IGeL - Der Marktstand des Kurpfuschers
Der Vizepräsident der Bundesärztekammer Frank-Ulrich Montgomery ist für die Abschaffung der Praxisgebühr, weil sie angeblich das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient belastet. Sie belastet aber nicht das Vertrauensverhältnis, sie macht in den Praxen nur mehr Arbeit als sie einbringt. Das Vertrauensverhältnis belastet das ständige Angebot der Ärzte an ihre Patienten von sogenannten Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) die nichts anderes als Betrug am Patienten sind.
Bereits im Mai 2007 schrieb ich über den gemeinen Igelarzt und das diese Igelleistungen nach Meinung der AOK nur eine Marketing-Maßnahme der Ärzteschaft zur allgemeinen Gewinnoptimierung sind. ["IGeL - Der Marktstand des Kurpfuschers" mehr »]
Mammographie - Die Gier der Medizinindustrie nach Geld
Nachdem sich in den USA die Umsätze der Mediziner bei der Röntgendiagnostik der weiblichen Brust nur noch dadurch steigern lassen, dass sie nun einfach Hochbetagte über 80 röntgen wollen, eröffnet GenoGyn in Deutschland den Kampf für wildes Massenröntgen. ["Mammographie - Die Gier der Medizinindustrie nach Geld" mehr »]
Ein Anästhesist auf Abwegen
Gestern Nachmittag war ich nahe daran die Operation meiner Tochter abzusagen. Dabei war ich doch eigentlich so glücklich, das wir einen Termin für die Operation beim besten Berliner Augenarzt hatten, der sie mit seinem Team auch schon vorher bestens versorgt hat. Termine sind da kaum zu bekommen. Nicht weil es um das große Geld geht, sondern weil einfach zu viele Patienten sich um die wenigen guten und fleißigen Ärzte drängeln.
Dabei hatte der Nachmittag eigentlich so gut angefangen. Meine Tochter hatte mich als Begleitperson bei dem Gespräch mit dem Anästhesisten auserkoren und Mutter sollte mit zur OP, wobei ich aber auch da mit geduldet gewesen wäre. Als Zusatz.
Also taperten wir beide los. Das ambulante OP-Zentrum ist zwei Querstraßen weiter auf einem kleinen Hügel. Fünf meiner Kinder wurden in dem Krankenhaus geboren. Unzählige Kinder von meinen Freunden, aber das Haus hat nachgelassen. Sehr nachgelassen. Ärztliche Inkompetenz und Unwilligkeit retten auch die netten Ordensschwestern und das tolle Personal nicht.
Ich merkte schon wie mein Töchterchen, das sonst eher wie ein Wasserfall plaudert - von wem mag sie das nur haben - immer ruhiger und schweigsamer wurde. Als wir vor dem Gebäude standen, stockte ihr Schritt. Also haben wir uns erst einmal draußen auf die Bank gesetzt, wir hatten ja Zeit. Wir haben es noch mal durchgekaut. Das man gegen das Schielen was machen muss, das die Brille, abkleben und diverse Prismenfolien es eben nicht gebracht haben. Ich könnte dem Papst ein Doppelbett verkaufen. Sie hat sogar wieder gelacht.
Wir also rauf zu Anmeldung. Andere Kinder vor uns, auch Erwachsene. Nettes Personal. Wir hatten unsere Papiere ausgefüllt. Alles in Butter. Nun mussten wir nur noch mit dem Anästhesisten reden. Während wir warteten spielte meine Tochter in der sehr gut eingerichteten Spielecke.
Es dauert auch nicht lange. Ein Doktor X rief uns auf und führte uns in einen kleinen Besprechungsraum. Töchterchen war nicht begeistert, aber der Arzt brauchte noch einmal ihre Versicherungskarte und sie durfte sie in den Leser stecken. Ein wenig Blutdruckmessen, abhören, ein kurzer Blick in die Unterlagen und dann ging es los.
