nicht falsch, liebes Buch, auch ich kann die uns durch die Ausländer und Alliierten entstandene Schmach nicht vergessen, sehe jedoch beim deutschen Volke, daß es die Schmach seines Tuns endlich so verinnerlicht hat, daß es wohl für unsere Partei-Ideen noch etwas zu früh ist. Die Deutschen wollen eben Frieden. Innerhalb kürzester Zeit ist meine Partei wieder aus allen Landes- und fast allen Kommunalparlamenten verschwunden und verliert derzeit Tausende ihrer Mitglieder. Diese mutlosen feigen Verräter glauben nicht mehr an den endlichen Sieg unserer Idee. Lediglich 2% sind für unsere Art, das zukünftige deutsche Schicksal zu gestalten. Wie kann man sich nur so kleinmütig entscheiden? ...
["Aus dem Tagebuch - 1970: Parteiwechsel - und der Ätzard!" mehr »]