Gifhorn - Silvester 1990
Liebes Tagebuch,
nun ist es soweit, ich werde Gifhorn endgültig verlassen.
Durch die Wiedervereinigung des Deutschen Reiches zeigen sich überall im Lande neue Möglichkeiten, von denen so mancher von uns jahrzehntelang nur zu Träumen gewagt hat. So streift auch mich das neue Erblühen diverser Landschaften, die uns unser Kanzler versprach und ich schnuppere Frühlingsluft im Osten. Die Ostgebiete weisen auch für mich DIE Gelegenheit auf, mich aus diesem kleinen Gifhorner Mief endgültig zu verabschieden. Hier kann ich nichts Großes werden. Hier ist kein Weiterkommen für mich. Man kratzt mir hier zu sehr an meinem Image, versteht mich nicht und möchte mir weitere Sprosse meiner Karriereleiter zersägen. Daher mache ich's wie jeder heutzutage: Go East! So die Devise, wer hier nichts wird, geht nach drüben. Dort eröffnen sich ungeahnte Chancen, wie viele zu berichten wissen, die bereits drüben ihre Geschäfte machen.
Es gibt einfach zu wenig geschultes Personal dort drüben und so war es ein leichtes, mich umzuhören und zu erfahren, dass man Regierungspersonal händeringend sucht, weil so viele gegangen werden mussten aufgrund ihrer Staatssicherheitsmitarbeit. Da ich glaube, in puncto Staatssicherheit einiges verstanden zu haben, erachte ich mich durchaus als hervorragend geeignet, die präsidialen Regierungsgeschäfte in einem Städtchen in der Zone übernehmen zu können. Desweiteren weiß dort kaum einer, aus welcher politischen Ecke ich zuvor gekommen, womöglich besteht sogar die Möglichkeit, meinen recht strammen Führungsstil als angenehm zu empfinden. Man ist es ja dort bereits seit Jahrzehnten sozusagen gewohnt. HA HA!...
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