"Also ich mache bei Kindern ja immer eine Akkupunktur, damit die Fäden an den Augen nicht so kratzen." erläuterte mir der Doktor, nachdem er schon die dritte Änderung an der Bestellung für den Beruhigungsdrink machte. Erst waren es 9, dann 8 und jetzt 7 x irgendwas. Mein Vertrauen wurde sichtlich kleiner. Aber er wusste was er wollte. "Leider bezahlt das ihre Krankenkasse nicht." Er sah mich abschätzend an, und ich konnte ihn rechnen sehen. Aber für 25 Euro, die sie privat bezahlen können wir das natürlich trotzdem machen. Es ist sehr sinnvoll."
Wer mich kennt, weiß das aus meinen Augen zu diesem Zeitpunkt schon Mord sprach. Aber das Doktorchen kannte mich natürlich nicht. Siegesgewiss grinste er mich an. Ich habe meine Entscheidung in Bruchteilen von Millisekunden gefällt und zurückgegrinst und ins Hemd zum Geld gegriffen. Aber auf die Art wollte der kleine Nutterich dann doch nicht bezahlt werden. "Nein Sie müssen nur hier unterschreiben, ich lege ihnen für morgen eine Quittung hin."
Natürlich habe ich unterschrieben und war mit meiner Wut alleine. Die 25 Euro interessieren mich nicht. Er hätte auch fünfhundert haben können wenn es denn notwendig wäre. Allerdings hatte ich mit dem Augenarzt und Operateur schon alles notwendige abgesprochen. Der hatte mir Idioten erklärt, was genau er machen wird und ich habe brav so getan, also ob ich es verstanden hätte. Wenn ich dem einen Computer erkläre sieht der wahrscheinlich genauso blöd aus.
Nein, der miese kleine Anästhesist macht hier ein nettes kleines Nebenbeigeschäft und zwar eines der ganz sicheren Sorte. Ich hatte genau drei Möglichkeiten. Ich hätte ihm aufs Maul hauen und die Polizei wegen versuchter Erpressung rufen können. Ich hätte nein sagen können und riskieren das dieser Drecksack aus meinem süßen Töchterlein eine geistige Ruine macht, weil er seinen Nuttenlohn nicht gekriegt hat, oder ich musste gute Miene zum bösen Spiel machen.
Ich war feige, ich wollte nicht auf den OP-Termin verzichten. Das Risiko nein zu sagen, wäre ich nie eingegangen. Ich habe mich selbst geleimt. Vaterliebe war der Leim. Ansonsten ist es wahrscheinlich Mutterliebe auf die dieser "Arzt" setzt. Seine Leimruten sind unüberwindlich und gerade deshalb so gemein.
Ich habe die ganze Nacht überlegt ob ich nicht doch absagen soll. Ich war mir nicht sicher ob solch ein medizinischer Betrüger wenigstens sein Handwerk beherrscht. Bei mir standen alle Signale auf Rot. Es scheint gut gegangen, aber die Angst hat der Dreckskerl nie wieder gut machen.
Gäbe es ein Recht in Deutschland und nicht nur eine Justiz, dann dürfte dieser Kerl nie wieder an einen Patienten und würde wenigstens ein paar Jahre gesiebte Luft atmen. So wird sein Vorgesetzter meine E-Mail mit dem Hinweis auf diesen Artikel einfach übersehen, genau wie die Kassenärtzliche Vereinigung und die Staatsanwaltschaft.
Allerdings bin ich nicht so vergeßlich. Ganz und gar nicht.
Der gemeine Igelarzt
Wer denkt bei einem Igel schon an etwas böses. Der gemeine Igel ist ein sehr nützliches Tier, was man von dem gemeinen Igelarzt mit Sicherheit nicht behaupten kann. Der Igelarzt beschäftigt sich nämlich nicht, wie der Name vermuten ließ mit Igeln, sondern mit IGeLn, sogenannten "Individuellen Gesundheitsleistungen".
Diese sind laut AOK in erster Linie um eine Marketing-Maßnahme der Ärzteschaft zur allgemeinen Gewinnoptimierung.
Der Begriff IGeL wurde 1998 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) eingeführt. Marketing-Gesichtspunkte standen dabei im Vordergrund. Mit der so genannten IGeL-Liste hat die KBV einen bis dahin bestehenden Grundkonsens mit den gesetzlichen Krankenkassen aufgekündigt: Ärzte und Krankenkassen definieren einvernehmlich den Umfang einer wirtschaftlichen, ausreichenden und zweckmäßigen ärztlichen Versorgung.
