Wenn man die Titelzeile liest stoppt man unwillkürlich. Wie kann das zusammen passen? Demokratische Parteien üben eine Diktatur aus? Leider ist das die Realität in der unsere unsere politischen Parteien heute angekommen sind. Teils aus eigenem Verschulden, aber auch weil unser System kaum juristische Korrekturmöglichkeiten einsetzt, obwohl diese verfügbar wären. Recht das nicht angewandt wird, ist nicht vorhanden.
Die rechtliche Grundlage für unsere Parteien bildet das Grundgesetz:
Artikel 21
(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.
(2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.
(3) Das Nähere regeln Bundesgesetze.
Der Text im Grundgesetz hört sich sehr vernünftig an, also muss die Fehlentwicklung durch die Bundesgesetze gekommen sein. Jede Kassiererin muss gegenüber einem Vorgesetzten genau abrechnen. Fehlertoleranz annähernd Null. Die Politiker gleichen einer Kassiererin, nur das sie selbst bestimmen können, wieviel Geld sie für eigene Zwecke aus der Kasse nehmen und selbst den Rest nicht abrechnen müssen, sondern einfach ungezählt in einen großen Sack schütten. Es müssten schon Übermenschen sein, wenn das gut gehen sollte.
So schlimm das Finanzgebaren der Parteien auch ist, es ist zunächst nicht das Hauptproblem. Zunächst geht es darum, ob die Parteien in sich demokratisch sind. Formal sieht das zunächst so aus. Jeder ist entweder einfaches Mitglied mit gleichem Stimmrecht, oder auf irgendeine Art und Weise demokratisch in eine Funktion gewählt.
Genau da aber beginnt schon das Problem. Im Ortsverein geht es noch nach persönlichen Vorlieben, die Delegierten werden oft danach gewählt, ob sie wirklich die Mehrheit vertreten oder doch zumindest eine Art Mehrheitsmeinung vortragen und ein Stück weit durchsetzen können. Hier und in der Kommune kommt auch der größte Unterschied zwischen Parteipolitiker und Bürgerpolitikern zum tragen.
Dazu muss man zuerst wissen, das zwar alle Bürger in Kommunen wohnen und arbeiten, ihre Kinder dort zur Schule gehen, sie dort ihre Brötchen kaufen und ihre Steuern bezahlen. Diese Steuereinnahmen werden aber nicht direkt von der Kommune verteilt sondern gehen an Land und Bund und werden von dort aus nach weisem Ratschluss zurückverteilt. Das System steht also auf dem Kopf.
Kommunen haben dadurch praktisch nie das Geld, das sie brauchen. Sie müssen ständig Gelder und Fördergelder beantragen, selbst für ihre originären Aufgaben. Das hat auch nichts mit der jeweiligen konjunkturellen Lage oder der Einnahmesituation zu tun, sondern mit falscher Verteilung.
Deshalb werden in der Kommunalpolitik Leute benötigt, die den ständigen Mangel kreativ verwalten und im Prinzip zaubern können. Kluge Köpfe, die sich nicht auf den ausgelatschten Trampelpfaden bewegen, sondern kreative neue Lösungen suchen und finden und dabei meist auch Parteigrenzen überschreiten. Vieles bewegt sich hart an der Grenze des verwaltungstechnisch Erlaubten, manches dehnt die Vorschriften auch bis zum Zerreißen. Diese Art von Bürgerpolitikern hat praktisch nie eigene Interessen und ist deshalb auch gegen Bestechung weitgehend gefeit.
Aber solche Bürgerpolitiker haben einen Nachteil. Sie sind zu eigenständig. Schon auf der Kreistagsebene finden wir nur wenige von ihnen. Sie sind zu gefährlich, ihre Kreativität und ihr selbstverständliches Denken über Parteigrenzen hinweg, gefährden die Machtbasis anderer, die sich zu wehren wissen. Ab dem Kreistag sehen wir die Pofallas und Heils. Angepasste, gehorsame Parteisoldaten, die sich haargenau an die vorgegebene Mittellinie halten und diese niemals verlassen werden.
In den Kommunen sind diese Leute nutzlos und tauchen nur auf, wenn es wichtige Sitzungen gibt, bei denen sie gesehen werden wollen. Sie haben den Drang zu höherem. Spätestens ab der Bezirksebene sitzen sie alleine in allen Gremien. Sie ergattern die Ämter in Regierungsbezirken, den Ländern und im Bund. Alle vollständig auswechselbar und auf Linie getrimmt. Gleicher Anzug, gleiche Gedanken. Graue Masse die sich für einzigartig hält.
Früher gab es die Querdenker die aufgrund der eigenen Lebensgeschichte auch eigene Gedanken hatten. Egal ob Adenauer oder Wehner, ob Erhard oder Brandt. Sie existierten auch außerhalb ihrer politischen Existenz. Diese Leute sind in der Politik nicht mehr vorstellbar. Es gibt sie nicht mehr.