Lukrative zusätzliche Einnahmequelle
Der IGeL-Katalog umfasst inzwischen fast 250 Zusatzangebote. Sie werden in der ärztlichen Fachpresse und auf Kongressen massiv beworben. IGel gelten als willkommene Möglichkeit, lukrative zusätzliche Einnahmequellen für Ärzte und Zahnärzte zu erschließen oder Umsatzverluste auszugleichen. Ärzten wird geraten, ihrer jeweiligen Patientenklientel gezielt Zusatzleistungen anzubieten. Das reicht von zusätzlichen Vorsorgemaßnahmen über Reisemedizin und Naturheilverfahren bin zu Anti-Aging-Maßnahmen.
Wenig Sinnvolles, viel Überflüssiges
Einige der ärztlichen Zusatzleistungen sind durchaus nützlich, zum Beispiel eine reisemedizinische Beratung. Viele sind jedoch schlicht überflüssig. Einzelne Angebote sind dagegen medizinisch umstritten und können sogar gesundheitsschädlich sein. Im Bereich der Vorsorge können etwa unzuverlässige Diagnose- und Behandlungsmethoden Patienten in falscher Sicherheit wiegen oder sie unnötig in Sorge versetzen.
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, wäre da nicht das besondere Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Ausgehend vom Schamanen, über die Druiden und Medizinmänner bis in die heutige Apparatemedizin war ein wesentlicher Teil des Behandlungserfolges der Glaube an den Arzt, zumindest soweit es die Heilung betrifft. Der Patient wird von unserem Gesundheitssystem sogar dazu gezwungen sich einem Hausarzt anzuvertrauen, der genau zu einem Facharzt überweist. Vergleichsbesuche bei mehreren Ärzten sind aus Kostengründen ausdrücklich nicht erwünscht.
In dieser Abhängigkeitssituation kommt also der Arzt, umgeben mit dem mythischen Schleier des Heilers und verordnet. Der Arzt muss sich dabei beeilen, weil Beratung ja nicht bezahlt wird, der Patient versteht im Normalfall von der ganzen Sache überhaupt nichts, was auch nicht unbedingt verkehrt ist, weil neunmalkluge Eigendiagnostiker per Internet, auch eine ziemliche Seuche sind und mehr Schaden anrichten, als Nutzen. Aber wenn der Arzt aus dieser Vertrauenssituation dem Kunden ein Geschäft anbietet und nichts anderes sind IGeL-Verkäufe, dann hat er einen mächtigen Hebel in der Hand.
Wollen wir von einem Patienten wirklich verlangen, das er dem Arzt, dessen Behandlungskünsten er sein volles Vertrauen schenkt und auch schenken soll, an dieser Stelle widerspricht. Geht doch gar nicht. Wenn er den Arzt hinterfragen soll, dann muss er das immer tun. Bei jeder Rezeptur, bei jeder Untersuchung. Er muss den Arzt als gerissenen Verkäufer von wertlosen Dienstleistungen sehen und unterscheiden zwischen faulem Zauber und echter Notwendigkeit. Der Patient müsste selbst Arzt sein. Aber wir wissen gleichzeitig das der Anwalt der sich selbst verteidigt den schlechtesten Verteidiger hat.
Abschlüsse über IGeL-Leistungen kommen also aus einem Umfeld das für solche Geschäfte ausdrücklich nicht geeignet ist. Sie sind in den meisten Fällen, in denen sie vom Arzt angeboten werden, Betrug.
Dabei soll ausdrücklich erwähnt werden, das es natürlich umstrittene Leistungen, Behandlungen und Medikamente gibt, deren Einsatz sich in einem genau ausgeloteten Umfeld und nach sehr ausführlicher Beratung als sinnvoll erweisen kann.
Auch wenn ich für mich z.B. Homöopathie oder gar Bachblüten, als Schwachsinn abtue, komme ich nicht um hin, zu resümieren, das die Homöopathie zumindest bei einem Pferd scheinbar genutzt hat und die Bachblüten einen Hund wieder hochbrachten. Aber da gleichzeitig andere Behandlungen liefen, sind das eben keine Beweise, sondern Bauchgefühle.
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