Das letzte Aufbäumen in der SPD-Fraktion gab es 2001, da stimmten 19 Abgeordnete gegen den Mazedonien-Einsatz und wurden von ihrem Dompteur Peter Struck mit Konsequenzen bedroht, zumal er glaubte es ginge nicht nur um Gewissensentscheidungen sonder die Abgeordneten hätten es gar gewagt, sich gegen den Diktator Struck und seine Mitdiktatoren zu wehren. In der FDP gab es noch Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die ihr Amt niederlegen musste, um ihre eigene Meinung behalten zu dürfen. In der CDU/CSU gab es schon lange keine eigenes Denken mehr und wenn in der sonstigen FDP überhaupt jemand denkt, ist mir das verborgen geblieben.
Wir haben also eine Situation in der die Parteiführung, die Mandatsträger in den Parlamenten von Bund und Ländern direkt bedroht und einschüchtert, um die Meinung zu bekommen, die von der Parteiführung für richtig erachtet wird. Das was im Bundestag noch direkt passiert, geschieht in den Landtagen über die Fraktionsführer und geht über die Bezirkschefs bis in die Kreise herunter.
Sollte sich in dieser Situation eine Kommune wirklich hinter einen Kandidaten stellen und versuchen den durchzuboxen, gibt es plötzlich Probleme bei der Mittelzuteilung. Da fehlen Begründungen, Anträge weisen Formfehler auf, besondere Umstände müssen geprüft werden. Die Strafe wäre tödlich und niemand wird die Gefahr auf sich nehmen.
Deshalb werden, in vorauseilendem Gehorsam, immer schon die "passenden" Kandidaten ausgewählt, wenn nicht schon von vornherein klare Wünsche der nächsthöheren Ebene vorliegen. Notfalls wird auch den Nichtwählbaren ein Amt im öffentlichen Dienst als Kompensation zugesagt.
Wer also heute unter den Gesichts- und Charakter- und Meinungslosen vorne ist, bestimmt die Regeln und das, was Meinung der Partei ist. Allerdings auch nicht ganz. Denn um im Parteivolk Ruhe zu halten, müssen neben Ämtern auch immer wieder Jobs außerhalb von Politik und Verwaltung gesucht werden, damit möglichst alle Wichtigen versorgt werden können. Ging das früher noch bei der Gewerkschaft, in genossenschaftlichen Einrichtungen, bei öffentlichen Banken und im Wohnungsbau, sind heute meist Jobs direkt in der Wirtschaft die einzige Möglichkeit.
Dieses Politikerparken lassen sich die Unternehmen und deren Verbände natürlich durch politisches Wohlverhalten der Parteien gut bezahlen.
Göhner und
Röttgen sind da nur ein kleiner Teil der sichtbaren Spitze des Eisberges. Natürlich müssen auch noch andere zumindest mit Geld für ihr Wohlverhalten bezahlt werden.
In einem Buch über das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland steht der hübsche Satz:
„Der Abgeordnete muss in der Bundesrepublik bei seiner Tätigkeit drei Größen im Auge behalten. Die erste bildet die Partei ... Als zweite Größe kommt die Fraktion ins Spiel . .. Das Parlament selbst stellt dann erst die dritte Größe dar.“
Der Wähler taucht nicht auf. Das muss er auch nicht. Er spielt nämlich keine Rolle. Zwar bestimmt er vordergründig, wieviele Abgeordnete eine Partei, in ein Parlament bekommt, aber wer sich einmal mit Überhangmandaten beschäftigt hat, weiß, das auch dieser Einfluss nur beschränkt ist.
Die Direktkandidaten bekommen ihr Mandat von der Partei. Genehme Kandidaten bekommen sichere Mandate und gute Listenplätze. Leute, die, die Parteiführung nicht will, bekommen Mandate in chancenlosen Wahlkreisen und Listenplätze auf die kein Mandat fallen kann. Sie sind reine Zählkandidaten, denen aber die Belohnung der Partei sicher ist.
Im Grunde genommen steht der größte Teil des zu wählenden Parlamentes schon fest, bevor der Wähler überhaupt zum Urnengang aufgefordert wird. Von Zeit zu Zeit gibt es Erdrutsche, aber im Normalfall läuft alles wie geplant. Es ist gleichgültig, ob der Bürger, wie in der DDR nur den Wahlzettel falten (kniffen) darf, oder ob er da rumkreuzen kann. Es hat beides keinerlei wichtige Auswirkung.
Wir haben also Wahlen, die keine Wahlen sind. Parteien die von der Spitze aus, wie militärische Einheiten geführt werden, obwohl sie angeblich frei und demokratisch gewählte Organe haben.
Es ist eine Diktatur der Demokraten. Weil die Demokratie nur als leere funktionslose Hülle übrig geblieben ist. Es ist nur noch der schöne Schein.